New Books 2002

Alenka Barber-Kersovan & Gordon Uhlmann (eds.):
Getanzte Freiheit. Swingkutur zwischen NS-Diktatur und Gegenwart
Hamburg 2002 (Dölling und Galitz Verlag)
240 Seiten ISBN: 3-935549-05-9

Der Jazz war immer mehr als nur Musik – er stand Zeit seines Lebens auch für ein Lebensgefühl. Dieses Lebensgefühl, das irgendwo von Freiheit und Individualität handelte, am Anderssein und Andersseindürfen, machte den Jazz in der NS-Zeit zu einer verfemten Kunst – zusätzlich zu seinen so ganz un-arischen Wurzeln, seiner Herkunft aus Amerika und Afro-Amerika zudem, den Beigaben etlicher jüdischer Virtuosen zur Swingmusik der 30er Jahre. Der Jazz jener Zeit war populäre Tanzmusik und wurde auch so rezipiert – in den USA genauso wie in Europa. Das Buch “Getanzte Freiheit” führt in die Begleitumstände der Thematik ein, erklärt den Zustand eines europäischen Jazz in den 30er Jahren, wirft einen Blick auf Machtmethoden des Hitler-Reichs, aber auch auf einzelne Schicksale jener Zeit, auf Menschen, die vor allem als Fans am Swing Gefallen fanden und deswegen Repressalien ausgesetzt waren. Der Blick vom Großen ins Kleine betrachtet sowohl den ideologischen versuch einer Gleichschaltung von Jugendkultur als auch die ganz konkreten Auswirkungen, die alltäglichen Verfolgungen einzelner Swingfans in Hamburg. Zeitzeugen berichten, Fotos vermitteln die Umstände, und der bekannte Vibraphonist Wolfgang Schlüter erzählt, wie er in der Nachkriegszeit den Jazz erlebte. Zu den namhaften Autoren des Bandes gehören Ekkehard Jost und Guido Fackler. Angelegt als sozialwissenschaftliche Dokumentation, ist das Buch doch eine flüssige Lektüre, zeigt Facetten der Geschichte auf, die im Detail die Auswirkungen des Unrechtssystems vor Augen führen.

(Wolfram Knauer)


Werner Burkhardt:
Klänge, Zeiten, Musikanten. Ein halbes Jahrhundert Jazz, Blues und Rock

Waakirchen 2002 (Oreos-Verlag)
320 Seiten, 29,50 Euro
ISBN: 3-923657-70-6

Ein Buch, das wir uns schon lange gewünscht haben! Werner Burkhardt, der Nestor der deutschen Jazzkritik, der seit den fünfziger Jahren in den angesehensten Feuilletons über Konzerte, Musiker und musikalische Reisen schreibt und dessen Spektrum von der Oper bis zu Miles Davis, den Stones oder John Lee Hooker reicht, hat die schönsten Texte über Jazz-, Blues- und Rockmusik aus seinem Archiv für uns ausgewählt. Es ist ein wunderschönes Buch geworden, nicht zuletzt dank der erlesenen Fotos von Sepp Werkmeister, Val Wilmer, Ralph Quinke u.a.

(Verlagsmitteilung)


Nadine Cohodas:
Wie Chess den Blues vergoldete. Die Geschichte der Brüder Chess und ihrer legendären Plattenfirma
Höfen/Österreich 2002 (Hannibal)
359 Seiten, 25,90 Euro
ISBN: 3-85445-207-1

Die 1940er Jahre waren eine Aufbruchszeit für kleine Plattenlabels in den USA. Diese konnten schneller als die “Majors” auf die Bedürfnisse regionaler Musikszenen reagieren, konnten sich trauen, unbekannte Künstler herauszubringen, konnten Risiken eingehen, vor denen die großen Konkurrenten sich scheuten. Das Label Chess, Anfang 1950 von den Brüdern Leonard und Phil Chess, Söhnen eines Schrotthändlers, in einem Chicagoer Hinterhof gegründet, ist die Erfolgsgeschichte eines solchen Risikos. Die Chess-Brüder waren von der Blues-Szene ihrer Heimatstadt fasziniert. Ihre erste Platte hatte allerdings auch einen Hauch von Jazz – es war Gene Ammons’ Version von “My Foolish Heart”. Doch schon mit der zweiten Platte stiegen sie tief ins Bluesgeschäft ein und dokumentierten die aktuelle Band von Muddy Waters. In der Folge zogen die beiden mit ihrem Plattenlabel ein äußerst erfolgreiches Geschäft auf, vor allem deshalb, weil sie die Struktur des amerikanischen Musikbusiness so gut durchschauten und sich dessen Besonderheiten zunutze machten. Bald war Chess mehr als ein Plattenlabel, es war ein Markenzeichen. Künstler wie Howlin’ Wolf, John Lee Hooker, Buddy Guy standen bei ihnen unter Vertrag, deren Sound des urbanen elektrisch verstärkten Chicago-Blues einen eigenen Stil ausmachte, aber auch Rocker wie Bo Diddley und Chuck Berry, die den neuen populären Stil der 1950er Jahre mitkreieren halfen. Zwischendurch gab es immer mal wieder ein paar Jazzaufnahmen – vor allem auf dem Unterlabel Argo, bei dem Platten von Art Farmer, Benny Golson oder Rahsaan Roland Kirk erschienen –, der legendäre Ruf des Labels aber lag in den Jahren des Chicago-Blues begründet. Diesen Ruf erhielt sich der Name Chess auch nach dem Verkauf des Labels im Jahre 1969. Nadine Cohodas ist zur Recherche für ihr Buch herumgereist und hat viele Zeitzeugen befragt, darunter auch Phil Chess selbst. Ihr Buch gibt einen kurzweiligen Einblick in die Musikindustrie der Vereinigten Staaten in aufregenden Zeiten, erhellt nicht nur Facetten der Bluesgeschichte, sondern beleuchtet genauso den Einfluss, den die Platten des Chess-Labels auf Rockmusiker in den USA wie in Europa nehmen konnten.

(Wolfram Knauer)


 

Ralf Dombrowski:
John Coltrane. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten

Waakirchen 2002 (Oreos-Verlag)
248 Seiten, 24,80 Euro
ISBN: 3-923657-63-3

Zu den ersten Bänden der Collection Jazz gehörte der Band über John Coltrane von Gerd Filtgen, er erschien erstmals 1983, erlebte zwei Auflagen, wurde über 10.000mal verkauft und ist seit einigen Jahren vergriffen. Nach zwanzig Jahren hat sich zwar die Musik Coltranes nicht verändert, es ist aber ein jüngeres Publikum herangewachsen, das den großen Saxophonisten nicht weniger verehrt als die Generation davor, seine Musik und seine Person aber doch anders wahrnimmt. Wir haben deshalb das erfolgreiche Buch von Gerd Filtgen kein weiteres Mal neu aufgelegt, sondern den jungen Jazzjournalisten Ralf Dombrowski gebeten, ein völlig neues Buch zu schreiben, allerdings im bewährten Konzept, das aus Biographie, musikalischer Analyse und einem vollständigen kommentierten und bebilderten Plattenverzeichnis besteht.

(Verlagsmitteilung)


Jürgen Haufe & Matthias Creutziger:
Faszination Jazz. Fotos / Skizzen / Malerei
Dresden 2002 (Sweetwater Jazz)
119 Seiten
zu bestellen bei http://www.SweetwaterJazz.de

Jürgen Haufe und Matthias Creutziger haben die Jazzszene beobachtet, begleitet, dokumentiert und kommentiert mit ihrem jeweiligen Bildmedium, Stift und Pinsel beim 1999 verstorbenen Haufe, Kameraauslöser bei Creutziger. Beide stammen aus dem Osten Deutschlands, beide sind mit ihrer heimatlichen Jazzszene eng verbunden, beide haben schon zu DDR-Zeiten über den Tellerrand geschaut, beide haben spätestens nach der Wende die Welt entdeckt und dabei immer auch den Jazz im Blick gehabt. Creutzigers Fotos fangen Augenblicke von Inspiration und Kreativität ein, Mühe, Konzentration, Leichtigkeit, Energie, Intensität. Es sind Portraits der Künstler im Schaffensprozeß, Musik in Bewegung festgehalten im Kameraobjektiv eines Fotografen, der nie nur Auge, immer auch Ohr ist. Haufe Musikerskizzen fangen genauso Bewegung ein, Menschen mit Instrumenten, man spürt die Konzentration, das Lebendige dieser Musik, meint zu hören, ob die skizzierten Musiker eine energie-geladene Uptempo-Nummer spielen oder eine lyrische Ballade. Und Haufes Malerei haucht diesen Skizzen schließlich bunteste Farbigkeit ein – in kräftigsten Farben pinselt er die Stimmung. Das Buch enthält Aufsätze von Bernhard Theilmann, Mathias Bäumel und Bert Noglik, in denen die Künstlerfreundschaft Haufe/Creutziger beschrieben wird, aber auch die Situation, aus der heraus die Kunst der beiden Bildschaffer entstanden ist. Das großformatige Softcover lädt ein zum Blättern und Erinnern und Hören oder Sich-Gehörtes-Vorstellen.

(Wolfram Knauer)


Christian Deblanc & Bernard Legros:
musiciens de JAZZ
Louvain-la-Neuve/Belgien 2002
173 pages, many black and white photographs
ISBN: 2-930358-07-6

Entre l’image et le texte, ce livre ouvre une nouvelle porte sur l’histoire récente du jazz. On y découvre les biographies des grands jazzmen de notre époque et une description des différents courants actuels. Christian Deblanc et Bernard Legros nous invitent à pénétrer les différentes facettes de ce genre musical complexe et multiforme. Le ton est ici résolument optimiste et les portraits brossés donnent envie de prolonger la découverte par l’écoute. Un ouvrage intimiste pour une sonorité conviviale: le pari est réussi!

(publisher’s note)

The photographer Christian Deblanc and the journalist Bernard Legros offer a book with wonderful photos of musicians in action and short verbal characterizations of their style. Each musician gets one full page, one photo, pne short text. The book includes famous artists from both sides of the Atlantic as well as not so famous, younger musicians, many faces from the French or Belgian scene. Deblanc’s photos are beautiful shots of musicians playing, concentrating, working.

(Wolfram Knauer)


Felix Klopotek:
how they do it. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik
Mainz 2002 (Ventil Verlag)
221 Seiten, 13,90 Euro
ISBN: 3-930559-75-7

Der freie Jazz ist mittlerweile selbst Geschichte, die Avantgarde der 60er und frühen 70er Jahre heute eine historische Sache. Die jungen Jazzer wenden sich anderen Idiomen zu, sie spielen höchstens mit dem Bierernst ihrer Vorgänger, zitieren augenzwinkernd, nutzen deren beste Erfindungen (Powerplay, energetische Explosionen, Ausflüge ins Freie), setzen diese aber in ihrer eigenen Manier ein und finden in der Mischung der Einflüsse ihre eigene Sprache. Felix Klopotek fasst in dem Buch Aufsätze zusammen, die in Szenezeitschriften erschienen oder als Rundfunkmanuskripte entstanden, Texte zum freien Jazz, zur postseriellen Musik, zur Elektronik, zur Aktualität heutiger Improvisationsmusik. Thematisiert wird die Arbeit von Charles Gayle, Peter Brötzmann, Cecil Taylor, Milford Graves, Derek Bailey, aber auch die von Keith Rowe, Cornelius Cardew, Eugene Chadbourne, der AMM sowie jüngere Musiker und Ensembles wie Christian Marclay, Gastr del Sol, Mouse on Mars und viele andere in kurzen Essays und Interviews die neugierig machen auf Aspekte auch in der Musik bekannter Künstler, die vielleicht nicht so sehr im Vordergrund ihrer Arbeit stehen.

(Wolfram Knauer)


Martin Kunzler:
ro-ro-ro Jazz-Lexikon

Reinbek bei Hamburg 1988 (ro-ro-ro)
2 Bände, 1604 Seiten, je 14,90 Euro
ISBN: 3-499-16512-0 (Bd. 1)
ISBN: 3-499-16513-9 (Bd. 2)

Die lange erwartete zweite Auflage des ro-ro-ro-Jazz-Lexikons von Martin Kunzler ist nun endlich erschienen. Kunzlers zweibändiges Opus leistet mehr als die üblichen Lexika, die vor allem mit Daten und Fakten aufwarten: Er wagt auch eine Einschätzung der musikalischen Leistung seiner Protagonisten, beschreibt den Stil, ihre musikalische Entwicklung, wartet meist auch mit Zitaten auf – entweder von den betreffenden Musikern selbst oder von anderen über sie. Kunzlers Jazz-Lexikon kommt damit dem Vorbild eines Musikführers näher als andere Lexika (vom New Grove Dictionary of Jazz einmal abgesehen, das der internationale Marktführer auf dem Gebiet der Nachschlagewerke ist). Neben Namensartikeln erklärt Kunzler auch einige der Grundbegriffe des Jazz. Besonders gut sortiert ist Kunzler im Bereich der deutschen und europäischen Musikerinnen und Musiker – hier tauchen viele Namen auf, die sich sonst wirklich in keinem Lexikon finden lassen. Wie “Kunzler Eins” wird auch “Kunzler Zwei” sicher zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk werden – für Musiker, Veranstalter, Journalisten, Jazzfans und Jazzfreunde.

(Wolfram Knauer)


Francesco Martinelli:
Joëlle Léandre Discography. A complete sourcebook about the extraordinary French doublebass player and composer
Pisa 2002 (bandecchi & vivaldi editore)
159 pages, black and white photographs
ISBN: 88-8341-015-7

Francesco Martinelli has published several books about contemporary improvising musicians and is contributing regularly to avantgarde music magazines. After discographies about Evan Parker, Anthony Braxton and Mario Schiano, the book on Joëlle Léandre is the fourth in a series of detailed listings of recordings. Subtitle of the book is “A complete sourcebook” , and thus one finds excerpts from reviews, interviews, essays and articles, but also writings by Joëlle Léandre as well as a photo gallery. Léandre is one of the foremost European double bass players performing somewhere between free jazz and free improvisation in a genre sometimes called “European free improvisation”. Her scope is realized when reading the names of musicians she played with and recorded with: Maggie Nichols, Lindsay Cooper, Lol Coxhill, Tony Coe, Derek Bailey, Irène Schweizer, George Lewis, Peter Kowald, Jon Rose, Anthony Braxton, Carlos Zingara, Eric Watson, Rüdiger Carl, Mario Schiano, Lauren Newton, Georg Graewe, Fredy Studer, William Parker, Sebi Tramontana and so many others, in between many solo projects. Her playing needs ears and records, Martinelli’s book provides the information about those recorded documents, background on her musical concept as well as critical reflections. The book also contains an extensive bibliography and is well indexed (musicians’ names as well as music titles).

(Wolfram Knauer)


Giuseppe Pino:
Jazz My Love
Mit einer Einleitung von Clint Eastwood und einem Text von Bill Crow
München 2002 (Schirmer/Mosel)
252 Seiten, 206 Fotos in Schwarzweiß und Farbe, Hardcover, 68 Euro
ISBN: 3-8296-0066-6

Giuseppe Pino gehört zu den bekanntesten Jazzfotografen Europas. Seine Bilder dokumentieren den Jazz der 1960er bis 1980er Jahre zwischen Blues, Mainstream, modernem Jazz, Free Jazz, Fusion. Anders als Matthias Creutziger, dessen Buch weiter oben vorgestellt wird, fotografiert Pino selten Musiker in Aktion. Ihn interessiert das Portrait des Menschen, nicht jenes der Aktion. Er hat nichts gegen Posen, gibt den Musikern vor, wo stehen sollen, dirigiert sie. Oder er sucht vor, während, nach Konzerten diejenigen Augenblicke, die den Musiker nicht als Bühnenpersönlichkeit, sondern als Menschen zeigen. Dexter Gordon, der beim Verbeugen sein Saxophon hochhält, Pharoah Sanders, der im Konzert auf die Uhr schaut, Cecil Taylor, der hinter dem langen Flügel fast im Off verschwindet. Ansonsten sind es gestellte Portraits, indoor oder outdoor, mit Instrument oder ohne, Dizzy beim Joggen oder Miles in der Garderobe, Musiker bei der Probe, beim Soundcheck, beim An- und Abreisen. Bilder aus der Welt der Musik, Bilder, die versuchen, sich den Menschen hinter der Musik zu nähern. Ein Buch zum Blättern und Lachen und Sentimentalwerden – auch deshalb, weil so viele der abgebildeten Musiker nicht mehr leben, wo sie doch von Pino mit so viel Lebensfreude festgehalten sind. Clint Eastwood, Bill Crow, Philippe Carles und Pino selbst steuern kurze Texte zum Vorwort bei, im Mittelpunkt aber stehen die wunderbaren großformatigen Bilder.

(Wolfram Knauer)