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English language information about the 10th Darmstadt Jazzforum:
Working title: "Encounters ... The World meets Jazz"
10. Darmstädter Jazzforum
"Begegnungen ... The World meets Jazz"Hier: Das komplette Programmheft des 10. Darmstädter Jazzforums als pdf-Dokument.
Donnerstag, 4. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße14:00 Uhr: Eröffnung des 10. Darmstädter Jazzforums
14:30 Uhr: Andrew W. Hurley (Sydney, Australien):
But did the world meet jazz? Behind J-E Berendt’s ‘Jazz Meets the World’ series
[in englischer Sprache]Schon 1962 begann der deutsche 'Jazzpapst' Joachim Ernst Berendt erste Treffen zwischen Jazzmusikern und Musikern zu arrangieren, die wir heute als Weltmusiker bezeichnen würden. Über die nächsten 25 Jahren griff er immer wieder auf diese Idee zurück, am ausführlichsten in der Konzertreihe "Jazz Meets the World" bei den Berliner Jazztagen und der gleichnamigen Plattenreihe für das Label SABA/MPS (1965-1972). Zu diesen Produktionen gehören beispielsweise "Sakura Sakura" des Hideo Shiraki Quintetts mit "drei Koto Girls", "Noon in Tunesia" des George Gruntz Ensembles mit einer Gruppe tunesischer Musiker, sowie "Jazz Meets India" mit dem Dewan Mothiar Trio und dem Irène Schweizer Trio mit Manfred Schoof und Barney Wilen. Diese Aufnahmen wurden als frühe Meilensteine in der Entwicklung der 'Weltmusik' bzw. des Welt- oder Ethnojazz angesehen. Andrew Hurley wird in seinem Referat die Ursprünge und Motivationen hinter der "Jazz Meets the World"-Reihe analysieren. Er wird zeigen, wie die Reihe aus anderen Entwicklungen der zeitgenössischen Jazzwelt erwuchs, und er wird den Unterschied solcher "Meetings" zu späteren Konzepten der 'Weltmusik' analysieren. Dabei wird er über die Polemiken berichten, die "Jazz Meets the World" und später das Genre der Weltmusik heraufbeschworen, aber auch über Interviews, die er mit den "anderen" Musikern der Reihe geführt hat. Und er wird fragen, inwieweit sich ihre Wahrnehmung der Treffen von jener der westlichen Musiker oder des Initiators Berendt unterschied und/oder diese ergänzt.
Andrew W. Hurley (geb. 1974) promovierte sich im Bereich der German Studies mit einer Arbeit über “Jazz Meets the World: Joachim-Ernst Berendt and His Role in West-German Cultural Change, 1945-1985”. Hurley, der außerdem Aufsätze über Jazz in Deutschland und Australien sowie über den deutschen Film verfasste, forschte und lehrte am Department of German, Russian and Swedish der University of Melbourne und ist derzeit Lehrbeauftragter an der University of Technology Sydney im Bereich der European Studies.
15:00 Uhr: Maximilian Hendler (Graz, Österreich):
Jazz oder nicht Jazz?Mit Fusion und Crossover kam der Jazz mit anderen Formen von Musik in so intensive Berührung, dass es oft nicht klar ist, wo die entstehenden Klänge einzuordnen sind. Für Kritiker und Fans, die den Jazz jahrzehntelang als fest gefügten Block erlebt hatten, war das ein neues Erlebnis. Dabei war dieses Phänomen alles andere als neu. Vor allem in der Anfangszeit war der Jazz von Musikformen umgeben, bei denen sich die Frage "Jazz oder nicht Jazz" stellt. Ein Blick auf die Vorgeschichte des Jazz mag erklären, warum das so ist. Der Jazz ist das prominenteste Produkt jener Transkulturationsvorgänge, die mit der Globalisierung der westlichen Zivilisation einsetzten. Diese Globalisierung geschah nämlich nicht erst in den letzten Jahrzehnten, sondern sie begann bereits mit dem Aufbruch der Portugiesen im 15. Jahrhundert. Dass die Vielzahl von Musiken, welche die Welt zu bieten hat(te), sich mit dem westlichen Instrumentarium und der westlichen Tonalität auseinandersetzen mussten, erzeugte die Situation, die jazz-analoge Formen hervorbrachte.
Maximilian Hendler (geb. 1939) befasste sich schon zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr intensiv mit Jazz. Später waren seine vorrangigen Forschungsschwerpunkte der Balkan und der Orient, allerdings wurde er durch die Bekanntschaft mit Alfons Michael Dauer ab 1982 wieder an den Jazz herangeholt und beschäftigt sich seither hauptsächlich mit der Vor- und Frühgeschichte des Jazz. Zu seinen Veröffentlichungen gehört die Studie "Banjo. Altweltliche Wurzeln eines neuweltlichen Musikinstruments" (Göttingen1991); "Oboe-Metalltuba-Trommel. Organologisch-onomasiologische Untersuchungen zur Geschichte der Paraphernalieninstrumente. Teil 1: Blasinstrumente. Teil 2: Trommeln" (Frankfurt am Main 2001); "Cubana Be Cubana Bop. Der Jazz und die lateinamerikanische Musik" (Graz 2005).
16:30 Uhr: Torsten Eßer (Köln, Katalonien):
Jazz in Lateinamerika – eine periphere Erscheinung?In New Orleans waren mexikanische und kubanische Musiker an der Geburt des Jazz beteiligt. In ihren eigenen Ländern sind lateinamerikanische Jazzmusiker trotz ihres Könnens und ihrer Kreativität bis heute meistens eine an der Peripherie der Gesellschaft arbeitende Spezies ... mit zwei Ausnahmen: (1) geographisch: Kuba, wo Jazzmusiker heute Ansehen genießen, auch wenn sie keinen tanzbaren Jazz spielen; (2) musikalisch: Musiker, die tanzbare Musik unter dem Label 'Latin Jazz' produzieren, bei der der Jazz – vermischt mit Stilen wie son, cumbia, merengue etc. – nur ein Element darstellt, und die auf dem gesamten Kontinent gerne gehört wird. In seinem Referat wird Torsten Eßer jedoch weniger die Ausnahmen vorstellen, sondern vor allem die Geschichte und die aktuelle Situation des Jazz in Chile, Mexiko und einigen anderen Ländern sowie die Auseinandersetzung der Musiker und der Hörer mit dieser aus den USA stammenden Musik.
Torsten Eßer (geb. 1966) arbeitet als freier Journalist und Autor in Köln und Katalonien. Zu seinen Hauptthemengebieten – (iberoamerikanische) Musik / Jazz / Lateinamerika (Politik und Gesellschaft) – veröffentlicht er Beiträge und Rezensionen in Presse, Büchern, Radio und Fernsehen, u.a. im WDR, in der Zeitschrift Jazz Podium sowie in der der Spanien- und Lateinamerikazeitschrift Matices.
Freitag, 5. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße10:00 Uhr: Wolfram Knauer (Darmstadt):
Blowin' Up a (European) Storm. Stanko / Rava / Beckett – ein Vergleich sehr unterschiedlicher Trompetenstimmen im europäischen Jazz (und ihrer Verwurzelung in sehr unterschiedlichen Kulturkreisen)"Europäischer Jazz" ist eine vielstimmige Entwicklung der globalen Jazzentwicklung. Musiker sind den Kulturtraditionen verpflichtet, aus denen sie entstammen – und so lassen sich Produktionen norwegischer Musiker oft deutlich von denen französischer oder ungarischer Künstler unterscheiden. Das Klischee des nationalen Stils ist bei Musikern nicht sehr beliebt, auch weil es ihre stilistische Entwicklung zu sehr auf nur ein Merkmal ihres Spiels reduziert. Dennoch sind es gerade diese aus der eigenen Geschichte gewonnenen Klangfarben oder rhythmischen Nuancen, die der Musik europäischer Jazzmusiker eine eigene Authentizität verleihen. Wolfram Knauer untersucht die Diversität des europäischen Jazz an drei Beispielen, dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko, seinem italienischen Instrumentalkollegen Enrico Rava sowie Henry Beckett, dem in Barbados geborenen englischen Trompeter. Er macht sich auf die Suche nach den klanglichen Wurzeln der drei Blechbläser, nach den europäischen Einflüssen auf ihre Musik, und fragt, wie sie diese kreativ mit der afro-amerikanischen Sprache des Jazz verbinden.
Wolfram Knauer (geb. 1958) leitet seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt, lehrte daneben an mehreren deutschen Hochschulen und Universitäten, ist Mitglied im internationalen Beratergremium des Center for Black Music Research (Chicago) und der Columbia University (New York). Er ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung und im Herausgebergremium sowohl der Jazzbuch-Reihe der University of Michigan Press als auch der internationalen Fachzeitschrift Jazz Perspectives. Knauer ist Autor etlicher wissenschaftlicher Beiträge in Büchern und Fachzeitschriften, wirkt außerdem im künstlerischen Beirat des Goethe-Instituts.
11:00 Uhr: Günther Huesmann (Berlin):
"Tokyo Operations" – John Zorn und der japanische TraditionsbegriffEnde der siebziger Jahre begann sich der Altsaxophonist, Komponist und Bandleader John Zorn massiv für japanische Musik und japanische Kultur zu interessieren. Es blieb nicht bei reiner Liebhaberei. Zorn lernte Japanisch sprechen und lebte die nächsten zehn Jahre die eine Hälfte des Jahres in Japan, die andere Hälfte in New York. Er suchte den Kontakt zur japanischen Underground-Szene genauso wie zu traditionellen japanischen Musikern. Wie hat sich dieser Kulturkontakt auf die Musik und das Denken des Enfant terribles der New-Yorker-Downtown-Avantgarde ausgewirkt? Welche Spuren hat der japanische Traditionsbegirff in Zorns Ouevre hinterlassen? Und soweit es hier um Austausch ging – kann man von einer gelungenen Begegnung sprechen?
Günther Huesmann (geb. 1957) ist Autor von Jazzsendungen für den WDR, SWR und den Deutschlandfunk. Er schreibt in der Nachfolge von Joachim Ernst Berendt das "Jazzbuch". Er hat Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Pädagogik in Köln und Berlin studiert. 11 Jahre lang leitete er das Festival "Jazz across the border" im Berliner "Haus der Kulturen der Welt".
14:30 Uhr: Gerhard Putschügl (Frankfurt/Main):
Zu den Wechselwirkungen zwischen Jazz / afroamerikanischer Musik und Flamenco Nuevo in zeitgenössischen Stilformen spanischer MusikIm Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern übten – verursacht unter anderem durch die Diktatur Francos – die afroamerikanische Musik allgemein und der Jazz im speziellen erst ab den späten 70er Jahren eine deutliche und nachhaltige Prägung auf die Entwicklung zeitgenössischer Musikstile in Spanien aus. Umso interessanter und spannender sind die zahlreichen Stilformen, die in der Folgezeit im Umfeld des "Flamenco Nuevo“, einer vielschichtigen Modernisierungsbewegung des traditionellen Flamenco, zur Entfaltung kamen. Einerseits am wenigsten kulturell durch die USA kolonisiert, besitzt die spanisch-andalusische Volksmusik aufgrund alter historischer Einflüsse durch nordafrikanisch-arabische Musik doch einen vergleichsweise hohen Grad an Affinität zu afroamerikanischen Musikkulturen. Aufgrund dieser latenten Disposition zur Stilfusionierung gelang es spanischen Musikern während der letzten Jahrzehnte, durch intensive Auseinandersetzung mit afro-amerikanischer und lateinamerikanischer Musik neue Fusionsformen zu kreieren, in denen traditionelle Potentiale weiterentwickelt, flexibler gestaltet, oder in anderem Kontext verarbeitet wurden. Hier wurden zum Teil sehr verschiedenartige Ansätze verfolgt, die auf unterschiedlicher personalstilistischer Grundlage basieren. Gerhard Putschögl wird ausgewählte Beispiele dafür vorstellen, wie Musiker und Komponisten afroamerikanische Elemente in spanische Stilpotentiale integrieren bzw. die Jazzsprache durch musikalische Stilmittel spanischen Ursprungs erweitern. So lassen die drei Musiker Gerardo Nunez, Chano Dominguez und Renaud Garcia-Fons (auch in gemeinsamen Projekten) sehr unterschiedliche konzeptionelle Standpunkte und Vorgehensweisen erkennen. Diese gilt es, im Detail zu untersuchen und resümeehaft miteinander zu vergleichen: Nunez, der Flamencogitarrist, dessen Ausgangsbasis letztendlich stets der Flamenco bleibt; Domingo, der Jazzpianist, der gleichzeitig mit der Flamenco-Tradition eng vertraut ist; sowie der schillernde Bassist Garcia-Fons, der in seiner spanisch-französischen Identität u.a. nach marokkanischen musikalischen Wurzeln suchend gleichzeitig Jazz- und kubanische Elemente verarbeitet.
Gerhard Putschögl (geb. 1947) studierte an der Musikhochschule Frankfurt. Er war als Geiger in Jazzformationen vielfältiger traditioneller und zeitgenössischer Stile tätig und promovierte sich 1993 mit einer Arbeit über das Thema "John Coltrane und die afroamerikanische Oralkultur". Seit 1993 wirkt er als Dozent für Geschichte des Jazz, Weltmusik und Improvisation für Streichinstrumente an der Musikhochschule Frankfurt/Main.
15:30 Uhr: Timothy R. Mangin (New York, USA):
Cosmopolitan Roots: Jazz in Senegal
[in englischer Sprache]Zu den Beziehungen zwischen Jazz in den USA und Jazz in Afrika gibt es einen lebendigen und reichen Diskurs unter Musikern wie Forschern. Es existieren ausführliche Studien etwa zu afrikanischen kulturellen Überbleibseln in beiden Teilen Amerikas und zum Einfluss des Jazz auf die südliche afrikanische Hemisphäre. Dagegen wurden die Bedeutung und die Rolle des Jazz bei der Identitätsbildung im frankophonen Westafrika bislang kaum untersucht. Timothy Mangin fragt in seinem Beitrag, wie im Senegal seit den 40er Jahren mit Jazz eine moderne kosmopolitische Identität geschaffen wurde. Basierend auf Feldforschung, die er in Saint Louis und Dakar, Senegal, durchgeführt hat, untersucht er, wie der Jazz im Senegal zu einer "Welt"-Musik und einer lebendigen Praxis des musikalischen Ausdrucks geworden ist. Insbesondere interessiert ihn dabei, wie Senegalesen sich europäischer und amerikanischer Quellen bedienen, die Musik ihrer regionalen musikalischen Ästhetik unterwerfen und dann nicht nur die musikalischen Ideale des Jazz nutzen, also Improvisation und Harmonik, sondern auch seine politischen Ideen in die senegalesische populäre Musikkultur einbringen (etwa mbalax und senegalesischer Samba).
Timothy Mangin (geb. 1963) ist geborener New Yorker und arbeitet momentan an seiner musikethnologischen Dissertation an der Columbia University über Identität und Bedeutung senegalesischer urbaner populärer Musik. In seiner Magisterarbeit hatte er sich mit der Zusammenarbeit von DJs, Rappern, Visual Artists, Tänzern und Jazzmusikern in "Giant Steps" beschäftigt, einem Künstlerkollektiv, das von den Improvisationen und der Jazzästhetik John Coltranes, Miles Davis', Romare Beardens und anderer Künstler beeinflusst war. Mangin, der auch über Jazz und populäre Musik in Thailand und Singapur oder über die Bluesästhetik in den Stücken von August Wilson arbeitete, ist außerdem ein Jazzkomponist, -flötist und West African Dancer.
16:30 Uhr: Silvia Kurschus (Berlin):
Die gegenwärtigen Jazzszenen in Berlin und Rom. Jazz tradition versus cultural background. "Melting Pot" oder "Salat Bowl"?Am Beispiel der beiden europäischen Metropolen Berlin und Rom soll verdeutlicht werden, wie die während des Jazzforums theoretisch diskutierten Aspekte aktuell gelebt werden. Grob vereinfacht ließe sich sagen: In Berlin findet auf musikalischer Interaktionsebene im Kleinen statt, was in der Welt im Großen geschieht. Hier kommen Musiker aus vielen Ländern mit ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und musikalischen Sozialisationen zusammen. Für den Jazz lassen sich verschiedene Ansätze im Umgang mit diesen Hintergründen erkennen: einerseits Jazzmusiker, die ihren amerikanischen Vorbildern nacheifern, andererseits Musiker, die "ihren eigenen Jazz“ kreieren und dabei auf unterschiedlichste Elementen aus anderen Musikkulturen zurückgreifen. Die Jazzszene in Rom hat durch die kulturpolitischen Aktivitäten des Bürgermeisters Walter Veltroni einen spannenden Aufschwung erlebt. Die durch ihn initiierte Förderung ermöglichte die Gründung der Casa del Jazz, eines jazzkulturellen Zentrums, das Jazzclub, Aufnahmestudio sowie eine umfangreiche Musikbibliothek in einer ehemaligen Mafiavilla beherbergt. Mit dem Parque de la Musica erhielt Rom 2005 sein erstes, fest etabliertes Jazzorchester. In ihrem Referat untersucht Silvia Kurschus, wo und wie in diesem Umfeld Verschmelzungen des Jazz mit anderen Stilrichtungen stattfinden. Sie fragt, ob es sich bei dem gegenwärtig gespielten Jazz eher um einen "melting pot“ handelt, bei dem die Ingredienzien so sehr miteinander verschmelzen, dass man die einzelnen Zutaten nicht mehr identifizieren kann, oder doch eher um eine Art "salat bowl“, bei der die einzelnen Zutaten ihren eigenen Charakter behalten. Die Interviews mit Vertretern der Jazzszenen Roms und Berlins, auf die sie dafür zurückgreift, erlauben ihr die Darstellung der Besonderheiten sowie der grundlegenden Unterschiede dieser beiden europäischen Metropolen.
Silvia Kurschus (geb. 1976) studierte Diplom-Sozialwissenschaften in Oldenburg, Barcelona und an der Humboldt-Universität Berlin, wo sie 2004 ihre Diplomarbeit zum Thema "Die Jazzszene Berlins. Eine soziologische Betrachtung der gegenwärtigen Berliner Jazzszene“ vorlegte. Zur Zeit arbeitet sie als freiberufliche Journalistin für diverse Rundfunkanstalten und als Sängerin in verschiedenen Projekten zwischen Bossa Nova, Jazz, Gospel und Electronica.
Samstag, 6. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße10:00 Uhr: Ralf Dombrowski (München):
Das Originelle und das Originale. Techniken kultureller Aneignung am Beispiel des Oriental JazzKultureller Austausch sollte im Idealfall ein bilateraler Prozess auf der Basis der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Systeme sein. Der künstlerische Alltag sieht jedoch häufig anders aus. Er ist geprägt von der Dominanz eines Modells gegenüber dem/den anderen, die dann oft höchstens als Klangfarbe oder Vitalisierungsmoment verwendet werden. Im Fall des Kontaktes von Jazz mit nordafrikanischer, arabischer Musik blickt diese Vorgehensweise ihrerseits auf eine lange Tradition des "Alla Turca“-Orientalismus zurück. Die Frage ist: Wie weit reichen kulturelle, musikalische Klischees und wo fängt tatsächliche Auseinandersetzung mit dem jeweils Anderen an? Wie kann die Beschäftigung aussehen und was bringt sie dem System des Jazz?
Ralf Dombrowski (geb. 1965) studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, spielte in diversen Musikgruppen zwischen Pop und Jazz, wirkte aber auch beispielsweise bei der Improtheatergruppe Fast Food mit und arbeitet hauptberuflich als Kritiker und Musikjournalist für die Süddeutsche Zeitung, dessen Ressort "Jazz" er seit 2006 inhaltlich leitet. Er arbeitet außerdem für diverse Rundfunksender sowie Fachmagazine, ist künstlerischer Leiter des Festivals "European Jazztival" auf Schloss Elmau und organisierte von 2002-2004 das Festival "Jazz aux Oudayas" in Rabat, Marokko. Zu seinen Publikationen zählen beispielsweise "John Coltrane – Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten" (Waakirchen 2002) und "Basis-Diskothek Jazz" (Stuttgart 2005)
11:00 Uhr: Martin Pfleiderer (Hamburg):
The World Meets Jazz. Zur Ästhetik des Jazz im Zeitalter der GlobalisierungJazz wird nicht nur in seinem Ursprungsland USA, sondern seit seinen Anfängen auch in vielen anderen Teilen der Welt gehört und gespielt. Jazz ist längst zu eine globalisierten Musikpraxis geworden. Zugleich gilt Jazz jedoch nach wie vor als die Musik Amerikas bzw. der Afroamerikaner. Musiker außerhalb der USA sahen und sehen sich immer wieder mit der Vorherrschaft und historisch legitimierten Definitionsmacht der US-Amerikaner in Sachen Jazz konfrontiert. Vor allem in den zurückliegenden Jahrzehnten spielen in diesem Zusammenhang ästhetische Konzepte wie Tradition, Authentizität und künstlerische Freiheit eine zentrale Rolle. Martin Pfleiderer will in seinem Referat zunächst die globalen Dimensionen des Jazz historisch nachzeichnen, sodann die genannten ästhetischen Konzepte hinterfragen und schließlich exemplarisch verschiedene Strategien vor allem von europäischen Musikern nachzeichnen, sich innerhalb – oder aber außerhalb – des Jazz zu positionieren.
Martin Pfleiderer (geb. 1967) ist Musikwissenschaftler, Saxophonist und Musikliebhaber. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Soziologie in Gießen und promovierte sich 1998 mit der Arbeit "Zwischen Exotismus und Weltmusik. Zur Rezeption asiatischer und afrikanischer Musik im Jazz der 1960er und 1970er Jahre" (Karben 1998). Von 1999-2005 wirkte er als wissenschaftlicher Assistent für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg, habilitierte sich 2006 mit einer Arbeit über "Rhythmus. Psychologische, theoretische und stilgeschichtliche Aspekte populärer Musik" (Bielefeld 2006). Derzeit nimmt er eine Vertretungsprofessur im Studiengang "Populäre Musik und Medien" an der Universität Paderborn wahr.
14:30 Uhr: Gilad Atzmon (London, UK):
Aesthetics, Ethics and Contemporary Music
[in englischer Sprache]Angesichts des Kollapses westlicher moralischer Werte, angesichts der Zerstörung des Irak im Namen von Freiheit und Demokratie und angesichts eines Verständnisses des Menschen als bloßem Konsumenten bleibt einem nur noch der Rückzug ins eigene Ich. Gilad Atzmon wird in seinem Referat über den Gott in uns, Herzensgüte und Integrität sprechen, über ethische und ästhetische Urteile, über den letzten Moment von Authentizität. Er fragt, ob die Suche nach Schönheit vielleicht eine Art von Hoffnung darstellt, ob sie vielleicht eine der letzten Möglichkeiten einer sozialen und ethischen Wiedererweckung sein könnte. Und im Gespräch wird sicher auch sein Selbstverständnis als israelisch-orientalischer Jazzmusiker in einer Welt zur Sprache kommen, die es auch Künstlern schwer macht, sich nicht als politische Kraft zu verstehen.
Der Saxophonist Gilad Atzmon wurde 1963 in Israel geboren, wo er bis 1994 als Musiker, Produzent und Arrangeur für verschiedene Tanz- und Rockprojekte arbeitete. In Europa und den USA trat er mit ethnischer "Jewish soul music" auf, spielte aber auch mit Musikern wie Memphis Slim, Jack DeJohnette, Michel Petrucciani oder Richie Beirach. Nachdem er 1994 nach England übersiedelte, wandte er sich verstärkt anderen Musiken "seiner" Region, des Mittleren Ostens, Nordafrikas und Osteuropas zu und gründete das Orient House Ensemble, mit dem er seine eigenen Wurzeln vor dem Hintergrund der politischen Realität erkunden will. Neben seiner Karriere als Musiker machte sich Atzmon auch als Schriftsteller einen Namen. Sein Roman "My One and Only Love" wurde in 24 Sprachen übersetzt. Und in Essays hat er sich ausführlich und kritisch mit dem Zionismus und der Situation Israels und Palästinas befasst. Am Samstagabend spielt Atzmon mit seinem Oriental House Ensemble beim Darmstädter Jazzforum.
15:30 Uhr: Karl Berger (Woodstock, USA):
Skizzen weltmusikalischer ErfahrungenAusgehend von seiner Assoziation mit Don Cherry und der Entwicklung des Creative Music Studio in Woodstock, New York, erläutert Karl Berger praktische und weltweite Erfahrungen mit Musikern und Musikformen, die zu seinem Verständnis von 'Common Elements' und 'Music Mind' führten: Begriffe, die neue Perspektiven anbieten, für Musiker speziell im Bereich von improvisierter Musik, Komposition und Interpretation, und für Hörer in der Intensivierung des Musikerlebens. Das Phänomen (und der Begriff) 'World Jazz' wurde in den 70er Jahren am Creative Music Studio maßgeblich entwickelt und geprägt (www.CreativeMusicStudio.org). Karl Berger lädt dabei auch zum Dialog ein.
Karl Berger (geb. 1935) zählt zu den renommiertesten Jazzmusikern Deutschlands. Der in Heidelberg geborene Pianist und Vibraphonist ist er seit den 60er Jahren in der internationalen Jazzszene aktiv. Über Paris zog er 1966 mit Don Cherrys Band nach New York, wo er mit vielen Größen der Jazz-Avantgarde zusammenarbeitete. Er gründete 1971 mit Ornette Coleman das Creative Music Studio in Woodstock, NY, ein Workshop-Zentrum, das bahnbrechende Arbeit leistete im Bereich von weltmusikalischer Theorie und Praxis. (Der Begriff 'World Jazz' wurde dort geboren.) Karl Berger erhielt 6 Downbeat Critics Awards und 3 Kompositions-Awards des National Endowment for the Arts, legte bisher 20 Schallplatten unter eigenem Namen vor, komponiert und arrangiert für Jazzensembles, Ballett, Kammermusik und World-Pop-Projekte (Bill Laswell, Jeff Buckley, Angelique Kidjo und viele andere). In den 90er Jahren war der promovierte Musikwissenschaftler Professor an der Hochschule für Musik in Frankfurt am Main, danach Leiter der Musikabteilung an der University of Massachusetts in Dartmouth, Mass., USA. Während des Darmstädter Jazzforums wird Berger am Freitagabend mit einem Allstar-Sextett außerdem sein Projekt "In the Spirit of Don Cherry" vorstellen, das sich Bergers und Don Cherrys weltmusikalischer Stilistik widmet.
16:30 Uhr: Harald Justin (Münster):
Jazz und World Music im Fadenkreuz des KulturkampfesWem gehört der Jazz? Gibt es überhaupt den Jazz? Dass Eigentumsverhältnisse in der Musik zur Disposition gestellt werden, ist ebensowenig neu wie (zumeist fruchtlose) Definitionsversuche des Jazz. Präziseres Wissen um den Jazz entschuldigt dabei nicht das Unwissen um die World Music. Wo fängt sie an, wem gehört sie, und was ist sie überhaupt angesichts unseres heutigen Wissens, dass der einst als "Urwaldmusik" verschriene Rock 'n' Roll gar keine World Music aus dem Dschungel Afrikas war, sondern in den amerikanischen Südstaaten entstand? Wenn es den Jazz und die World Music gar nicht gibt, wie werden dann kulturelle Distinktionsgewinne eingefahren? Andersrum gefragt: Inwieweit speist sich der Diskurs um Jazz und World Music vom obsolet geglaubten Kampf der Kulturen, in dem die Frage nach dem Oben und Unten, nach High & Low immer noch die dominierende Rolle spielt? Dabei gibt es heutzutage durchaus Spielarten von Jazz und World Music, die im Artifiziellen der Hochkultur besser aufgehoben wären als auf der Seite der (vermeintlichen) kulturellen Habenichtse. Und genauso findet der Kulturkampf zwischen High & Low seine Entsprechung längst nicht mehr zwischen Jazz und E-Musik, sondern direkt innerhalb der Jazzgeschichte. Er wird spürbar im Naserümpfen des Jazzfreundes über die armen Jazzverwandten Blues und World Music; er wird deutlich in der Abwertung von tanzbaren Jazzformen wie Soul-Jazz und Funk; er äußert sich der Europäisierung des Jazz und den Ausschlussverfahren in Jazz-Lexika gegenüber "wilden", d.h. rhythmischen Spielarten des afroamerikanischen Jazz. Insofern stellt die World Music dem Jazz einmal mehr die Frage nach dem Rohen und dem Gekochten, nach dem Wilden und dem Zivilisierten, dem Eigenen und dem Fremden. Und das ist keine Frage, die Staub ansetzen sollte, sondern eine, die nach dem Selbstverständnis der Jazzpublizistik fragt. Beispiele aus der Geschichte mögen belegen, wie die Leerstelle "Jazz" im Kampf der Kulturen immer wieder mit wechselnden Inhalten gefüllt wird – und was der World Music noch droht.
Harald Justin (geb. 1956) war nach dem Studium der Kunstgeschichte und Publizistik anfänglich als Publizist mit Schwerpunkt Kunstgeschichte tätig. Seit 1986, dem Gründungsjahr des Jazzmagazins Jazzthetik, arbeitet er im Redaktionsteam des Magazins als Leiter der Literaturredaktion und Stellvertretender Chefredakteur. Daneben veröffentlicht er Artikel, Aufsätze und Beiträge in Büchern, Zeitschriften und Katalogen zu kultur-, kunst- und musikhistorischen Themen. Justin ist Jurymitglied beim European Jazz Award. 2007 erscheint der von ihm in Zusammenarbeit mit Christina Bacher herausgegebene Kalender "Jazz 'n' Crime".
Hier: Das komplette Programmheft des 10. Darmstädter Jazzforums als pdf-Dokument [comes later!]
Das 10. Darmstädter Jazzforum im Überblick
Donnerstag, 4. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße14:00 Uhr: Eröffnung des 10. Darmstädter Jazzforums
14:30 Uhr: Andrew W. Hurley (Sydney, Australien): But did the world meet jazz? Behind J-E Berendt’s ‘Jazz Meets the World’ series [in englischer Sprache]
15:00 Uhr: Maximilian Hendler (Graz, Österreich): Jazz oder nicht Jazz?
16:30 Uhr: Torsten Eßer (Köln): Jazz in Lateinamerika – eine periphere Erscheinung?
Freitag, 5. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße10:00 Uhr: Wolfram Knauer (Darmstadt): Blowin' Up a (European) Storm. Stanko / Rava / Beckett – ein Vergleich sehr unterschiedlicher Trompetenstimmen im europäischen Jazz
11:00 Uhr: Günther Huesmann (Berlin): "Tokyo Operations" - John Zorn und der japanische Traditionsbegriff
14:30 Uhr: Gerhard Putschögl (Frankfurt/Main): Zu den Wechselwirkungen zwischen Jazz / afroamerikanischer Musik und Flamenco Nuevo in zeitgenössischen Stilformen spanischer Musik
15:30 Uhr: Timothy R. Mangin (New York, USA): Cosmopolitan Roots: Jazz in Senegal [in englischer Sprache]
16:30 Uhr: Silvia Kurschus (Berlin): Die gegenwärtigen Jazzszenen in Berlin und Rom. Jazz tradition versus cultural background. "Melting Pot" oder "Salat Bowl"?
KONZERT
Ort: Centralstation, Saal, 20 UhrKarl Berger Sextett "In the Spirit of Don Cherry" mit Steven Bernstein (trompete), Steve Gorn (sopransaxophon, flöten), Marc Abrams (bass), Bill Elgart (schlagzeug), Ingrid Sertso (stimme), Karl Berger (piano, vibraphon, compositionen, arrangements)
Cyminology mit Cymin Samawatie (gesang), Benedikt Jahnel (piano), Ralf Schwarz (bass), Ketan Bhatti (schlagzeug)
Samstag, 6. Oktober 2007:
SYMPOSIUM
Ort: Literaturhaus (John-F.-Kennedy-Haus), Rheinstraße, Ecke Kasinostraße10:00 Uhr: Ralf Dombrowski (München): Das Originelle und das Originale. Techniken kultureller Aneignung am Beispiel des Oriental Jazz
11:00 Uhr: Martin Pfleiderer (Hamburg): The World Meets Jazz. Zur Ästhetik des Jazz im Zeitalter der Globalisierung
14:30 Uhr: Gilad Atzmon (London, UK): Aesthetics, Ethics and Contemporary Music. Musikergespräch mit Gilad Atzmon [in englischer Sprache]
15:30 Uhr: Karl Berger (Woodstock, USA): Skizzen weltmusikalischer Erfahrungen
16:30 Uhr: Harald Justin (Münster): Jazz und World Music im Fadenkreuz des Kulturkampfes
KONZERT
Ort: Centralstation, Saal, 20 UhrGilad Atzmon & Oriental House Ensemble mit Gilad Atzmon (saxophon), Frank Harrison (piano), Yaron Stavi (bass), Asaf Sirkis (schlagzeug)
Sonntag, 7. Oktober 2005
KONZERT
Ort: Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, 20.30 UhrBen's Belinga Quartet mit Ben’s Belinga (tenorsaxophon), Georges-Édouard Nouel (piano), Laurent Evini (bass), Serge Marnet (djembe, perkussion, schlagzeug)
präsentiert von:
Zur Geschichte des Darmstädter Jazzforums:
Das Darmstädter Jazzforum ist das weltweit einzige regelmäßige Symposium zu Fragen der Jazzforschung, veranstaltet vom größten europäischen Jazz-Informations- und -Dokumentationszentrum. An drei Tagen gibt es Referate und Diskussionen zu ausgewählten Themen aus dem Jazzbereich, an den Abenden wird die Thematik in Konzerten von praktischer Seite beleuchtet. Die Referenten sind nicht nur Musikwissenschaftler, sondern auch Soziologen, Psychologen, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Journalisten und vor allem immer wieder auch Musiker, die ihre eigene Sicht der Dinge darstellen. Frühere Jazzforen beschäftigten sich beispielsweise mit Themen wie "Jazz und Komposition", "Jazz und Sprache", "Jazz in Europa", "Jazz in Deutschland", "Duke Ellington and what followed", "Jazz and Society", "improvising...", "Jazz goes Pop goes Jazz".Weitere Informationen sind erhältlich beim:Jazzinstitut Darmstadt
Bessunger Strasse 88d
D-64285 Darmstadt
Germany
Tel. ++49 (6151) 963700
Fax ++49 (6151) 963744
e-mail: jazz@jazzinstitut.de
Website: www.jazzinstitut.deTickets...
... gibt es für alle Konzerte im Vorverkauf bei der...
Centralstation, auch über Internet: http://www.centralticket.de