New Books 2010

Louis Armstrong
von Wolfram Knauer
Stuttgart 2010 (Reclam Verlag / Universal Bibliothek)
216 Seiten, 5,80 Euro
ISBN: 978-3-15-018717-3

2010knauerHier mal keine Kritik sondern einfach ein Hinweis auf eine neue Reihe der legendären Reclam-Universal-Bibliothek, die sich einigen der großen Jazzmusiker widmet. Der erste Band dieser Reihe beschäftigt sich mit Leben und Werk Louis Armstrongs und versucht, seiner Biographie anhand seiner Musik näherzukommen. Der Autor ist “Yours Truly”, daher sei mit pseudo-kritischem Lob gespart und stattdessen einfach ein Statement desselben abgedruckt:

“Vor einigen Jahren veröffentlichte der Reclam-Verlag seine Reihe ‘Jazz-Klassiker’, herausgegeben von Peter Niklas Wilson, der die dafür verpflichteten Autoren bat, die Biographien der ihnen zugewiesenen Musiker entlang ihrer Musik zu beschreiben, allgemein verständlich und doch immer wieder mit den offenen Ohren des kritisch Zuhörenden. Ich durfte für die ‘Jazz-Klassiker’ einige Kapitel schreiben, vor allem über Musiker aus der frühen Zeitspanne der Jazzgeschichte. Vor zweieinhalb Jahren dann fragte der Reclam-Verlag an, ob ich nicht aus meinem Armstrong-Kapitel ein Buch für die neue Jazz-Biographien-Reihe des Verlags machen könnte. Die Anfrage kam etwa zeitgleich zu meiner Berufung auf die Louis Armstrong-Professur an der Columbia University in New York, eine Gastprofessorenstelle, die ich im Frühjahr 2008 innehatte und die aus dem Nachlass des Trompeters finanziert wurde. Wenn auch meine Professur außer dem Titel nichts mit Armstrong zu tun hatte (ich unterrichtete über ‘Jazz in Europe / European Jazz’), so sah ich in der Anfrage des Reclam-Verlags doch auch eine Chance, mich ganz persönlich zu bedanken für die große Ehre, und mich einmal mehr und noch intensiver in die Musik des Trompeters und Sängers einzuhören.

Das resultierende Buch soll damit nicht einfach nur ‘eine weitere Biographie’ Armstrongs sein, sondern sein Leben entlang seiner Musik nachzeichnen, denn wie in aller Kunst ist auch im Jazz das eine ohne das andere nicht vorstellbar: Die Lebensumstände bestimmen, wo es langgeht in der Musik, und die Musik erlaubt oft genug einen tiefen Einvlick in die Persönlichkeit des Musikers. In meiner Biographie Armstrongs versuche ich solche Bezugslinien aufzuzeigen, höre genau hin und versuche durch die erklingenden Töne hinter all das zu kommen, was man über den Trompeter weiß. Ich zeichne dabei das Bild eines bescheidenen Virtuosen, eines politik-bewussten Entertainers, eines volksnahen Stars, dem es selbst in den kitschigsten seiner Aufnahmen gelang, die Würde der musikalischen Eigenständigkeit zu bewahren. Ich erzähle sein Leben entlang der Geschichte des 20sten Jahrhunderts genauso wie entlang der Jazzgeschichte, beschreibe den Mythos, der ihn umgab, und vor allem seine improvisatorische Meisterschaft, die vor allem anderen stand und ihm und seiner Musik überall auf der Welt Freunde einbrachte.

Louis Armstrong ist so alt wie der Jazz. Geboren am 4. August irgendwann um 1900, war und blieb er bis heute das Markenzeichen der großen klassischen afroamerikanischen Musik, ein Mythos, den auch Uneingeweihte kennen und respektieren (‘What a Wonderful World’…). Ein Mensch, dessen Lebensgeschichte die Emanzipation der schwarzen Amerikaner verkörperte, dessen trompetenspiel die improvisierende Phantasie in die Musik zurückbrachte, dessen Ton und Swing im kulturellen Gedächtnis der Welt aufbewahrtliegt.”

(Wolfram Knauer, Februar 2010)


 

Unternehmerisches Kulturengagement am Beispiel der Musikförderung der Škoda Auto Deutschland GmbH
von Uwe Wagner
Leipzig 2013 (Leipziger Universitätsverlag)
138 Seiten, 28,00 Euro
ISBN: 978-3-86583-407-2

2010wagnerSponsoring wird zu einem immer wichtigeren Standbein kultureller Aktivitäten. Der Jazz hat es dabei scheinbar schwer, ist seine Hörerschaft doch weit individualistischer, weniger gruppenkonform zu klassifizieren als die anderer Genres. Er konkurriert zudem mit breiter verankerten Musikrichtungen und nicht zuletzt mit dem Sport um die Gunst der Sponsoren. Uwe Wagner will in seiner Studie die Grundlagen kulturellen Sponsorings genauso wie die Motivation für Unternehmen ergründen, sich im Kultursektor zu engagieren. In einem Fallbeispiel fragt dabei insbesondere nach der Attraktivität des Jazz für unternehmerische Kulturförderung.

In seinem begriffsklärenden Eingangskapitel unterscheidet Wagner zwischen Kultursponsoring, Mäzenatentum und Spendenwesen und stellt das Konzept der Corporate Cultural Responsibility vor. Er fragt nach Gründen, die Unternehmen haben könnten, sich in Kulturprojekte einzubringen, Gründe, die genauso markt- und markenbezogen sein können wie gesellschaftsbezogen oder auch ganz persönlich. Er nennt Beispiele für gelungene Sponsoringaktivitäten, bei denen sich eine Affinität zwischen Sponsor und unterstütztem Projekt findet.

Für die Musik gliedert er die Förderbereiche vor allem nach Kategorien der Professionalität, also Spitzenstars, “Leistungsebene” der Professionals sowie breite Basis der Laienmusik. Er nennt Beispiele musikalischen Sponsorings aus den Bereichen Klassik, Jazz und Pop und fragt bei all diesen Beispielen nach den möglichen Beweggründen. Er stellt verschiedene Modelle vor, die von der Förderung von Nachwuchskünstlern über Sachmittel bis hin zu eigener Veranstaltungstätigkeit reichen. Wichtig für eine beide Seite zufrieden stellende Kooperation sei die Einigkeit über die angezielte und die tatsächliche Zielgruppe. In einem Unterkapitel beschreibt Wagner dabei auch die Risiken unternehmerischer Förderung, die sowohl im Glaubwürdigkeitsverlust stecken, wenn nämlich Förderer und gefördertes Projekt nicht zusammenpassen, als auch in der ungewollten Substitution öffentlicher Mittel.

Den praktischen Teil seiner Arbeit widmet Wagner dann der Kulturförderung der Škoda Auto Deutschland GmbH. Er beschreibt die Förderkriterien des Konzerns, die bisherigen Förderbereiche und die unternehmerischen Erwartungen an eine Förderung im Kultursektor. Er beschreibt Škodas Aktivitäten im Jazzbereich und den Versuch einer internen Verankerung des kulturellen Engagements, also einer Identifikation auch der Mitarbeiter mit den geförderten Jazzprojekten. Einen Fokus legt er auf den Škoda-Jazzpreis als ein Best-Practice-Beispiel.

Recht nüchtern liest sich der Abgleich möglicher unternehmenspolitischer Ziele, wie er sie anfangs in seinem Buch diskutierte, mit der konkreten Jazzförderung durch Škoda. Insgesamt, stellt Wagner fest, nähme das Kultursponsoring in den letzten Jahren im Vergleich zur Förderung anderer Bereiche eher ab. Grundlage jeder kulturellen Partnerschaft in diesem Bereich, resümiert er, sei ein hohes Maß an Engagement von beiden Partnern.

Wagners Buch ist kein Leitfaden für Kultursponsoring, aber in seiner allgemeinen Analyse und anhand des von ihm gewählten Fallbeispiels ein wichtiges Buch, anhand dessen sich die Chancen genauso wie die Probleme einer Kulturpartnerschaft ablesen lassen. Die wissenschaftliche Herangehensweise erlaubt eine nüchterne Analyse der gegenseitigen Erwartungen und damit vielleicht tatsächlich eine Partnerschaft, die mehr ist als “Geldgeber hier, Künstler dort”.

Wolfram Knauer (Oktober 2013)


 

Stan Kenton. This Is an Orchestra!
von Michael Sparke
Denton/TX 2010 (University of North Texas Press)
345 Seiten, 24,95 US-Dollar
ISBN: 978-1-57441-284-0

2010sparkeStan Kenton war sicher einer der umstritteneren Pianisten und Bandleadern der Jazzgeschichte. Sein Orchester gehörte zu den erfolgreichsten Bands der 1940er und 1950er Jahre; Kenton selbst ermutigte Arrangeure, avancierte Kompositionen zu realisieren, und half dadurch dabei mit, dem Jazz den Weg vom Ball- in den Konzertsaal zu ebnen. Nicht zuletzt beschäftigte er einige der einflussreichsten jungen Musiker, die aus der Arbeit in seiner Band heraus ihren Weg gingen.

Michael Sparke erzählt in diesem Buch die Geschichte Kentons von seiner Geburt wahrscheinlich im Februar 1912 (die Geburt wurde von der Familie vordatiert, um sie ehelich zu machen) bis zu seinem Tod im Jahre 1979. Der private Kenton bleibt dabei eher außen vor; denn Sparke geht es um den Bandleader. Sparke lässt die musikalische Karriere Kentons chronologisch Revue passieren. Sein erstes Kapitel beginnt gleich mit dem Engagement der Band im Renaissance Ballroom im kalifornischen Balboa im Jahr 1941. Weiter geht’s von Hollywood nach New York und durch die Jahre als Swing- und Tanzorchester. Wir lesen über die Arrangements von Pete Rugolo, über das Artistry of Rhythm-Orchestra, über die Vermarktung des “progressive jazz” und über Kentons riesige Erfolge im Europa der 1950er Jahre. Wir erfahren von Experimenten mit klassischem Repertoire oder lateinamerikanischer Musik, vom Neophonic Orchestra, dem eigene Plattenlabel, und Kentons Rock-Experimenten in den 1970ern. Sparke beleuchtet die verschiedenen Phasen seiner Entwicklung durch Erinnerungen der beteiligten Musiker und hinterfragt die veröffentlichten Alben in Hinblick auf kommerziellen Erfolg und musikalischen Gehalt.

Das liest sich fließend, gerade weil Sparke etliche Anekdoten einfließen lässt, doch auch etwas langatmig, weil das Buch sich zu stark von Album zu Album, von Tournee zu Tournee hangelt. Eine kritische Einordnung Kentons Musik in die Jazzgeschichte fehlt gänzlich, und so ist dies Buch vor allem ein Werk für Kenton-Liebhaber und -Sammler, die gewiss die eine oder andere anderswo nicht erwähnte Geschichte finden und sich freuen werden, Kentons Biographie so konzis und umfassend dargestellt zu sehen.

Wolfram Knauer (Juli 2013)


 

Jazz Icons. Heroes, Myths and the Jazz Tradition
von Tony Whyton
Cambridge 2010 (Cambridge University Press)
219 Seiten, 95 US-Dollar
ISBN: 978-0-52189-645-0

2010whytonIn der Jazzforschung spricht man seit einiger Zeit von “New Jazz Studies”, von analytischen, ästhetischen und soziologischen Herangehensweisen an den Jazz, die sowohl die Musik als auch ihren sozialen und gesellschaftlichen Kontext, die wirtschaftliche und politische Situation, die kritische Rezeption und alle möglichen anderen Facetten in Betracht zieht, statt sich auf singuläre Narrative zu beschränken.

In seinem Buch “Jazz Icons” führt der britische Musikwissenschaftler Tony Whyton einige Beispiele solcher Ansätze vor, in Kapiteln, die vordergründig von den Großen des Jazz handeln, tatsächlich aber die konkreten Fragestellungen multidimensional angehen.

Er fragt nach der Wahrheit hinter der Genieästhetik, die im Jazz fast noch mehr zu gelten scheint als in der klassischen Musik des 19. Jahrhunderts. Er schaut auf die Musik John Coltranes und überlegt, welchen Einfluss diese auf Musiker bis in die Gegenwart hatte – nicht nur direkt, sondern auch indirekt, auf dem Umweg über seine ikonische Stellung in der Jazzgeschichte etwa oder über Jamey Aebersolds Play-A-Long-Platten.

Er hört sich Kenny Gs Version von Louis Armstrongs “What a Wonderful World” an, fragt nach Verehrung oder Sakrileg, aber auch nach Eigentum, Authentizität und dem gespaltenen Verhältnis des Jazz zur populären Musik. Er untersucht Impulse-Veröffentlichungen im Hinblick auf die Vermarktungsstrategien des Labels und ihren Einfluss auf den gegenwärtigen Jazz-Mainstream.

Er diskutiert, welche Bedeutung Musikeranekdoten für die Wahrnehmung, aber durchaus auch für die kritische Einordnung von Jazzgeschichte haben. Er blickt auf Duke Ellington als Beispiel einer besonders mythen-umrangten Ikone des Jazz und vergleicht unterschiedliche Sichtweisen auf den Meister, etwa durch die Brillen von Ken Burns, James Lincoln Collier oder David Hajdu.

Und schließlich betrachtet er die Folgen der Verschulung des Jazz, die nicht zuletzt einen besonderen Einfluss auf die Kanonisierung von Musikern und Aufnahmen hatte und diskutiert dabei Möglichkeiten, aus der Sackgasse festgefahrener Jazzpädagogik herauszugelangen.

“Jazz Icons” zeigt, wie sich Jazzgeschichte von Generation zu Generation mit den jeweils aktuellen analytischen Instrumenten neu aneignen, interpretieren und lesen lässt. Tony Whyton versucht, woran sich Jazzautoren allgemein ein Beispiel nehmen sollten: die sachlich-differenzierte Diskussion von Musik, ihren Ursachen und ihrer Wahrnehmung.

Wolfram Knauer (Juli 2013)


 

The Record. Contemporary Art and Vinyl
herausgegeben von Trevor Schoonmaker
Durham/NC 2010 (Nasher Museum of Art at Duke University)
216 Seiten, 29,99 US-Dollar
ISBN: 978-0-938989-33-2

2010schoonmakerDas Nasher Museum of Art zeigte 2011 eine Ausstellung über die Kulturgeschichte der Vinylschallplatte, bei der nicht nur Plattendesign im Vordergrund stand, sondern die gesamte Beziehung zwischen Bildender Kunst und Tonträgern. Der aus Anlass der Ausstellung veröffentlichte Katalog zeigt Künstler vor allem auf den letzten 50 Seiten die ausgestellten Werke und nennt ihre Künstler, nähert sich dem Thema selbst im Hauptteil außerdem in lesenswerten Aufsätzen und reich bebildert an.

Da geht es in einem einleitenden Kapitel um das augenfälligste, nämlich die Covergestaltung. Eine Timeline verfolgt die Geschichte der Schallplatte von 1857 bis in die Gegenwart. Pitr Orlov fragt, wie Schallplatten die Musik selbst veränderten; Mark Katz setzt sich mit der Leidenschaft von Plattensammlern auseinander; und Charles McGovern schaut auf den Plattenladen als “Home of the Blues, House of Sounds”. Carlo McCormick stellt fest, dass kaum ein Künstler in Stille arbeite und reflektiert über die Beziehungen zwischen Bildenden Künstlern und Musikkonserven. Mark Anthony Neal berichtet über die völlig neue und andere Sammelleidenschaft von Hip-Hop–DJs. Josh Kun betrachtet die Bedeutung der Schallplatte für die Kulturgeschichte Mexikos; Vivien Goldman tut dasselbe mit Bezug auf Jamaica. Jeff Chang beleuchtet die durch DJing und Soundmix veränderte Ästhetik seit den 1980er Jahren und Barbara London Do-It-Yourself-Produktionen in Musik und Bildender Kunst seit Fluxus.

In all diesen und weiteren Kapiteln des Buchs wird man von immer neuer Seite auf die kulturelle Selbstverständlichkeit der Schallplatte gestoßen, die man im Zeitalter von mp3 fast vergessen hat, die aber ein halbes Jahrhundert in seinem Kunstverständnis und -streben enorm prägte. Die im Buch abgedruckten Bilder, Fotos und Kunstwerke tun ein übriges, der Vinylplatte zum einen hinterherzutrauern, einen zum anderen aber auch dazu zu animieren sich umzusehen, welche Medien denn heute diese Funktion übernommen haben.

Wolfram Knauer (April 2013)


 

Ain’t Nothing Like the Real Thing. How the Apollo Theater Shaped American Entertainment
herausgegeben von Richard Carlin & Kinshasha Holman Conwill
Washington/DC 2010 (Smithsonian Books)
264 Seiten, 35 US-Dollar
ISBN: 978-1-58834-269-0

2010carlinDas Apollo-Theater in Harlem ist immer noch lebendige Musikgeschichte. Es prägte die populäre Musik des 20sten Jahrhunderts wie wenige andere Spielstätten. Swinggrößen spielten hier genauso wie die Bebopper, der Rhythm ‘n’ Blues feierte Erfolge genauso wie etliche Rockstars, Soul und Funk erklangen auf der Bühne, Disco, Rap, HipHop und vieles mehr. Und natürlich begannen etliche spätere Stars bei den Amateur Hours, die jeden Mittwoch stattfanden, ihre Karriere.

2010 stellte die Smithsonian Institution eine Wanderausstellung zusammen, in der Kostüme, Fotos, Erinnerungsstücke und vieles mehr zu sehen war, Dokumente einer 80jährigen Theatergeschichte. Die Ausstellung wurde begleitet vom vorliegenden Buch, dem es gelingt, die Bedeutung des Hauses noch weit eingehender zu beleuchten.

Da gibt es historische Einordnungen, etwa von David Levering Lewis über das frühe Harlem oder von Amiri Baraka über die Bedeutung des Stadtteils für die Black Consciousness der 1960er Jahre; da gibt es musik- und bühnenbezogene Kapitel, etwa von John Edward Hasse über die Hochzeit der Bigbands, von Willard Jenkins über Bebop und modernen Jazz, von Chris Washburne über die Latin-Szene, die hier eine Spielmöglichkeit fand, von Kandia Crazy Horse über Soul und Funk oder von David Hinckley über Rap und HipHop. Es gibt Erinnerungen an die Programmverantwortlichen, insbesondere Frank und Bobby Schiffman, Artikel über kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Entwicklungen, die im Apollo ihren Widerhall fanden, seien es diverse Tanzarten, sei es die Bürgerrechtsbewegung. Es findet sich ein Kapitel über Afro-Amerikaner im II. Weltkrieg und eines über die Chorus-Girls auf der Bühne. Greg Tate beleuchtet James Browns Auftritte in Harlem, Karen Chilton erinnert an Bessie Smith, Willard Jenkins an Ella Fitzgerald, Herb Boyd an Aretha Franklin und Chris Washburne an Celia Cruz.

Das alles ist hinterlegt mit vielen, zum Teil seltenen Fotos, die das Apollo als Teil einer Stadtteilkultur genauso wie als Teil einer global ausstrahlenden Kulturszene zeigen. Besonders eindrucksvoll – in der Ausstellung genau wie im Buch –: die Karteikarten, auf denen Frank Schiffman seine recht offenen Einschätzungen über die engagierten Künstler notierte sowie die Gagen, die er ihnen zahlte oder zu zahlen bereit war.

“Ain’t Nothing Like the Real Thing” dokumentiert anschaulich ein wichtiges Kapitel afro-amerikanischer Kulturgeschichte. Bunt und swingend, funky und auf jeder Seite mitreißend, ein fokussierter und doch recht breiter Einblick in die schwarze Musik des 20sten Jahrhunderts.

Wolfram Knauer (April 2013)


 

Jazz Matters. Sound, Place, and Time Since Bebop
von David Ake
Berkeley 2010 (University of California Press)
200 Seiten, 16,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-520-26689-6

2010akeJazzgeschichte genauso wie die meiste Kulturgeschichte ist in der Regel eine Geschichte der Meister. Misserfolge oder Mittelmäßigkeit schafften es selten in die Jazzgeschichtsbücher, obwohl sie und mit ihnen eben auch der Alltag recht viel über die Eingebundenheit des Jazz in die Gesellschaft aussagen. David Ake widmet sich in seinem Buch in Schlaglichtern Aspekten des Jazz, die von allgemeiner Jazzgeschichtsschreibung höchstens am Rande erwähnt werden, hält also die Lupe an konkrete Phänomene, die er dann von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Im ersten Kapitel, überschrieben “Being (and Becoming) John Coltrane” etwa fragt er, was eigentlich Coltrane zu Coltrane macht, verfolgt die Aufnahmen des Saxophonisten über die Jahre und versucht zu beschreiben, was darin die subjektive Persönlichkeit Coltranes widerspiegelt.

Im zweiten Kapitel hört er sich Miles Davis’ “Old Folks” von 1961 genauer an und stolpert über ein Knarren bei 1:15, der Dielenboden des Studios, der Stuhl eines der Musikers? Warum dieses Knarren in der Studioaufnahme belassen wurde, ist kaum erkenntlich, hätte man doch auch 1961 keine Probleme gehabt, ein solches Geräusch herauszufiltern. Ake fragt den Wirkungen des Knarrens, das man, wenn überhaupt, wirklich nur im Hintergrund wahrnimmt, reflektiert über Live-Stimmung, Spontaneität, Authentizität. Bei einer früheren Aufnahmesitzung im selben Studio, klärt er später auf, machte Miles den Toningenieur auf die knarrenden Dielenbretter aufmerksam, worauf John Coltrane nur erwiderte: Mann, das ist halt ein Nebengeräusch. Das ist alles Teil des Stücks.”

Kapitel 3 betrachtet die Band Sex Mob des Trompeters Steven Bernstein und ihren Umgang mit Humor – oder, wie Ake dies nennt, dem Element des “Karnevalesken”. Kapitel 4 fragt nach Romantizismen, dem Image von Country im Jazz und konzentriert sich dabei auf ECM-Aufnahmen Keith Jarretts und Pat Methenys. In Kapitel 5 reflektiert Ake über die Veränderungen in der Jazzpädagogik und die Auswirkungen solcher Änderungen auf die Musik und den Markt. Im letzten Kapitel schließlich betrachtet er amerikanische Jazzmusiker in Paris und ihre Probleme damit, dort ihre nationale Identität beizubehalten. Mit ähnlichem Ansatz könnte man wahrscheinlich auch die Berliner Szene unserer Tage untersuchen.

Alles in allem, ein Buch ungewöhnlicher Ansätze, das – und ein größeres Lob ist kaum denkbar – Lust darauf macht, dem Jazz mit neuem Blick zu begegnen, auch deshalb, weil die ungewöhnliche Sicht unerwartete Facetten zum Vorschein bringt, solche der Musik genauso wie der eigenen Hörgewohnheit.

Wolfram Knauer (April 2013)


 

A Breath of Freedom. The Civil Rights Struggle, African American GIs, and Germany
von Maria Höhn & Martin Klimke
New York 2010 (Palgrave Macmillan)
254 Seiten, 2u US-Dollar
ISBN: 978-0-230-10474-0

2010hoehn“A Breath of Freedom” handelt nicht einmal am Rande vom Jazz. “A Breath of Freedom” handelt, wie der Untertitel erklärt, vom “Bürgerrechtskampf, afro-amerikanischen GIs und Deutschland”, von der verqueren Situation also, das afro-amerikanische Soldaten im II. Weltkrieg (tatsächlich ja schon im I. Weltkrieg) für Freiheit und Demokratie kämpften, in ihrem eigenen Land aber nach wie vor die Rassentrennung herrschte.

Maria Höhn und Martin Klimke untersuchen dabei die Zusammenhänge zwischen der langjährigen militärischen Präsenz der US-Streitkräfte in Deutschland und der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten. Sie beschreiben die Vorurteile und das Bewusstwerden auf beiden Seiten, dass Bürgerrechte etwas Universelles seien und damit selbstverständlich auch schwarzen Amerikanern zustünden. Sie nennen politische und militärische Entscheidungen der 1940er bis 1970er Jahre und erklären die Realität der alltäglichen Lebenserfahrung innerhalb wie außerhalb der Kasernen in Deutschland. Sie fragen nach den gegenseitigen Einflüssen von Studentenbewegung in Europa und der Freiheitsbewegung in den USA, aber auch nach einer Art Verbrüderung antikapitalistischer Strömungen in Amerika mit dem System in der DDR.

Ihre faktenreiche Sammlung erklärt dabei viel über den Alltag afro-amerikanischer Soldaten in Deutschland. Über die Faszination des Jazz, jener für viele Amerikaner wie Nichtamerikaner wichtigsten afro-amerikanischen kulturellen Äußerung des 20sten Jahrhunderts, erzählen sie dabei nur wenig, was schade ist. Auf der anderen Seite verweisen sie im Vorwort darauf, dass dieses Buch nur die ersten Ergebnisse eines größeren Forschungsprojekts präsentiert.

Wer immer sich mit dem Einfluss der Präsenz afro-amerikanischer Soldaten und Musiker auf den deutschen Jazz befasst, wird in diesem Buch auf jeden Fall eine Menge Hintergrundinformation finden.

Wolfram Knauer (April 2013)


 

At the Jazz Band Ball. Sixty Years on the Jazz Scene
von Nat Hentoff
Berkeley 2010 (University of California Press)
246 Seiten, 40 US-Dollar (Hardcover), 21,95 US-Dollar (Paperback)
ISBN: 978-0-520-26113-6 (Hardcover), 978-0-520-26981-1 (Paperback)

2010hentoffEs gibt Bücher, die liest man, weil man etwas lernen will, es gibt andere, die liest man, weil die Lektüre Spaß macht. Nat Hentoff gehört zu den seltenen Autoren, denen immer beides gelang: viel und wertvolle Information in einem Stil zu verpacken, der flüssig und lustvoll zu lesen ist.

Sein neuestes Buch ist eine Sammlung bereits veröffentlichter – seinerzeit in der Jazz Times oder im Wall Street Journal erschienener – wie bislang noch nicht veröffentlichter Aufsätze zu allen möglichen Themen, die ihm am Herzen liegen: spezifische Musiker und ihr ästhetischer Gestaltungwille, die soziale Schieflage, in der Musiker, die alt sind oder in Not, keine Sicherheit haben, das Engagement einer Jazzszene, die sich glücklicherweise immer noch als Familie versteht, die Gleichberechtigung der Frau auch im Jazz, das Ende rassistisch bedingter Ausgrenzung und und und.

All diese Kapitel sind äußerst persönlich, mehr noch: Hentoff kennt nicht nur viele Menschen, er ist genuin an ihnen interessiert. Seine Gespräche mit Clark Terry oder Phil Woods, seine Erinnerungen an Duke Ellington oder Louis Armstrong, seine Meinung zur politischen Dimension dieser Musik, in Zeiten der Bürgerrechtsbewegung genauso wie heutzutage, seine Begeisterung nicht nur für die Heroen der Vergangenheit, sondern auch für junge Musiker, all das überträgt sich auf den Leser, der gern weiterblättert von einem zum nächsten Kapitel springt und dabei immer wieder mit neuen Facetten angestachelt wird nachdenklich zu bleiben.

64 solche Kapitel enthält das Buch und noch weit mehr Denkanstöße, sprachlich wunderbar umgesetzt, nirgends schulmeisterlich, überall voll von Erinnerung und Erzählwille. Höchst empfehlenswert!

Wolfram Knauer (März 2013)


 

Il libro della voce. Gli stile, le tecniche, I protagonisti della vovalità contemporanea internazionale
herausgegeben von Claudio Chianura & Leilha Tartari
Milano 2010 (Auditorium)
218 Seiten, 1 beigelegte CD, 38 Euro
ISBN: 978-88-86784-55-9

2010chianuraDie Stimme als Instrument – nicht erst im 20sten Jahrhundert wurde die scheinbar menschlichste musikalische Äußerung instrumental eingesetzt, aber insbesondere im 20sten Jahrhundert entwickelten Künstler und Komponisten die verschiedenen Techniken weiter, mit denen Verfremdung und Annäherung an den ureigenen Klang des Menschen und die ureigentliche Funktion der Stimme – die nämlich der Kommunikation – beeinflusst werden konnten.

Das von Claudio Chianura und Leiha Tartari herausgegebene Buch nähert sich den Möglichkeiten stimmlicher Improvisation und stimmlichen Ausdrucks von verschiedenen Seiten: in einem ersten Teil theoretisch, nämlich in der Betrachtung unterschiedlicher vokaler Techniken und der dadurch verursachten allgemeinen Veränderung in der Wahrnehmung von Stimme; in einem zweiten Teil sehr individuell, nämlich in Interviews mit herausragenden Sängerinnen und Sängern, sowie in einem dritten Teil analytisch in der Betrachtung von speziellen Ansätzen einzelner Künstlerinnen und Künstler. Das alles ist insbesondere in der stilistischen Breite interessant, in der die Autoren das Thema angehen und dabei Greetje Bijma und Sidsel Endresen neben Benat Achiary oder Diamanda Galas stellen, Meredith Monk und David Moss neben Pamela Z und Demetrio Stratos.

Wem all diese Namen wenig sagen, der wird dankbar zur beiheftenden CD greifen, die 13 Beispiele bringt, von Kurt Schwitters’ “Sonate in Urlauten” und Tiziana Scanalettis “Stripsody” bis zu Beispielen der bereits genannten oder von Sainkho Namchylak, von Cristina Zavalloni oder Lorenzo Pierobon. Ein Lust machender Ausflug in die Welt der zeitgenössischen Vokalmusik.

Wolfram Knauer (März 2013)


 

Sardinia Jazz. Il jazz in Sardegna negli anni Zero. Musica, musicisti, eventi, discografia di base
von Claudio Loi
Cagliari 2010 (aipsa edizioni / percezioni musiche)
472 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-88 95692-26-5

2010loi

Claudio Loi schreibt das “Who’s Who” des Jazz in Sardinien. Paolo Fresu, Antonello Salis, Paolo Angeli sind die Hauptfiguren; daneben aber kommen jede Menge Musiker und Band vor, von denen man hierzulande wahrscheinlich noch nie etwas gehört hat. Einleitungskapitel beschreiben die Jazzszene der zweitgrößten Insel Italiens, informieren aber auch regelmäßige Jazzevents und weiterführende Literatur. Sicher vor allem ein Buch für Eingeweihte, oder für regelmäßige Sardinien-Besucher.

Wolfram Knauer (Oktober 2012)


 

Vienna Blues. Die Fatty-George-Biographie
von Klaus Schulz
Wien 2010 (Album Verlag)
114 Seiten, 35 Euro
ISBN: 978-3-86184-182-0

2010schulz2Der Klarinettist Fatty George spielte gern den Blues, und wenn er den Titel dann bei der österreichischen Urheberrechtsgesellschaft anmeldete, nannte er ihn “Vienna Blues” und trug den eigenen Namen als Urheber ein.

Clever, meint Klaus Schulz in seiner Biographie, die Leben und Werk des Klarinettisten in vier Teilen verfolgt.

Ein erster Teil gibt Franz Georg Presslers (so der volle Name) Lebensgeschichte in klassischem Gewand wieder: Kindheit, Ausbildung, erste Erfolge auf der österreichischen, dann der europäischen Jazzszene, diverse Bands und Aufnahmen über die Jahre, Gründung eines eigenen Spielorts.

Der zweite Teil geht das alles chronologisch genau und mit Interviewpassagen Georges sowie Zeitzeugenbeiträgen an. Hier bringt Schulz alle Daten und Details zusammen, Engagements, Reisen, Festivals, Platten- und Fernsehaufnahmen, Presseberichte, Korrespondenz, Fotos und Plakatabbildungen, persönliche Ereignisse und vieles mehr.

Teil drei enthält Biographien der Musiker, mit denen Fatty George über die Jahre zusammenarbeitete, Teil vier schließlich eine kurze Diskographie.

Akribisch zusammengetragen bietet sich dabei ein umfassendes Bild eines Ausnahmemusikers, der allzu oft als Dixielandklarinettist abgestempelt wird, obwohl er sich auch im Swing und modernen Jazz behaupten konnte, wie die beigeheftete CD mit seltenen und großteils unveröffentlichten Aufnahmen belegt, auf denen Fatty George neben seinen eigenen Besetzungen, der Ende der 1950er Jahre auch der junge Joe Zawinul angehörte, etwa auch mit dem Friedrich Gulda Workshop Ensemble zu hören ist, mit den ORF All-Stars, mit Lionel Hampton oder Sammy Price sowie mit seiner eigenen Besetzung, die eine Cool-Jazz-Version über “Alexander’s Ragtime Band” spielt.

Auch posthum noch einmal: Hut ab vor einem großen europäischen Jazzmusiker!

Wolfram Knauer (August 2012)


 

Fortællinger om jazzen. Dens vej gennem Statsradiofonien, Danmarks Radio og DR
von Tore Mortensen
Aalborn 2010 (Aalborg Universitetsforlag)
2010 Seiten, 295 Dänische Kronen
ISBN: 978-87-7307-983-6

2010mortensenUnsere Nachbarn im Norden machen uns vor, was in hierzulande bislang noch nicht geleistet wurde, aber dringend notwendig wäre: eine Dokumentation der Jazzgeschichte im nationalen Rundfunk. Nun ist die deutsche Rundfunkgeschichte vielleicht etwas wechselvoller, in der Gegenwart auch vielgestaltiger als die in Dänemark, in dem es mit Danmarks Radio im Prinzip “nur” einen Staatsrundfunk gab, während im Nachkriegsdeutschland jede einzelne ARD-Anstalt ihre eigene Jazzredaktion aufbaute. Dennoch schauen wir ein wenig neidisch auf dieses Buch, dem es gelingt, den großen dänischen Bogen zu schlagen von 1925 bis ins Jahr 2009.

Tore Mortensen, seiens Zeichens Leiter des Center for Dansk Jazzhistorie in Aalborg, beginnt am 1. April 1925, als der staatliche Rundfunk in Dänemark sein erstes Radiosignal ausstrahlte. Als “Staatsradifonien” bezeichnete sich der Sender bis 1959, dann wurde er erst in “Danmarks Radio”, schließlich 1996 in “DR” umgetauft. Mortensens Buch dokumentiert die Jazzaktivitäten etwa des Radio-Tanzorchesters unter Leitung des Geigers Louis Preil, die Sendeverbote “negroider Tanz- und Unterhaltungsmusik” unter der deutschen Besatzung sowie die rasche und recht intensive Zurückeroberung der Ätherwellen durch den Jazz in der Nachkriegszeit. Mortensen listet die konkreten Sendungen, die zwischen September 1947 und Januar 1953 ausgestrahlt wurden, und die ihrerseits das Interesse am Swing, an modernen Stilarten oder an Aktivitäten sonstwo in Europa widerspiegeln. Er dokumentiert die Konzertaktivitäten des Senders in den 1950er Jahren, untermauert von Zeitzeugen wie dem Bassisten Erik Moseholm oder dem Moderator Børge Roger. Die 60er Jahre seien die goldenen Jahre des Jazz im dänischen Rundfunk gewesen, titelt Mortensen, skizziert nebenbei die Arbeit des dänischen Jazzhistorikers Erik Wiedemann und spricht mit Torben Ulrich, Peter Rasmussen und anderen, die dabei gewesen waren. Seit 1963 schnitt Danmarks Radio regelmäßig im Kopenhagener Jazzclub Montmartre mit, seit 1966 gab es regelmäßige Sonderproduktionen unter dem Titel “Radiojazzgrupppe”, später mit der Radioens Big Band.

In diesen Jahren ist Jazz in Dänemark auch im Fernsehen zu erleben. Etliche amerikanische Musiker hatten sich in den 1960er Jahren in Kopenhagen niedergelassen, unter ihnen etwa Dexter Gordon oder Duke Jordan. Jazz spielte auch nach 1975 eine wichtige Rolle im dänischen Rundfunk, dem Mercer Ellington 1984 seine private Tonbandsammlung vermachte. Thad Jones übernahm 1977 die Leitung der Radioens Big Band. Ein Unterkapitel des Buchs behandelt das Verhältnis des Senders zum Kopenhagener Jazzfestival, ein weiteres den Wandel in seinen Aufgaben im neuen Jahrtausend von denen einer Kulturinstitution zu jenen eines Multimedienanbieters. Als Anhang gibt es schließlich eine tabellarische Übersicht über die verschiedenen Aktivitäten des Senders, über wichtige Sendeformate, Produktionen und Mitarbeiter.

Eine Bibliographie sowie ein ausführlicher Index beschießen das Buch, das, es sei noch einmal gesagt, einen ein wenig neidisch in den Norden blicken lässt. Vielleicht findet sich ja hierzulande irgendwann mal jemand, der mit Berendts SWR anfängt; vielleicht gibt es einmal eine ausführliche Dokumentation der Aktivitäten des NDR oder der Berliner Produktionen. Bernd Hoffmann, Jazzredakteur des WDR, hat ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein und sammelt sicher bereits Material, um ähnliches für den Kölner Sender zu bewerkstelligen – alles Anstalten, die nicht nur rege redaktionelle Tätigkeiten aufweisen, sondern genau wie DR Eigenproduktionen machten, eine regionale, nationale wie internationale Szene dokumentierten und zumeist eigene (Groß-)Ensembles besitzen, die mit zu den besten weltweit gehören.

Wer übrigens des Dänischen nicht ganz so mächtig ist, der wird dennoch seine Freude an den wunderbaren Fotos von Jan Persson haben, die oft genug während Produktionen von Danmarks Radio aufgenommen wurden. Sein Bildarchiv gehört heute dem Jazz for Dansk Jazzhistorie, das zugleich Initiator und Herausgeber des vorliegenden Buchs ist.

Wolfram Knauer (August 2012)


 

Singing Out. An Oral History of America’s Folk Music Revivals
von David King Dunaway & Molly Beer
New York 2012 (Oxford University Press)
255 Seiten, 27,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-19-989656-1

2010dunawayDas Folk Music Revival wird allgemein in die 1960er Jahre datiert; es beeinflusste die populäre Musik auf unterschiedlichste Art und Weise. Bob Dylan und Janis Joplin haben dieser Bewegung genauso viel zu verdanken wie auf der anderen Seite des Atlantiks die Beatles oder die Rolling Stones, wobei bei letzteren eher der Bluesteil der Folkszene von Bedeutung war. Die Anfänge des Folk-Revivals aber finden sich bereits in den späten 1930er, frühen 1940er Jahren, wie das vorliegende Buch dokumentiert. David King Dunaway und Molly Beer haben dafür Zeitzeugen befragt und ihre Berichte nach Themen sortiert.

Dabei geht es etwa um die Definition von Folk Music ganz allgemein (für das “Volksmusik” ein schlechte Übersetzung ist) und um Grenzziehungen – sind also Folk Music nur englische Seemannslieder, oder gehören auch Calypso, Bluegrass, Flamenco, Cajun, Zydeco, Rap dazu? Wie unterscheidet sich die Definition von Folkmusik innerhalb und außerhalb des beschriebenen Revivals? Und wie verhält sich Folk Music zum politischen Song?

Das zweite Kapitel betrachtet frühe Sammler authentischer amerikanischer Volksmusik, fragt dabei auch danach, wem diese Musik gehört. Alan Lomax und Leadbelly erhalten ein eigenes Teilkapitel. Die Einbindung des Folk Music Revival in politische Agenden spielt eine Rolle im dritten Kapitel, das überschrieben ist mit “Music for the Masses” und in dem es auch um die Linke im Amerika der 1930er und 1940er Jahre geht.

In den 1940er Jahren fand das Revival vor allem in Greenwich Village, New York statt, dem das vierte Kapitel gewidmet ist. Zugleich, berichten die Zeitzeugen, hatte New York und seine Weltläufigkeit aber auch Einfluss auf ihre eigene musikalische Ästhetik. Ende der 1940er Jahre fielen viele der linken Folk-Revivalisten ins Raster der “Rotenjagd” McCarthys, und das Kapitel über die Verhöre, Verdächtigungen und Arbeitssperren ist vielleicht eines der bedrückendsten des Buchs. Mitte der 1950er Jahre dann folgte ein breites Folk-Revival, ein Boom, der sowohl die romantische wie auch die politischen Varianten der Folk Music einschloss und im Newport Folk Festival sowie den Karrieren von Bob Dylan und Janis Joplin mündete. Folk Music wurde Teil der Bürgerrechtsbewegung, die “We Shall Overcome” zu ihrer Hymne erkor.

Ein eigenes Kapitel ist dem Folk-Rock der späten 1960er Jahre gewidmet, ein weiteres dem “Nu-Folk” der jüngsten Vergangenheit. Wie wird die Folk Music der Vereinigten Staaten in Zukunft aussehen?, fragen die Autoren zum Schluss, sind dabei aber keinesfalls pessimistisch, sondern glauben daran, dass es weiter gehen wird. Und wie zum Beweis fügen sie noch ein letztes Kapitel an, “The Power of Music”, in dem sie Beispiele nennen, wie Musik die Welt verändern kann.

Alles in allem: ein gut lesbares Erinnerungsbuch an eine Bewegung, die durchaus auch für den Jazz von Bedeutung war, auch wenn Jazzer im Personenindex kaum Eingang gefunden haben. Billie Holidays “Strange Fruit” jedenfalls verband die Ideale der Folk- und der Jazzszene genauso wie einige der Bluesmusiker, die in Barney Josephsons “Café Society” in New York auftraten. Die Zeitzeugenberichte dieses Buchs geben einen guten Einblick in die Hintergründe des Interesses an einer ureigenen authentischen Folk Music in Amerika.

Wolfram Knauer (Juli 2012)


 

The Penguin Jazz Guide. The History of the Music in the 1001 Best Albums
von Brian Morton & Richard Cook
London 2010 (Penguin Books)
730 Seiten, 20 Britische Pfund
ISBN: 978-0-141-04831-4

2010penguinDer Jazz ist eine schier unübersichtliche Musik – so viele Stile, so viele Entwicklungen, so lange Geschichte, so viele Aufnahmen. Für den Novizen wird es schwer, da noch durchzublicken. Und so bietet es sich an, dass immer wieder Bücher erscheinen, die dem werdenden Jazzfan Tipps geben, was er vielleicht auch noch hören könnte. Der Penguin Jazz Guide ist ein bisschen wie die Urmutter umfangreicher Plattenempfehlungen. Er erschien erstmals 1990, als niemand wusste, ob die CD die Zukunft oder der Tod der Schallplattenindustrie sein würde, und seine neueste Ausgabe erscheint in einer Zeit, in der es ungewiss ist, ob das Konzept des Jazzalbums in Zeiten des Internet-Downloads überhaupt noch eine Zukunft hat.

Nichtsdestotrotz haben sich Brian Morton und Richard Cook, zwei der ausgewiesendsten britischen Jazzkenner, hingesetzt und eine Empfehlungsliste zusammengestellt. Im Jahr 2010 sind das oft keine Besprechungen einzelner Titel oder Alben mehr, da historische Meilensteile wie King Olivers Creole Jazz Band oder Louis Armstrongs Hot Five und Hot Seven längst in alle Aufnahmen versammelnden Box-Sets erschienen sind, die von den beiden genauso empfohlen werden wie ähnliche “complete recordings” späterer Musiker. Wie meist bei solchen Werken ist die Suche nach den fehlenden Aufnahmen nicht sehr sinnvoll weil eine nur subjektive Einschätzung. Anders als bei reinen Plattenrezensionen geben die Autoren jeder empfohlenen Platte eine kurze Beschreibung der vorgestellten Musiker vorweg, um dann auf Besonderheiten des spezifischen Albums einzugehen, die erklären, warum es den Platz unter den 1001 Alben gefunden hat.

Der Löwenanteil der Alben stammt aus den USA, erst ab den 1960er Jahren sind mehr und mehr europäische Musiker unter den Empfohlenen zu finden. Und die jüngsten Entscheidungen, also für die Jahre 2000 bis 2010, scheinen von den Autoren weit willkürlicher gefällt worden zu sein als zuvor – aber das ist verständlich, denn erst die Zeit wird zeigen, wie wegweisend, wie wichtig und bedeutend diese Alben denn nun wirklich waren.

“The Penguin Jazz Guide” wendet sich in seinen knappen Albumsrezensionen aber nicht nur an den Jazzneuling, sondern ausdrücklich auch an den Jazzkenner, der seine eigene Einschätzung am Lob der beiden Autoren messen mag und sicher die eine oder andere Aufnahme entdecken wird, die ihm bislang entgangen war, die es aber wert ist zu besitzen (und mehr noch: zu hören).

Wolfram Knauer (April 2012)


 

Fra Odd Fellow til East Park. Jazz i Aalborg, 1920-1970
von Knud Knudsen & Ole Izard Høyer & Tore Mortensen
Aalborg 2010 (Aalborg Universitetsforlag)
143 Seiten, 299 Kronen
ISBN: 978-87-7307-994-2

2010knudsenLokalgeschichten des Jazz in Europa handeln meist von ähnlichen Aktivitäten: der Faszination am Jazz als einer fast schon exotischen Musik in den 1920er Jahren, einer städtischen Musikszene zur Unterhaltung des bürgerlichen Publikums, dem steigenden Interesse der Musiker an der improvisatorischen Ausdrucksform des Jazz, dem Ankommen des Jazz in der Mitte der Gesellschaft und dem Neuerfinden dieser Musik nach dem II. Weltkrieg als zeitweiser Ausdrucksform der Jugend.

Die dänische Hafenstadt Aalborg also hat eine durchaus ähnliche Jazzgeschichte aufzuweisen, wie die drei Autoren des aufwendig gestalteten Bandes dokumentieren. Erste Erwähnung jazzmusikalischer Aktivitäten finden sie im November 1922, als im Odd Fellow Palæet ein Jazzkonzert angekündigt wird. Die Autoren durchwühlen alte Tageszeitungen, Programmankündigungen, Konzertbesprechungen. Anfang der 1930er Jahre machten die ersten amerikanischen Stars in Dänemark Station, im Kopenhagener Tivoli konnte man Louis Armstrong hören, und Joe Venuti beeinflusste 1934 den blutjungen Svend Asmussen. Auch dänische Jazzgrößen, Kai Ewans etwa, Leo Mathisen oder Peter Rasmussen und andere waren regelmäßig zu Gast.

Nach dem Krieg wurde Jazz auch in Dänemark von der Tanzmusik immer mehr zur Hörmusik. 1951 gründete sich ein Jazzclub, der mit regelmäßigen Veranstaltungen und Sessions an die Öffentlichkeit ging. Die britischen Trad-Bands tourten Dänemark und beeinflussten den dänischen Dixieland. Im Januar 1959 kam Louis Armstrong in die Stadt, und auch andere Jazzgrößen waren zu hören. 1955 schließlich gründete sich der East Park Jazzclub, dessen Konzerte ein jugendliches Publikum erreichten.

“Frau Odd Fellow til East Park” erzählt die Geschichte dieser Aalborger Jazzszene zwischen den frühen 1920er und späten 1960er Jahren. Das Buch enthält viele seltene Fotos von Musikern und Veranstaltungsorten, außerdem einige Ausrisse aus zeitgenössischen Berichten. Sicher wendet sich das Buch an eine auch regional begrenzte Leserschaft (dänische Sprachkenntnisse sind Voraussetzung), ist damit aber ein willkommenes weiteres Puzzleteilchen zu einer europäischen Jazzgeschichte.

Wolfram Knauer (April 2012)


 

Blue Note Records. A Guide for Identifying Original Pressings
von Frederick Cohen
New York 2010 (Jazz Record Center)
112 Seiten, 45 US-Dollar
ISBN: 978-0-692-00322-0

2010cohenDer Jazzplattensammler ist ein Phänomen für sich – in seiner Ernsthaftigkeit, seinem Vollständigkeitswahn genauso wie in der Expertise, die ihn im besten Fall zum Diskographen macht, ein Fachgebiet, das ihm in anderen Musikbereichen wahrscheinlich zu einem akademischen Grad verhelfen würde. Der sympathische Jazzplattensammler ist der, der durch die Welt reist, in Plattenläden geht und dann mit offenen Augen sowohl nach Neuentdeckungen sucht als auch nach Platten, die seine eigene Sammlung, seine eigenen Sammlungsinteressen vervollständigen. Die Musik steht für ihn im Mittelpunkt, daneben aber auch die Authentizität des Tonträgers selbst, der möglichst ein Original sein sollte, gar nicht unbedingt aus Wertgründen, sondern einfach, weil es ihn mehr reizt, eine Erstausgabe in den Händen zu halten. Der skurrile Jazzplattensammler ist jener, der sämtliche Plattennummern im Kopf hat, durchaus auch Besetzungen und Aufnahmedaten, der über dem Sammlungswahn aber vergessen hat, dass Platten eigentlich Musik transportieren, so dass er seine Platten im Extremfall gar nicht auflegt, weil bereits einmaliges Abspielen den Wert der Platten mindern könnte.

Der Sonderfall der Jazzplattensammler ist der “Blue-Note-Sammler”, und an diesen richtet sich dieses Buch. Frederick Cohen besitzt den größten Jazzplattenladen in New York, ein Mekka für Sammler aus aller Welt. In seiner täglichen Arbeit kam es ihm immer wieder unter, dass Kunden den Wert der Schallplatten in seinen Regalen anzweifelten, also in Frage stellten, ob es sich bei einer Platte auch wirklich um ein Original handelt? Das Label auf der einen Seite der Platte sah beispielsweise anders aus als das auf der anderen Plattenseite, die Firmenadresse auf dem Cover war eine andere als die auf den Labels. Über die Jahre sammelte Cohen die unterschiedlichen Merkmale der Blue-Note-Scheiben und erstellte einen Katalog untrüglicher Charakteristika, den er jetzt im eigenen Verlag vorlegt.

Das Buch beginnt mit einer Erklärung der Fachbegriffe, die für die Beschreibung von Schallplatten nötig sind. Cohen zeigt anhand von Fotos die verschiedenen Vorkommnisse des “Plastylite”-Symbols “P” auf der Vinylscheibe, das eines der wichtigsten Merkmale eines Originals ist. Er zeigt die unterschiedlichen Varianten der Adressdarstellung auf dem Label wie auf dem Cover, Varianten des Mono- und des Stereo-Logos (bzw. Stickers). Dann dekliniert er im umfangreichsten kapitel die unterschiedlichen Serien durch und beschreibt dabei ihre Besonderheiten.

Ein eigenes Kapitel widmet sich Rudy Van Gelders Kommentaren über seine Mono- und Stereoaufnahmen. In weiteren Kapiteln fasst Cohen die Veröffentlichungen nach Jahren zusammen, beschreibt die originalen inneren Schüutzhüllen und führt schließlich einige der seltesten Raritäten des Blue-Note-Labels vor.

Cohens Buch ist zu allererst ein Must-Have für Blue-Note-Sammler (von denen es nicht gerade wenige gibt). Es ist zugleich ein Musterbeispiel für diskographische Grundlagenforschung ganz anderer Art – bei ihm geht es ja nicht um Besetzungen, Titel oder Aufnahmedaten, sondern um den Tonträger und seine Verpackung, die er einer genauen Analyse unterzieht. Und zu allerletzt ist es ein unverzichtbares Referenzwerk für diejenigen, die Schallplatten als Wertanlage sammeln.

Wolfram Knauer (April 2012)


 

40 Jahre Internationales Dixieland Festival Dresden. Die Elbestadt swingt und brilliert, ist bluesvoll und populär
von Wolfgang Grösel & Joachim Schlese & Klaus Wilk
Dresden 2010 (Edition Sächsische Zeitung)
205 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-938325-73-5

2010groeselAm Pfingstwochenende 1971 begann in Dresden die Geschichte eines Festivals, das mittlerweile europaweit Kultstatus erlangt hat. Die Organisatoren wagten eine stilistische Beschränkung ihres Programms auf eine eng umgrenzte historische Jazzrichtung, den Dixieland zwischen New-Orleans-, Chicago-, Eddie-Condon- und europäischem Trad-Jazz. 1979 kamen bereits 30.000 Besucher, 1981 waren 200 Jazzmusiker aus Europa und (erstmals) den USA mit von der Partie.

Das vorliegende Buch dokumentiert zum 40jährigen Jubiläum die Geschichte des Festivals, das damit quasi auf eine gleichlange DDR- wie BRD-Zeit zurückblicken kann. Neben den Publikumserfolgen werden auch die Krisenjahre kurz gestreift, das Jahr 1990 etwa, als zum 20. Jubiläum kein einziges Konzert ausverkauft war, weil die Menschen lieber in den nun offen stehenden Westen reisten als nach Dresden. Politik bleibt ansonsten eher außen vor in dieser Festschrift, in der man vielleicht gern etwas über die offizielle Haltung der DDR-Staatsführung zum Festival erfahren hätte, darüber, welche politische Agenda das Festival ermöglichte, welche Probleme oder auch welche Unterstützung es bei Einladungen an Bands aus dem Ausland gab, welche außermusikalischen Konnotationen sich bei den Besuchern mit der Veranstaltung verband.

Aber das ist vielleicht zu viel verlangt oder auch am Ziel des Buchprojekts vorbei erwartet: “40 Jahre IDF” ist vor allem ein Geschenk der Dixieland-Festival-Freunde an sich selbst, und da mag eine tiefere Beschäftigung mit eigener Geschichte vielleicht nicht so angesagt sein. Ein wenig schade ist das schon, aber dem Ziel des Buchs nach verständlich: Mit vielen bunten Fotos und einer freien Doppelseite für Autogramme ist es in erster Linie eine Art Erinnerungsalbum für die Fans.

Wolfram Knauer (April 2012)


 

Sun Ra. Interviews & Essays
herausgegeben von John Sinclair
London 2010 (Headpress)
201 Seiten, 13,99 Britische Pfund
ISBN: 978-1-900486-72-9
www.headpress.com

2010sinclairSun Ra besaß bekanntlich Kultstatus. Und so ist es nicht verwunderlich, das in sich Veröffentlichungen dem Pianisten, Komponisten und Bandleader ganz ähnlich nähern, wie der sein Publikum zu begeistern pflegte: von allen Seiten, mit allen Sinnen, mit unerwarteten Klängen.

John Sinclairs Buch enthält vor allem Erinnerungen von Zeitzeugen, die Sun Ra im Konzert erlebten, ihn persönlich kannten oder gar mit ihm spielten. Ausgangspunkt ist ein Interview, das der “White Panther” und “poet-provocateur” Sinclair selbst 1966 mit Ra führte, und in dem dieser seine Philosophie… nun, vielleicht nicht gerade erklärt, aber umschreibt, und dabei im Verklären dann doch wieder etliches erklärt.

David Henderson erinnert sich an die Zeit in den 1960ern, als Ra auf der Lower East Side Manhattans lebte und eigentlich die afro-amerikanische Revolution vorlebte, die andere auf den Straßen erkämpfen wollten. Wir lesen Amiri Barakas Gedicht “Word from Sun Ra”, und Lazaro Vega spricht mit dem Dichter über Ras Bedeutung für die schwarze amerikanische Musik.

Ben Edmonds betitelt seine Erinnerungen an ein Sun-Ra-Konzert sehr treffend mit “Their Space Was My Place”. Der Trompeter Michael Ray berichtet über seine Zeit im Arkestra, und der Baritonsaxophonist Rick Steiger erinnert sich an eine Residenz des Arkestra in Detroit im Dezember 1980.

Peter Gershon reflektiert darüber, wie Marshall Allen die Ästhetik Sun Ras ins 21ste Jahrhundert transportiert. Darüber hinaus finden sich Interviews mit Musikern, deren Ästhetik durch Ras Musik stark beeinflusst wurde, Wayne Kramer etwa, Jerry Dammers und Sadiq Bey. Haf-fa Rool schließlich berichtet davon, wie er das Arkestra (als Nicht-Musiker) auf verschiedenen Europatourneen begleitet hatte.

Der zusammenhängende Faden aller Beiträge und Interviews ist die Kunst und der Einfluss Sun Ras, der schon manchmal etwas stark als der “Creator” persönlich rüberkommt – aber so war es eben, das Mysterium des Sun Ra. Sinclairs Buch endet mit einem Nachruf, den der Autor nach dem Tod des Bandleaders in der New Orleans Times-Picayune veröffentlicht hatte. Hier konzentriert er sich noch einmal auf die Erden-Seite des Pianisten, der daneben aber eben doch so viel mehr war… und dessen ästhetische Wirkung in vielen Bereichen von Musik und Kunst bis heute zu spüren ist.

Wolfram Knauer (März 2012)


 

Portrait Saxofon. Kultur, Praxis, Repertoire, Interpreten
Von Ralf Dombrowski
Kassel 2010 (Bärenreiter Verlag)
166 Seiten, 27,50 Euro
ISBN: 978-3-7618-1840-4

2010dombrowskiAdolphe Sax erfand das Saxophon 1841 als eine Art Klangzwitter zwischen den üblichen Holzblas- und den Streichinstrumenten. Hector Berlioz war der erste klassische Komponist, der für das neue Instrument schriebt; bald darauf übernahmen französische Militärkapellen das Instrument in ihre Instrumentierung, doch diese französische Vorliebe dauerte nur eine kurze Weile. Sax und seinem Schüler Eduard Lefèbvre gelang es allerdings, das Instrument in den USA populär zu machen. Der Rest ist Jazzgeschichte, möchte man meinen, und so ist es auch im Buch, das Ralf Dombrowski diesem neben der E-Gitarre vielleicht klang-bestimmendsten Instrument des 20. Jahrhunderts widmet.

In kurzen Kapiteln erklärt er klangliche Besonderheiten im Spiel von Sidney Bechet, Johnny Hodges, Benny Carter, Coleman Hawkins, Lester Young, Charlie Parker, Lee Konitz, Sonny Rollins, John Coltrane, Ornette Coleman, Albert Ayler, Wayne Shorter, Branford Marsalis, Peter Brötzmann, Jan Garbarek und etlichen anderen Heroen des Saxophons. Auch Marcel Mule und Sigurd Rascher erhalten eigene Kapitel, die beiden einflussreichsten klassischen Saxophonisten des letzten Jahrhunderts. Etwas eingehender betrachtet er zehn Aufnahmen und Künstler, Hawkins’ “Body and Soul” etwa, Parkers “Ornithology”, Rollins’ “Saxophone Colossus”, Coltranes “A Love Supreme” und andere, geht dann auf Konstruktion und diverse Bauformen des Instruments ein, aber auch auf Spielbesonderheiten wie etwa die Zirkularatmung und verwandte Instrumente wie das elektronische Lyricon. Er betrachtet wichtige Standards der Jazzgeschichte, in deren Erfolg auch das Saxophon eine große Rolle spielten, und er wirft einen Blick auf Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland und auf die beim Saxophon-Lernen zu beachtenden ästhetischen Dinge, insbesondere Intonation und eigener Sound.

Dombrowskis Buch ist ein gut lesbarer kurzer, dennoch intensiver Leitfaden zum Instrument, der jedem, der Saxophon spielt, ein paar Tipps zum Weiterhören, zum Sich-Selbst-Hinterfragen gibt, dabei technische Details genauso wie historische Entwicklungen erklärt.

Wolfram Knauer (März 2012)


 

Benny Goodman. A Supplemental Discography
von David Jessup
Lanham/MD 2010 (Scarecrow Press)
353 Seiten, 44,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-8108-7685-9

2010jessup1988 erschien D. Russell Connors “Benny Goodman. Listen to His Legacy”, 1996 sein “Benny Goodman. Wrappin’ It Up”, zwei Diskographien, die Goodmans Aufnahmen von den ersten Studiosessions 1926 bis zu seinem Tod dokumentierten.

David Jessup knüpft an diese beiden diskographischen Werke an mit seinem großformatigen Opus, das die Vorgänger ergänzt um neu aufgetauchte Sessions, Livemitschnitte, Filmdokumente und zugleich in den diskographischen Details in einen Dialog mit den Titeln tritt, beschreibt, hinterfragt, offene Fragen herausstreicht, auf Diskrepanzen früherer diskographischer Erkenntnisse etwa mit dem Plattentext hinweist und vieles mehr.

Zwischendurch fasst er diskographische Diskurse zusammen, die er mit anderen Sammlern und Goodman-Experten über die Jahre geführt hatte. In einem kurzen Kapitel befasst sich Jessup außerdem mit dem Internet als einem neuen Sammelmedium.

Und schließlich füllt den zweiten Teil des Buchs eine vorläufige Diskographie der “Small Label Goodman Releases”. Das alles ist etwas für hartgesottene Goodman-Sammler – für die aber ist es ein Muss, genauso wie die Vorgängerbände von Connors.

Für alle anderen ist auch dieses Buch ein Beleg für die Bedeutung der durchaus wissenschaftlichen Arbeit, die im Jazz von Fans geleistet wird und die in der klassischen Musikwissenschaft als “Werkverzeichnis” leicht zu akademischen Ehren führen könnte.

Wolfram Knauer (Februar 2012)


 

The History of Jazz
Von Ted Gioia
New York 2011 (Oxford University Press)
444 Seiten, 19,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-19-539970-7

2010gioiaTed Gioias “Geschichte des Jazz” ist ein umfassendes Werk, dass die Entwicklung dieser Musik von den Anfängen (er nennt es die “Africanization of American Music”) bis ins 21ste Jahrhundert verfolgt, die wichtigsten Protagonisten nennt und in kurzen Absätzen diskutiert, ästhetische Entwicklungen erklärt und in Zusammenhang mit dem allgemeinen Musikbusiness genauso wie mit sozialen Entwicklungen in den USA bringt und zwischendrin noch versucht, die Musik zumindest zu beschreiben, um die es eigentlich geht. Die erste Ausgabe dieses Buchs wurde zu einem Bestseller der Jazzliteratur in den USA und an Schulen wie Hochschulen als Text Book benutzt – obwohl sich dort vielleicht ein analytischer in die Materie sich versenkendes Buch noch mehr lohnen würde.

Die Kapitelübersicht macht Gioias Ansatz deutlich: “The Prehistory of Jazz”, “New Orleans Jazz”, “The Jazz Age”, “Harlem”, “The Swing Era”, “Modern Jazz”, “The Fragmentation of Jazz Styles”, “Free and Fusion”, “Traditionalists and Postmodernists” sowie “Jazz in the New Millennium”. Als Anhang finden sich Hör- genauso wie Leseempfehlungen.

Gioia präsentiert Fakten, hinterfragt Mythen, erklärt Beweggründe für den Wandel der Musik, ordnet die musikalische Entwicklung des Jazz in die soziale, wirtschaftliche politische Entwicklung der Vereinigten Staaten ein. Musikalische Details beschränken sich auf kurze Ablauf- oder Klangbeschreibungen, die er allerdings geschickt genug einsetzt, um auch dem nicht musikbewanderten Leser Besonderheiten verschiedener Zeit- und Personalstile erklären zu können.

Wie in jedem Geschichtsbuch wird man auch bei Gioia anfangen können zu kritisieren: Warum diesen, warum nicht jenen Musiker? Die Fakten sind ja alle bekannt, hier kann Gioia vor allem seine Sicht der Zusammenhänge präsentieren. Am interessantesten ist bei solchen Büchern erfahrungsgemäß der Umgang mit den jüngsten Entwicklungen. “Traditionalists and Postmodernists” ist das Kapitel überschrieben, in dem Gioia aus irgendeinem Grunde die Szene um Wynton Marsalis dem sehr viel früher begründeten AACM-Lager gegenüberstellt; die New Yorker Downtownszene zwar erwähnt, aber ihre tatsächliche Bezogenheit auf die Neotraditionalisten nicht ausreichend erklärt. “Jazz in the New Millenium” schließlich nennt einige der erfolgreichen Musikernamen der letzten zehn Jahre, um dann in einem Unterkapitel die “Globalization” of Jazz” festzustellen und hier (außer einem früheren Bezug auf Django Reinhardt) zum ersten Mal auch die europäischen Entwicklungen zu thematisieren. Solch eine amerikano-zentrische Sichtweise kann man Gioia wohl kaum vorwerfen – die Tatsache, dass diese Parallelentwicklungen der Jazzgeschichte noch nicht ausreichend – also zusammenfassend und in englischer Sprache – verschriftlicht wurden, erklärt leider immer noch die weitgehende amerikanische Negierung dessen, was nunmehr seit über vierzig Jahren in Europa an ganz eigenständigen Entwicklungen geschieht.

Ted Gioias “History of Jazz” ist auf jeden Fall eine sehr brauchbare Zusammenfassung der amerikanischen Jazzgeschichte. Andere (etwa Berendt) mögen in ihrem Ansatz gliedernder und damit insbesondere für den Jazzneuling hilfreicher sein, aber Gioia überzeugt vor allem in der dauernden Überlagerung biographischer, musikalischer, sozialgeschichtlicher Erklärstränge.

Wolfram Knauer (Januar 2012)


 

Lightnin’ Hopkins. His Life and Blues
von Alan Govenar
Chicago 2010 (Chicago Review Press)
334 Seiten, 28,95 US-Dollar
ISBN: 978-1-55652-962-7

2010govenarDer Blues ist vordergründig eine der persönlichsten Musikstile, die man sich vorstellen kann, handelt er doch von vermeintlich Selbst-Erlebtem, vom offen gelegten emotionalen Grenzsituationen. Tatsächlich ist der Bluessänger aber ein Griot seiner Tage; seine Texte stehen nicht nur für ihn, sondern für so viele, die sich mit ihnen identifizieren und aus dem Aussprechen des täglichen Leids Kraft ziehen können. Alan Govenar hat die Biographie eines der am meisten aufgenommenen Blueskünstler des 20sten Jahrhunderts geschrieben und bietet dem Leser damit Einblick in die persönlichen Erfahrungen, die Hopkins mit in seine Musik einbringen konnte.

1929 in eine arme Farmpächterfamilie in Texas geboren, verließ Hopkins bereits mit acht Jahren sein Zuhause, verdiente sich sein Geld als Straßenmusikant oder Gelegenheitsarbeiter. Seine ersten Aufnahmen machte er erst 1946, als er auch seinen Spitznamen “Lightnin'” erhielt. Seine Platten führten die R&B Charts an, aber dann wurde er wieder vergessen, bis er 1959 “wiederentdeckt” wurde und die Bürgerrechtsbewegung mit seinen emotionalen Liedern begleitete.

Govenar macht sich auf die Spurensuche, nachdem er selbst Hopkins 1974 ein einziges Mal in einem Konzert gehört und nachdem Chris Strachwitz, der Gründer des Arhoolie-Labels, ihn auf die Bedeutung dieses Musikers aufmerksam gemacht hatte. Anfangs verzweifelte er mit seinen Recherchen fast, als ihm Hopkins Manager und seine langjährige Lebensgefährtin jegliches Interview verweigerten; dann machte er sich auf nach Texas und traf im Geburtsort des Gitarristen und Sängers tatsächlich auf entfernte Verwandte und Kindheitsfreunde. Ihm gelingt es im Verlauf seines Buchs, die Mythen und Erinnerungen auseinanderzudröseln, die Hopkins selbst in Interviews oder auch in seiner Musik zu erzählen pflegte, und die über ihn kursierten.

Man weiß wenig über Sam “Lightnin'” Hopkins’ Kindheit, und Govenar muss sich hier vor allem auf andere Quellen verlassen, um die Geschichten zu verifizieren oder wenigstens in die Realität der Zeit einzupassen, etwa die von Hopkins selbst erzählte von seinem Großvater, der sich als Sklave erhängt hätte, weil er es nicht mehr aushielt, laufend bestraft zu werden. Hopkins Vater starb, als der Sohn 3 Jahre alt war. Sam schaute sich die Technik des Gitarrespielens von seinen älteren Brüdern und anderen Musikern des Dorfes ab. Govenar beschreibt die Bildungsmöglichkeiten und die Zwänge der Feldarbeit in jener Zeit, aber auch die Square Dances, die Hopkins in seinem Dorf erlebte. Mit acht Jahren traf er auf Blind Lemon Jefferson, der ihn in seinem Spiel ermutigte. Der Junge erahnte, dass die Musik eine Chance sein könnte, sich aus dem Leben eines Sharecroppers zu befreien.

Man weiß nicht genau, aus welchem Grunde Hopkins in den 1930er Jahren ins Gefängnis kam, aber später berichtete er in Wort und Blueslyrics von den Chain Gangs, wenn auch Govenar feststellt, dass seine Texte für einen Mann, der so oft im Gefängnis war, etwas reichlich unoriginell seien. Etwa gegen Mitte der 1930er Jahre traf Hopkins in Dallas auf den Bluessänger Texas Alexander, der bereits etliche Aufnahmen gemacht hatte und ihm zeigte, dass man durchaus auch von der Musik allein leben konnte. Govenar zeichnet daneben auch Einflüsse von Alexanders Stil in Hopkins’ späteren Aufnahmen nach.

Mitte der 1940er Jahre zog Hopkins nach Houston, und auch hier beschreibt Govenar eingehend die soziale und wirtschaftliche Lage, in der sich insbesondere die schwarze Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts befand. Er baut eine neuen Karriere auf und wird erstmals öffentlich wahrgenommen, vor allem natürlich, weil nun, 1946, erste Plattenaufnahmen von ihm erscheinen. Hier hat Govenar nun richtige Quellen, die er unter die Lupe nehmen kann: Bluestexte, die es gilt mit der Realität zu vergleichen, Kontorbücher, die Gagen für die Plattenaufnahmen auflisten, und Zeitzeugenberichte, die er immer mehr einführt – auch weil für die aktive Aufnahmezeit des Gitarristen einfach mehr Zeitzeugen zu finden waren als für seinen frühen Jahre. Er fragt nach den Medien, denen sich der Blues in jener Zeit bediente, und wie die Musik an ihre (vor allem schwarzen) Hörer kam.

1959 wurde Hopkins von Samuel Charters wiederentdeckt, der in einem Hinterzimmer u nd mit einem portablen Aufnahmegerät Aufnahmen vor allem alter Bluessongs machte. Auch Mack McCormick und Chris Strachwitz gehörten zu den Produzenten-Unterstützern Hopkins’, die seiner Karriere letztendlich zu einem neuen Schub verhalfen. McCormick ermutigte ihn bei seinen Aufnahmesitzungen zu singen, was immer ihm in den Sinn kam, nicht also marktorientierte, sondern möglichst persönliche Statements abzuliefern. Hopkins war ein Improvisator durch und durch, der viele seiner Stücke aus dem Stegreif dichtete.

Die 1960er Jahren brachten sowohl in den USA wie auch in Europa ein Blues-Revival, und Govenar beleuchtet die Menschen hinter dieser Bewegung, ihre Beweggründe und ihre Strategien. Hopkins tourte in den Vereinigten Staaten genauso wie in Europa und in den 1970er Jahren sogar in Japan, wenn er auch im Third Ward in Houston wohnen blieb. Gesundheitliche Probleme nahmen zu, und am 30. Januar 1982 verstarb Hopkins im Alter von 70 Jahren.

Eine von Andrew Brown und Alan Balfour zusammengestellte ausführliche Diskographie ergänzt das Buch. Govenars Biographie gelingt es überaus lesenswert, das Leben und das Werk des Gitarristen und Sängers zu beleuchten, Mythen und Realität zu analysieren und aus der Lichtgestalt des Bluesheroen den Menschen Sam Hopkins herauszuschälen.

Wolfram Knauer (Januar 2012)


 

Improvisieren. Paradoxien des Unvorhersehbaren. Kunst – Medien – Praxis
herausgegeben von Hans-Friedrich Bormann & Gabriele Brandstetter & Annemarie Matzke
Bielefeld 2010 (transcript)
238 Seiten, 26,80 Euro
ISBN: 978-3-8376-1274-5

UMS1274kumediBormann.inddWir Jazzer sehen die Improvisation natürlich als unser ureigenes Feld an; der Jazz schließlich ist diejenige westliche Kunst, in der Improvisation am stärksten zum Prinzip erhoben und am meisten gefeiert wurde. Das vorliegende Buch streift das große Feld der jazzmusikalischen Improvisation eher am Rande, etwa im Beitrag von Christopher Dell, der in seinem Vortrag bei der Tagung an der Freien Universität in Berlin, die Anlass für die hier abgedruckten Texte war, auch gleich selbst improvisierte – im Gegensatz zu den dort “komponierten” (spricht vorgefertigten und abgelesenen) Referate der übrigen Autoren.

Es geht, kurz gesagt, um das Improvisieren in diversen künstlerischen und kulturellen Zusammenhängen, die man mit dem Phänomen der Improvisation mal mehr, mal weniger verbindet. Georg W. Bertram beginnt mit einem allgemeinen Blick auf Improvisation im Alltag und in der Sprache. Roland Borgards untersucht Texte von Thomas Mann und Hugo Ball, die die Improvisation zum Thema haben, und zwar nicht nur der eigentlichen Texte, sondern auch der Textkreation.

Edgar Landgraf schaut historisch auf die Improvisation auf der Theaterbühne zwischen Commedia dell’arte und dem frühromantischen Konzept des Universallustspiels. Sandro Zanetti holt noch weiter aus und betrachtet Improvisation vor dem Hintergrund der antiken Rhetorik und der romantischen Literatur. Markus Krajewski schaut genauer auf den Butler in “Dinner for One” und fragt nach dem Verhältnis von Routine und Improvisation in dessen Handeln.

Annemarie Matzke betrachtet die Funktion der Improvisation im Schauspiel, und Gabriele Brandstetter sowie Friedrike Lampert schauen auf die Bedeutung von Improvisation in der künstlerischen Tanzpraxis. Schließlich beleuchtet Kai van Eikels die beliebten Übersetzungen der Improvisation, wie sie etwa im Jazz stattfindet, auf Organisationstheorien.

Improvisation, das lernt mal schnell in diesem Buch, ist weitaus mehr als das, was wir uns gemeinhin darunter vorstellen, egal ob wir aus dem Jazz kommen oder meinen, jeder improvisiere doch eigentlich immer. Weder unfertig noch vollkommen ungeplant, ist das Prinzip der Improvisation letztlich ein Zurückgreifen auf Erlerntes und Erfahrenes, die Fähigkeit schnellstens Entscheidungen zu treffen, die alles ändern können, das Ziel also sowohl im Blick zu behalten wie auch nicht als ultimatives Ziel zu sehen.

Wolfram Knauer (Januar 2012)


 

Unfinished Blues. Memories of a New Orleans Music Man
Von Harold Battiste Jr. (& Karen Celestan)
New Orleans 2010 (Historic New Orleans Collecion)
197 Seiten, 28,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-917860-55-3

2010battisteHarold Batiste war zusammen mit Alvin Batiste, Ellis Marsalis, Ed Blackwell und einigen anderen Musikern die moderne Jazzstimme im New Orleans der frühen 1950er Jahre. Mit Marsalis zusammen etablierte er weit später das Jazz Studies Program an der University of New Orleans. In seiner Autobiographie erzählt er seine Geschichte, die von New Orleans nach Los Angeles führt, vom Jazz zum Geschäft mit der Popmusik und zurück.

Battiste wurde im Herbst 1931 in New Orleans geboren. Das Buch berichtet über die Stadt seiner Kindheit, das Leben in verschiedenen Vierteln und in einem sozialen Wohnungsbauprojekt, über seine erste Metallklarinette, die ihm sein Vater in einem Leihhaus kaufte. Mit elf oder zwölf arbeitete er als Hilfskraft im Dew Drop Inn, wo er jede Menge schwarzer Popkultur hautnah erlebte. Er ging auf die Gilbert Academy, eine High School, in der er seinen ersten richtigen Musikunterricht erhielt und in der Schulband spielte. Später besuchte er die Dillard University und spielte auch dort in der Hochschul-Tanzkapelle. Sein Studienziel war es, staatlich geprüfter Musiklehrer zu werden.

Mit 18 hatte Battiste seinen ersten richtigen Gig im Orchester des Pianisten Joe Jones, das vor allem Kaufarrangements populärer Bigbandnummern etwa von Stan Kenton spielte. Er heiratete, unterrichtete eine Weile, war aber vom Schulsystem so frustriert, dass er seinen Job kündigte und zusammen mit seinen Kumpanen Ed Blackwell, Richard Payne und Ellis Marsalis an die amerikanische Westküste zog, wohin er wenig später auch seine Familie nachkommen ließ. Einige der Musiker (insbesondere Blackwell) spielten mit Ornette Coleman; Battiste aber begann bald seine zweite Karriere, als er nämlich die erste Hitsingle von Sam Cooke arrangierte und produzierte. Bald darauf kam er auch mit Salvatore Bono zusammen, der wenig später mit der Sängerin Cher als Sonny & Cher Karriere machen sollte.

Die folgenden Kapitel behandeln das Music Business der späten 1950er, frühen 1960er Jahre, R&B-Gruppen, mit denen Battiste zusammenarbeitete, aber auch das Label A.F.O. Records, das er in New Orleans gründete und auf dem er etliche seiner Entdeckungen herausbrachte, unter ihnen etwa Barbara George, die mit “I Know (You Don’t Love Me No More)” einen großen Hit hatte. Mit Sonny & Cher arbeitete er von den 1960er bis in die 1980er Jahre; und neben der Beschreibung seiner Arbeit erzählt er dabei durchaus auch von Copyright-Knebelverträgen, die Battistes Namen aus den Kompositionen und Arrangements strichen, die er gefertigt hatte.

1967 produzierte er ein Album mit Mac Rebennack, der bald darauf als Dr. John bekannt werden sollte. Battiste ist mittlerweile ein gemachter Mann, besitzt ein großes Haus, ein großes Auto, hat Erfolg auf der ganzen Linie. Er pendelt zwischen New Orleans und Los Angeles, produziert unzählige Projekte. Er wird musikalischer Leiter der populären Sonny & Cher TV-Show, für die er alle Arrangements fertigt. 1976 gründete er ein neues Label, Opus 43, tut sich mit Ellis Marsalis zusammen und nimmt das erste Album auf, das Ellis mit seinen Söhnen Wynton und Branford einspielte (das aber nie veröffentlicht wurde).

Die letzten Kapitel des Buchs widmen sich den Aktivitäten, mit denen Battiste seiner Heimatstadt etwas von dem zurückgeben will, was er musikalisch von ihr erhalten hatte: Wir lesen etwa von der Gründung der National Association of New Orleans Musicians und von Konzepten für eine bessere Einbindung des Jazz in den Schulunterricht. Nebenbei erfahren wir aber auch über seine Scheidung, die zum Verlust seines Hauses und seines Vermögens führte und auch dazu, dass er mit 58 Jahren eine neue Karriere als Dozent an der University of New Orleans begann / beginnen musste.

Alles in allem ist “Unfinished Blues” eine umfangreiche Autobiographie, die sich manchmal in zu viel Details verliert und der man insbesondere in der Geschichte des Privatlebens deutlich die Verletztheit des Autors anmerkt. Nichtsdestotrotz gibt das Buch einen ungemein interessanten Einblick ins Leben und Überleben eines schwarzen Musikers zwischen Jazz und Kommerz und seine musikalischen wie ästhetischen und spirituellen Werte. Es zeigt zudem unzählige Fotos, die die Stories quasi erlebbar machen, jene Geschichte vom Aufstieg eines Musikers zum Popproduzenten, von seinem Fall, von Neubesinnung und Neufindung.

Wolfram Knauer (Januar 2012)


 

Speak Jazzmen. 55 interviews with jazz musicians
von Guido Michelone
Milano 2010 (EDUCatt)
212 Seiten, 11 Euro
ISBN: 978-88-8311-753-4

2010micheloneGuido Michelone ist ein fleißiger italienischer Jazzkritiker, der regelmäßig für die diversen Fachzeitschriften seines Landes schreibt, außerdem Jazzgeschichtskurse an der Universität von Mailand gibt. Aus den Schubladen seines Schreibtischs hat er für das vorliegende Buch fünfundfünfzig Interviews ausgesucht, die er in den letzten Jahren mit amerikanischen und europäischen (allerdings nicht mit italienischen) Musikern führte. Anlass der auf Englisch abgedruckten Interviews war meist entweder das Erscheinen eines neuen Albums des betreffenden Künstlers oder eine bevorstehende Italientournee.

Unter den Gesprächspartnern sind bekannte Namen wie Don Byron, Billy Cobham, Steve Lacy, Hugh Masekela, Greg Osby, Joshua Redman, Trevor Watts, Lenny White genauso wie der breiten Öffentlichkeit nicht ganz so bekannte Namen, etwa Theo Bleckmann, Antonio Ciacca, Khari B., Tony lakatos, Martin Mayes, Brett Sroka, Torben Walldorf (aber auch Daniel Schnyder, nicht “Scheyder” und Jeremy Pelt, nicht “Pelz”, um gleich mal zwei der falsch geschriebenen Namen zu korrigieren).

Die meisten der Gespräche sind dabei eher kurz; etliche nur ein oder zwei Seiten lang. Immer wieder liest man Standardfragen wie “Was bedeutet der Jazz für Sie?” oder “Wer waren Ihre wichtigsten Einflüsse?”. Ab und an spricht Michelone auch den Unterschied zwischen europäischem und amerikanischem Jazz an, fragt aber selten nach.

Wie sollte er allerdings auch nachfragen? Viele der Interviews nämlich wurden per e-mail geführt. Im Vorwort lobt Michelone die Gedankentiefe der Antworten, vergibt sich bei der gewählten Technik des Mailinterviews allerdings die Möglichkeit der tatsächlichen Vertiefung. So werden viele Themen oft nur angeschnitten. Einige der Fragen wirken zudem hilflos, etwa wenn Michelone Vijay Iyer fragt, wie viele indische Sprachen er denn spräche (Antwort: nur Englisch und ein wenig Französisch).

Alles in allem finden sich durchaus interessante Aussagen in diesem Buch — die Beliebigkeit der Interviews, und die unterschiedliche Tiefe der Gespräche macht es allerdings zu einer wechselvollen Lektüre, der ein wenig editorisches Geschick gut getan hätte, wenn beispielsweise die Gespräche jeweils mit einleitenden oder beschließenden Worten kommentiert und eingeordnet worden wären.

Wolfram Knauer (Januar 2012)


 

The Comedian Harmonists. The Last Great Jewish Performers in Nazi Germany
von Douglas A. Friedman
West Long Branch/NJ 2010 (HarmonySongs Publications)
306 Seiten, 22,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-9713979-1-0

2010friedmanDie Comedian Harmonists sind bis heute bekannt als eine der populärsten Vokalgruppen des frühen 20sten Jahrhunderts. Sie sind ins deutsche Kulturgut eingegraben wie sonst kaum ein populäres Ensemble, durch Loriot-Cartoons, Nachahm-Bands oder den Ende der 1990er Jahren in die Kinos gekommenen Spielfilm “The Harmonists”, der auf ihrer Geschichte basiert. Douglas Friedman hat sich nach seiner Pensionierung als Vizepräsident einer erfolgreichen amerikanischen Energiefirma an die Arbeit gemacht, die Geschichte des Vokalensembles zu recherchieren. Ihn interessierte der musikalische Kontext des Vokalquintetts dabei genauso wie der soziale, die Verfolgung der jüdischen Sänger und Musiker durch die Nazis.

Sein Buch beginnt mit der Faszination des jungen Harry Frommermann durch Aufnahmen des amerikanischen Vokalquintetts Revelers. Frommermann schrieb eigene Arrangements und schaltete eine Kleinanzeige im Berliner Lokal-Anzeiger, in der er nach “schönklingenden Stimmen” suchte. Im Januar 1928 hatte er die Band zusammen, die er Melody Makers nannte. Friedman rekapituliert die Biographien der Mitglieder: Harry Frommermann, Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Roman Cycowski, Erich Collin sowie anderer, kurzfristig mit der Band arbeitender Musiker. Er beschreibt die Probenphase durchs Jahr 1928, das Vorsingen im Scala Club und den Vorschlag des Musikmanagers Eric Charrell, die Band in Comedian Harmonists umzutaufen. Im August nahm das Quintet mit Pianisten seine ersten Schallplatten auf und war sofort ein Riesenerfolg sowohl in Charrells Revue wie auch auf Platte. 1929 tourten die sechs durch Deutschland, 1930 waren sie bereits weit europaweit populär. Hits wie “Ein kleiner grüner Kaktus” oder “Veronika, der Lenz ist da” brachten dabei Optimismus in die Stimmung der Weimarer Republik, eine scheinbar perfekte Paarung des swingend intonierten amerikanischen Jazz mit deutschem Schlager der Zeit.

Friedmann verfolgt die Karriere der Band genauso wie persönliche Schicksale, Liebschaften, Hochzeiten, Erfolge, Nachahmer, Konkurrenten. 1933 kamen die Nazis an die Macht, und mit einem Mal wurde es schwierig für die jüdischen Mitglieder der Comedian Harmonists, spätestens als diesen mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 jede Arbeitsmöglichkeit genommen wurde. Das Ensemble teilte sich in eine Wiener Gruppe und ein Berliner Ensemble. Die Wiener Band ging bald auf internationale Tournee, spielte in Australien, Südamerika, Kanada und den USA. Als Hitler Polen überfiel, war diese Band gerade in Sydney, und in den Kriegswirren löste sich das Ensemble 1940 auf – zu sehr hatten die einzelnen Mitglieder mit unterschiedlichen Nachrichten aus der Heimat zu kämpfen.

In Deutschland hatte die andere Hälfte der Harmonists sich unter dem Namen Meistersextett neu gegründet, konnte aber an den Erfolg der früheren Besetzung nicht wirklich anknüpfen und musste außerdem mit Schwierigkeiten durch die Reichsmusikkammer kämpfen, die in Repertoire und Auftreten Mitspracherecht anmeldete. Die Band zerstritt sich insbesondere mit Biberti und löste sich 1941 auf. Im letzten Teil seines Textes schließlich folgt Friedman den Biographien der früheren Comedian Harmonists-Mitglieder von Kriegsende bis zu ihrem Ableben.

Friedman bezieht sich auf Quellen im Nachlass Robert Bibertis an der Staatsbibliothek Berlin sowie auf Zitate aus der 1976 gedrehten Fernsehdokumentation über die Band. Seine Recherche muss man sich dabei etwas mühsam vorstellen, denn der Autor spricht kein Deutsch und musste sich grundsätzlich auf englische Übersetzungen oder Untertitel verlassen. Letzten Endes kann er so kaum originäre Recherchen aufweisen sondern vor allem referieren, was anderswo bereits zusammengetragen wurde. Das tut dem Fleiß seiner Arbeit aber keinen Abbruch, insbesondere, wenn man den umfangreichen (mehr als 100 Seiten starken) Anhang des Buchs aufblättert, der eine genaue Timeline der Band enthält, eine komplette Diskographie sowie eine Auflistung aller bekannten Konzerte mit Anmerkungen zu Gagenhöhe oder anderen Besonderheiten. Schließlich findet sich hier auch eine Repertoireliste anhand von Programmen ausgewählter Konzerte über die Jahre, eine Filmographie, eine Liste von den Harmonists gesungener, aber nie auf Schallplatte eingespielter Titel sowie die obligatorische Literaturliste (die sich im Vergleich zu den anderen Teilen des Anhangs ein wenig dürftig ausmacht).

Alles in allem: eine hoch willkommene Zusammenfassung der biographischen und Karrieregeschichte der Comedian Harmonists, in der sich wenig über die Musik selbst findet, dafür jede Menge Information zur Lebenswirklichkeit eines Starensembles in den dunklen Jahren der Nazizeit. Insbesondere die Anhänge machen das Buch auch für Forscher zu einer hilfreichen Quelle.

Wolfram Knauer (Dezember 2011)


 

The Big Love. Life & Death with Bill Evans
von Laurie Verchomin
Kanada 2010 (Selbstverlag)
144 Seiten, 19,59 US-Dollar
ISBN: 978-1-456563097

2010verchominJazzmusiker sind zuallererst – Musiker. Aber natürlich sind sie genauso Menschen wie wir alle, Menschen, die versuchen eine Balance aus Arbeit und Leben zu finden, aus Pflicht und Vergnügen, aus Ernsthaftigkeit und Liebe. Vom Privatleben eines der ganz großen Jazzmusiker handelt dieses Buch, und dabei vor allem von der Liebe. Der Autorin widmete Bill Evans seine Komposition “Laurie”, die gegen Ende seines Lebens fester Bestandteil seines Bühnenrepertoires war. “For Laurie who inspired this song with love – Bill”, schreibt Evans auf die Kompositionsnotiz, die Verchomin in ihrem Buch abdruckt und die ihn auf ewig mit ihr verbunden habe.

Gleich das Eingangskapitel trifft ins Mark: Laurie Verchomin erzählt, wie Evans am 15. September 1980 in seine Methadonklinik fahren will, um sich mit seinem Arzt zu beraten. Joe LaBarbera fährt sie nach Midtown-Manhattan, und mitten im Gespräch beginnt Evans Blut zu husten. Sie schaffen es noch in die Notaufnahme, doch Evans ist nicht mehr zu retten.

Rückblende: Mitte der 1970er Jahre geht die junge Laurie Verchomin aus Edmonton in Kanada nach New York, mietet ein billiges Hotelzimmer und schreibt sich für Unterricht in einer Schauspielschule ein. Zurück in Edmonton versucht sie ihr Liebesleben neu zu ordnen und jobbt nebenbei als Kellnerin. Bei einem Konzert des Bill Evans Trios, bei dem sie kellnert, lernt sie den Pianisten kennen. Sie schreiben sich, sie teilen sich das Kokain, sie besucht ihn in seiner kleinen Wohnung in Fort Lee, New Jersey. Eindringlich, überaus offen und höchst persönlich erzählt Verchomin von ihrem Eintauchen in eine Welt, die so ganz anders ist als das heimatliche Edmonton. Liebe, Sex, Kokain, Drinks, Schallplatten, Evans’ Ehefrau Nenette, die sie über seine Reihe an Liebschaften aufklärt… Verchomin erzählt über ihre Ängste, für ihn und vor seiner Sucht. Inzwischen ist sie nach Edmonton zurückgekehrt, besucht ihn bei Konzerten in Toronto, begleitet ihn nach Chicago. Zwischendurch erfahren wir von kokaingetränkten Abenden mit Dennis Hopper, vom Village Vanguard, ihrer Rückkehr nach Edmonton. In seiner Wohnung schwadroniert Evans davon, von der CIA überwacht zu werden, und Laurie akzeptiert seine Paranoia, worauf Evans sie schließlich einlädt, ganz zu ihm zu ziehen. Sie erzählt von Auseinandersetzungen mit Bills Agentin und von der Anziehungskraft eines von Drogen zerfressenen Körpers. Sie besucht ihn während eines Gigs in London; wieder zurück in den USA holt sie ihn vom Flughafen ab, beschreibt, wie ausgelaugt, offensichtlich krank und fertig er auf sie wirkte. Wir werden Teil der Szenen eines Musikerlebens: Gigs, Talk-Shows, Hotelzimmer, Flugtickets, Warten, Reisen, Spielen. Und dann… der 15. September 1980, Mount Sinai Hospital: “We couldn’t save him”.

Laurie Verchomins Buch ist vielleicht eines der persönlichsten Bücher über einen Jazzmusiker. Die Autorin ist schonungslos offen, und stellenweise weiß man nicht, mit wem man mehr mitleiden soll: dem sensiblen, schwerkranken Evans oder Laurie, die von der Liebe in eine Beziehung getragen wird, die so viel mehr an Kraft verlangt, als sie je geahnt hatte. Man legt das Buch aus der Hand mit einem beklemmenden Gefühl, aber auch ahnend, dass man das alles bereits wusste, weil Bill Evans es uns in seiner Musik offen legte, in der diese Sensibilität und Verletzlichkeit doch so deutlich durchscheint. Anderthalb Jahre begleitete Verchomin den Pianisten, auch auf seiner letzten Reise. Ihr Buch ist eine persönliche Hommage an das Vermächtnis eines genialen Musikers, der selbst im Leiden und Wissen um den bevorstehenden Tod so viel an Kraft in die Schönheit der Musik steckte. Ihr Buch schildert eine wahrhafte Tragödie, das Zugrundegehen eines Künstlers, und dennoch liest man es mit liebevollem Gesicht – weil wir alle, die wir Bill Evans hören durften, von ebendieser Kraft musikalischer Schönheit zehren konnten und bis heute zehren können.

Wolfram Knauer (Oktober 2011)


 

freebag…? Jazz i Norge 1960-1970
von Bjørn Stendahl
Oslo 2010 (Norsk Jazzarkiv)
613 Seiten, 450 Norwegische Kronen
ISBN: 978-82-90727-14-2

2010stendahlBjørn Stendahls Geschichte des Jazz in Norwegen in den 1960er Jahren ist der mittlerweile vierte Band einer Reihe des Norwegischen Jazzarchivs über die Jazzgeschichte des Landes. Der Umfang des Buchs, der die früheren Bände bei weitem übertrifft, macht klar, dass es sich bei diesem Jahrzehnt um ein entscheidendes handelt: das Jahrzehnt dr Bewusstwerdung, dass Jazz für norwegische Musiker nicht mehr länger ein Feld der Nachahmung amerikanischer Idole war, sondern die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken.

Stendahl befasst sich in seinen eingehenden Recherchen mit Lokal- und Regionalszenen, mit auch in Skandinavien abgehaltenen stilistischen Grabenkämpfen zwischen Traditionalisten und Modernisten, mit den Vertriebswegen des Jazz über Radio, Fernsehen, Film, Presse und natürlich die Schallplatte, mit Clubs, Festivals und Musikerverbänden, mit der Struktur also einer sich organisierenden Szene. Das geht zum Teil schon sehr ins Detail, so dass das Buch wohl vor allem als Nachschlagewerk zu nutzen ist, in dem man blättert, um einzelne Episoden herauszugreifen, die im register leicht ansteuerbar sind. 613 Seiten im Stück zu lesen, das wird wohl kaum einer tun, auch wenn es sich lohnt, da Stendahl immer wieder spannende Fundstücke einschließt, Interviewschnipsel etwa, beispielhafte Club- und Festivalprogramme, Besetzungen und vieles mehr. Und natürlich gibt es Fotos zuhauf.

Fakten erfährt man also jede Menge, über musikalische Inhalte allerdings schweigt sich Stendahl meist aus. Zu Jan Garbareks Entwicklung etwa finden sich Auftrittsdaten nebst Besetzungen und parallel auftretenden Bands, über seine musikalische Ästhetik aber erfährt man eher nebenbei, in knappen Zitaten aus zeitgenössischen Rezensionen. Mehr aber war wohl auch nicht Stendahls Aufgabe im Rahmen der Reihe, die das Buch den Tatsachen entsprechend als “faktengefülltes Nachschlagewerk für speziell Interessierte” anpreist.

Oh ja, ein wenig norwegische Sprachkenntnisse sind von Vorteil, wobei das Norwegische Jazzarchiv auf seiner Website eine englischsprachige Zusammenfassung anbietet.

Wolfram Knauer (Oktober 2011)


 

in’n out. in-fusiones de jazz
herausgegeben von Julián Ruesga Bono
Sevilla 2010 (arte-facto)
277 Seiten,
ISBN: 978-84-614-5668-0

2010bonoJazz, schreibt Julián Ruesga Bono im Vorwort zu diesem Buch, bekam die Mischung der Kulturen quasi in die Wiege gelegt. Wer vom Jazz also Stilfundamentalismus verlange, habe die Musik nicht verstanden. Entsprechend sammelt er in fünf thematischen Kapiteln Essays über einige der Fusionen, die der Jazz nach seiner Gründung einging.

Luc Delannoy befasst sich mit den Annäherungen zwischen lateinamerikanischen Musikrichtungen und dem Jazz zwischen den afro-kubanischen Aufnahmen Dizzy Gillespies und heutigen Projekten, in denen sich Jazz mit Traditionen Lateinamerikas mischt. Luis Clemente beschreibt die Verbindung jazzmusikalischer Improvisation mit dem andalusischen Flamenco und nennt historische sowie aktuelle Beispiele. Daniel Varela beschäftigt sich mit der Fusion von Jazz und zeitgenössischer Musik, wobei er als Fallbeispiele auf Aufnahmen aus Deutschland, den Niederlanden, England und den USA zurückgreift. Norberto Cambiasso zeichnet die politische Bedeutung des Jazz der 60er und 70er Jahre in Europa nach, bei Exilamerikanern genauso wie im erstarkenden europäischen Jazz, verweist auf konkrete politische Bezüge genauso wie auf allgemeine ästhetische Statements. Santiago Tadeo deckt den Bereich der elektronischen Experimente im Jazz insbesondere der jüngsten Zeit ab, also all das, was unter dem Terminus “Nu-Jazz” gehandelt wird, blickt dabei aber auch auf die Vorgänger, die seit den 60er Jahren elektronische Instrumente in den Jazz integrierten.

Neben diesen konkreten Kapiteln zu verschiedenen Formen von Fusionen zwischen “Jazz und…” enthält das Buch noch einen Rundumschlag von Chema Martínez über den Jazz im Jahr 2010, in dem man allerdings wirklich jüngere Namen vergeblich sucht, sowie eine Übersicht über Studien zum Jazz in Spanisch sprechenden Ländern.

Er habe das Buch auch “Notizen zu einer anderen Geschichte des Jazz” nennen können, schreibt Bono in seinem Vorwort, und tatsächlich stoßen die einzelnen Kapitel Themenstränge zu einer Musik an, die mittlerweile eben nicht allein mehr eine afro-amerikanische ist, sondern seit langem ihr eigenes Leben in vielen Ländern außerhalb der USA führt. Die Kapitel stehen dabei manchmal etwas sehr bezugslos nebeneinander, aber das macht dann auch wieder den Charme des Buchs aus, das darin deutlich macht, wie wichtig es ist, all die Fäden, die hier nur angerissen werden, aufzunehmen und in ein Gesamtbild des Jazz als eines großen globalen Projektes zu weben.

Wolfram Knauer (Oktober 2011)


 

Louis Armstrong. The Soundtrack of The American Experience
von David Stricklin
Chicago 2010 (Ivan R. Dee)
182 Seiten, 15,95 US-Dollar
ISBN: 978-1-56663-836-4

2010stricklinNoch eine Biographie des ersten wirklichen Stars des Jazz. David Striklin hat ein hübsches Büchlein vorgelegt, das Louis Armstrongs Leben beschreibt und daran entlang dessen afro-amerikanische Erfahrung herausstellen will. Und so gibt es in seinem Buch vor allem zwei Erzählstränge: den biographischen, der allseits bekannt ist und von ihm meist mit Verweisen auf die ebenfalls bekannten Armstrong-Biographen sowie Zitaten vom Trompeter selbst abgefeiert wird, sowie jenen, der von einer schwarzen Künstlerkarriere berichtet, die in Abhängigkeit vom weiß dominierten Markt gelebt wurde.

Stricklin beschreibt die Arbeitsumgebung erst in New Orleans, dann Chicago, dann New York, schließlich global. Er beschreibt die Entwicklung von einem jungen Trompeter, der froh war, mit seinen Mentoren spielen zu dürfen, hin zum eigenständigen Künstler, der sein eigener Herr war und seinerseits plötzlich überall Nachahmer fand. Er beschreibt Armstrong als freien und selbstbewussten Afro-Amerikaner, der weiße Hilfe durchaus annahm, auch immer wichtige weiße Geschäftspartner (bzw. Manager) hatte, sich selbst aber nicht die Butter vom Brot nehmen ließ.

Er beschreibt den Erfolg genauso wie die Schwierigkeiten, die Satchmo in den 1940er Jahren durchmachte, internationale Tourneen und seine Rückkehr nach New Orleans, das politische Bewusstsein des Trompeters und den populären Erfolg in den 1960ern. Das alles tut er in gut lesbaren Worten, aber nie mit allzu viel Konzentration auf das, was Armstrong eigentlich ausmachte, nämlich die Musik. Selbst im Schlusskapitel “The Recordings” kommt das Musikalische eher knapp und kaum aussagekräftig zu Wort, und so bleibt es bei vielen bekannten Fakten, neu sortiertem Atmosphärischem und einem wenig kritischen Literaturüberblick.

Für Einsteiger ist dieses Buch sicher kein Fehler; wer je ein anderes Armstrong-Buch gelesen hat, wird hier allerdings wenig Neues lernen.

Wolfram Knauer (Oktober 2011)


 

Blue Smoke. The Lost Dawn of New Zealand Popular Music 1918-1964
von Chris Bourke
Auckland 2010 (Auckland University Press)
382 Seiten, 59,59 New-Zealand-Dollar
ISBN: 978-1-86940-455-0

2010bourkeMan verliert als Europäer ja doch manchmal die Übersicht über die Welt. Hat man doch gerade erst akzeptiert, dass sich mit der Entdeckung Amerikas der Horizont gezwungenermaßen erweitert hat und dass in der Popmusik die Amerikaner das Zepter in der Hand halten, hat man darüber hinaus gerade erst selbstbewusst die amerikanische Musik sich angeeignet und nun eigene Wege innerhalb derselben gefunden und proklamiert, da stößt man darauf, dass selbst am anderen Ende der Welt, in Gegenden, die man auf der popmusikalischen Weltkarte gar nicht auf Schirm hatte, Jazz, Bluegrass, Country, Rock und Popmusik ihren Siegeszug antraten, und das alles etwa zur selben Zeit wie bei uns.

Die Bilder ähneln sich, wenn man das opulente großformatige Buch von Chris Bourke aufschlägt: Tanzkapellen, die in ODJB-Manier posieren, größere oder kleinere Swingorchester. Doch dann hält man inne: Gleich zwei Frauen sitzen in der Band von Walter Smith, eine am Banjo, eine am Klavier. An anderer Stelle sieht man ein Banjo-, Mandolinen- und Gitarrenorchester einschließlich eines selbstgebauten Bass-Banjos. Immer wieder Musiker mit Maori oder polynesischem Hintergrund.

Neuseeland, am anderen Ende der Welt, reagierte auf die Jazzmode durchaus zur selben Zeit wie Europa. Bourke beschränkt sich in seiner Darstellung nicht auf die Geschichte des Jazz in Neuseeland, sondern betrachtet den Jazz als Teil vieler anderer populärer und vor allem aus den USA stammender Musikströmungen, die das Land eroberten, und eines der Themen, die sich wie ein roter Faden durchs Buch ziehen, ist die Verbindung all dieser amerikanischen Musikgenres mit den Südseerhythmen der Ureinwohner oder der von Neuseeland abhängigen Inselstaaten der Region.

Viele der Namen, die in seinem Buch auftauchen sind uns Westlern wahrscheinlich fremd. Er nennt etwa den Gitarren- und Banjovirtuosen Walter Smith, den Perkussionisten Bob Adams oder den Saxophonisten Abe Romain, der 1930 nach England ging und dort 1932 in der Begleitband für Louis Armstrong mitwirkte. Er betrachtet die Bedeutung des Rundfunks für die Verbreitung moderner Rhythmen in Neuseeland und wirft einen Blick auf frühe Plattenproduktionen mit Musik der Maoris.

Die Tanzkapellen der 1930er Jahre professionalisieren die Szene, und neben Swing- und Sweetbands erwähnt Bourke für diese Zeit auch erstmals einen Countrysänger, Tex Morton, der sowohl in Neuseeland als auch Australien Furore machte und zwischen 1936 und 1943 an die 100 Titel einspielte.

Der II. Weltkrieg erreichte auch unsere Antipoden. Bourke druckt Reproduktionen einzelner Songtitel ab, die den Kampf der neuseeländischen Truppen unterstützen sollten, und er begleitet die Royal New Zealand Air Force Band auf ihren erfolgreichen inländischen Tourneen. 1942 landeten die ersten US-Amerikaner in neuseeländischen Häfen an und brachten ihre eigene Musik mit. Schwarze Amerikaner allerdings, schreibt Bourke, waren in Neuseeland zwar ab und an zu sehen, ihre Musik aber sei kaum gehört worden. Eine der amerikanischen Bands immerhin, die nach einer langen Tour durch den Pazifik in Auckland anlangte, wurde vom Klarinettisten Artie Shaw geleitet.

Für die direkte Nachkriegszeit beleuchtet Bourke die Monopolkämpfe der Plattenindustrie, beschreibt Vertriebswege und Verkaufsstrategien. Einschübe beleuchten etwa die Karriere des blinden Pianisten Julian Lee, der auf Anraten Frank Sinatras in die Vereinigten Staaten ging, dort Sessions mit Chet Baker und anderen spielte und Arrangements für Stan Kenton schrieb.

Ende der 1950er Jahre veränderte sich die Popmusikszene. Sängerinnen und männliche Vokalgruppen wurden beliebt, genauso pseudo-Hawaiianische Bands und Country-and-Western-Gruppen. Bourke hebt besonders die Sängerin Mavis Rivers hervor, die Pianistin Nancy Harrie und den Pianisten Crombie Murdoch. Die Fotos fangen an etwas lächerlich zu wirken, wenn man neuseeländische Musiker in Cowboyhut und mit Westerngürtel sieht, eine Pseudo-Folklore, die durchaus auch auf das ländliche Leben des eigenen Landes Bezug nehmen wollte. Zugleich eroberte auch die Rock ‘n’ Roll-Welle das Land mit Covers der Hits von Elvis Presley, Bill Haley und anderen.

Bourke lässt seine neuseeländische Popmusikgeschichte im Jahr 1964 enden, also mit dem Erfolg des Rock ‘n’ Roll. In seinem Vorwort schreibt er, er wäre gern eingehender auf regionale Szenen eingegangen, die aber glücklicherweise in lokal begrenzten Geschichtsdokumentationen abgedeckt seien. Sein Buch jedenfalls gibt einen exzellenten Einblick in ein – aus europäischer Sicht – sehr exotisches Kapitel der globalen Popmusikentwicklung.

Wolfram Knauer (September 2011)


 

Horst Lippmann. Ein Leben für Jazz, Blues und Rock
von Michael Rieth
Heidelberg 2010 (Palmyra Verlag)
230 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-930378-79-1

2010riethZusammen mit seinem langjährigen Kompagnon Fritz Rau verkörperte Horst Lippmann den Siegeszug amerikanischer Musik im Nachkriegsdeutschland. Er spielte er Schlagzeug, organisierte im Restaurant seiner Eltern Jam Sessions, gab eigene Zeitschriften zum Jazz heraus, ermutigte die Gründung von Hot-Clubs und Hot-Club-Zusammenschlüssen zur Deutschen Jazzföderation, ermöglichte Konzerte und Festivalevents mit vielen deutschen Musikern und begleitete nicht zuletzt amerikanische Stars, die sich in seinen Händen so wohl fühlten, dass es sich bald herumsprach und Lippmann+Rau zur erfolgreichsten deutschen Konzertagentur zwischen Jazz, Blues, Rock und darüber hinaus wurde.

Jetzt hat Michael Rieth die Geschichte Horst Lippmanns niedergeschrieben und dabei versucht sich Lippmann als Geschäftsmann, als Jazz- und Musikfan und als Mensch zu nähern. Rieth weiß darum, wie wichtig Lippmanns oft nur im Hintergrund wahrgenommenen Aktivitäten für das deutsche Jazzleben waren, und immer wieder verweist er auf diese Bezugsstränge: Lippmanns Faszination mit der Musik, Lippmanns pragmatische Projektideen und -umsetzungen, der populären Erfolg dieser Projekte und die daraus resultierenden Veränderungen in Lippmanns Privat- und Geschäftsleben.

Gleich in seinem Vorwort erklärt Rieth, dass er, der Feuilletonist, der Literatur näher stünde als der biographischen Faktenhuberei. Und so liest sich sein Buch flüssig und spannend, weil er hinter den Lebensstationen, hinter den Begegnungen, hinter den musikalischen Begebenheiten, die Geschichten sucht, das Menschliche, das Lippmann dazu brachte dies oder jenes zu tun. So lässt Rieth die jugendliche Faszination Lippmanns durch den Jazz lebendig werden, stöbert in den “Jazz News”, die Lippmann ab Frühsommer 1945 (!) in hektographierter Form herausgab, fühlt das Entstehen einer lokalen Jazzszene nach, bei dem die Frankfurter Jazzer mindestens genauso wichtig waren wie die Möglichkeit für die Amerikaner und mit den Amerikanern zu spielen. Er zeichnet die Gründung des legendären Jazzkellers nach, aber auch die Sessions und Feiern “im Hause Lippmanns”, anfangs in Frankfurt, später im neu gebauten Eigenheim nahe des Flughafens. Olaf Hudtwalcker, Carlo Bohländer und Emil Mangelsdorff finden Erwähnung, und auch die Plattennachmittage, bei denen Lippmann und andere Vorträge über ihre liebsten Künstler oder neue Entwicklungen im Jazz vorbereiteten.

Familie Lippmann erhält noch schnell ein eigenes Kapitel, bevor Rieth vom Fan zum Geschäftsmann Lippmann schwenkt, der Sidney Bechet und Ted Heath nach Deutschland holte, Tourneen bekannter Jazzensembles für die Deutsche Jazzföderation durchführte, und, nachdem er sich während der Jazz at the Philharmonic-Tournee des Jahres 1952 als Organisationsgenie entpuppte, künftig sämtliche deutsche Tourneen für Norman Granz durchführte. Natürlich lässt Rieth Lippmanns langjährigen Geschäftspartner Fritz Rau zu Wort kommen, und er transkribiert Raus unnachahmlich dialektgefärbten Tonschlag, der so viel an Wärme und Freundschaft rüberbringt, die “nur” in Worten leicht verloren ginge. Rieth würdigt Lippmanns Einfluss sowohl auf die Gründung des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks als auch einer eigenen Jazzredaktion beim hr oder seine Tätigkeit als Regisseur der SWR-Fernsehreihe “Jazz – gehört und gesehen”. Sein Engagement (und Kiesers Plakate!) beim Deutschen Jazz Festival ist genauso Thema wie das American Folk Blues Festival und dessen Einfluss auf die britische Rockmusik. Den Arbeitsalltag von Lippmann + Rau überlässt Rieth Lippmanns Kompagnon Rau, von dem ja erst kürzlich eine eigene Biographie voller Geschichten und Erlebnisse erschien.

Einige Stationen in Lippmanns so überaus aktivem Leben vernachlässigt Rieth in seinem Buch, etwa die Produktionen, die er in den 1960er Jahren für das Label Columbia machte und mit denen er dem deutschen modernen Jazz eine Plattform geben wollte. Solche und andere Details aber werden in anderen Bücher abgehandelt, etwa in Jürgen Schwabs opulentem “Der Frankfurt Sound”. Michael Rieth gelingt in seiner Biographie vor allem eines: den Menschen Horst Lippmann in seiner ganzen Faszination durch und Begeisterung für den Jazz darzustellen, die letzten Endes Beweggrund auch für all seine geschäftlichen Entscheidungen war. Es ist ein lesenswertes Buch geworden, schnell verschlungen, weil Rieth Anekdoten mit Reflexionen mischt, und weil seine Sprache sich nun mal “gut liest”. Es ist eine liebevolle und gelungene Verneigung vor diesem großen deutschen Impresario und mehr noch vor dem großartigen Jazzfreund Horst Lippmann.

Wolfram Knauer (September 2011)


 

Das Blaue Wunder. Blues aus deutschen Landen.
Herausgegeben von Winfried Siebers und Uwe Zagratzki
Eutin 2010 (Lumpeter & Lasel)
540 Seiten, 27,80 Euro
ISBN 9788-3-9812961-5-0

2010siebersMan merkt den Herausgebern den guten Willen an, eine tiefgehende, vielschichtige Analyse des Status quo des Blues in Deutschland zu liefern. Ausdrücklich wollen sie sich nicht am weit verbreiteten Abgesang auf den Blues beteiligen, sondern vielmehr seine Vielfalt in “regionalen Formen und heterogenen Nischen” dokumentieren. Allein es fehlen den beteiligten Autoren hier und da die zündenden Ideen dieses umzusetzen.

Die Vorgaben der Herausgeber sind offensichtlich und sinnvoll, das erahnt man bereits an den Überschriften der einzelnen Buchteile: “Musiker und Zuhörer“, “Markt und Medien“, “Regionen und Orte“, “Geschichte und Geschichten“ in die das Buch gegliedert ist. Dass fast durchgehend in allen Kapiteln im Wesentlichen “Geschichtchen“ ausgebreitet werden, kann man den Autoren nicht wirklich zum Vorwurf machen. Es wimmelt im Blues ja nur so von Individualisten und Eigenbrödlern.

Heraus gekommen ist dadurch ein buntes und vielfältiges Panoptikum deutscher Bluesgeschichte von Nord nach Süd und von Ost nach West. Von den unterschiedlichen Arbeitbedingungen und Perspektiven derer, die auf der Bühne, bei den Labels, im Radio oder als Veranstalter den Blues haben, erfährt man so einiges. Vieles davon lässt Schlussfolgerungen über den Zustand des Blues in der deutschen Gegenwart zu.

So befasst sich Mit-Herausgeber Winfried Siebers analytisch in seinem Beitrag mit deutschsprachigen Blueszeitschriften. Dass er sich dabei ausschließlich mit den der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts beschäftigt, mag man allerdings wiederum fast als symptomatisch für das ganze Buch betrachten: Viele der beschriebenen Szenarien verharren in der Vergangenheit, meist in den für den Blues in Deutschland glorreichen 70ies und 80ies. Die Gegenwart kommt dabei mancherorts zu kurz, nicht nur in diesem Beitrag.

Wer sich gerne in unterhalsame Schilderungen der Highlights lokaler Szenen hineinlesen mag, für den ist dieses Buch eine gelungene Bett- oder Urlaubslektüre. Und die humorvoll-ironischen Anekdoten, die der Kabarettist und Schriftsteller Thomas C. Breuer in “Das Blaue Wunder“ am Ende eines jeden Buchabschnitts beisteuert, sorgen allemal dafür, dass man nach dem ein oder anderen zugegebenermaßen etwas schwerfälligen Beitrag nicht allzu schnell wegschlummert.

Arndt Weidler (Dezember 2011)


 

Da den moderne dansemusik kom til Danmark
von Erik Moseholm
Hellerup 2010 (Erik Moseholm Forlag)
247 Seiten, 2 CDs mit 85 Titeln
ISBN: 978-87-993793-0-9

2010moseholmDer dänische Kritiker und Musikwissenschaftler Erik Wiedemann veröffentlichte 1982 die Früchte jahrzehntelange Arbeit über den Jazz in Dänemark. Jetzt legt der renommierte dänische Kontrabassist, Komponist und Jazzpädagoge Erik Moseholm ein Buch, das einmal einen ganz anderen Blick auf die europäische Jazzrezeption zu Beginn des 20sten Jahrhunderts wirft und nämlich fragt, “wie die moderne Tanzmusik nach Dänemark kam”. Ganz bewusst also spricht er im Titel nicht von Jazz, sondern von Tanzmusik. Sein Buch ist eine Kulturgeschichte der musikalischen Akkulturation, des amerikanischen Einflusses, der Skepsis, dass mit Ragtime, Cakewalk und Co die Werte dänischer Kultur zugrunde gehen könnten, aber auch der Faszination mit einer fremden Kultur und zaghaften Versuchen, sie für eigene Zwecke nutzbar zu machen, etwa indem man den tanzbaren Rhythmen dänische Texte unterlegte. Vor allem aber ist sein Buch eine Dokumentation des Verständnisses von Jazz als einer Musik, zu der man tanzen sollte, als einer Musik, bei der das Tanzen im Vordergrund steht.

Moseholm beginnt mit einem Blick auf die europäische Tanzkultur um 1900. Er nennt afro-amerikanische Musiker und Tänzer, die noch weit vor dem Jazz auch in Dänemark auftraten, Sängerinnen und Minstrel-Acts. Er erkennt, dass der Ragtime und der Cakewalk als eine Art exotischer Modetanz nach Europa und damit auch nach Dänemark kamen und zeigt zeitgenössische Karikaturen von Festen mit “Kakedans”, wie der Cakewalk auf Dänisch hieß. Auch das Kapitel “Onestep, Vrikkedans, Twostep og Klapstep” beschäftigt sich mit afro-amerikanischer Musik als Tanzphänomen, beleuchtet diverse Modetänze der Zeit vor 1920, die meist amerikanische Namen trugen.

1919 wurde in Dänemark erstmals der Jazz als ein neues musikalisches Phänomen aus den Vereinigten Staaten thematisiert. Die Original Dixieland Jazz Band und Paul Whiteman waren die Bandbreite, in der Jazz in jenen Jahren rezipiert wurde, also kaum als schwarze Musik, auch wenn der afro-amerikanische Ursprung all der jüngsten musikalischen Entwicklungen durchaus bewusst war. Mosehol erwähnt dänische Musiker, die sich mit der neuen Tanzmusik aus Amerika beschäftigten. Henrik Clausen, Valdemar Eiberg, Emil Reesen und andere Namen fallen, und Moseholm wirft auch einen Blick auf seltsam anmutende Besetzungen wie etwa die Banjo-überladene Kapelle von Marius Hansen. Überhaupt sind Banjo und Saxophon (und vielleicht noch das Schlagzeugset) die am meisten wahrgenommenen und herausgestellten Instrumente dieser neuen Musik.

Doch die Musik an und für sich spielt in diesem Buch tatsächlich eher eine Nebenrolle, das sich vor allem mit dem Phäno