"Jazz"
Ein Überblick über die Jazzgeschichte
von Wolfram Knauer

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6. Jazzforschung

Eine veritable Jazzforschung gibt es eigentlich erst seit den späten 60er Jahren. Vereinzelte Forschungsarbeiten früherer Zeiten wurden nur selten innerhalb der Musikwissenschaft verfaßt (Slawe 1948, Dauer 1958), die Jazzgeschichtsschreibung großenteils Journalisten und Jazzfans überlassen. Jazzmusikalische Grundlagenforschung – beispielsweise Diskographien, die in diesem Bereich etwa den Werkverzeichnissen in klassischer Musik vergleichbar wären – stammen ausschließlich aus der Liebhaber- und Sammlerszene. 

Von wenigen Forschungsarbeiten abgesehen führte erst die Einrichtung größerer Archive und Forschungsinstitute zu einem kontinuierlicheren wissenschaftlichen Diskurs zum Jazz. Hierzu zählen das Institute of Jazz Studies (Newark, New Jersey, gegründet 1952), das William Ransom Hogan Archive (New Orleans, gegründet 1957), das Institut für Jazzforschung (Graz, gegründet 1965) oder das Jazz-Institut Darmstadt (gegründet 1990). Sämtliche dieser Einrichtungen publizieren regelmäßige Schriftenreihen, die der Jazzforschung ein Diskussionsforum bieten. 

Analyseansätze zu improvisierter Musik orientierten sich in der Vergangenheit vielfach an musikethnologischen Vorgehensweisen oder an Analysemethoden der traditionellen historischen Musikwissenschaft, versuchten also analytische Systeme an die Jazzimprovisation anzulegen, die ursprünglich für die Beschäftigung mit Volksmusik oder mit komponierter Kunstmusik ausgebildet worden waren. Die Modifikation solcher analytischer Modelle mit Hinblick auf die improvisatorische Natur des Jazz führte zu durchaus überzeugenden Ergebnissen (vgl. Bibliographie), während die Ausbildung einer gemeinhin akzeptierten Jazzästhetik nach wie vor weiten Diskussionen unterworfen ist. Hier steht die historische Sichtweise der herkömmlichen Jazzgeschichtsschreibung mit ihrem Blick auf Entwicklungen, Einflüsse, Kommunikationsmodelle, Perzeptions- und Rezeptionsmuster einer in den letzten Jahren stark propagierten Ästhetik gegenüber, die sich aus der amerikanischen Literaturwissenschaft und hier insbesondere dem Zweig der Black Studies entwickelt hat. Während im ersten Fall historische Fakten, Dokumente wie insbesondere Schallplattenaufzeichungen, die Arbeit mit Oral History sowie die Analyse der gesellschaftlichen Situation zum musikalischen Entstehungsprozeß in Beziehung gesetzt werden, versteht die zweite Richtung literarische wie musikalische Phänomene als Verweise auf afro-amerikanische, häufig metaphysische Verständnisebenen und damit auf einen direkten Bezug zur afrikanischen Herkunft der amerikanischen Schwarzen. Dieser ästhetischen Schule, die auf den Theorien Houston A. Bakers und Henry Louis Gates' basiert, haben sich in letzter Zeit auch viele – vor allem afro-amerikanische – Jazzforscher angeschlossen. Gates' Theorien, die zuvorderst auf afro-amerikanische Literatur zielen, sind im Curriculum der Black Studies mittlerweile auch auf die Musik übertragen worden. Grundlage seines Theoriesystems ist die Annahme, daß afro-amerikanischer Musik (und Literatur) neben den klar analysierbaren denotativen und konnotativen Ebenen eine weitere Ebene inne ist, die – zum großen Teil unbewußt – auf politisch-mythologische Vergangenheit afro-amerikanischer Kultur (bzw. zum Teil nur afrikanischer Kultur) verweist. Eine solche Ästhetik vermag dem Phänomen der Jazzmusik in ihrer Gesamtheit und insbesondere in ihrer mittlerweile weltweiten Entwicklung und Verbreitung kaum Rechnung zu tragen und ist sicher auch bis zu einem gewissem Grad als ideologisches Konstrukt zu betrachten.


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