Jazzbrief aus New York
Jazzletter from New YorkJanuary 2008
"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.
"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.
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Januar in New York (anstatt eines Tagebuchs)
von Wolfram Knauer
Seit dem 15. Januar habe ich mein Büro im Darmstädter Kavaliershaus gegen eines auf der 125sten Straße in Harlem eingetauscht. Statt auf den Bessunger Jagdhof blicke ich auf die New Yorker U-Bahn, die an der Kreuzung Broadway und 125ste Straße als Hochbahn fährt. Und von meinem Apartment auf der 119sten Straße übersehe ich ganz Harlem. Im Frühjahrssemester 2008 unterrichte ich hier an der Columbia University und trage den unschlagbaren Titel "Louis Armstrong Professor of Jazz Studies". Das ist eine Art Wanderpokal, mit dem die renommierte Columbia University Kollegen aus anderen Fachbereichen einlädt, den interdisziplinären Studiengang des Center for Jazz Studies zu bereichern. Vor mir waren Kollegen wie Stanley Crouch, John Szwed, Sherrie Tucker, Brent Hayes Edwards, Laura Johnson oder William Lowe in dieser Position aktiv; ich bin der erste Nicht-Amerikaner, dem diese Ehre zuteil wurde. Mein Kurs hat den Titel "Jazz in Europe / European Jazz" und befasst sich mit den vielfältigen Entwicklungen, die der Jazz auf dem europäischen Kontinent machte, seiner wechselvollen Geschichte genauso wie seiner kreativen Gegenwart. Zusätzlich werde ich Vorträge halten und Gesprächsveranstaltungen organisieren, darunter eine Art JazzTalk mit Gunter Hampel am 6. März, 19:30 Uhr in der Philosophy Hall der Columbia University, ein Symposium mit amerikanischen und deutschen Musikern, die in ihrer Musik mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen in vergleichbaren ästhetischen Gebieten arbeiten, sowie ein Konzert des Trios DRA mit Christopher Dell, Christian Ramond und Felix Astor. Das Symposium (an dem auch Dell als Diskutant teilnehmen wird) und das Konzert sind eine Gemeinschaftsveranstaltung zwischen der Columbia University und dem Goethe-Institut New York. Schließlich arbeite ich hier aus New York an diversen eigenen Projekten, darunter drei Buchprojekten, unter ihnen die Herausgabe unserer neuen Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung
Columbia University, U-Bahn-Station (116. Straße)
Neben der Arbeit aber gibt es in New York jede Menge an Musik zu erleben. Am Sonntagabend konnte ich in der St. Peter's Church, der New Yorker Jazzkirche an der Kreuzung Lexington Avenue und 54ste Straße, einen Tribut an den kürzlich verstorbenen Baritonsaxophonisten Cecil Payne miterleben, dem jede Menge an namhaften Kollegen Tribut zollten. Den Anfang machte das Quintett des Pianisten Randy Weston, eines engen Freundes Paynes, der diesem sein erfolgreiches "Little Niles" widmete. Mit von der Partie waren der Posaunist Benny Powell, Marcus Belgrave, Trompeter und Paynes Cousin, der Saxophonist T.K. Blue und der Schlagzeuger Ben Riley. Howard Johnson brachte seine "Bear-Tones" auf die Bühne, ein Baritonsaxophonquintett mit Rhythmusgruppe. Baritonist Ronnie Cuber war mit dem Trompeter Jim Rotundi und Rhythmusgruppe in "Groovin' High" zu hören, und Marcus Belgrave sprang mittendrin auf un gesellte sich dazu. Und schließlich swingten Jimmy Heath, Frank Wess und andere zusammen mit einer Rhythmusgruppe, der der Pianist Danny Mison und Schlagzeuger Ben Riley angeherten, so enorm, dass das Punlikum zu tanzen begann. Eine fröhliche Trauerfeier, und auch die Gechichten über Cecil Payne, die zwischendurch erzählt wurden, von Kollegen, Freunden und Familienmitgliedern, zeugten von Liebe und Warmherzigkeit, von Humor und davon dass Payne neben seiner Musik vor allem durch die lächelnden Gesichter in Erinnerung bleiben wird, die er zu erzeugen vermochte.
Jimmy Heath, Ben Riley, Marcus Belgrave, Frank Wess
Gleich um die Ecke meines Apartments, 118ste Straße zwischen St. Nicholas Avenue und Adam Clayton Powell Bolevard, entdeckte ich gestern abend Minton's Playhouse, jenes legendäre Lokal, in dem in den frühen 40er Jahren die ersten Bebop-Experimente stattfanden, wo Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Bud Powell und Thelonious Monk spielten. Der Club war lange Zeit eine Diskothek, aber seit einigen Jahren ist er wieder ein Spielort für Jazz. Soviel ist sicher: Eine Stammkneipe habe ich damit bereits entdeckt. Vorne sind Tische, man spielt Karten, hinten gibt es eine kleine Bühne mit Flügel und Schlagzeug. Mittwochs tritt die Sängerin Marvel Allen mit ihrem Trio auf, später stößt der Stepptänzer Omar Edwards hinzu, und gestern abend stieg außerdem der Posaunist Mike Grey ein, der Sohn des legendären Posaunisten Al Grey.
Die Avantgarde geschieht schon lange nicht mehr nur in Manhattan, sondern in allen fünf Borroughs, den füns Stadtteilen New Yorks. Besonders Brooklyn hat da einiges zu bieten, kleine Kneipen, in denen Musik spielt, die oft nur ein kleines, aber ausgesuchtes Publikum findet. Im Barbès beispielsweise, einem kleinen Lokal auf der 9th Street und 6th Avenue in Brooklyn, spielt die Musik im Hinterzimmer, das gerade mal 30 Zuschauer fasst. Am Donnerstag abend fand hier der erste Teil einer zweiteiligen Konzertreihe mit Musik von Avantgarde-Musikerinnen statt. Ich hörte die Cellistin, Sängerin und Elektronikerin Audrey Chen in einem Soloset, der interessant war, aber manchmal mehr durch die Instrumentalbehandlung als die Musik selbst faszinierte - etwa, wenn sie das Cello ganz von alleine erklingen ließ, in dem sie zwei im Supermarkt gekaufte Massagevibratoren daraussetzte. Im zweiten Set dann trat Matana Roberts auf, eine phänomenale Saxophonistin, die in Chicago groß wurde und seit fünf Jahren in New York lebt. Matana tritt immer wieder im Solokontext auf, spielt eigene Kompositionen, die Bezug nehmen auf ihre persönliche Erfahrung in Chicago und seiner Musikszene irgendwo zwischen Jazz, AACM, Blues und Rockmusik. Ihre Themen sind melodisch komplex, arbeiten mit Repetitionen, aber immer wieder auch mit Anklängen an den Blues, an swingende Traditionen und an die exzessiven Ausbrüche des Free Jazz. Matana Roberts wird am 26. März an unserer Gesprächsrunde teilnehmen, die im Rahmen einer Gemeinschaftsveranstaltung mit den Goethe-Institut stattfindet.
Matana Roberts
Fortsetzung im Jazzbrief vom Februar 2008 ...
