"Jazz" Ein Überblick über die Jazzgeschichte
von Wolfram Knauer
Inhalt dieser Seite:
Content of this page:
- 1. Definition und Etymologie
- 2. Vorformen des Jazz (diese Seite)
- 3. Frühe Stilarten – bis Swing
- 4. Moderne Stilarten – ab Bebop
- 5. Jazz in Europa
- 6. Jazzforschung
- 7. Bibliographie
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2. Vorformen des Jazz
Der Jazz hat sich sich aus verschiedenen Formen afro-amerikanischer Volksmusik entwickelt. Deren Wurzeln sind sowohl in Afrika als auch in Europa zu finden. Die aus Afrika verschleppten Sklaven brachten eigene Kulturformen und Rituale mit, die sie auch in der Neuen Welt beibehielten. Je nachdem, wieweit solche Kulturtraditionen von Sklavenbesitzern unterdrückt wurden, können bis ins 20. Jahrhundert hinein direkte Traditionsstränge von Afrika nach Amerika nachgewiesen werden (vgl. Dauer 1985, Kubik 1999). Die afrikanische Kultur ist eine orale Kultur. Entsprechend sind ihre in Amerika erhaltenen Traditionen oraler Natur: Überreste afrikanischer Kultur finden sich im Geschichtenerzählen, im Tanz und in der Musik: in Liedern, Feldgesängen, Jodelrufen u.ä.
Die erzwungene Entfremdung afrikanischer Sklaven und ihrer bereits in Amerika geborenen Kinder von ihrer alten Kultur, aber auch die Tatsache, daß der Sklavenhandel Menschen verschiedenster afrikanischer Kulturen zusammenbrachte, machte sich in einem Verlust kultureller Identität bemerkbar. Um in der neuen Umgebung zu überleben, mußte eine Akkulturation der Schwarzen an das weiße, also europäische Sozialgefüge, an Gesellschaftsnormen und -anschauungen, an weiße Wertvorstellungen stattfinden. In der Sprache ist dieses Moment der Akkulturation meist in Nuancen erkennbar. Die Sklaven wurden teils durch Regeln, teils durch die Notwendigkeiten des Alltags gezwungen, ihre alten Sprachen aufzugeben. Die neue fremde Sprache – das Englische – aber entstammte einer anderen Gesellschaftsform. Viele für afrikanische Kulturen wichtige Dinge ließen sich in ihr nicht ausdrücken. Mit der Zeit entwickelte sich innerhalb der afro-amerikanischen Sprache ein Nuancenreichtum, der solche Defizite auszugleichen trachtete. Da gibt es zum einen typische Flexionen, die über die Stufe eines "Dialektes" hinausgehen, d.h. bedeutungstragend sind. Es gibt zum zweiten Umdeutungen englischer Worte in einer Art "double entendre". Solch eine Sprache war als "Geheimsprache" im Umbruch zum Ende der Sklaverei recht nützlich, wurde aber nicht konkret hierfür entwickelt, sondern entstammt dem Bedürfnis der Afro-Amerikaner nach einem genuinen Ausdruck ihrer Gefühle, wie er in der angenommenen Sprache nicht möglich war.
Die Musik bietet ein noch interessanteres Beispiel für afro-amerikanische Akkulturation. Schwarze Musik in Amerika behält afrikanische Elemente vor allem im Rhythmischen und im Moment der Kollektivimprovisation bei. Zu den wesentlichen afrikanischen Musizier-Traditionen, die sich in der afro-amerikanischen Musik generell und damit auch im Jazz wiederfinden, gehören: eine Instrumentation mit perkussions- und rhythmus-orientierter Grundlage; solistische oder gleichzeitige Improvisation; ein starkes Interesse an komplexen Kreuzrhythmen; Ruf-Antwortfunktionen sowohl in der Besetzung (Solist – Chor) als auch im musikalischen Prozeß (call and response). Darüber hinaus finden sich in Intonation, Phrasierung, musikalischer Überlieferung und in der Funktion der Musik weitere Elemente, die zumindest zum Teil auf afrikanische Traditionen zurückzuführen sind (vgl. Oliver 1970; Kaufman & Guckin 1979). Mit der Entwicklung des Jazz zu einer Kunstmusik mit eigener Tradition und eigener Ästhetik haben sich einige dieser Beziehungen zur afrikanischen Musik zurückgebildet. Andere sind nicht mehr so sehr als Verweise auf afrikanische Ursprünge zu werten denn vielmehr als solche auf die eigene Tradition afro-amerikanischer Musik. Erst in den 1960er Jahren sind sich die Jazzmusiker der musikalischen Bezüge nach Afrika wieder bewußter geworden – zu diesem Zeitpunkt allerdings entspringt eine solche Rückwendung mehr politisch-ästhetischen Beweggründen als musikalischer Folgerichtigkeit (vgl. Weinstein 1992).
Zu den frühesten Beispielen einer ausgeprägt afro-amerikanischen Musik im 19. Jahrhundert zählen Spirituals, Work Songs und Field Hollers. Vor allem in den Spirituals findet man dabei sowohl Elemente aus europäischer Musik (Hymnen) als auch solche afro-amerikanischer Provenienz (spezielle Tonbeugung, Vortragsart). Als deutlichste Beziehung zur afrikanischen Musik weisen die meisten afro-amerikanischen Musizierformen des 19. Jahrhunderts die Aufteilung in Vorsänger und Chor, Prediger und Gemeinde (congregation) auf – entsprechend dem afrikanischen master drummer und den untergeordneten Trommlern, und entsprechend dem call and response im Blues und im späteren Jazz. Neben den geistlichen und Arbeitsgesängen findet sich im 19. Jahrhundert eine ausgeprägte Tanzmusik der amerikanischen Schwarzen, die sich oft an europäischen Volksmusikformen orientiert (z.B. am irischen jig, am schottischen reel oder an der französischen quadrille, die ihrerseits in den amerikanischen square dance Eingang findet).
Auch in der Kunstmusik taten sich Afro-Amerikaner hervor. In etlichen Berichten über umherreisende Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts – z.B. Thomas Greene Bethune ("Blind Tom") – wird über deren Fähigkeit zur spontanen Improvisation über gegebene Themen berichtet.
Nach der Befreiung der amerikanischen Sklaven (Emanzipationserklärung von 1863) entwickelte die afro-amerikanische Musik immer stärker eigene, auch nach außen wahrnehmbare Traditionsmerkmale. Freiere Kontaktmöglichkeiten der Afro-Amerikaner, die Ausbildung eines schwarzen Kommunikationssystems von Zeitungen, Zeitschriften, Parteien usw. machten aus vordem vor allem lokal bedeutenden musikalischen Entwicklungen nationale Moden, ermöglichten zumindest auch den musikalischen Kontakt durch herumreisende Künstler. In den ländlichen Gegenden bildete sich eine Musiktradition heraus, die von großem Einfluß auf den späteren Jazz ist: der Blues. Seine einfache harmonische Struktur (also das am weitesten verbreitete zwölftaktige Schema: T / / / | S / T / | D / T /), eine ebenfalls einfache, am Affekt orientierte Melodieerfindung, textliche wie melodische Wiederholungen usw. machen ihn zu einem idealen Vehikel für mehr oder weniger spontan gedichtete Kommentare zu aktuellen Ereignissen, persönlichen Erfahrungen, Leid und Freud, Liebe und Tod. Der Blues entspringt damit vollständig einer oralen musikalischen Kultur. Seine Texte sind entweder originär oder aber entstammen einem großen traditionellen Text-"Topf" mit Klischeephrasen, die aneinandergereiht werden können, die jeden betreffen, die aber auch auf die eigenen Verhältnisse hin veränderbar sind. Neben dieser textlichen steht die musikalische Verfügbarkeit. Man kann über die Harmonik des Blues oder auch über mehr oder weniger starke Veränderungen derselben ständig neue Melodien erfinden, denn anders als bei traditionellen Volks-"liedern" kommt es auf die Melodie selbst nicht an. Das gattungsbestimmende Moment ist der harmonisch-formale Verlauf sowie eine spezifische Behandlung von Melodik und Intonation. Die musikalische Verfügbarkeit zusammen mit der Tendenz zur textlichen wie musikalischen Improvisation macht den Blues zu einem der elementaren Grundsteine für den späteren Jazz.
Ist der Blues eine der "ländlichen" Vorformen des Jazz – wobei der Blues selbstverständlich auch neben dem Jazz existiert und sich weiter entwickelt hat –, so ist eine der wichtigsten urbanen Einflüsse auf diese Musik der Klavier-Ragtime. Die auskomponierten Stücke dieses Genres orientieren sich an europäischer Salonmusik. Formales Grundmuster ist der Marsch, von Einfluß außerdem verschiedene Tanzformen, z.B. Walzer, Tango, Mazurka. Ragtime-Komponisten fühlen sich der europäischen Tradition und der europäischen Ästhetik verbunden. Afro-amerikanische Traditionslinien finden sich vor allem in rhythmischen Besonderheiten, in Synkopierungen und Kreuzrhythmen oder der Betonung gegen den Taktgrundschlag (secondary rag). Blueselemente sind im Ragtime eher selten, kommen erst in einzelnen Beispielen aus dem frühen 20. Jahrhundert vor, nachdem der Blues auch in den Städten seine Anhängerschaft gefunden hatte und die Musikindustrie – also auch die Ragtime-Komponisten – auf die Nachfrage reagierte.
Neben dem Klavierrag gibt es Ragtime-Kompositionen und -Arrangements für Bands und Orchester. Viele der frühen Ragtimekapellen entstanden nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, als ausgemusterte Instrumente der Armeekapellen in Second-Hand-Läden auftauchten und Afro-Amerikaner nach dem vorhandenen Instrumentarium griffen. So finden sich in den Marsch-, Salon- und Ragtimeorchestern der frühen Jahre dieses Jahrhunderts besonders viele Horn-Varianten, Tuben und Saxophone – die übliche Marschkapelleninstrumentation der Zeit (vgl. Schafer 1977). Die frühen Ragtime-Bands sind als direkte Vorläufer des Jazz anzusehen. Während einige der Arrangements nur Transkriptionen von Klavierkompositionen für Orchester sind, gibt es auch originäre Bandmusik, in der eine mehr oder weniger freie Interpretation durch die einzelnen Musiker üblich ist. Einerseits können viele der Musiker in solchen Bands keine Noten lesen, "täuschen" daher ihren Weg durch die Musik (to fake). Andererseits ist die Improvisation eine lebendige Tradition der oralen Überlieferung in afro-amerikanischer Kultur. Viele der frühen Ragtimekapellen können historisch als direkte Vorläufer von Jazzbands gesehen werden. Tatsächlich bestätigen Musiker des frühen Jazz, daß die Begriffe "Ragtime" und "Jazz" oft für dieselbe Musik verwandt wurden. Ragtimebands gibt es im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, insbesondere aber in New Orleans.
