Startseite des Jazz-Instituts (möglichst nur außerhalb unserer Frames benutzen)
 
"Little Walter"
Eine Skulptur von Detlef Kraft
 
click here for the English version
Presseberichte zur Skulptur


Aufstellung der Skulptur Little Walter am 30. August 2001Der Bessunger Jagdhof ist zu einem Mekka für Jazzfreunde geworden. Im Jagdhofkeller erklingen seit vielen Jahren heiße Töne der eher traditionellen Stilrichtungen, auf dem Platz gibt es jeden Sommer Openair-Konzerte, im Kavalierhaus sitzt das Jazzinstitut Darmstadt mit Europas größter öffentlicher Jazzsammlung, und auf dem Dach des Kavalierhauses zeigt eine Wettertrompete, wie sehr dieser Teil Darmstadts dem Jazz verbunden ist.

Little Walter vor seinem neuen StandortSeit dem 1. September gibt es einen weiteren visuellen Hinweis auf die neue Widmung des historischen Jagdhofes geben. Der renommierte Darmstädter Bildhauer und Schlagzeuger Detlef Kraft hat eine leicht über-lebensgroße Skulptur des 1968 verstorbenen legendären Blues-Harp- (also Mundharmonika-)Virtuosen und Gitarristen "Little Walter" (eigentlich: Marion Walter Jacobs) geschaffen, die von der Stadt angekauft wurde und jetzt ihren Platz vor dem Jazz-Institut gefunden hat. Aus Anlaß der Enthüllung durch Oberbürgermeister Peter Benz fand um am Nachmittag ein passendes Konzert statt, bei dem sich die beiden eng verwandten afro-amerikanischen Stilrichtungen des Blues und Jazz miteinander verbinden konnten. Es spielten der Frankfurter Mundharmonikaspieler Klaus 'Mojo' Kilian, Bernd Simon (Gitarre), Jürgen Wuchner (Kontrabaß), Uli Partheil (Piano) und Detlef Kraft selbst am Schlagzeug.

Der Bildhauer Detlef Kraft wurde 1950 in Berlin geboren und studierte dort an der Hochschule für Bildende Künste. Seit 1980 ist er in Darmstadt ansässig, war an vielen Ausstellungen beteiligt und hat für seine Arbeiten etliche Preise erhalten. Neben seiner bildhauerischen Tätigkeit ist Kraft auch als Schlagzeuger aktiv, spielt vor allem mit Musikern aus dem Bereich der frei improvisierten Musik, und ist auch ein aufmerksamer Beobachter der Jazz-Aktivitäten in Darmstadt.

Little Walter mit Bildhauer Detlef Kraft und Oberbürgermeister Peter BenzDer Mundharmonikaspieler "Little Walter" (im Blues nennt man sein Instrument die "Blues Harp") wurde 1930 in Marksville, Louisiana, geboren und zog 1947 nach Chicago, wo er sich der überaus lebendigen Bluesszene dieser Stadt anschloß. Bis 1952 arbeitete er mit Muddy Waters, bevor er Mitte der 50er Jahre mit eigenen Bands Erfolge feierte. Er gehört zu den einflußreichsten Mundharmonikavirtuosen des Blues, in dessen Spiel aber auch Einflüsse des populären Jazz seiner Zeit deutlich wurden, dessen Melodielinien manchmal an Saxophonlinien etwa wie von Louis Jordan erinnern.

Die Skulptur "Little Walter" aber ist nicht in erster nur Denkmal an eine Größe des Blues, eine Reverenz an die Kreativität afro-amerikanischer Musik, sondern in den klaren, glatten Linien, die Detlef Kraft der Figur gegeben hat, zugleich ein Beispiel für die spannende Umsetzung figürlicher Gestaltung in der modernen Bildhauerkunst.



"Little Walter". A sculpture by Detlef Kraft in front of the Jazz-Institut Darmstadt

Little Walter mit Oberbürgermeister Peter BenzThe Kavaliershaus Bessungen (a historic hunting palais) has become a mecca for jazz friends. The "Jagdhofkeller" features traditional jazz, on the baroque square you'll hear open air summer concerts in the Kavaliershaus itself the Jazzinstitut Darmstadt holds Europe's largest public jazz archive. On the roof of this building a trumpet weather-vane symbolizes the dedication of the city for the cause of jazz.

Little Walter verhülltSince September 1st, 2001 the Darmstadt Jagdhof area has another visual monument to African American music. Well-known Darmstadt artist Detlef Kraft has created a sculpture of blues harp player "Little Walter" (Marion Walter Jacobs), which was bought by the city and has been unveiled by mayor Peter Benz. For the occassion a stunning blues concert took place which featured Frankfurt blues harp virtuoso Mojo Kilian, guitarist Bernd Simon, the Darmstadt jazz musicians Uli Partheil (piano) and Jürgen Wuchner (bass) as well as the artist Detlef Kraft himself on drums.

Detlef Kraft, Jürgen Wuchner, Bernd Simon, Little WalterDetlef Kraft was born in Berlin in 1950, where he also studied visual arts. Since 1980 he lives in Darmstadt, has been involved in many  exhibitions and received numerous prizes for his work. Besides he is active as drummer, plays with musicians from the field of contemporary improvised music and is a regular visitor of concerts in Darmstadt's jazz venues.

Blues harp player "Little Walter" was born in 1930 in Marksville, Louisiana, moved to Chicago in 1947 where he became part of the extremely vivid blues scene of this city. Until 1952 he worked with Muddy Waters before he succeeded with his own bands in the mid-1950s. He belongs among the most influential harp players in blues, his playing also showing influences of the popular jazz idioms of his time, reminding one for instance of saxophone lines like those of Louis Jordan or others.

The sculpture "Little Walter" is not only a monument dedicated to an important blues musician, a reverence to the creativity of African American music, but also a good example of contemporary sculpturing using different moments of tension within smooth forms and clear lines in order to obtain a very impressive result which yet leaves enough space for the viewer's imagination.


Presseberichte zur Enthüllung der Skulptur "Little Walter":

Darmstädter Echo, 18. Juli 2003:
In der Bewegung erstarrt. Detlef Kraft: Merck hat seine 42. Kunstedition dem Bildhauer und Schlagzeuger gewidmet, der in einer Reithalle arbeitet
   DARMSTADT. Musik, Masken, Tiere – das sind die Pole, zwischen denen sich die Kunst des 1950 in Berlin geborenen Bildhauers Detlef Kraft bewegt. Ihm ist die 42. Kunstedition Merck gewidmet, die das Pharmaunternehmen am Donnerstag vorgestellt hat. Damit zerstreute das Unternehmen Gerüchte, es wolle die Reihe einstellen. Seit 1980 begleitet Merck die Darmstädter Kunstszene mit kleinen Büchern, die jeweils einem Maler oder Bildhauer gewidmet sind. Sie kommen in unregelmäßigen Abständen heraus: mal drei in einem Jahr, dann wieder nur alle Jahre eins. Doch drei Jahre Pause – das hat es vorher nicht gegeben. Man habe sich bei Merck mit dem neuen Logo beschäftigt, begründet Thomas Huber, Leiter der Unternehmenskommunikation, die Pause nach dem Julia Philipps gewidmeten 41. Band.
  
Detlef Kraft ist nun gleich doppelt mit Merck verbunden, denn er lebt und arbeitet auf dem weitläufigen Gelände an der Dieburger Straße in Darmstadt, das er von der Merckschen Vermögensverwaltung gemietet hat. Sein Atelier ist eine Fachwerk-Reithalle aus den zwanziger Jahren. Dort hat er Platz genug für seine Plastiken, aber auch, um Schlagzeug zu spielen. Die Jazz-Musik gibt ihm Kraft für seine bildhauerische Arbeit, führt die Kunsthistorikerin Margareta Friesen in ihrem Text für die Kunstedition aus. Friesen, die eine Galerie in Dresden hat, kennt Kraft aus ihrer Darmstädter Zeit, wo sie bis vor zwei Jahren die inzwischen geschlossene Galerie NE geführt hat.
  
Sichtbarer Ausdruck von Krafts Musik-Begeisterung ist das Denkmal für „Little Walter“ vor dem Jazzinstitut in Darmstadt. Vorsichtig hält der Bluesmusiker seine Mundharmonika in den Händen, der Kopf ist zum Spielen heruntergebeugt, die rechte Schulter nach oben gezogen. Diese Bewegung hat Kraft virtuos eingefangen, den Musiker dabei in eine Starre verfallen lassen. Er ist auf wesentliche Formen reduziert: Seine weite Hose ist zu massig, um realistisch zu sein, die Bronzehaut prall und ein wenig zu glatt. In diesem Stil hat Kraft Köpfe, Frauen und vor allem Tiere dargestellt, darunter der eindrucksvolle fliehende Hase.
  
Doch inzwischen löst er sich von der figürlichen Plastik und setzt Fundstücke zu abstrakten Gebilden zusammen, die er anschließend in Bronze gießen lässt. So werden auch sie starr, was im Widerspruch zu ihrer offenen Form und den aufgefächerten Holzstrukturen steht. Bei der nach einem südafrikanischen Lied genannten Plastik „Skokiaan“ (2001) hat Kraft Fundstücke an einem hohen Stamm angebracht – worin man einen bildhauerischen Ausdruck von Rhythmus erkennen kann. Diese neueste Entwicklung in Krafts Werk konnte in der Kunstedition nur aufgenommen werden, weil Merck sich mit der Veröffentlichung Zeit gelassen hat.
  
Die Kunstedition ist ab Ende Juli für 18 Euro in der Buchhandlung Schlapp in Darmstadt erhältlich. (Claudia Buchenauer)

[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]


Darmstädter Echo, 29. März 2003:
Tierseelen in Bronze gegossen. Porträt: Der Bildhauer Detlef Kraft erschafft Skulpturen voll Spannung ziwschen innerer Ruhe und Bewegung

   DARMSTADT. Dieser Hase hoppelt nicht, er fliegt. Mit gekreuzten Läufen trotzt er in geschmeidigem Sprung der Schwerkraft. Jeder Muskel gespannt, der ganze Körper komprimierte Bewegung. Doch den Sprung wird er nie vollenden. Denn sein Schöpfer, der Bildhauer Detlef Kraft, wollte den Augenblick kraftvoller Schwebe festhalten – und goss den fliehenden Mümmler in Bronze. Er ziert derzeit das Schaufenster der Galerie Thieme.
   Die lebensgroße Plastik ist ein Hase, wie er im Buche steht. Doch in die stilistische Schublade des Realismus passt er, wie überhaupt alle Werke des Berliners, trotz der naturnahen Wiedergabe nicht. Kraft modelliert seine Schildkröten, Löwen und Hunde wie auch die menschlichen Figuren als typologisches Idealbild. Der Wahl-Darmstädter will zum Wesen, zur Seele der Geschöpfe durchdringen, will ihr inneres Gleichgewicht zur äußeren Form werden lassen. Behutsam schleift er ihren stillen, kompakten Körpern die Würde ein, die er allem Lebenden beimisst. „Die Plastik ist eine differenzierte Persönlichkeit“, sagt der Künstler, hält nachdenklich inne, ringt nach Worten, formuliert achtsam: „Sie ist irgendwie vergleichbar mit einem menschlichen Gegenüber.“
   Ein Lehrauftrag für Plastisches Gestalten zieht Detlef Kraft, der 1950 in Berlin geboren wurde und dort Kunst studierte, 1980 an die Technische Hochschule nach Darmstadt. Fünf Jahre und einen Kunstpreis der Darmstädter Sezession später hängt er die Lehrtätigkeit zugunsten des freien Kunstschaffens an den Nagel. Eine Entscheidung, die er nicht bereut, auch wenn seine Kunst „kontraproduktiv zum ökonomischen Erfolg“ ist, wie er sagt.
   Leicht zugänglich sind Krafts Arbeiten nicht. Sie halten den Betrachter auf Distanz. Kaum wagt man, die straff gezogene, spiegelglatte Bronzehaut zu berühren, die Ruhe, die von der auf das Wesentliche komprimierten Form ausgeht, zu stören. Ihr Zauber speist sich aus einer kalkulierten formalen Spannung: Es ist, als ruhten die Figuren in sich, als blickten sie versunken in eine andere Welt. Zugleich strotzen sie vor innerer Kraft, in der sich die Ahnung einer Bewegung abzeichnet.
   In den meisten Plastiken und Konstellationen orientiert sich Kraft an der Grundstruktur des Dreiecks – der Geometrie der Balance. Spannung erzeugt er, indem er die Proportionen oft nur um einige Millimeter aus dem Gleichgewicht kippen lässt. Etwa beim Bluesharp-Spieler, der, in unhörbare Musik versunken, vor dem Darmstädter Jazzinstitut steht. Der massige, im Vergleich zum Kopf viel zu füllige Körper scheint federleicht auf den Fußballen zu wippen, als wiege er sich zu den Klängen der Mundharmonika.
   Die Vorliebe für formale Dissonanzen, für aus dem Lot geratene Proportionen, die irritieren und zu genauem Hinsehen verleiten, schafft eine Verbindung zu Krafts musikalischer Passion, der Jazzimprovisation. Als Schlagzeuger trommelt er leidenschaftlich zu den schrägen Harmonien seiner Bandkumpane. Jazz und Bildhauerei sind in seinen Augen verwandt: „Die richtige Mischung aus Distanz und Nähe ist wesentlich für die Musik wie für die Bildhauerei, das heißt, Emotionen rauslassen und sich zugleich kontrollierend über die Schulter schauen.“
   Seit einigen Jahren packt den Künstler Experimentierwut. Nicht nur zieht es ihn wieder zur Lehre: Ab April bietet er Kurse in Zeichnen und Bildhauerei für Interessierte in seinem Haus in der Dieburger Straße (Anmeldung unter Telefon 06151 77548) an. Mit neuen amorphen Objekten verlässt er zudem die Pfade der figürlichen Tradition, die er zu einem ganz eigenen Stil fortentwickelt hat. Meterhohe, schwarz bepinselte Collagen, zusammengeschraubt aus gefundenem Plastikspielzeug, Holzstücken und Metallresten, eröffnen ihm ein neues bildhauerisches Experimentierfeld, auf dessen Entwicklung man gespannt sein darf. (Anja Pawlitzki)

[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]


(Kommentar vorneweg: Hier haben sich einige Fehler eingeschlichen, die wir im Text (in eckigen Klammern) korrigiert haben, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.)

Darmstädter Echo, 19. Juni 2002
Little Klein [korrekt: Little Walter] reizt zum Zuhören. Kunstwerk der Woche: Im Bessunger Jagdhof steht Detlef Krafts Bronzeplastik des berühmten Jazz-Mundharmonikaspielers [korrekt: Blues-Mundharmonikaspielers] Marion Walter Jakobs [korrekt: Jacobs]
   Geht man in der Bessunger Straße am Kikeriki-Theater durch den Torbogen oder am Forstmeisterplatz zwischen den beiden historischen Bauten [korrekt: zwischen dem historischen Gebäude über dem Jagdhofkeller und dem neuen, historisch nachempfundenen Bistro Fidelio] durch das offene Eisentor, steht man in dem schönen alten Jagdhof, einer Art Bessunger Platanenhain, und schaut direkt auf das barocke restaurierte Kavaliershaus von 1725 – für die Bessunger bis zur Zerstörung das „Französische Jagdhaus“. Hier ist seit 1997 das Darmstädter Jazzinstitut untergebracht – die weltweit anerkannt größte öffentliche Jazzsammlung Europas. Außer der üblichen Info-Tafel hängt an der Freitreppe die Joseph-Maria-Olbrich-Plakette für gute Architektur von 1998.
  
Links vor dem Haus in Höhe der letzten Platane steht eine überlebensgroße dunkel patinierte Bronzeplastik: Der einsame Mundharmonikaspieler von Detlef Kraft.
  
Der mehrfach ausgezeichnete Bildhauer, seit 1980 Mitglied der Darmstädter Sezession, lebt und arbeitet in Darmstadt, und ist wie der Maler und Bildhauer A. R. Penck ein begeisterter und versierter Schlagzeuger mit einer Liebe zum Free Jazz. Er verehrt den in Louisiana geborenen Marion Walter Jakobs [korrekt: Jacobs], genannt „Little Klein“ [korrekt: "Little Walter"], der von 1950 bis zu seinem frühen Tod 1968 der wichtigste Mundharmonikaspieler des Blues war. „Little Klein“ [korrekt: "Little Walter"] ist eine Musikerlegende, denn er hat die elektronisch verstärkte chromatische Mundharmonika in den Blues in Vollendung eingeführt.
  
Mit musischer Intuition arbeitete der Bildhauer Kraft sieben Jahre an der Vollendung dieser Plastik. Wolfram Knauer, preisgekrönter Leiter des Jazz-Instituts, sah sie und überzeugte die Stadt, diese Plastik – sicher die einzige eines schwarzen Musikers zumindest in Deutschland – für diesen Ort zu kaufen. So steht nicht ein Jazzsaxophonist oder Drummer vor der Tür, nein, ein in sich versunkener schwarzer Mundharmonikaspieler des Blues, der zusammen mit der Wetterfahnentrompete auf dem Dach spielerisch auf die Bandbreite des Jazz und dieses Instituts hinweist.
  
Und Kraft, der Bildhauer und Musiker, hat diesen „Little Klein“ [korrekt: "Little Walter"] in seinem ihm eigenen Stil ohne expressive Oberfläche oder besondere Gestik einfühlsam nachempfunden. Man hört ihn richtig, den kleinen unscheinbaren Menschen. Da steht er zurückhaltend und aufrecht, schüchtern, die Füße dicht beieinander, nur den Kopf zum Spiel nach vorne geneigt. Die Augen geschlossen, in sich hinein hörend. Die Hosen stoßen leicht auf die Schuhe, das lange Jackett trägt er schlicht über Weste und offenem Hemd, und sein Haarschnitt erinnert an den späteren Elvis. Nur an der lebendigen Gestik der Finger erkennt man den sensiblen chromatischen Mundharmonika-Virtuosen.
   
Eine Figur, die immer wieder reizt, im Vorbeigehen für einen Moment zuzuhören. (Erich Linke)

[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]


(Kommentar vorneweg: Ich heiße natürlich nicht "Waldemar", aber so stand's nun mal in der Zeitung. Gezeichnet: Wolfram (!!!) Knauer)

Frankfurter Rundschau, 5. September 2001:
Auf dem Jagdhof wird nur noch zum Jazz geblasen. Stadt stiftet Skulptur von Musikerlegende Little Walter
   Wo jahrzehntelang nur Jagdhörner den Ton angaben, zeigt nun "Little Walter" was gespielt wird im Bessunger Jagdhof: Der legendäre Mundharmonika-Virtuose steht seit einigen Tagen in Bronze gegossen vor dem Darmstädter Jazz-Institut, Europas größter, öffentlichen Jazzsammlung.

DARMSTADT. "Ich glaube, es ist das einzige Monument, das es von einem schwarzen Musiker in Deutschland gibt", sagt Waldemar Knauer, Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts. Seit einigen Tagen steht die in Bronze gegossene, leicht überlebensgroße Skulptur des legendären Mundharmonika-Virtuosen "Little Walter" vor dem Darmstädter Jagdhof an der Bessunger Straße, der Europas größte öffentliche Jazzsammlung beherbergt. Gestiftet wurde das Kunstwerk von der Stadt. Sie liefert damit einen weiteren Beweis, dass sie Darmstadt als Mekka der neuen Musik und des Jazz weiter fördert.

   In dem Denkmal in klarer Form, hat der Darmstädter Bildhauer und Schlagzeuger Detlef Kraft die Kreativität afro-amerikanischer Musik und moderner Bildhauerkunst symbiotisch verschmolzen. "Little Walter", 1930 in Marksville (Louisiana) als Marion Walter Jacobs geboren und 1968 gestorben, gehört zu den einflussreichsten Mundharmonika-Virtuosen des Blues. Ab 1950 feierte er mit seiner eigenen Band Erfolge und vereinigte in seiner Musik auch Einflüsse des populären Jazz seiner Zeit.

   Neben der Wettertrompete auf dem Dach des Kavaliershauses im Bessunger Jagdhof weist nun auch das Monument in dem von Platanen beschatteten Innenhof daraufhin, dass jetzt die klassischen Instrumente des Jazz den Ton angeben, wo früher nur Jagdhörner erschallten. Seit zehn Jahren zieht es Jazzfreunde aus aller Welt in die größte öffentliche Jazzsammlung Europas und in die Kellergewölbe des betagten Gemäuers, wo regelmäßig ebenso heiße Töne erklingen wie bei den Open-Air-Konzerten im Hof. Diese Verbindung von Praxis und Theorie ist das Markenzeichen des Jazz-Instituts, das 1990 gegründet wurde und seit 1997 im Bessunger Jagdhof residiert. In ihm vereinigen sich Archiv, Forschung und ein Infozentrum für alle Jazzinteressierte. Institutsleiter und Musikwissenschaftler Knauer findet seine Aufgabe in Darmstadt viel spannender als an einer Universität, vor allem weil hier nicht im Elfenbeinturm geforscht wird, sondern die Tür jedem offensteht. "Wir sind weltweit vernetzt, aber auch lokal aktiv, indem wir regelmäßig Musik für unsere Nachbarn machen. Besucher sind gern gesehen." Sie können während der regelmäßigen Öffnungszeiten in den jüngsten der etwa 70 abonnierten Jazz-Zeitschriften blättern, in die Tonträger hineinhören oder sich über bundesweite Veranstaltungen informieren.

   Hervorgegangen aus der 1983 von der Stadt erworbenen Sammlung des bekannten Jazzkritikers und Produzenten Joachim-Ernst Berendt ist das Institut über die Jahre durch Schenkungen und Nachlässe zu einem in der gesamten Musikwelt geschätzten Treffpunkt für Musiker, Forscher und Fans geworden. Sie nutzen aus privatem oder wissenschaftlichem Interesse die 40 000 Langspielplatten, 5000 CDs, zahlreichen Schellackplatten, Singels und Videos. Wie Waldemar Knauer sagt, wird der umfassende Zeitschriftenbestand mit über 900 Titeln und mehr als 40000 Einzelheften am stärksten frequentiert. Reicht er doch bis in die zwanziger Jahre zurück. Über das Internet haben alle nun auch Zugriff auf den Jazz-Index.

   Nicht minder berühmt und beliebt sind die Darmstädter Jazz-Foren, die alle zwei Jahre stattfinden und eine gelungene Mixtur aus Live-Musik und wissenschaftlichen Beiträgen zu allen mit Jazz verwandten Themen darstellen. Das 7. Forum vom 27. bis 30. September widmet sich dem Bereich Jazz und Gesellschaft. "Wir versuchen einen Brückenschlag zwischen regionaler Kulturarbeit und internationalem Diskurs", ergänzt Waldemar Knauer. "Little Walter" aus Louisina hätte das bestimmt mächtig gefreut.

Wolfgang Fleckenstein

Darmstädter Echo, 3. September 2001:
Little Walter, Oberbürgermeister Peter Benz, Bildhauer Detlef KraftDenkmal und Musik für "Little Walter"
   (hdv). Mit der Enthüllung einer Skulptur im Bessunger Jagdhof wurde am Samstag die Verwandlung des Jagdhofareals in eine internationale Jazz-Begegnungsstätte ästhetisch bekrönt. Oberbürgermeister Peter Benz wies auf die teilweise dramatischen Auseinandersetzungen um das Gelände hin, für dessen Verwendung schließlich das Darmstädter Jazzinstitut den Zuschlag erhielt.

   Mit der in der Nähe des Eingangs zum Kavaliershaus stehenden Skulptur des Bluesmusikers "Little Walter" wurde die letzte Lücke geschlossen. Jazz-Institutsleiter Wolfram Knauer hatte zuvor auf die Einmaligkeit einer solchen Skulptur in der Bundesrepublik hingewiesen und das Kunstwerk als Zeichen der Verwandtschaft zwischen Blues und Jazz bezeichnet.

   Für den Schöpfer der Skulptur, den Bildhauer und Musiker Detlef Kraft, begann das Interesse an "Little Walter" über dessen virtuose Beherrschung der Mundharmonika. Synonym für den Blues ist der einsam umherwandernde Musiker, die Elemente schwarzafrikanischer Musik und die Lieder der Weißen vereinigend, kommerziell meist erfolglos und das Unglück magisch anziehend. "Little Walter" als früh verstorbener, klassischer Protagonist veranlasste Kraft zu einer künstlerischen Tat, zu deren Vollendung er sieben Jahre brauchte. Zur musikalischen Umrahmung waren mit dem Mundharmonikaspieler und Sänger „Mojo“ Kilian und dem Gitarristen Bernd Simon zwei der renommiertesten Interpreten des "City-Blues" eingeladen worden.

   Dazu gesellten sich die Lokalmatadoren Uli Partheil am E-Piano und Jürgen Wuchner am Kontrabass, um mit Detlef Kraft am Schlagzeug eine vitale Session zu bieten – ein akustischer Nachweis der ungebrochenen Symbiose von Blues und Jazz, basierend auf Kompositionen von "Little Walter".