"Jazz" Ein Überblick über die Jazzgeschichte
von Wolfram Knauer
Inhalt dieser Seite:
Content of this page:
- 1. Definition und Etymologie (diese Seite)
- 2. Vorformen des Jazz
- 3. Frühe Stilarten – bis Swing
- 4. Moderne Stilarten – ab Bebop
- 5. Jazz in Europa
- 6. Jazzforschung
- 7. Bibliographie
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Vorwort des Verfassers:
Dieser Überblick über die Jazzgeschichte basiert auf meinem Artikel "Jazz", der in der von Ludwig Finscher herausgegeben musikwissenschaftlichen Enzyklopädie "Die Musik in Geschichte und Gegenwart" erschien (Sachteil, Band 4, Kassel 1996, Spalten 1384-1421). Für diese Internetfassung habe ich Änderungen vorgenommen, die der Verständlichkeit dienen sollen sowie Erklärungen musikwissenschaftlicher Fachtermini eingefügt.
Wolfram Knauer (überarbeitet: Juni 2006)
1. Definition und Etymologie
Der Jazz ist eine aus dem Zusammentreffen afrikanischer und afro-amerikanischer sowie europäischer Musiktraditionen entstandene Musik vornehmlich improvisatorischen Charakters. Seine direkten Wurzeln liegen in geistlichen und sekulären Musizierformen des 19. Jahrhunderts. Der Jazz entwickelte sich im 20. Jahrhundert von einer im Brauchtum verwurzelten mehr oder weniger regional bedeutsamen Musik (New Orleans) über seine Funktion als Popularmusik (Swing) hin zu einer Kunstmusik mit mehr oder weniger breitem Publikumsverständnis (Bebop, Free Jazz). Die unterschiedlichen Stilrichtungen innerhalb dieser Entwicklung weisen einzelne musikalische und ästhetische Charakteristika auf, die sie als Stile des Jazz identifizieren. Solche Charakteristika sind beispielsweise: Improvisation, swing (zum Unterschied zwischen Swing und swing s.u.), eine spezielle Art der Tonbildung und Instrumentenbehandlung, stilistische Individualität einzelner Musiker, sowie ein Traditionsbezug auf vorhergegangene Stile der Jazzgeschichte.
Musikalische Charakteristika des Jazz sind meist auf die afrikanische bzw. afro-amerikanische Traditionslinie seiner Vorgeschichte zurückzuführen, also beispielsweise auf orale Überlieferungsmuster, auf eine von europäischer Musik abweichende Funktion der Rhythmik, auf ein bestimmtes Klangideal, auf eine emotional-motorische Musizier- und Rezeptionshaltung. Europäische Momente lassen sich vor allem in technischen und außermusikalischen Voraussetzungen der Musik und ihrer Vermittlung erkennen: in Repertoire und Formensprache, in der Instrumentenwahl, später in einer Virtuosen-Ästhetik, der Vermarktung des Jazz innerhalb der Gesellschaft oder in Präsentationsformen der Musik. Die Stilbreite des Jazz reicht musikalisch von archaischen Melodieparaphrasen in unbegleiteter Manier oder kollektiver Variantenheterophonie über virtuose solistische Improvisation auf der Basis bekannter Form- und Harmonieschemata bis hin zur auf die Reaktion des Augenblicks gezielten mehr oder weniger von Absprachen freien Improvisation des Free Jazz. Rezeptionsgeschichtlich umfaßt der Jazz genauso die im Brauchtum verwurzelte Musik wie die in der Massenkultur vermarktete Popularmusik oder eine elitäre Minderheitenmusik – wobei solche Eckpunkte durchaus nicht als chronologische Beschreibung der Rezeptionsgeschichte verstanden werden sollen, sondern Rezeptionstypen zu verschiedenen Zeiten der Jazzentwicklung bezeichnen. In der Ästhetik des Jazz schließlich spielen Auseinandersetzungen mit vorgegebenen (europäischen) ästhetischen Modellen eine Rolle. Hier findet sich zum einen die Entwicklung von einer Volksmusik- zu einer Kunstmusik-Ästhetik, der Versuch einer ästhetischen Einordnung in Kategorien und Begriffen, die dem europäischen Kunstverständnis entsprechen (klassischer Jazz, progressiver Jazz, New Jazz) sowie die dauernde Auseinandersetzung mit dem ästhetischen afro-amerikanischen Erbe (vgl. beispielsweise Jones 1963).Abbildung 1:
Übersicht über die Stilabfolge des Jazz
Erklärung: Die Linien bezeichnen die Zeiten, in denen die entsprechenden Stile eine Hauptentwicklungsstufe der Jazzgeschichte ausmachten. In den 80er Jahren gab es etliche Rückbezüge auf vorhergegangene Traditionslinien, die über bloße Zitate hinausgingen und selbst von neuem einflußreich waren.
Der Ursprung des Begriffs "Jazz" ist nicht ganz geklärt. Theorien nennen seine Herkunft von abgeänderten Personennamen ("Jasbo"), als Ableitung aus fremden Sprachen (beispielsweise aus dem französischen "jaser" oder aus afrikanischen Sprachen) und vor allem aus der Umgangssprache, mit deutlichen sexuellen Assoziationen, die sich aus der Funktion des Jazz als Tanzmusik genährt haben mögen. Als musikalischer Terminus ist "Jazz" erstmals zwischen 1913 und 1915 belegt und hat sich spätestens 1917 mit dem populären Erfolg der "Original Dixieland Jazz [Jass] Band" etabliert (Zusammenfassung der etymologischen Wurzeln bei Alan P. Merriam & Fradley H. Garner: Jazz – the Word, in: Ethnomusicology, 12 (1968), S. 373-396; Jürgen Hunkemöller: Jazz, in: Handbuch der musikalischen Terminologie, hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht, 1976). Als Gattungsbegriff wird das Wort von Musikern zum Teil dezidiert befürwortet (z.B. Jelly Roll Morton) oder wegen seiner musikalischen Eingrenzung abgelehnt (z.B. Duke Ellington, Miles Davis). Trotz verschiedener Versuche, Ersatzbegriffe zu etablieren oder beispielsweise einzelne Stilbegriffe wie "Swing" oder "Bebop" in Opposition zum Terminus "Jazz" zu stellen, hat sich der Begriff "Jazz" als übergreifender Gattungsname erhalten.
