Jazzbrief aus Darmstadt
Jazzletter from DarmstadtDezember / December 2007
"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.
"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.
Inhalt dieser Seite:
Content of this page:
2007 --- 2008. Zwischen den Jahren ... Zeit für einen Rückblick
Wer einen Blick auf die Website des Jazzinstituts Darmstadt wirft, stellt schnell fest, dass wir auf vielen und sehr unterschiedlichen Hochzeiten tanzen. Unser tägliches Geschäft ist die lokale und regionale Kulturarbeit, die nationale und internationale Lobbyarbeit für den Jazz, die Jazzforschung im weitesten Sinne. Wir nehmen Beraterfunktionen für ganz unterschiedliche Gremien wahr, sind international ein gefragtes und anerkanntes Forschungszentrum und sowieso bekannt dafür, dass Antworten aus Darmstadt schnell kommen und verlässlich sind. Tatsächlich aber sind diese ganz unterschiedlichen Seiten unserer Arbeit vielen unserer Nutzer kaum bekannt -- ob dies nun Besucher unserer Konzerte sind, Musiker, Veranstalter, Musikwissenschaftler oder Forscher aus aller Welt.
Wie jedes Jahr soll auch dieser Jahresrückblick daher einen kleinen Blick auf die Vielfalt unserer Arbeit werfen, damit Sie, liebe Leser, einen Einblick in das bekommen, was im Bessunger Kavaliershaus mit der Wettertrompete auf dem Dach und dem in Bronze gegossenen und Mundharmonika spielenden Little Walter vor der Tür so alles geleistet wird. Daneben soll er uns sozusagen vom Ballast des letzten Jahres zu befreien, damit wir das nächste Jahr mit neuem Elan angehen können.
Und wann tut man das besser als zwischen den Jahren?!!!
Konzerte im Gewölbekeller
Es gibt viele Besucher, die das Jazzinstitut eigentlich vor allem wegen der Konzerte im historischen Gewölbekeller wahrnehmen. Seitdem das Jazzinstitut 1997 in das barocke Kavaliershaus in Bessungen zog, ist es zu einem angesagten intimen Konzertsaal im Rhein-Main-Gebiet geworden, in dem bislang über 450 Veranstaltungen stattfanden. Die Frankfurter Rundschau nannte diesen Spielort kürzlich in einer Vorschau auf unser Konzert mit dem Alexander von Schlippenbach Trio im Dezember eine "mit Stein ummauerte Bastion des guten Geschmacks in Darmstadt". Nach außen oft ganz unbemerkt ist das Programm im Gewölbekeller zugleich auch Beispiel einer exzellenten Kooperation zwischen einer städtischen Institution und einem sehr aktiven lokalen Kulturverein, dem "Verein zur Förderung des zeitgenössischen Jazz in Darmstadt e.V.". Letzterer ist für die Jazz Session an jedem letzten Freitag im Monat verantwortlich, aber auch für jede Menge spannender Konzerte. 2007 sind unter den Fördervereins-Konzerten bei uns beispielsweise hervorzuheben: das Trio Achim Kaufmann, Henning Sievert und Bill Elgart (Februar); die Band Olaf Ton (März); Katrin Lemkes "JazzXclamation" (Mai); das Christina Fuchs Quartett (Juni); der Trompeter Ack van Rooyen als Gast des Uli Partheil Trios (September); oder die Band "Das Rosa Rauschen" des Berliner Saxophonisten Felix Wahnschaffe (November). Auch Bands aus den Reihen des Fördervereins selbst oder aus der Rhein-Main-Neckar-Szene waren zu hören, etwa das Daniel Guggenheim Quartett (Januar); die Darmstädter Allstar-Band "Outline '07" mit Jürgen Wuchner, Frauke Kühler, Michael Bossong, Thomas Honecker, Uli Partheil und Max Sonnabend; das Christoph Schöpsdau Quartett, Holger Hennings neues Projekt, das neben Eigenkompositionen traditionelle Spirituals als Grundlage für die Improvisationen nahm; ein Jazz&Lyrik-Projekt mit Detlef Kraft, Thomas Honecker, dem Posaunisten Christof Thewes und dem Rezitator Karl-Heinz Heydecke; sowie das Jürgen Wuchner Trio in einer Ausgabe mit Uli Partheil (Piano) und Janusz Stefanski (Schlagzeug). Unsere eigenen Konzerte umfassten insbesondere sieben JazzTalk-Veranstaltungen: Im Januar war darin die Deutschland geborene englische Saxophonistin Ingrid Laubrock zu Gast in einem Konzert, das zugleich unsere Reihe "forum international" fortsetzte und in Kooperation mit dem British Council stattfand. Im Februar folgte der Pianist Ulrich Gumpert mit seinem Quartett mit Michael Griener (drums), Jan Roder (bass) sowie dem phänomenalen Saxophonisten Ben Abarbanel-Wolff. Barbara Dennerlein sorgte im März dafür, dass wir ein "Ausverkauft!"-Schild an die Kellertür heften mussten. Ihr Konzert war an eine Ausstellung mit Bildern ihres Vaters Hans Dennerlein gekoppelt, der im JazzTalk zusammen mit seiner Tochter Auskunft über die Karriere der Organistin gab. Im April folgte der Wuppertaler Pianist Bernd Köppen im Duo mit dem Saxophonisten Andreas Bär; im Mai das Quartett "Souljazz Dynamiters" des Frankfurter Gitarristen Martin LeJeune mit Peter Back am Saxophon. Nach unserem Jazzforum im Herbst setzten wir die JazzTalks im Oktober mit der Band "Heavy Rotation" des Kölner Saxophonisten Roger Hanschel fort. Als Winterhöhepunkt beschloss das legendäre Trio des Pianisten Alexander von Schlippenbach unser JazzTalk-Programm 2007 mit seinen langjährigen Weggefährten Evan Parker (sax) und Paul Lovens (drums) und einem weiteren ausverkauften Konzert.
Darmstadt in Bremen
Zum zweiten Mal präsentierte sich das Jazzinstitut im April 2007 bei der Messe "JazzAhead!" in Bremen. Das German Jazz Meeting (www.germanjazzmeeting.de), das von Darmstadt aus mitorganisiert wird (unser Mitarbeiter Arndt Weidler ist zugleich Vorsitzender des ausrichtenden Vereins German Jazz Meeting e.V.), findet dort nur alle zwei Jahre statt, das nächste Mal also im April 2008. Auch 2007 aber waren wir nicht nur mit einem gut besuchten Stand vertreten, sondern organisierten daneben ein vielbeachtetes Roundtablegespräch zur "History of Jazz in Europe", bei dem es um das Buchprojekt ging, an dem wir zusammen mit Partnern seit einigen Jahren sitzen und das in Bremen unter der Moderation von Wolfram Knauer von den Panellisten James Lincoln Collier (USA), Francesco Martinelli (Italien), Walter Turkenburg (Niederlande) und Virgil Mihaiu (Rumänien) vorgestellt wurde.
Kooperationen in Darmstadt
Als städtische Einrichtung sind wir in vielen unserer Projekte auf Kooperationen angewiesen, die es uns ermöglichen, weit über das hinaus zu wirken, was wir allein bewerkstelligen könnten. Der Förderverein Jazz e.V. steht an erster Stelle unserer Kooperationspartner -- ohne den aktiven Darmstädter Verein, der nicht nur unseren Keller aktiv mit Musik füllt, sondern auch bei unseren eigenen Konzerten für das leibliche Wohl der Gäste sorgt, wären viele unsere Konzertaktivitäten kaum möglich. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Neue Musik und Musikerziehung brachten wir während deren Frühjahrstagung ein Nachtkonzert mit Musik des irakischen Oud-Spielers Saef Alkead und der Berliner Perkussionistin Nora Thieke. Im April präsentierten wir in der Centralstation die George Gruntz Concert Jazz Band mit großartigen Musikern wie Jack Walrath und Marvin Stamm (Trompete), Gary Valente und Earl McIntyre (Posaune), Saxophonisten wie Chris Hunter, Larry Schneider und Mark Turner und anderen. Zum 16. Mal fanden im Juli die Darmstädter Jazz Conceptions statt, die wir zusammen mit dem Kontrabassisten Jürgen Wuchner und dem Kulturzentrum Bessunger Knabenschule durchführten. Mit weit über 60 Teilnehmern war der Kurs komplett ausgebucht; mit einigen altbekannten und einigen neuen Dozenten gab es spannende Arbeitsergebnisse zu hören -- bei den allabendlichen Sessions und Konzerten an verschiedenen Spielorten in Darmstadt genauso wie bei den beiden Abschlusskonzerten in der Bessunger Knabenschule. Die diesjährigen Dozenten waren neben den Lokalgrößen Jürgen Wuchner, Uli Partheil und Christopher Dell die Schlagzeugerin Carola Grey, die Sängerin Gabriele Hasler, die Saxophonistin Angelika Niescier sowie der Baritonsaxophonist Ekkehard Jost, der sich mit dem Großensemble des Workshops der Musik Albert Aylers annäherte. Ein weiterer Kooperationspartner unserer Jazz Conceptions war in diesem Jahr die Bessunger Petrus-Kirche, in der zwei vorabendliche "Lausch-Konzerte" des Workshops um Gabriele Hasler stattfanden. Kooperationen sind aber auch solche finanzieller Art. Seit Jahren unterstützt uns etwa die Kanzlei v. Minkwitz, Erdl, Kochenburger in Frankfurt und ermöglicht dadurch viele der Konzerte unserer JazzTalk-Reihe. Das Land Hessen förderte 2007 sowohl die Jazz Conceptions als auch das 10. Darmstädter Jazzforum großzügig. Auch die Kulturfreunde Darmstadt halfen uns bei der Finanzierung des 10. Darmstädter Jazzforums. Schließlich ermöglichte uns das British Council die Durchführung des Konzerts mit Ingrid Laubrock im Januar. Ihnen allen sei an dieser Stelle für die Unterstützung unserer Arbeit gedankt.10. Darmstädter Jazzforum
Zum 10. Mal fand Anfang Oktober 2007 das von uns alle zwei Jahre ausgerichtete Darmstädter Jazzforum statt, eine weltweit einmalige Verbindung von Konferenz, Festival und Workshop zu spezifischen Themen aus dem Bereich des Jazz. 2007 ging es -- in Abwandlung einer Plattenreihe, die Joachim Ernst Berendt in den 60er Jahren produziert hatte -- um das Thema "The World Meets Jazz". Dabei interessierte uns weniger die sogenannte Weltmusik als vielmehr die Tatsache, dass der Jazz von Anfang an eine produktive Musik war und Musiker in aller Welt, die sich ihm zuwandten, seine Wurzeln als afro-amerikanische Musik genauso kennen und respektieren mussten wie sie ihre eigene Traditionen mit einbrachten. Unter den dreizehn Referenten aus Deutschland, Österreich, England, den USA und Australien waren auch ausübende Musiker, etwa Karl Berger oder Gilad Atzmon, die daneben mit eigenen Projekten im Konzert zu hören waren. Konzerte gab es weiterhin mit der Sängerin Cymin Samawatie mit ihrer Band Cyminology sowie mit dem Quartett des in Paris lebenden Kameruners Ben's Belinga. Und Steven Bernstein, der in Karl Bergers Tributprojekt "In the Spirit of Don Cherry" zu Gast war, gab am Samstag einen überaus lebendigen Workshop für Teilnehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet. Wie immer banden wir unterschiedliche Darmstädter Kulturträger in unser Jazzforum ein, darunter das Literaturhaus, in dem traditionsgemäß das Symposium stattfand, die Centralstation und das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule für die Konzerte sowie den Club "das Stella" für den Workshop mit Steven Bernstein.
Ausstellungen
Während des Jazzforums war im Literaturhaus eine Ausstellung über Joachim Ernst Berendts Plattenreihe "Jazz Meets the World" zu sehen, organisiert von unserer Mitarbeiterin Doris Schröder. Aber auch im Jazzinstitut fanden Ausstellungen statt, darunter eine Fotoausstellung des Berliner Arztes und Fotografen Christoph Pewesin, der in den 60er Jahren Musiker dokumentierte, die im Rahmen der Berliner Jazztage, des Total Music Meeting oder im Quasimodo auftraten. Das Konzert der Organistin Barbara Dennerlein nutzten wir zu einer Ausstellung unter dem Titel "Farbenzauber", bei der die von der Musik seiner Tochter inspirierten Bilder Hans Dennerleins zu sehen waren. Im Anschluss an die Lange Nacht der Musen, an der sich das Jazzinstitut mit Stummfilmen und Live-Stummfilmmusik des Pianisten Uwe Oberg beteiligte, war in unserer Galerie in Anwesenheit des Künstlers eine Ausstellung mit Originalgrafiken und Siebdrucken für das Buch "Jazz im New York der Wilden Zwanziger" von Robert Nippoldt zu sehen. Als der Darmstädter Schlagzeuger Lothar Scharf im Juni seinen 65. Geburtstag feierte, schenkten wir ihm eine Ausstellung im Jazzinstitut, die am zweiten Adventssonntag im Gewölbekeller des Jazzinstituts eröffnet wurde und gleich am ersten Tag für reißenden Absatz seiner Aquarelle sorgte. Dass bei der Veranstaltung im zum Bersten gefüllten Gewölbekeller viele seiner Weggefährten und Schüler auf der Bühne standen, darunter Jürgen Wuchner, Wilson D'Olivera und die Band En Haufe Leit, hat dabei nicht nur Lothar Scharf gefreut, der, gesundheitlich eingeschränkt, momentan nicht spielen kann. Unsere Wanderausstellung "Jazz Changes" war 2007 in Schwäbisch-Hall, Osnabrück und Wetzlar zu sehen. Unsere Ausstellung "Deutscher Jazz / German Jazz", die bis 2011 in zwei Exemplaren für das Goethe-Institut durch die Welt tourt, war 2007 unter anderem in Rom/Italien, Porto und Lissabon/Portugal, Nanjing/China, Lomé/Togo, Yaounde/Kamerun, Nairobi/Kenia, Atananarivo/Masagaskar und Accra/Ghana zu sehen.
Bücher und andere Publikationen
Anfang des Jahres erschien der von uns konzipierte und vom Goethe-Institut herausgegebene Begleitkatalog zur Ausstellung "Deutscher Jazz / German Jazz" mit zweisprachigem Text über die deutsche Jazzgeschichte sowie vielen der in der Ausstellung verwendeten Abbildungen. Anfang des Jahres erschien die neueste Version unseres alle zwei Jahre neu aufgelegten und komplett überarbeiteten "Wegweisers Jazz 2007/2008", eine mehr als 300 Seiten umfassende umfangreiche Auflistung der Clubs, Initiativen, Festivals und sonstiger Spielorte in Deutschland; außerdem ein Kompendium zur Jazzförderung und vielleicht überhaupt der beste Überblick über alle Aktivitäten im Jazzbereich in der Bundesrepublik (wenn Sie uns einmal dieses überschwängliche Eigenlob gestatten). Zu weiteren 2007 erschienenen Publikationen, an denen das Jazzinstitut beteiligt war, gehörte das von Karen Chandler und Jack McCray herausgegebene Buch "Return to the Source. Charleston. A Cradle of Jazz", in dem ein Beitrag von Wolfram Knauer sich mit "Expatriate Musicians in Europe" befasst. Im dicken Band "Atypical Jazz -- 25 Jahre Wiener Musik Galerie" erschien darüber hinaus ein Beitrag Knauers mit dem Titel "Die Verteidigung der Schublade. Über die Angst des Jazzmusikers vorm kategorisierenden Denken". Die Zeitschrift "Jazz Perspectives", in deren Herausgebergremium Knauer verantwortlich mitwirkt, erhielt 2007 den ALPSP/Charlesworth Best New Journal Award. Schließlich erschienen im abgelaufenen Jahr wieder etliche Bücher, an denen das Jazzinstitut zumindest indirekt beteiligt war, weil die Autoren selbst in Darmstadt recherchiert oder von Darmstadt aus Hilfestellungen für ihre Recherchen erhalten hatten. Zu diesen Büchern zählt beispielsweise Robert Nippoldts "Jazz im New York der Wilden Zwanziger" (Gerstenberg Verlag, Hildesheim), das in Darmstadt im Rahmen einer Ausstellung mit Originalgrafiken des Künstlers vorgestellt wurde (siehe oben); Christian Broeckings "Jeder Ton eine Rettungsstation" (Verbrecher Verlag, Berlin); Bruno Rubs "Der Teamplayer. Erich Peter (1935-1996). Jazzbassist aus Aarau" (hier + jetzt Verlag, Baden/Schweiz); Roberto G. Colombos "Django oltre il mito. La via non americana al jazz" (Erga Edizioni, Genova); Tom Perchards "Lee Morgan. His Life, Music and Culture" (Equinox Publishers, London); oder Fabian Holts "Genre in Popular Music (University of Chicago Press, Chicago). Im Sommer erschien eine live im Gewölbekeller des Jazzinstituts mitgeschnittene CD des aus Kamerun stammenden, in Paris lebenden Saxophonisten Ben's Belinga (Barbara Lamprecht Promotion). Am Steinway-Flügel des Jazzinstituts wurde außerdem die Filmmusik zur Dokumentation "Die zwei Leben der Anja Lundholm" eingespielt, die der Darmstädter Dokumentarfilmer Christian Gropper für die ARD drehte und deren Musik von Christoph Paulsen produziert wurde (ausgestrahlt in der ARD am 28. August 2007).
Sammlungszuwächse
Das Jazzinstitut wächst, seit die Stadt es als 1990 als städtische Einrichtung gegründet hat. Wir erhalten jedes Jahr spannende Sammlungen, die die Jazzgeschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart dokumentieren. 2007 kamen vor allem kleinere Sammlungen hinzu: Platten, Bücher, Fotos, Plakate von Jazzfreunden, die der Überzeugung waren, dass diese Materialien bei uns einen sinnvollen Zweck erfüllen. Wir haben nach wie vor alle Hände voll mit der Aufarbeitung zuvor erhaltenen Materials zu tun, insbesondere der Sortierung der Sammlung von Martin Pecherstorffer, die 2006 an uns ging. Hier sind uns unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter eine große Hilfe. Nach wie vor gilt allerdings die manchmal etwas demotivierende Regel, dass jede Kiste, die wir "leergearbeitet" haben, sofort durch (mindestens) eine neue volle ersetzt wird. Ein wichtiger Teil der Archivierung ist dabei auch die Digitalisierung schriftlicher Quellen, die wir nach den Richtlinien internationaler Digitalisierungsprojekte einscannen. Schon heute sind Fotokopieranfragen in unserem Jazzinstitut der seltenere Fall, da die meisten Kopieraufträge von außerhalb als Scans erledigt und von uns online geliefert werden.
Das Internet
Wer im 21sten Jahrhundert effektiv arbeiten will, kommt am Computer nicht vorbei. Das Jazzinstitut hat die Möglichkeiten dieses Hilfsmittels von Anfang seiner Arbeit an immer auszuschöpfen versucht. Insbesondere unsere umfangreiche Website (www.jazzinstitut.de) versucht Antworten auf oft gestellte Fragen zu geben. Unser Jazz-Index ist ein weltweit einzigartiges und von vielen Forschern genutztes Hilfsmittel durch den Dschungel der vielen Veröffentlichungen zum Jazz. Der Jazz-Index ist dabei nichts anderes als eine knapp kommentierte Bibliographie des Schrifttums zu dieser Musik -- in Büchern genauso wie in internationalen Zeitschriften. Unser "Wegweiser Jazz" erschien nicht nur in komplett überarbeiteter Neuauflage als Buch, sondern wird darüber hinaus auf unseren Internetseiten aktuell gehalten. Der "Wegweiser Jazz" ist eine Serviceleistung für Jazzmusiker, die ihn als Kontaktbuch für Tourneen oder Konzerte nutzen, daneben aber für uns auch eine Möglichkeit, mit der Szene in Kontakt zu bleiben, die uns ja nicht nur Korrekturen durchgibt, sondern immer auch ein wenig einen Stimmungsbericht liefert, wie es denn wirklich aussieht im deutschen Jazzleben. Zu den weiteren Online-Angeboten des Jazzinstituts ist unser monatlicher "Jazzbrief" zu zählen, der über Aktivitäten des Jazzinstituts berichtet, aber auch Fragen beantwortet, die uns so oft gestellt werden, dass wir meinen, eine "öffentliche" Beantwortung würde Sinn machen. Themen im Jazzbrief 2007 waren u.a. Joachim Ernst Berendts legendäre Fernsehsendung "Jazz. Gehört und gesehen", Dokumente zum Jazz im III. Reich, sowie eine Übersicht über nicht-musikalische Produkte, die mit dem Namen "Jazz" belegt wurden (Äpfel, Computersoftware, Autos, Düfte). Und in unseren Online-"Jazz News" finden sich nach wie vor täglich (!) zusammengefasste interessante Pressemeldungen zum Jazz aus aller Welt. Die Jazz News sind -- wie so viel von dem, was im Jazzinstitut gemacht wird -- zweisprachig (deutsch / englisch). Sie werden auf der Website täglich aktualisiert und zwei bis drei Mal im Monat per e-mail an Interessenten in aller Welt verschickt. Warum diese Arbeit? Nun, wir wollen möglichst viele am Jazz Interessierte auf unsere vielfältigen Aktivitäten aufmerksam machen. Insbesondere die internationalen Leser der Jazz News schätzen aber auch, dass sie durch unseren Newsletter beispielsweise über europäische Musiker informiert werden, die in der englischsprachigen Jazzpresse kaum vorkommen.
Deutsche Projekte
Das zweite German Jazz Meeting im April 2008 warf bereits 2007 seine Schatten voraus. Arndt Weidler ist ja zugleich 1. Vorsitzender des ausrichtenden Vereins German Jazz Meeting e.V. und hatte in dieser Funktion jede Menge zu tun, die Veranstaltung vorzubereiten. Insbesondere die Beantragung von Geldern spielte dabei eine wichtige Rolle -- das German Jazz Meeting, dessen erste Ausgabe im März 2006 überaus erfolgreich stattfand und von der Politik hoch gelobt wurde, besitzt keine eigenen Mittel und ist also auf die Unterstützung durch öffentliche Geldgeber zwingend angewiesen. Zu Weidlers Arbeit in diesem Zusammenhang gehören regelmäßige Treffen mit den anderen Verantwortlichen des Vereins, aber auch mit den Kollegen der Bundeskonferenz Jazz (www.bkjazz.de), eines losen Zusammenschlusses, der die Lobbyarbeit im Jazzbereich bündeln will, daneben politische Hintergrundgespräche und vieles mehr. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, und immerhin wurde durch die Lobbyarbeit von German Jazz Meeting, bkJazz und den mit beiden verbundenen Institutionen erreicht, dass der Jazz im Herbst 2007 auch im Deutschen Bundestag eine Rolle spielte, als über die Situation der populären Musik diskutiert wurde. Erste Erfolge dieser Lobbyarbeit, an der neben uns Darmstädtern u.a. die Union Deutscher Jazzmusiker, die Deutsche Jazz Föderation, aber auch langjährig Aktive wie Reiner Michalke oder Peter Schulze großen Anteil haben, sind also sichtbar. Viel aber liegt noch vor uns, um dem Jazz auch politisch den Stellenwert einzuräumen, den er musikalisch als eine so ungemein kreative Musik besitzt. Wenn sich also Arndt Weidler beim Berliner Jazzfest aufhält, geht es dabei nicht nur ums Musikhören, sondern hinter den Kulissen auch darum, Überzeugungsarbeit zu leisten. Wenn Doris Schröder an der Jahrestagung der Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz der iasa (International Association of Sound and Audiovisual Archives) teilnimmt, tut sie das auch vor dem Hintergrund der Vernetzung. Und wenn Wolfram Knauer Vorträge hält -- 2007 etwa in Schwäbisch Hall (Goethe-Institut), Köln (Blue Note Jazz Festival) oder Frankfurt am Main (Ausstellungseröffnung William Claxton) -- oder sich in kulturpolitische Gremien einbringt -- etwa durch seine Arbeit im Präsidium des Landesmusikrates Hessen e.V., in der Jury, die das Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Landes Hessen bei Entscheidungen zur Jazzförderung berät, im Musikbeirat des Goethe-Instituts oder im neu gegründeten Jazz-Beirat des Deutschen Musikrats --, so steckt auch hinter solchen Aufgaben der Versuch, den Jazz mit seiner kreativen Kraft zu stärken und der Jazzszene dort eine Stimme zu verschaffen, wo sie oft genug vergessen wurde.
Europäische Projekte
Vernetzung ist auch das Stichwort für europäische Projekte, die 2007 von Darmstadt aus angestoßen wurden. Im Februar reiste Wolfram Knauer nach Siena, um dort mit Franco Caroni und Francesco Martinelli eine engere Zusammenarbeit der beiden Jazzarchive (Siena Jazz, Jazzinstitut Darmstadt) zu beschließen, in die später auch weitere europäische Jazzarchive einbezogen werden sollen. Erstes Ergebnis ist eine gemeinsame Website (www.jazzarchive.eu), die nach und nach mit mehr Leben gefüllt werden soll. Unsere für das Goethe-Institut konzipierte Ausstellung zum deutschen Jazz war im Juli in Lissabon zu sehen, und zur Ausstellungseröffnung hielt Wolfram Knauer dort einen Vortrag. Unser europäisches Jazzbuch "A History of Jazz in Europe" kommt ebenfalls voran, ein Veröffentlichungstermin ist allerdings nach wie vor nicht abzusehen. Warum die Verzögerung? Nun, wir arbeiten für dieses Buch mit über 25 Autoren zusammen, und die Unterschiede der Beiträge erwiesen sich bei der ersten Redaktion als so groß, dass wir das Editionskonzept umstellen mussten. Das Interesse aber ist international sehr groß, und so sind wir zuversichtlich, dass das Buch, das zum ersten Mal in englischer Sprache die unterschiedlichen Wege zur Aneignung des ursprünglich amerikanischen Jazz in Europa dokumentieren soll, in absehbarer Zeit erscheinen wird.
Weltweite Projekte
Ein Indiz für dieses international gestiegene Interesse am europäischen Jazz wird gleich das erste Halbjahr des Jahres 2008 bestimmen: Wolfram Knauer wurde von der renommierten Columbia University in New York fürs Frühjahrssemester 2008 zum "Louis Armstrong Professor of Jazz Studies" berufen und wird zwischen Januar und Mai dort Veranstaltungen zum Thema "Jazz in Europe / European Jazz" anbieten. Er war bereits im Februar/März 2007 in New York, um an einer Sitzung der "Jazz Studies Online"-Gruppe teilzunehmen, die ein interaktives pädagogisches Konzept für unterschiedliche Ausbildungszweige entwickelt, von der High School bis zur Universität. Nebenbei hielt er in New York Vorträge an der Juilliard School of Music sowie an der Metropolitan Community United Methodist Church in Harlem, traf sich außerdem mit Repräsentanten von Jazz at Lincoln Center, dem Konzert- und Education-Space an der Südwestecke des Central Park, und besuchte unser "Schwester"-Institut, das Institute of Jazz Studies an der Rutgers University in Newark, New Jersey. Im Juni war Knauer dann in Charleston, South Carolina, um während der Tagung der Charleston Jazz Initiative einen Vortrag über den Einfluss schwarzer Militärkapellen auf den frühen Jazz in Europa zu halten. Die überaus aktive Charleston Jazz Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, die schwarze Musikgeschichte der Stadt zu erforschen; sie stellt dabei aber durchaus auch Verbindungen zum aktuellen Musikleben her. Das Jazzinstitut ist diesen Aktivitäten als Berater von Anfang an eng verbunden.
Ausblicke auf 2008
Vom 17. bis 20. April 2008 wird das Jazzinstitut wieder mit einem eigenen Stand auf der Messe "jazz ahead!" in Bremen präsent sein (www.jazzahead.de). Mehr noch: Während dieser Messe wird das zweite German Jazz Meeting stattfinden, in dessen Organisation das Jazzinstitut eng eingebunden ist. Während das German Jazz Meeting eine Art PR-Maßnahme für den deutschen Jazz im Ausland darstellt, arbeiten wir aber auch in die umgekehrte Richtung. Im Laufe des ersten Halbjahres wird die Dokumentation des letzten Jazzforums als Buch unter dem Titel "The World Meets Jazz" erscheinen, wie gewohnt beim Wolke-Verlag, Hofheim. Unsere Reihe "forum international" wird 2007 ausgeweitet. Dafür werden wir mit Kulturorganisationen verschiedener europäischer Länder zusammenarbeiten (vorerst: Frankreich, Schweiz, Polen), um spannende aktuelle Projekte aus diesen Ländern in Darmstadt zu präsentieren. Die Reihe JazzTalk beginnt am 11. Januar mit einem Konzert der Pianistin Aki Takase und der Saxophonistin Silke Leonhard, die sich auf einer neuen CD der Musik Ornette Colemans annähern. Der JazzTalk wird dann eine Zwangspause nehmen, weil Wolfram Knauer ab Mitte Januar für vier Monate Darmstadt gegen New York eintauscht, wo er als erster nicht-amerikanischer "Louis Armstrong Professor of Jazz Studies" an der Columbia University unterrichten wird (www.jazz.columbia.edu). Das ist eine große Ehre für das Jazzinstitut und ein Beleg dafür, dass die internationale Bedeutung unserer Arbeit nicht nur in unserem jährlichen Rückblick behauptet, sondern tatsächlich auch im Geburtsland des Jazz wahrgenommen und hoch geschätzt wird. Darmstadt wird also eine Weile auch in New York präsent sein, mit Lehrveranstaltungen zum "Jazz in Europe / European Jazz", aber auch mit externen JazzTalks, etwa mit Gunter Hampel (6. März), einem kleinen Symposium (27. März) und einem Konzert mit Christopher Dells Trio DRA, das die Columbia University in Kooperation mit dem Goethe-Institut New York durchführen wird (28. März). Dell spielt übrigens auch in Boston (25. März), im Rahmen unserer Ausstellung "Deutscher Jazz / German Jazz", die im dortigen Goethe-Institut vom 19. März bis 4. April 2008 zu sehen sein wird. Und am 31. März wird Wolfram Knauer in Boston einen Vortrag über die deutsche Jazzgeschichte und die aktuelle Situation des Jazz in Deutschland halten (www.goethe.de). Weitere Pläne für 2008 sind die 17. Darmstädter Jazz Conceptions vom 23. bis 28. Juni 2008 sowie eine Teilnahme an den Berlin Dialogues der Harvard University (Center for European Studies) am 30. Juni 2008 (www.fas.harvard.edu/~ces-ber).
Neue Öffnungszeiten
Wegen der Abwesenheit des Institutsleiters im ersten Halbjahr 2008 müssen wir die Öffnungszeiten des Archivs im Jazzinstitut Darmstadt von Januar bis Juni 2008 leider einschränken. Die Öffnungszeiten während dieser Zeit lauten: Montag, Dienstag, Donnerstag: 10 bis 17 Uhr, Freitag: 10 bis 14 Uhr. Am Mittwoch und am Wochenende ist das Jazzinstitut für die Öffentlichkeit geschlossen und die Benutzung des Archiv somit nicht möglich.
Dank ...
Unsere städtischen Kollegen haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir auch 2008 ein Jubiläum feiern könnten: "25 Jahre Jazzarchiv" heißt es da im Jubiläumskalender Wissenschaftsstadt Darmstadt. Tatsächlich kaufte die Stadt im Jahr 1983 die Jazzsammlung Joachim Ernst Berendts an, die sieben Jahre später als Grundbestand in das Archiv des neugegründeten Jazzinstituts einging. In all diesen Jahren wissen wir die große Unterstützung zu schätzen, die wir in unserer Stadt erhalten: durch die vielen Kollegen in der Stadtverwaltung (und hier insbesondere im Kulturamt), durch die politischen Gremien, durch unsere sechs Kollegen vom Verein Ehrenamt für Darmstadt e.V., die uns insbesondere bei der Archivierung unser Bestände von unschätzbarer Hilfe sind, durch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Darmstadt, die das Jazzinstitut seit bald 18 Jahren tragen, durch die Jazzfreunde und Jazzmusiker, die sich daran gewöhnt haben, dass es in dieser Stadt ein Jazz-Zentrum gibt, das weltweit seinesgleichen sucht. Wir wissen, dass unsere Arbeit nur in diesem Klima gedeihen kann, in dem wir dauernd dazu ermuntert werden, unsere Ideen auch in Realität umzusetzen. Hier in Darmstadt geht das besser als irgendwo sonst.
Und vielen Dank nicht zuletzt auch den vielen Freunden des Jazzinstituts, die uns durch Anfragen und (durchaus auch kritische) Anregungen immer wieder den Weg weisen, was noch zu tun sein könnte in diesem großen, swingenden Metier. Ein Archiv, ein Dokumentations- und Informationszentrum legitimiert sich auch ein wenig dadurch, dass es gebraucht wird. Und Ihr/Sie alle geben uns (weiß Gott!) dieses Gefühl. Danke!
... und gute Wünsche
Wir? Das sind Doris Schröder, Arndt Weidler, Jan Peter Ibs und Wolfram Knauer, die Mitarbeiter des Jazzinstituts Darmstadt, einem Kulturinstitut der Stadt Darmstadt, die jetzt ein wenig durchatmen, und Euch / Ihnen ein gesundes, frohes, erfolgreiches und vor allem jazz-reiches Neues Jahr wünschen.
