Jazzbrief aus Darmstadt
Jazzletter from Darmstadt

Oktober / October 2007


"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.

"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.


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Jazz ... ist keine Musik (2) / Jazz ... is no music (2)

ApfelEin Apfel, den meine Kollegin Doris Schröder mir im September mitgebracht hatte und der auf einem Aufkleber als "Jazz-Apfel" identifizierbar war, ließ uns letzten Monat über Produkte berichten, die den Namen "Jazz" zu einem Warenzeichen machen wollen. Nun stießen wir bei einer Pressemeldung über die Software-Entwickler-Plattform "Jazz" des Computer-Dinosauriers IBM, die uns ziemlich irritierte (www.jazz.net).

In einem Video von der IBM Rational Software Development Conference 2006 berichtet Dave Thomson darüber, was seine Software alles kann. Als Jazzer ist man da schon ziemlich aufgeschmissen, wenn man wenig von Software-Entwicklung versteht. Allerdings wird man in seinem Vortrag immer wieder mit vertrauten Fragestellungen konfrontiert, die dann allerdings zu völlig unerwarteten Antworten führen.

"So Jazz ... What is Jazz?" fragt Thomson rhetorisch, und wir erwarten eigentlich "Jazz ist eine improvisierte Musik, die in der afro-amerikanischen Community im Süden der Vereinigten Staaten entwickelt wurde..." usw. Aber weit gefehlt! Thomson gibt uns eine neue Definition: "Jazz is a joint project between IBM Research and IBM Rational." Es ginge bei dieser Software darum, die Möglichkeiten in der Teamarbeit zu verbessern. Es ginge weniger darum, die Produktivität einzelner Softwareentwickler zu verbessern als vielmehr um die Produktivität eines ganzen Teams. Es gäbe ganz unterschiedliche Umgebungen, in denen diese Software funktionieren müsse: kleine Einheiten, die nicht ganz so komplex in den Zwischenbeziehungen der verschiedenen Funktionen seien, aber auch sehr große Einheiten mit vielen Interdependenzen, vielen sehr unterschiedlichen Regeln.

Dann folgt jede Menge Fachchinesisch... Um einen (wenn auch seltsamen) Bezug zur Musik zu erhalten, ist unter der Präsentation ein Logo mit einer stilistierten Rockgitarristin zu sehen und der Schriftzug "Software in Concert". Und zwischendurch zuckt man immer wieder hoch, wenn scheinbar jazz-bezogene Begriffe auftauchen, die allerdings in Wahrheit überhaupt nichts mit "unserem" Jazz zu tun haben - "Equinox" ist eben nicht nur eine Komposition von John Coltrane, sondern auch eine Server-Sprache (ja, ja, und das Wort hat auch sonst noch einige andere Bedeutungen...).

Während die Präsentation von 2006 nur eine Powerpoint-Präsentation zeigt, dürfen wir bei der Konferenz von 2007 zumindest zu Beginn und Ende der 58-minütigen Präsentation die Akteure selbst sehen. Nein, wir haben uns nicht den ganzen Film angeschaut, aber per fast-forward zumindest versucht, einen Einblick zu erheischen in das, was sich da mit dem Begriff "Jazz" identifiziert. Dass der letzte der Präsentatoren in seiner Online-Präsentation als Bill Higgins identifiziert wird ("You are logged in as Bill Higgins"), ließ uns immerhin noch einmal stutzen. Aber: Es war nicht der großartige, 2001 verstorbene Schlagzeuger Billy Higgins, der mit Jazzgrößen wie Ornette Coleman, Dexter Gordon und Sonny Rollins spielte (und auch selbst eine solche Jazzgröße war), sondern der Leiter des Entwicklungsteams für die Jazz-Plattform. Wer also aus Versehen "Bill" statt "Billy Higgins" in Google sucht, wird an erster Stelle den IBM-Higgins finden, selbst wenn er die Suche mit "Bill Higgins Jazz" einzuschränken versucht. Fremde neue Welt ....

Wobei diese Glosse sich nicht nur darüber lustig machen will, wie da der Begriff "Jazz" offenbar eine gewisse Anziehungskraft für Produkte hat, die mit der Musik auf den ersten Blick nichts zu tun haben. Tatsächlich würde das Thema des Jazzbriefes vom September und Oktober wahrscheinlich ein spannendes Diplomthema sein für einen Forscher, der sich mit Image, Semantiktransfer, Warenpsychologie oder ähnlichem befasst. Welche Eigenschaften der Musik Jazz sehen die Namensgeber der Nichtmusik-"Jazz"-Waren als Parallelen zu ihrem jeweiligen Produkt? Welche Konnotationen verbindet die Zielgruppe mit der Musik Jazz und welche dieser Konnotationen überträgt sie auf das musikferne Produkt? Und wie verhält sich selbiges bei Neben-Zielgruppen - potentiellen Kunden, die das Produkt selbst noch nicht kennen und daher stärker durch Benennungen, durch Labels, durch Codes, Konnotationen beeinflusst werden?

Wie gesagt: Jazz ist nicht nur Musik ... Wir sammeln weiter.
... Teil 1 bereits im September-Jazzbrief; Teil 3 mit einem näheren Blick auf den "Jazz"-Apfel im November-Jazzbrief, Teil 4, der von Spionen und Vierradfahrzeugen handelt im Jazzbrief vom Januar 2011.

 

My colleague Doris Schröder gave me an apple last month which had a label identifying it as a "Jazz" apple and which made us report in last month's Jazzletter about products which associate themselves with the brand name "Jazz". Now we found a press notice about the software development platform "Jazz" of the computer dinosaur IBM which we found quite irritating (www.jazz.net).

Their website contains a video from the IBM Rational Software Development Conference 2006 in which Dave Thomson lets us know the potential of his software. As a jazz man that can be quite confusing, especially if you don't have a clue about software development. But suddenly you hear questions which sound familiar, though the answers may be quite surprising for a music lover.

"So jazz ... "What is jazz?", Thomson asks rhetorically, and we expect a response like "Jazz is an improvised music which developed in African-American communities in the South of the United States..." etc. But far from it! Thomson gives us a new definition: "Jazz is a joint project between IBM Research and IBM rational." The software aims at a perfection of the possibilities of teamwork. Its objective is not so much to improve the productivity of individual software developers than rather to improve the productivity of the team. The software has to function in quite different environments: small unity which might not work with too complex interrelations of different functions, but also larger units with many interdependencies, many very different rules.

Then comes a lot of technical jargon (in German we call that Fachchinesisch which would literally translate into "experts' chinese")... To keep a (somewhat strange) connection to music the presentation features a small logo on the lower left corner showing a stylized female rock guitar player and the lettering "Software in Concert". And in between one suddenly pays attention when hearing seemingly jazz-related words which in reality have no connection to "our" jazz – "Equinox" is not just a composition by John Coltrane, but also a server programming language (yes, we know the word has also other and older meanings...).

While the presentation from 2006 only shows a powerpoint presentation, the 58 minute long presentation from 2007 starts and ends with the software developers themselves (yes, persons, not computers). No, we did not watch the whole film but by fast forwarding tried to grasp a little by what is identified with the word "jazz" here. Then the last of the presentators is identified as Bill Higgins ("You are logged in as Bill Higgins"), and we sit awake again: But: It is not the great, late drummer Billy Higgins who worked with jazz stars such as Ornette Coleman, Dexter Gordon and Sonny Rollins (but also was a jazz star himself), but the guy who leads the software development team for the jazz platform. If you accidentally happen to google "Bill" instead of "Billy Higgins" you will find IBM-Higgins high up in the results, even if you narrow your search to "Bill Higgins Jazz". Strange new world ....

But we don't just want to laugh about similarities and dissimilarities between the world of jazz and the world of "jazz". Actually the subject of our September and October Jazzletters seem to be a worthy subject for further research about image, transfer of semantics or product psychology. Which characteristics of the music jazz did the name giver of the non-musical "jazz" products have in mind, which parallels did they see between their product and the music? Which connotations does the target group connect with jazz, the music, and which of these connotations as being transferred to the non-musical product? And how do sub target groups react – potential buyers who do not yet know the product itself and thus will be even stronger influenced by names, labels, codes, connotations?

As we said: Jazz is not just music ... and we continue collecting.
... Part 2 in the September Jazzletter; Part 3 with a closer look at the "Jazz" apple in the November Jazzletter, part 4 with a look at spys and 4-wheel drives in the Jazzletter from January 2011.


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