Destination Unknown:
Die Zukunft des Jazz (blog)

Random thoughts / zufällige Gedanken
zum 28. Darmstädter Jazzforum


31. Oktober 2022
(5) es geht voran… (women in jazz)

Zukunft ist ja immer auch Gegenwart und Vergangenheit, weil wir sie aus unserer Erfahrung des Erlebten heraus gestalten und weil wir jetzt anfangen müssen, Dinge zu verändern, die wir anders haben wollen. Das geht mir dieser Tage durch den Kopf, wo ich in deutschen und amerikanischen Zeitungen von Terri Lyne Carringtons Veröffentlichung “New Standards. 101 Lead Sheets by Women Composers” lese (z.B. die tageszeitung). Das Thema “Women in Jazz” ist ja kein Neues. Zugleich ist es eins, an dem sich die Veränderungen in unserer Szene fast schon beispielhaft nachverfolgen lässt. Bis mindestens in die 1970er Jahre hinein waren Jazzmusikerinnen / Instrumentalistinnen rar – zumindest schien dies so, weil die Presse vor allem über ihre männlichen Kollegen berichtete.

Immer mal wieder gab es Vorstöße in der Jazzpresse, dann in den 1980er Jahren erste Veröffentlichungen, die dokumentieren sollten, dass es da eine eklatante Lücke der Jazzgeschichte gab. Rosetta Reitz’s Plattenreihe “Women in Jazz” (1980-1981), Sally Placksins Buch “Women in Jazz” (1982), Linda Dahls “Stormy Weather. The Music and Lives of a Century of Jazzwomen” (1984) veränderten das Narrativ. Sie dokumentierten, dass es über die gesamte Jazzgeschichte hinweg immer Musikerinnen gegeben hatte, Vokalistinnen genau wie Instrumentalistinnen. Sie veränderten also die Wahrnehmung von Geschichte, nicht so sehr aber die Gegenwart, die nach wie vor geprägt war von einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Musikerinnen in einer männlich geprägten Szene.

Es waren erst singuläre, dann immer mehr Veranstaltungen, Workshops, Konzerte, Festivals, die die Präsenz von Frauen im Jazz in den Fokus nahmen. Und es gab immer öfter Forderungen nach einer geschlechterausgewogenen Besetzung von Gremien, nach Programmen, bei denen die Quote an Musikerinnen (oder zumindest Bandleaderinnen) zumindest genauso hoch wie die der Männer ist. Es gab ein Bewusstsein dafür, dass sich eine wünschenswerte Zukunft nur dann erreichen lässt, wenn man in der Gegenwart für Veränderungen sorgt. Paritätisch besetzte Jurys sind mittlerweile eher die Norm als die Ausnahme; Festivals oder Workshops, die nicht auf eine zumindest angemessene Repräsentanz von Künstlerinnen achten, müssen mit einem wohl-verdienten Shitstorm rechnen. Bei den Hochschulprofessuren und in den Rundfunk-Bigbands bleibt noch einiges zu tun, aber grundsätzlich ist das Thema überall angekommen. Es ist ja ein Thema nicht nur im Jazz, sondern eigentlich in der ganzen Gesellschaft, also lässt es sich so einfach nicht mehr beiseite drängen. Auch beim Darmstädter Jazzforum haben wir einen Fokus auf die Thematik gelegt (z.B. 2015: Gender and Identity in Jazz; 2021: Roots | Heimat: Diversität im Jazz), und doch müssen auch wir uns vorwerfen lassen, unser Programm nicht immer vorbildlich gestaltet zu haben: Die mangelnde Geschlechterausgeglichenheit herrscht ja nicht nur im Jazz, sondern genauso in der Jazzforschung oder Jazzpublizistik.

Jetzt also Terri Lyne Carringtons “New Standards”: ein mindestens doppeldeutiger Titel ihres Buchs, das einerseits nach einem anderen Repertoire sucht, das Musikerinnen sichtbarer (hörbarer) macht, das aber andererseits auch neue Standards im Jazzalltag verlangt – und zwar nicht nur verlangt, sondern dafür gleich das nötige Material zur Verfügung stellt. Damit aber verändert Carrington eben nicht nur die Gegenwart, ihr Buch – genauso wie ihre Arbeit am von ihr 2018 gegründeten Berklee Institute of Jazz and Gender Justice – ist auf die Zukunft des Jazz gerichtet.

Zukunft – so viel sei hier also zusammenfassend bemerkt, besteht niemals nur aus Hoffnung; sie braucht Aktivist:innen in der Gegenwart. Das ist uns allerdings auch nicht gerade neu; gesellschaftlich erleben wir das ja zurzeit überall. Wenn wir über Zukunft sprechen, müssen wir also immer auch einen Blick auf die Diskurse der Gegenwart richten, nicht so sehr kritisch hinterfragend als vielmehr ermutigend. Je mehr Meinungen da zu Worte kommen, je mehr Menschen sich mit dem Thema identifizieren, desto besser lässt sich eine Zukunft aushandeln, in der sich alle mitgenommen fühlen.

(Wolfram Knauer, 31. Oktober 2022)


6. Oktober 2022
(4) … unendliche Weiten…

Theo Croker hat vor kurzem ein Original aufgenommen mit dem Titel “Jazz Is Dead”. Pirmin Bossart überschreibt seinen Artikel im Herbstheft des Schweizer Magazins Jazz ‘n’ More “Jazz ist tot – aber die kreative Musik lebt” und zitiert Croker, der Genres für veraltet hält und findet, dass das, was einige HipHopper heute machen “mehr Jazz ist als das, was Jazzmusiker machen”.

Da sind wir dann also bei der Frage, die den Jazz schon seit Jahrzehnten begleitet und die in den letzten Jahren – unter veränderten Vorzeichen – wieder laut geworden ist: Behindert das Label “Jazz” nicht eher die Wahrnehmung  der Musik als eine kreative, die Gegenwart widerspiegelnde Kunst? Trägt das Label nicht viel zu viel Ballast mit sich herum und wäre uns nicht allen geholfen, wenn wir endlich darauf verzichten würden, Musik in Genres einzuteilen?

Meine eigene Meinung: Ich finde “Jazz” einen Klasse-Begriff, aber auch, weil ich ihn so lange kenne und weil er nun mal für die Musik steht, der ich mich emotional so stark verbunden fühle. Ich finde, dass es Labels braucht, um über etwas zu sprechen – hätte ich keine Genrelabels, müsste ich jedes Mal neu definieren, von was ich gerade rede (natürlich, das kann auch schön sein, ist aber ziemlich mühselig…). Das Problem sind – meiner Meinung nach – nicht die Labels, sondern die Tendenz vieler Rezipientinnen und Rezipienten, diese Labels absolut zu setzen, die Schubladenbeschriftung also mit der Sache selbst zu verwechseln. Das Problem ist immer noch, dass “Jazz” als ein klar umschreibbares Genre verstanden wird statt als eine musikalische Praxis. Das Problem wurde durch die Tonträgerindustrie noch befördert, die sehr bewusst labelte – “file under jazz / rock / country” etc. –, um ihre Produkte gezielt an potentielle Käufer:innen vermarkten zu können.

Eigentlich aber ist es egal, wie man es benennt, solange man sich der Offenheit dieser Musik bewusst bleibt. Persönlich habe ich nie ganz verstanden, dass ausgerechnet in der – meiner Meinung nach – offensten Musik, dem Jazz, so starre ästhetische Diskussionen über die Zulässigkeit von stilistischen Entwicklungen möglich waren, wo doch diese Musik – nochmals: meiner Auffassung nach – gerade von In- statt Exklusivität lebt. So verstehe ich dann auch den Satz von Theo Croker. Wenn man “Jazz” als eine musikalische Praxis erkennt, lässt er sich in allen möglichen musikalischen Projekten ausmachen. Kritiker warnen, das führe zur Beliebigkeit, tatsächlich aber fordert ein solches Verständnis halt einfach zum offeneren und zugleich genaueren Zuhören auf. Und warum sollte man sich nicht ab und zu darüber streiten, ob eine Aufnahme, ob ein Konzert, ob eine musikalische Haltung für einen persönlich noch die Kriterien dessen erfüllt, was “Jazz” ist?

Sofern Kunst kreativ ist, verändert sie sich fortlaufend, und mit ihr die ästhetischen Kriterien. Wir alle, die wir irgendwie mit dieser Musik zu tun haben, ob professionell oder nicht, müssen uns halt zu dieser Veränderung verhalten. Ob wir sie akzeptieren oder nicht, geschenkt! Kreativität fordert eben nicht nur die Kreativen selbst, sondern auch ihre Rezipienten. Darum, genau darum ist Kunst, insbesondere auch Musik, ja ein Spiegel der Gesellschaft. Gerade in der Kunst fordern Experimente oft zum Widerspruch heraus, weil sie Denkstrukturen in Frage stellen, in denen wir es uns eigentlich ganz bequem eingerichtet haben.

Also, zurück zum Darmstädter Jazzforum. Das haben wir mit einem Sun Ra-Zitat überschrieben:  Destination unknown: Die Zukunft des Jazz. Die Ungewissheit des Ziels, sie ist uns ja allen irgendwie bekannt: Wir wissen in der Regel, woher wir kommen, wir wissen, in welchen Strukturen wir leben. Aber wie wir die Zukunft gestalten, wie diese Zukunft unser eigenes Leben und Denken beeinflussen wird, das wissen wir eben nicht. Das Unbekannte, das Unbestimmte ist allerdings nicht nur furchteinflößend, es beschreibt zugleich die Hoffnung auf eine “bessere”, “gerechtere” Welt.

Entwicklung jedenfalls ist eigentlich immer ein Schritt … nach vorne.

(Wolfram Knauer, 6. Oktober 2022)


4. Oktober 2022
(3) Wer Visionen hat…

Ich hab’s ja schon zweimal angekündigt. Heute also “Visionen”. Und, nein, man muss nicht zum Arzt gehen, wenn man Visionen hat, wie Helmut Schmidt das einst so schön geraten hat. Es reicht, die Visionen regelmäßig mit der Wirklichkeit abzugleichen, sich also bewusst zu bleiben, dass die Vision eventuell ein Fernziel ist, auf das man hinarbeiten kann, das sich dabei allerdings einerseits selbst immer wieder verändert, das andererseits aber schon allein im Denken die eigene Wirklichkeitswahrnehmung und in der Arbeit am Weg oder im Sprechen über ihn auch tatsächlich die Realität beeinflusst.

Konkret also: Was sind denn Visionen? Es ließe sich in unserem Zusammenhang über die musikalische Vision spekulieren, die Vorstellung beispielsweise, eine zumindest für einen selbst bislang unerhörte Zusammenklangskonstellation zu bewerkstelligen, oder die Vorstellung einer interkulturellen Improvisation, bei der alle beteiligten Künstler:innen den Konventionen folgen, denen Improvisation in ihren jeweiligen Kulturen unterliegen. Eine Vision könnte sich einzig aufs Instrument beschränken, auf technische  Details, auf die Beherrschung desselben oder auf mechanische Veränderungen, die angestrebte musikalische Prozesse vereinfacht. Wäre es nicht gut, könnte eine weitere Vision sein, auf die man hinarbeiten kann, wenn sich unsere Gesellschaft komplett im Bereich von Jazz und improvisierter Musik abbilde,  in ihrer ganzen Diversität?

Visionen sind tatsächlich erst einmal nur das, die Vorstellung eines ideellen Ziels. Sie haben allerdings meist ganz praktische Auswirkungen, oft bereits auf das ganz aktuelle eigene Tun. In dem Augenblick, in dem ich etwas vor Augen habe, das mir als wünschenswert erscheint, werde ich bereits mein aktuelles Handeln daraufhin überprüfen, ob es dem Weg dorthin hilft oder eher hinderlich ist. Jede Vision also beeinflusst mein Handeln. Zugleich beeinflusst mein Handeln die Vision. Die Vision hat ja den Vorteil, die Realität auszublenden. Im konkreten Tun erkennt man dann, was möglich ist, besser vielleicht: was einem selbst möglich scheint, und automatisch gleicht man die Vision an. Mit jedem Schritt wird die Vision mehr zu einem Ziel, mehr zum Kompromiss zwischen Vision und Realität. Das also ist der dritte Begriff hier: Vision – Realität – Kompromiss. Der Kompromiss aber ist keine abgespeckte Vision, er ist das in der Realität (für einen selbst) Machbare.

Jazz, Jazz Jazz…. Für mich war der Jazz immer eine visionäre Musik. Über die einzelnen Visionen der Musiker kann ich nur spekulieren; selbst wenn sie drüber gesprochen haben, sind “ausgeprochene” Visionen ja etwas anderes als die Idee an sich. Für mich hatte Duke Ellington die Vision, dass Musik die Realität der afro-amerikanischen Erfahrung fassen und damit das Verständnis für die Missstände in der US-amerikanischen Gesellschaft verstärken könne. Für mich hatte Charlie Parker die Vision einer musikalischen Sprache, bei der das Zusammenkommen melodischer, harmonischer, rhythmischer Aspekte mit dem Moment der Komplexität, das insbesondere durch die technische Beherrschung seines Instruments mit hineinkam, neue klangliche Welten hervorbringen konnte. Miles Davis und seine Vision des Klangs – seiner Trompete genauso wie seiner Band und seiner Produktionen. Peter Brötzmann und die / eine Vision des freien Zusammenspiels. Die Vision national oder regional verbundener Klänge (Garbarek, Stanko). Die Vision einer nicht zuordbaren Folklore (Louis Sclavis, Erika Stucky, ARFI). Die Vision des Jazz als eines Beispiels für Demokratie (Willis Conover oder das US-amerikanische State Department der 1950er und 1960er Jahre) oder als Beispiel für eine gerechte Gesellschaft (John Lewis, Billy Taylor, Gunter Hampel). Die Vision von Geschlechtergerechtigkeit – auch im Jazz (Terri Lyne Carrington). Die Vision des Jazz als politische und gesellschaftliche Positionierung (Abbey Lincoln, Charles Mingus, Archie Shepp, Sebastian Gramss). Man muss die Visionen nicht kennen, die den Musikern vorschwebten, um ihre Musik genießen zu können, aber wenn man um sie weiß, gibt das den Aufnahmen und Konzerten noch zusätzliche Informationen.

Die Beispiele zeigen: Mal handelt es sich tatsächlich um Visionen, mal haben sich die – wirklich nur beispielhaft genannten – Musiker:innen bereits auf den Weg gemacht, mal kann man den Abgleich von Vision mit Wirklichkeit quasi parallel mitverfolgen. Was alle eint und worum es uns auch beim 18. Darmstädter Jazzforum gehen wird ist: Der Jazz ist eine in die Zukunft gerichtete Musik. Musikerinnen und Musiker wollen mit anderen zusammen Neues kreieren. Sie wollen neue Klänge, neue Sounds, neue Konstellationen, neue Erfahrungen generieren, und zwar solche, die ihre jeweilige Gegenwart abbilden, die  – wie vielleicht jede Art von Avantgarde – etwas zum aktuellen kulturellen Diskurs beitragen. Um aber überhaupt die Freiheit zu haben künstlerische Visionen zu entwickeln braucht es Strukturen, die dies zumindest befördern. Solche Strukturen können Künstler:innenkollektive genauso sein wie Ausbildungsstätten, Förderprogramme genauso wie staatliche Institutionen. Visionen nämlich ohne die Möglichkeit sie umzusetzen bleiben – meistens – Visionen.

Was also ist nötig, um Musikerinnen und Musiker, Veranstalterinnen und Veranstalter,  Journalistinnen und Journalisten, Musikkuratorinnen und Musikkuratoren zu ermutigen ihre Visionen anzugehen? Wir hoffen insbesondere in den Panels des Darmstädter Jazzforums auch über konkrete Vorschläge diskutieren zu können, nicht darüber also, was uns nicht so passt in der Gegenwart, sondern darüber, wie wir uns eine bessere Zukunft ausmalen.

(Wolfram Knauer, 4. Oktober 2022)


28. September 2022
(2) Spökenkiekerei

Ted Gioia hat sich unsere 18. Darmstädter Jazzforum heute zum Thema seines Blogeintrags gemacht – naja, nicht wirklich, aber sein Beitrag über “20 Predictions for the Music Business in 10 Years” (The Honest Broker) lässt einen zumindest darüber nachdenken, was sich überhaupt über die Zukunft aussagen lässt. Gioia sagt augenzwinkernd voraus, dass die Musik der Zukunft wieder stärker auf das Musikalische fokussiert sein wird, zumindest will uns das Marketing so etwas weismachen wollen. Physische Tonträger werden keine Rolle mehr für die Karriere von Künstler:innen spielen. Diese entwickeln Strategien, beim Vermarkten ihrer Musik im Internet immerhin 80-90 Prozent der Einnahmen für sich behalten zu können. Der größte Hit auf den Billboard-Charts wird von Künstlicher Intelligenz erzeugt worden sein. Die einzelnen Tracks eines neuen Albums (von großen Stars) werden vor Veröffentlichung als NFTs versteigert. Gestreamte Musik wird mehr Umsatz bringen als Livekonzerte (ist das nicht schon heute so?). Es wird weiterhin Plattenfirmen geben, die allerdings vor allem ihren Backkatalog vermarkten und sich um das Auslaufen des Urheberrechtsschutzes für ihre Produkte sorgen. Die neuen Hubs der Musikindustrie werden in Seoul, Kinshasa und Jakarta liegen.  Gioia sagt außerdem noch voraus, dass in zehn Jahren Posaunen zum großen neuen Ding werden, weil es einen groß gehypten Celebrity-Skandal gab, bei dem das Instrument eine zentrale Rolle spielte.

Hmmm, wir werden’s hoffentlich alle sehen. Für unser Thema immerhin zeichnet sich ein wichtiger Aspekt ab: Musik scheint schon seit den 1920er Jahren unausweichlich mit der Entwicklung der Tonträgerindustrie verbunden – so sehr, dass technologische Entwicklungen automatisch Auswirkungen auf das Leben, das Einkommen und die Kunst von Musikerinnen und Musikern haben. Das gilt für die gesamte Musikbranche, für den Jazz aber vielleicht noch ein Stückchen mehr, weil er als improvisierte Musik ja quasi immer schon NFTs verkaufte, non-fungible tokens. Jede Aufnahme, jeder Auftritt von Jazzmusiker:innen ist ein Unikat. Es gab und gibt Künstler:innen, die tatsächlich so viel wie möglich mitschneiden, teils zur eigenen Kontrolle (z.B. Duke Ellington in den 1960ern), teils, um sie zu pressen und einem Publikum zugänglich zu machen, dass um die Singularität eines jeden Auftritts weiß (z.B. Gunter Hampel).

Die Dystopie einer zukünftigen Musik wäre vielleicht tatsächlich die Vorstellung, dass durch Artificial Intelligence erzeugte Kunst ähnliche emotionale Wirkung haben könnte wie von Menschen gemachte. Ich bin da relativ relaxt: Klar wird es möglich sein, Musik zu generieren, die klingt “wie” etwas anderes, Musik also, die auf Klangklischees der Vergangenheit Bezug nimmt, Parker, Coltrane, Miles, diese aber neu mischt. Bestimmt kann AI irgendwann auch Musik erzeugen, die klingt “wie ein Experiment”, wie das also, was wir an aktueller improvisierter Musik spannend finden. Kann aber eine Maschine Risiken eingehen? Improvisatorische Risiken, wenn Musiker:innen sich auf die Reaktion anderer Kolleg:innen einlassen, auf die sie wiederum selbst reagieren; ästhetische Risiken des Gelingens eines vorher vorgestellten Konzepts, bei dessen Ausarbeitung man in improvisierter Musik allerdings eben nie bis zum Ende plant, sondern ganz bewusst aufs Risiko setzt? Es gibt diesbezüglich ja durchaus schon Versuchsanordnungen (George Lewis’ Voyager; Dan Tepfers “Natural Machines”-Projekt).

Ich mag die Vergleiche zwischen Musik und Sport nicht, aber doch: Klar kann eine Maschine schneller laufen als ein Mensch. Aber wird sie schwitzen? Wird man die Aufregung riechen? Wird man die emotionale Verausgabung spüren und die Freude oder Enttäuschung über das Ergebnis? Musik kann man auch “riechen”. Sie entsteht im gemeinsamen Agieren von Musiker:innen, die zu immer neuen musikalischen Aggregatzuständen führen, zu neuen klanglichen Verbindungen, zu unerwarteten oder aber auch erwartbaren Reaktionen, zu Freude, einsetzender Langeweile, Nervenkitzel oder diesem unbeschreibbaren Selbst-Teil-des-kreativen-Prozesses-Werden.

Die Zukunft der Musikindustrie also, und die Einbindung der Musiker:innen in sie: sicher ein wichtiges Thema auch fürs Jazzforum. Eigentlich schon lange ein wichtiges Thema im Jazz, spätestens seit Charles Mingus und Max Roach mit Debut auch die Vermarktung ihrer Aufnahmen in eigene Hände nehmen wollten.  Was ist möglich, was wünschenswert, was unausweichlich, was unbedingt zu verhindern? Oder sollten wir uns nicht auf die Kreativität gerade unseres Metiers verlassen, die aus jeder Gemengelage etwas Spannendes generieren kann, weil sie nämlich idealerweise auf Gegenwart reagiert und Zukunft ausprobiert statt Vergangenheit nachzukauen?

Ah, eigentlich hatte ich über “Vision und Wirklichkeit” schreiben wollen, jetzt hat mich Ted Gioia aber erst mal auf ein anderes Pferd gehoben. Next time also…

(Wolfram Knauer, 28. September 2022)


26. September 2022
(1) The devil You (don’t) know…

Das Vorhersehen kultureller Entwicklungen hat eigentlich noch nie richtig geklappt. Wir stecken dafür ja viel zu sehr in den Gedankenstrukturen, die unsere kulturelle Gegenwart prägen, müssten aber nicht nur die künstlerischen Diskurse voraussehen, sondern genauso alternative Räume, in denen Diskurse geführt werden können, Themen, die wir zurzeit für vielleicht gar nicht so wichtig erachten, eine veränderte (Selbst-)Auffassung von Kunst. Wir müssten Institutionen mitdenken und ihre Veränderungen (vgl. z.B. die Forderungen, die beim Darmstädter Jazzforum 17 in Bezug auf Diversität in den Institutionen gestellt wurden), politische Befindlichkeiten (vgl. z.B. die Diskussionen um die Documenta 15 und die Kontrollpflichten von Kurator:innen genauso wie von Politik), Veränderungen in der Wahrnehmung und Anerkennung von Künstler:innen und ihrer kreativen Arbeit in der Gesellschaft. Und natürlich müssten wir die künstlerische Aussage selbst mitdenken, den kreativen Prozess und sein Ergebnis, im Falle der Musik das Konzert, die Studioproduktion, den Konnex mit dem Publikum.

Wie sähe das alles im Jazz aus? Wir haben uns da ja auf – wenn auch unterschiedlich bewertete – Identifikatoren “unserer” Musik geeinigt. Zum Beispiel: improvisatorisch, forschend, die Intensität neu ausdeutend, die bislang entweder durch “swing” oder “energy play” oder andere Arten der Verzahnung rhythmischer, melodischer und harmonischer Impulse gekennzeichnet war. Ein Bezug auf die afro-amerikanische Herkunft der Musik und all die damit verbundenen Konnotationen, insbesondere jene der Community: dass also Jazz eine Musik ist, die Gemeinschaft braucht, die Reaktion des Publikums. Ein solcher Bezug kann ganz direkt passieren (melodisches, harmonisches oder Sound-Zitat), aber genauso auch indirekt (“mit dem Bewusstsein von…”). Zurzeit wird dieser Respekt vor der afro-amerikanischen Herkunft und Erfahrung des Jazz auch hierzulande vermehrt eingefordert, zum Beispiel in Bezug auf ethnische Diversität bei Konzert- und Festivalprogrammen.

Wird das aber in zehn Jahren auch noch der Fall sein oder werden wird die aktuelle Tendenz zum aktiven Ausgleich sozialer und kultureller Ungerechtigkeiten bis dahin nicht mehr als so wichtig erachtet werden und stattdessen vielleicht stärker darauf geachtet, was improvisierte Musik uns “heute”, also 2032, sagen kann? Wird das House of Jazz in Berlin realisiert sein und werden ähnliche  Konzerträume auch anderswo in der Republik zur Verfügung stehen, entweder hochsubventioniert durch die öffentliche Hand oder aber privat finanziert durch kommerzielle Geldgeber, die erkannt haben, das künstlerische Forschung auch für ihr Gebiet nicht weniger wichtig ist als jene im analogen oder virtuellen Labor? Werden wir nach wie vor Clubkonzerte vor Livepublikum haben, oder ermöglichen die Entwicklungen der virtuellen Realität uns entsprechende gemeinsame Erlebnisse auf andere Weise? Wird das Musiker:innenleben nach wie vor vor allem aus Reisen, Forschen und Unterrichten bestehen oder werden sie ihrer kreativen Arbeit co2-neutral mehr und mehr von Zuhause aus nachgehen können?

Arrghhh… Ich bin nicht gut in Science Fiction. Vielleicht bin ich zu sehr Realist, vielleicht zu furchtsam, vielleicht einfach zu wenig Künstler… Jedenfalls folgen jedem “Warum nicht!” in meinem Kopf jede Menge an Fragezeichen. Man neigt ja leicht dazu, die Sicherheit der aktuellen Realität der Unsicherheit des Experiments vorzuziehen: “the devil you know is better than the devil you don’t know…” Ich belasse es mal dabei und ahne: genauso wenig, wie ich die Zukunft des Jazz ausmalen kann, kann ich mir wirklich die Diskussionen ausmalen, die wir im September 2023 beim Darmstädter Jazzforum über sie haben könnten. Was mich dabei versöhnlich stimmt: dass ich weiß, es mit kreativen Künstler:innen zu tun zu haben, die sich nicht scheuen, einen Gedanken zu nehmen und ihn einfach mal weiterzuspinnen, egal wieviel Anpassungen des Kontextes dabei nötig sind. Das ist schließlich eine der Stärken des Jazz (wie auch anderer künstlerischer Avantgarden): dass er dazu in der Lage ist, sich auf einzelne Motive zu fokussieren, auf rhythmische Strukturen, auf emotionale Ahnungen, diese jeweils zu sezieren und dabei quasi nebenbei Neues zu erschaffen.

Was mich allerdings gleich wieder darüber sinnieren lässt, ob Zukunft immer, nun, zumindest “auch” Zufall ist? Aber das wäre das Thema eines weiteren Blogeintrags – übrigens genauso wie das Thema “Vision meets Wirklichkeit”, über das ich mir beim nächsten Mal Gedanken machen möchte…

(Wolfram Knauer, 26. September 2022)


Alle Fotos in diesem Blog stammen aus dem Sun Ra Archive der Hartmut Geerken-Sammlung im Jazzinstitut Darmstadt.

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