Albert Mangelsdorff galt seit den 1950er Jahren als die überragende Persönlichkeit des deutschen Jazz. Er war ein Musiker, der stil- und genreübergreifend Anerkennung fand und an Projekten beteiligt war, die zwischen Tradition, Avantgarde und Rock/Pop wechselten. Man achtete ihn international als einen Künstler mit einem ausgewiesen eigenständigen Stil, als einen Virtuosen auf der Posaune, als einen bedeutenden Komponisten und als einen Wegbereiter des Jazz in Deutschland.
Ein Frankfurter als musikalischer Botschafter
Albert, wie man ihn vertraulich in der Szene nannte, war aber nicht nur ein innovativer und äußerst individueller Musiker: Mit seinem persönlichen Instrumentalstil und insbesondere seiner Beherrschung und Erweiterung der Multiphonics auf der Posaune beeinflusste er Musiker sogar im Ursprungsland des Jazz, in den USA. Der gebürtige Frankfurter Albert Mangelsdorff war damit ein Botschafter des Jazz für die Bundesrepublik Deutschland, zugleich aber auch immer ein Botschafter für seine Heimatstadt, der er sich über alle Maßen verbunden fühlte und aus der er trotz entsprechender Angebote, in den USA eine Karriere zu verfolgen, nicht wegziehen wollte. Mangelsdorff war der erste Jazzmusiker, der für das Goethe-Institut durchs Ausland reiste. Er repräsentierte mit seiner Musik das Gesicht eines individualistischen, freien und demokratischen "neuen" Deutschlands in der Welt.
Respekt und Selbstbewusstsein
Albert Mangelsdorffs kreatives Schaffen begleitete die Entwicklung des Jazz in Deutschland von den Anfängen in den GI-Clubs des Rhein-Main-Gebiets bis in die Gegenwart einer zunehmend selbstbewussten Szene. Er kam zur Musik unter dem Einfluss seines Onkels, der ihm in Pforzheim das Geigenspiel beibrachte, und seines Bruders Emil, der bereits seit Ende der 1930er Jahre mit Freunden Jazz hörte und selbst spielte. Albert kam gleich nach Kriegsende mit amerikanischen Musikern und Zuhören in Kontakt, als er in den GI-Clubs des Rhein-Main-Gebiets spielte. Wie andere deutsche (und europäische) Musiker hing er Anfang der 1950er Jahre einem Cool-Jazz-Ideal an, entwickelte sein Spiel dann weiter in Richtung Hardbop und in den 1960er Jahren auch in freiere Gefilde, wobei Mangelsdorff nie zu den extremsten Free-Jazzern gehörte, sondern freie Improvisation meist im Rahmen melodischer oder harmonischer Ideen verwandte. 1958 reiste er mit der International Youth Band nach Amerika, wo er beim Newport Jazz Festival auftrat und zugleich in New York und anderswo den amerikanischen Status quo im Jazz erlebte. Hier wurde ihm klar, dass er als deutscher Musiker einen eigenen Weg suchen und beschreiten musste, dass die erste Regel des Jazz die war, sich selbst zu spielen. Mit seinem klassischen Quintett der 1960er Jahre tat er genau dies, entwickelte eine Musik, die genauso vom Cool Jazz, vom Hardbop der 1950er und von modaler Improvisation beeinflusst war, wie sie versuchte Freiheiten zu lassen, kollektive Arbeit zuzulassen und bei alledem einen individuellen Gruppensound zu entwickeln. Mangelsdorff tat all dies in einem Umfeld, in dem sich die Wahrnehmung des Jazz langsam wandelte von einer reinen Tanz- und Unterhaltungsmusik zu einer Musik mit Kunstanspruch. Und er tat all dies mit dem Bewusstsein, dass er als Deutscher in der afro-amerikanischen Musik eine Möglichkeit zum Selbstausdruck gefunden hatte, und damit selbst als eine Art Mittler zwischen den Kulturen wirkte. Respekt und Selbstbewusstsein – und zwar beides mit überaus ernster Attitüde – gehörten bei Mangelsdorff zum Schaffen unbedingt hinzu: Respekt vor der Tradition des Jazz und der Leistung seiner Kollegen, Selbstbewusstsein gegenüber dem eigenen Schaffen und der eigenen Kreativität.
Ernsthaftigkeit und Freude am Spiel
Diese Ernsthaftigkeit machte Mangelsdorff über die stilistischen Grenzen hinaus zu einem so integrativen und allseits anerkannten Musiker. Man wusste, dass er alles konnte auf seinem Instrument. Ob Kollektivimprovisation, swingendes Posaunenspiel, rhythmischer Groove oder freie Improvisation: Mangelsdorff hatte keine Mühe. Er war Profi genug, um sich auf all diesen und weit mehr Gebieten zu behaupten und dabei zugleich seine eigene Stimme, seinen eigenen Sound zu bewahren. Mangelsdorff war zeitlebens ein bescheidener Mensch. Er war nicht einer, der sich in den Vordergrund drängte, nicht einer, der unbedingt im Rampenlicht stehen wollte. Auch deshalb wurde er von Kollegen und von seinem Publikum geliebt, weil man ihm abnahm, dass es ihm vor allem auf die Musik ankam. Seine Ernsthaftigkeit war geradezu körperlich zu erleben bei seinen Konzerten, und selbst wenn er scherzte in seinen Ansagen, war klar, dass es mit den Scherzen vorbei sein würde, sobald er zu seinem Instrument griff. Dabei war seine Musik nicht ohne Humor: Natürlich war auch ihm klar, dass die technische Meisterschaft der Multiphonics, die er in den 1970er Jahren ausbaute, bei einem großen Teil des Publikums erst Verwunderung, dann aber durchaus auch Erheiterung hervorrief. Und er sorgte immer dafür, dem Publikum diese technischen Details seines Spiels so zu vermitteln, dass sie staunten und doch das Gefühl hatten, der Meister war auch einer von ihnen, einer, der sich all das hart erarbeitet hatte, um es so zu beherrschen und kreativ verwenden zu können. Er ließ sein Publikum schon mal mitsummen, eine klangliche Grundlage legen, über der er improvisieren konnte, so wie das sonst entweder die Band oder aber auch er selbst tat. Diese natürliche Balance zwischen Ernsthaftigkeit und deutlicher Freude am kreativen Schaffen teilte sich bei ihm immer direkt mit.
Neues wagen, nicht zerstören
In den späten 1960er Jahren gab es im deutschen Jazz eine Tendenz des Aufbrechens von Regeln und Grenzen. Auch Albert Mangelsdorff hatte an diesen Experimenten teilgenommen, spielte mit Protagonisten wie Peter Brötzmann oder Peter Kowald, trat beim Total Music Meeting in Berlin auf, wirkte bei Platten mit, in denen die Strukturen aus den improvisatorischen Abläufen der Beteiligten entstanden und nicht vorgegebenen komponierten Formmodellen gehorchten. Mangelsdorff machte dabei mit, und seine Stimme hatte durchaus Gewicht, doch er war nie einer der legendären "Kaputtspieler" dieser Szene. Ähnliches ist über seine Ausflüge in die Rockmusik festzustellen: Groove und rhythmische Riffs und bluesdurchtränkte Soli sind sein Problem nicht, und dennoch bleibt er überall Mangelsdorff, der aus dem Jazz stammende Musiker. Er biedert sich nicht an, egal ob er mit klassischen Kollegen zusammenarbeitet oder mit Klaus Lage. Auch das ist ein Teil seiner musikalischen Persönlichkeit: Wenn Kollegen ihn engagieren, dann tun sie dies wegen seiner musikalischen Ernsthaftigkeit, bei der sie von vornherein wissen, welche Klangfarbe sie da erhalten werden, zugleich aber auch, dass er dazu in der Lage ist, diese Klangfarbe jeder Eventualität anzupassen.
Fürsprecher des Jazz
In seiner langen Karriere wurde Albert Mangelsdorff nicht nur als einer der bedeutendsten deutschen Musiker geschätzt, sondern zugleich als ein Fürsprecher und – in seiner ruhigen Art durchaus auch – Kämpfer für den Jazz. So war er 1974 einer der Mitbegründer und über lange Jahre Präsident der Union Deutscher Jazzmusiker, wirkte in Gremien, die über musikalische Belange zu entscheiden hatten, in Berufungskommissionen und Jurys. 1993 wurde er zum Honorarprofessor an der Musikhochschule Frankfurt ernannt und von 1995 war er für sechs Jahre künstlerischer Leiter der Berliner Jazztage. In all diesen Funktionen, die ja nicht nur rein musikalische Tätigkeiten waren, wirkte er für die Musik, konnte dem Jazz ein neues Publikum, vor allem aber Respekt verschaffen.
Und wieder … die Wurzeln
Albert Mangelsdorff war sicher eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Jazzmusikern. Er ging gerade seinen Weg, auf der Suche nach dem eigenen Stil und mit der Selbstsicherheit, dass das, was er auf seiner Posaune blies, der Tradition des Jazz genauso verbunden war wie den deutschen Wurzeln, die er als gebürtiger Frankfurter durchaus stark fühlte. Sein Name strahlte in die ganze Welt. Seine Wurzeln hatte er in Frankfurt am Main, wo er in den GI-Clubs seine Karriere begonnen und im Jazzkeller geprobt hatte, wo er mit dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks immer neue kompositorische Wege ging und traditionell von 1959 bis 2004 einmal im Jahr beim Jazz im Palmengarten zu hören war. Albert Mangelsdorff starb am 25. Juli 2005 in seiner Heimatstadt im Alter von 76 Jahren. Sein Nachlass ist seit 2009 im Albert-Mangelsdorff-Archiv des Instituts für Stadtgeschichte der Stadt Frankfurt untergebracht.