{"id":13716,"date":"2023-12-18T12:33:13","date_gmt":"2023-12-18T11:33:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/?p=13716"},"modified":"2023-12-19T13:07:07","modified_gmt":"2023-12-19T12:07:07","slug":"hans-bluethner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/en\/hans-bluethner\/","title":{"rendered":"The mysterious notebook of Hans Bl\u00fcthner"},"content":{"rendered":"<p>Ich lernte Hans Bl\u00fcthner irgendwann Ende der 1990er Jahre kennen. Er lebte in einem Seniorenheim in Weinheim an der Bergstra\u00dfe, wo ich ihn ein paar Mal besuchen durfte. Bl\u00fcthner war Jazzgeschichte pur, ein Zeitzeuge der Berliner Jazzszene der 1920er bis 1960er Jahre, ein Brieffreund Louis Armstrongs, Sammler, Organisator, vor allem aber ein gro\u00dfer Jazzfan. &#8222;Meine Unterlagen habe ich leider vor vielen Jahren weggegeben&#8220;, sagte mir Bl\u00fcthner etwas wehm\u00fctig. Der einzige Jazzbezug in seinem Zimmer waren CDs mit Wiederver\u00f6ffentlichungen seiner Lieblingsmusik. Bl\u00fcthner was schwer zu Fu\u00df; der K\u00f6rper machte nicht mehr mit, aber der Kopf war ganz da.<\/p>\n<p><strong>Hans Bl\u00fcthner<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13717\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Hans_1952_Louis_Armstrong_Dieter_Schnelle_Sg_Ulrich_J_Heyer_01-300x219.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"219\" \/>Hans Bl\u00fcthner (links 1952 mit Louis Armstrong) wurde am 23. Juni 1913 in Berlin-Charlottenburg geboren. Mit elf Jahren musste er wegen einer schweren Osteomyelitis monatelang im Bett bleiben. Sein Stiefvater bastelte ihm einen Detektor, mit dem er \u00fcber Kopfh\u00f6rer Radio h\u00f6ren konnte, und bald vertiefte er sich in die Schlager- und Tanzmusiksendungen auf &#8222;Welle 505 Berlin&#8220;, dem ersten deutschen Rundfunksender, der seit 1923 sendete, live aus dem Palais de Dance oder dem Pavillon Mascotte in der Berliner Friedrichstadt. Es war die popul\u00e4re Musik der Zeit, die ihn anfixte und nicht mehr loslie\u00df und von der er zu Beginn wahrscheinlich noch gar nicht wusste, dass dies Jazz war und welche Rolle Jazz f\u00fcr sein Leben spielen sollte.<\/p>\n<p>Ende der 1920er Jahre entdeckte Bl\u00fcthner Alberti in der Rankestra\u00dfe nahe der Ged\u00e4chtniskirche, das seinerzeit modernste Musikfachgesch\u00e4ft Berlins. &#8222;Hier&#8220;, erinnert er sich 1986, &#8222;gab es alles, was mit Hot-, Dance- und Jazzmusik zu tun hatte: Musikinstrumente, Noten, Schallplatten, Jazzliteratur inkl. Fachzeitschriften von h\u00fcben und dr\u00fcben. Musiker gingen aus und ein. F\u00fcr mich war das eine neue Welt.&#8220; (Bl\u00fcthner 1986: 9) Er h\u00f6rte die internationalen Bands der Hauptstadt, Weintraub&#8217;s Syncopators, Efim Schachmeister, Sidney Bechet, Sam Wooding, Arthur Briggs. Er wurde endg\u00fcltig zum Jazzfan.<\/p>\n<p>Dann kam das &#8222;Dritte Reich&#8220; und der Versuch, den Jazz zu verbannen, aber Bands wie die von Teddy Stauffer, Arne H\u00fclphers und andere &#8222;brachten uns alles, was in den USA gespielt wurde&#8220;. Das Falk-Real-Gymnasium, das er besuchte, musste Bl\u00fcthner im Herbst 1933, &#8222;f\u00fcnf Monate vor dem Abitur aufgrund politischer Streitigkeiten&#8220; verlassen. Im Herbst 1934 begann er eine Lehre als Bankkaufmann bei der Diskont- &amp; Kredit-Aktiengesellschaft, die ihn danach als kaufm\u00e4nnischen Sachbearbeiter \u00fcbernahm. Bis 1939 bezog Bl\u00fcthner sowohl den britischen <em>Melody Maker<\/em> wie auch das amerikanische <em>Down Beat<\/em> per Post und blieb so auf dem Laufenden \u00fcber die amerikanische Jazzszene.<\/p>\n<p>Und er begann Platten zu sammeln. &#8222;Man bekam auf Electrola, Columbia, Odeon, Brunswick, Imperial usw. so ziemlich alles, was das Herz begehrte \u2013 mit bestimmten sp\u00e4teren Einschr\u00e4nkungen, was Nichtarier betraf.&#8220; (Bl\u00fcthner 1986: 10) Seit 1934 war er Mitglied im Melody Club (auch &#8222;Melodie Club&#8220;, sp\u00e4ter &#8222;Magische Note&#8220;), dessen Mitglieder sich jeden Donnerstag in einem Caf\u00e9 am Kurf\u00fcrstendamm trafen und sich gegenseitig ihre Plattensch\u00e4tze vorf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1940 st\u00fcrzte Bl\u00fcthner bei Eisgl\u00e4tte und brach sich den Arm. Die Verletzung und seine Osteomyelitis bewahrten ihn vor dem Kriegsdienst. Inzwischen arbeitete er in der Massivbau-Gesellschaft m.b.H. seines Onkels, bald als kaufm\u00e4nnischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. 1944 verriet ihn ein Gesch\u00e4ftspartner des Onkels wegen verbotenen H\u00f6rens von Feindsendern (BBC); einer Inhaftierung entging er nur, weil die Gef\u00e4ngnisse bereits voll mit politischen Gefangenen waren. Zu Weihnachten jedenfalls war er wieder frei. Gegen Ende des Kriegs waren vom Freundeskreis des Melody Club nur Bl\u00fcthner und Gerd Peter Pick noch in Berlin (Kater 1992: 76); der Rest hatte die Hauptstadt verlassen, wenn nicht gar das Land, oder war im Krieg umgekommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13718\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Hans_195_Berlin_Lil_Hardin_Florenz_Legler_Sg_Ulrich_J_Heyer_01-300x211.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"211\" \/>Nach dem Krieg wurde Bl\u00fcthner (auf dem Foto rechts mit Lil Hardin-Armstrong, ca. 1954) Mitgr\u00fcnder des Hot Club Berlin, der 1947 eine Lizenz von der Milit\u00e4rregierung erhielt. Er arbeitete weiter in der Baufirma seines Onkels, bis diese 1969 Konkurs anmeldete. Danach war er als Disponent und Leiter der Programm-Abteilung bei der Theaterbesucher-Organisation der Freien Volksb\u00fchne angestellt, bis er sich 1980 mit 67 Jahren zur Ruhe setzte. Zusammen mit seiner Frau zog er nach Hemsbach an der Bergstra\u00dfe. &#8222;Etwas Schwierigkeiten haben wir mit dem Verstehen des hiesigen Gebabbele&#8220;, schrieb er kurz nach dem Umzug an einen Freund. &#8222;Leider gibt es noch kein W\u00f6rterbuch f\u00fcr Badisch-Pf\u00e4lzer Hessisch.&#8220; (Bl\u00fcthner 1981) Hans Bl\u00fcthner starb am 9. April 2002 in einem Pflegeheim in Weinheim im Alter von 88 Jahren.<\/p>\n<p><strong>Die Kladde<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13719\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_3323-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/>Seine Unterlagen also hatte er vor vielen Jahren weggegeben, meinte Bl\u00fcthner zu mir, und auf Nachfrage wusste er nicht mehr genau an wen \u00ad\u00ad\u2013 jemanden, dem der deutsche Jazz am Herzen lag, sagte er. Fast forward in die fr\u00fchen 2000er Jahre, ziemlich kurz nach Bl\u00fcthners Tod: Wir erhielten einen Anruf aus Wuppertal, dort sei eine Wohnung aufzul\u00f6sen, dessen Bewohner offenbar jede Menge an Information \u00fcber Jazz gesammelt hatte. Vor allem Papier, hie\u00df es, davon aber wirklich sehr, sehr viel. Wir mieteten einen kleinen LKW und fuhren an den Niederrhein. Und luden ein: Kisten um Kisten voll mit Zeitschriften, Aktenordnern mit Zetteln, Fotokopien, B\u00fcchern, Briefen, adressiert an den &#8222;Kulturellen Wirkungskreis Jazz&#8220;. Dahinter steckte der Sammler Martin Pecherstorfer, der in Kontakt mit anderen Fachleuten stand \u2013 auch mit dem Jazzinstitut Darmstadt hatte er zu Lebzeiten korrespondiert \u00ad\u2013, von denen er jede Menge an Informationen \u00fcber die Jazzgeschichte Deutschlands wie Osteuropas erhielt. Insbesondere hatte Pecherstofer auch gute Kontakte hinter den Eisernen Vorhang, tauschte sich mit Sammlern wie Wolfgang Muth oder Jazzfreunden aus der CSSR oder Polen aus.<\/p>\n<p>Nun also ging all das Material nach Darmstadt, und es dauerte lange, bis wir auch nur den Hauch eines \u00dcberblicks erhielten, um was es sich da handelte. Massenhaft <em>Down Beat<\/em>s, <em>Jazz Hot<\/em>s, aber eben auch <em>Melodie und Rhythmus<\/em> und andere osteurop\u00e4ische Magazine. Daneben Ordner um Ordner mit den Rechercheunterlagen von Privatforschern und Diskographen, Aufzeichnungen, von denen diese meinten, sie lieber nach Wuppertal zu schicken als im M\u00fcll zu entsorgen.<\/p>\n<p>Und dann waren da zwei Kisten mit der Aufschrift &#8222;Bl\u00fcthner&#8220;. &#8222;Meine Unterlagen habe ich leider vor vielen Jahren weggegeben&#8220;, hatte der mir von seinem Bett aus wehm\u00fctig gesagt. Hier nun waren sie, hatten auf einem seltsamen Umweg \u00fcber Wuppertal ihren Weg ins Darmst\u00e4dter Jazzinstitut gefunden. Korrespondenz mit Armstrong aus den 1950er und 1960er Jahren, Erinnerungen, die <em>Mitteilungen<\/em>, eine von Dietrich Schulz-K\u00f6hn herausgegebene Zeitschrift, handgeschriebene Notenhefte mit Schlagern und Tanzmusik, ein Vortragsmanuskript von Dietrich Schulz(-K\u00f6hn) von 1936 \u00fcber &#8222;Einf\u00fchrung in die Swing-Musik&#8220; (gehalten im Delphi-Palast am 20. Januar 1936; Manuskript \u00fcberarbeitet im Juni 1936).<\/p>\n<p>Und eine seltsame Kladde mit einer Auflistung von Schallplatten, und hinter jeder Platte eine Reihe an Namen. Wir hatten anfangs keine Ahnung, worum es sich dabei handelte. Erst nach und nach verbanden wir die Namen hinter den Eintr\u00e4gen mit unserem Wissen um die Berliner Jazzszene der 1930er Jahre und erkannten: Dies war der Bestandskatalog der &#8222;Berliner Hotfreunde&#8220;, wie Bl\u00fcthner die Gruppe in einer Erinnerung aus dem Jahr 1947 nannte.<\/p>\n<p><strong>Der Melody Club<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13720\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Hans_194_Siegfried_Schroeter_Hans_Friedemann_SlgPech_NN_04-300x208.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"208\" \/>&#8222;Seit 1934&#8220; hei\u00dft es darin, &#8222;existiert in Berlin ein Kreis wirklicher Hot-Freunde, die sich s.Zt. w\u00f6chentlich einmal im Caf\u00e9 Hilbrich am Kurf\u00fcrstendamm (im blauen Zimmer) trafen, um sich gemeinsam an ihren Platten, die auf einem Kofferapparat gespielt wurden, zu erfreuen und dar\u00fcber zu diskutieren. Damals war es Herr Adalbert Schalin vom Alberti-Verlag, dem Dorado aller Jazz-Begeisterten (hier gab es alle In- und ausl\u00e4ndischen Platten, Noten, Jazz-Zeitungen, Instrumente usw), der diesen &#8218;Melody-Club&#8216;, wie er sich nannte, aufzog.&#8220; (Bl\u00fcthner 1947) [Foto: Siegfried Schr\u00f6ter, Hans Friedemann, Hans Bl\u00fcthner in den sp\u00e4ten 1930er Jahren]<\/p>\n<p>Noch ausf\u00fchrlicher erinnert er sich 1950: &#8222;Was lag da n\u00e4her, als 1934 einen Hot-Club zu gr\u00fcnden, in dem man als Anh\u00e4nger des authentischen Jazz die einmaligen und keiner Modeerscheinung unterworfenen Platten eines Louis Armstrong oder Bix Beiderbeckes zu spielen [sic!], diese zu vergleichen mit modernen Aufnahmen von Benny Goodman &amp; Tommy Dorsey und immer wieder festzustellen, da\u00df Kunst sowohl eine ideelle als auch eine materielle Seite haben kann. Nat\u00fcrlich konnte der Kreis um diesen Club nie an die \u00d6ffentlichkeit treten, denn die Anh\u00e4ngerschaft des Jazz war identisch mit Demokratie und Freiheit. Solche Ideale durfte es im 3. Reich nicht geben. So durfte der Hot Club Berlin, der damals &#8222;Melodie Club&#8220; hiess, nicht laut werden und konnte nur in der Stille arbeiten. Die Aussichten, sich ein Ziel zu setzen, wurden immer geringer. Der Kreis, in dem man weder Rassen- noch Klassenhass kannte, wurde hervorgerufen durch Verfolgungen und den bevorstehenden Krieg, immer kleiner und reduzierte sich in k\u00fcrzester Zeit auf ein Minimum. K\u00f6nnte man es auch durchsetzen, die Jazzmusik und alles, was mit ihr in Zusammenhang stand, zu verbieten, den Geist und die Liebe zu dieser Musik und die Verbundenheit zwischen den einzelnen Anh\u00e4ngern untereinander innerhalb des Clubs, konnte man nicht verhindern. Unter gro\u00dfen Schwierigkeiten wurde sogar mitten im Krieg ein &#8218;Mitteilungsblatt&#8216; herausgebracht, welches eine Verbindung herstellen sollte zwischen allen Freunden des Jazz. Der nicht enden wollende Krieg machte aber schlie\u00dflich alles zunichte, und so mu\u00dfte schlie\u00dflich auch alles intern gehaltene in Berliner Jazzkreisen eingestellt werden.&#8220; (Bl\u00fcthner 1950)<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Kladde: Sie enth\u00e4lt letzten Endes eine Art Verzeichnis der Privatsammlungen des harten Kerns dieses Melody Clubs, zusammengestellt von Bl\u00fcthner, der so Interessierte an die Eigent\u00fcmer der Platten verweisen konnte, so nach dem Motto: &#8222;Wenn Du dies oder jenes suchst, wende Dich mal an xvz, der hat die Aufnahme, bei dem kannst du sie bestimmt h\u00f6ren.&#8220; 1989 erw\u00e4hnt Bl\u00fcthner die Kladde im Gespr\u00e4ch mit Bernd Polster \u00fcber die Club-Treffen im Caf\u00e9 am Kurf\u00fcrstendamm: &#8222;Wir tagten jeden Donnerstag in einem Caf\u00e9 am Kurf\u00fcrstendamm. Das existiert heute alles nicht mehr. In der ersten Etage hatten wir den Blauen Salon und hatten einen Nudelkasten [Plattenspieler]. Und dann wurden Platten gespielt, Schellack nat\u00fcrlich. Und einer war da, der hatte die Buchf\u00fchrung. Jeder, der in dem Club war, mu\u00dfte einen Katalog abgeben \u00fcber seinen Plattenbestand. Und der Buchf\u00fchrer \u00fcbertrug das auf einen allgemeinen Katalog. Und wenn ein Programm gemacht wurde, dann sagte der &#8218;Bring doch mal die Platte mit. Die und die&#8216;, und dann mu\u00dfte jeder mal &#8217;n Programm machen.&#8220; (Polster 1989: 31-32) Buchpr\u00fcfer war, scheint&#8217;s, Bl\u00fcthner selbst, und was uns da mit der Kladde vorlag, war dieser &#8222;allgemeine Katalog&#8220; des Plattenbestandes des Melody Clubs aus den Mitt-1930er Jahren.<\/p>\n<p>Die Mitglieder des Clubs, erinnert sich Bl\u00fcthner, wurden eingehend nach Fachwissen durchleuchtet. Es sei &#8222;ein gemischter Kreis&#8220; gewesen, &#8222;auch viele j\u00fcdische junge Herren&#8220; (Polster 1989: 32). Im Caf\u00e9 tagte der Club vielleicht zwei Jahre lang, danach schob der Besitzer vor, ein Skatclub h\u00e4tte den Blauen Salon gemietet, sie m\u00fcssten raus. Eine Weile trafen sie sich in einer Tanzschule gleich nebenan, zogen dann in ein anderes Caf\u00e9 um, dessen Besitzer aber mit dem Verzehr der jungen Leute nicht zufrieden war (Polster 1989: 32). Schlie\u00dflich trafen sie sich bei einem der Mitglieder in dessen Privatwohnung. Der Melody Club (Magische Note) bestand bis in den Krieg hinein, wenn auch die Mitgliederzahl immer mehr abnahm: Bl\u00fcthner: &#8222;Die j\u00fcdischen Herren waren dann weg, die anderen mu\u00dften zum Milit\u00e4r. Im Krieg war&#8217;n wir zuletzt nur noch zwei, drei Mann.&#8220; (Polster 1989: 33)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">&#8222;Die Berliner Hotfreunde&#8220;, 17. Januar 1947<br \/>\n(komplettes PDF \u00f6ffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Hans_Bluethner_1947_01_17_Die_Berliner_Hotfreunde.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-13721 size-full\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Hans_Bluethner_1947_01_17_Die_Berliner_Hotfreunde-scaled-e1702899158461.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"212\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">&#8222;Berlin und Jazz&#8220;, 22. September 1950<br \/>\n(komplettes PDF \u00f6ffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Hans_Bluethner_1950_09_22_Berlin_und_Jazz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-13725 size-full\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Hans_Bluethner_1950_09_22_Berlin_und_Jazz-scaled-e1702899448172.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"212\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Kladde<br \/>\n(komplettes PDF \u00f6ffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Kladde.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-13719\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_3323-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Mitglieder<\/strong><\/p>\n<p>Wer also waren die Sammler des Melody Clubs, die in dieser Kladde verewigt sind? Es waren, alphabetisch sortiert: Auerbach, Bl\u00fcthner, Boger, Cornfield, Gittermann, Petruschka, Pfr\u00f6tschner, Robert, Sternberg, v. Drenkmann sowie Wolff. Wir haben ein wenig recherchiert:<\/p>\n<p><strong>Heinz Auerbach<\/strong> war ein Berliner Jude (Kater 1992: 74) und zusammen mit Franz Wolff ein Bef\u00fcrworter vor allem des schwarzen Jazz (Kater 1992: 85) \u2013 ja, das war unter Jazzfreunden durchaus ein \u00e4sthetisches Politikum in jenen Jahren. Er verlie\u00df Deutschland 1938, gr\u00fcndete in Brasilien den Hot Club de Janeiro in Rio (Bl\u00fcthner 1950) und landete schlie\u00dflich in Buenos Aires (Lange 1966: 71), wo er den dortigen Hot Club leitete, der ganz \u00e4hnliche Aktivit\u00e4ten verfolgte wie der Melodie-Club: &#8222;meet to compare, discuss, and argue over recorded music&#8220; (Crosby 1953: 23), sich aber vor allem auf \u00e4lteren Jazz beschr\u00e4nkte (Thiers 1960: 262).<\/p>\n<p><strong>Hans Bl\u00fcthner<\/strong> haben wir bereits kennengelernt. Als er im Herbst 1934 auf Einladung Adalbert Schalins Mitglied des Melody Clubs wurde, stellte er zum Einstand im Kreis seiner neuen Freunde Jimmie Luncefords Platte &#8222;Swingin&#8217;Uptown&#8220; vor (Kater 1992: 85; in der Kladde verzeichnet auf Seite 33). Bl\u00fcthner ging ganz selbstbewusst mit seiner Jazzliebe um. Er hatte den britischen <em>Melody Maker<\/em> abonniert und las diese Zeitung in der U-Bahn \u2013 Englisch konnte da ja sonst eh kaum einer lesen. Nazis, erkl\u00e4rt er, habe es in den Jazzkreisen nicht gegeben: &#8222;Das ist so eine Regel, m\u00f6cht&#8216; ich sagen, wer sich f\u00fcr Jazz interessiert, kann kein Nazi sein.&#8220; (Polster 1989: 34)<\/p>\n<p><strong>Carlo Boger<\/strong> (1911-1943) war als B\u00fchnenbildner, Schauspieler, Zeichner und Cartoonist aktiv in Weimar, Wien (1928), Stuttgart (1929), Leipzig (1932-33) und Berlin. In Leipzig war er im Kammerspiel von Bruno Tuerschmann als B\u00fchnenbildner und Schauspieler t\u00e4tig gewesen, im M\u00e4rz\/April 1933 au\u00dferdem im Literarischen Kabarett Litfa\u00dfs\u00e4ule aufgetreten (<a href=\"https:\/\/www.buchprojekt1.de\/produkt\/c-boger-1911-1943-das-mistvieh-n-2-karikatur-um-1930-tusche-figuerlich\/\">https:\/\/www.buchprojekt1.de\/produkt\/c-boger-1911-1943-das-mistvieh-n-2-karikatur-um-1930-tusche-figuerlich\/<\/a>). Michael Kater beschreibt ihn als &#8222;Alkoholiker, Autor von Kurzgeschichten, Grafiker, Liebhaber von Literatur und Theater&#8220; (Kater 1992: 97). 1933 heiratete Boger Else Eichler, eine zw\u00f6lf Jahre \u00e4ltere Schriftstellerin und Publizistin f\u00fcr Frauenfragen. Bogers Grafiken hatten oft den Jazz zum, von 1936 etwa datiert ein Portr\u00e4t der S\u00e4ngerin und Trompeterin Valaida Snow (<a href=\"https:\/\/www.pinterest.at\/pin\/400187116881463220\/\">https:\/\/www.pinterest.at\/pin\/400187116881463220\/<\/a>). Boger galt nach dem Krieg als vermisst, Kater erkl\u00e4rt, er sei an der Front gestorben (Kater 1992: 97).<\/p>\n<p><strong>Robert Kornfilt<\/strong> [Bob Cornfield] war ein enger Freund Bl\u00fcthners. Er stammte urspr\u00fcnglich aus der T\u00fcrkei [Kater 1992: 75]. Horst H. Lange schreibt in seiner Jazzgeschichte Deutschlands, Kornfilt habe die Gr\u00fcndung dieses &#8222;erste[n] bedeutende[n] deutsche[n] Jazzclubs [&#8230;] bereits im Jahre 1932&#8220; angeregt (Lange 1966: 69), bevor dieser dann &#8222;mit Hilfe des r\u00fchrigen Alberti-Musikhaus-Prokuristen, Adalbert Schalin, regelrecht gegr\u00fcndet&#8220; wurde (Lange 1966: 69-70). Kornfilt war Amateur-Arrangeur, gut genug immerhin, dass der popul\u00e4re Bandleader Erhard Bauschke eines seiner Arrangements ins Repertoire aufnahm (Kater 1992: 89). Nach dem Krieg kehrte er in die T\u00fcrkei zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Gittermann<\/strong>: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden.<\/p>\n<p><strong>Sigmund Petruschka<\/strong> (1903-1997) war Trompeter und Arrangeur. Geb\u00fcrtig in Leipzig hatte er als Kind Klavier- und Cellounterricht erhalten und im Gewandhaus-Chor unter Arthur Nikisch gesungen. 1923 zog er zum Studium des Maschinenbaus nach Berlin, besuchte daneben das Stern&#8217;sche Konservatorium, wo er Trompeten- und Kontrabassunterricht nahm (<a href=\"https:\/\/www.nli.org.il\/en\/a-topic\/987007266398905171\">https:\/\/www.nli.org.il\/en\/a-topic\/987007266398905171<\/a>). Zusammen mit Kurt Kaiser war er Mitgr\u00fcnder der Band Sid Kay&#8217;s Fellows, in der unter anderem Friedrich Holl\u00e4nder als Pianist und Arrangeur wirkte. In den 1930er Jahren schrieb Petruschka unter Pseudonymen f\u00fcr die Deutsche Gramophone Gesellschaft, f\u00fcr UFA-Filme, aber auch f\u00fcr popul\u00e4re Bands wie die von James Kok (Lange 1966: 52). 1938 emigrierte er nach Pal\u00e4stina (Kater 1992: 39-40) und leitete bald das Orchester des Palestine Broadcasting Service. Petruschka starb 1997 in Jerusalem. Er wird in Bl\u00fcthners Kladde nur zwei Mal erw\u00e4hnt: offenbar war er gro\u00dfer Fan des Casa Loma Orchestra, dessen Platten &#8222;Ol&#8217;Man River&#8220; \/ &#8222;I Got Rhythm&#8220; sowie &#8222;Dallas Blues&#8220; \/ &#8222;Limehouse Blues&#8220; er besa\u00df.<\/p>\n<p>Es ist gut m\u00f6glich, dass sich hinter &#8222;Pfr\u00f6tschner&#8220; der Autor <strong>Gerhard E. Pfr\u00f6tzschner<\/strong> verbirgt, der in den 1930er Jahren als Deutschland-Redakteur des Londoner <em>Melody Maker<\/em> und des <em>British Metronome<\/em> schrieb. Als &#8222;Rasender Reporter&#8220; berichtete Pfr\u00f6tzschner seit den Mitt-1930er Jahren f\u00fcr die Zeitschrift <em>Der Artist <\/em>von der Berliner Jazzszene und schrieb Plattenrezensionen. Vom September 1934 verfasste er den Artikel: &#8222;Wie steht der deutsche Musiker zur Jazzmusik? Bedeutet nicht Verwerfen derselben Arbeitslosigkeit?&#8220; (vgl. Jockwer 2004: 298). 1935 besuchte Pr\u00f6tschner Konzerte des britischen Bandleaders Jack Hylton in Berlin (Jockwer 2004: 300). \u00dcber Pfr\u00f6tschners Verbleib nach dem Krieg ist nichts bekannt.<\/p>\n<p><strong>Robert<\/strong>: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden.<\/p>\n<p><strong>Dieter Sternberg<\/strong>: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden. Den Vornamen entnahmen wir der Beschriftung des ganz unten abgebildeten Fotos.<\/p>\n<p><strong>G\u00fcnter von Drenkmann<\/strong>, genannt &#8222;Bobby&#8220; (1910-1974) entstammte einer Juristenfamilie und studierte auch selbst Rechtswissenschaften. Er wollte Richter werden, hatte aber in den 1930er Jahren keine Chance, weil er sich weigerte irgendeiner NS-Organisation beizutreten (Schmid 2010). Nach dem Krieg allerdings machte Drenkmann schnell Karriere, als Richter beim Landgericht, dann Landgerichtsrat, dann Kammergerichtsrat, schlie\u00dflich ab 1967 Pr\u00e4sident des Kammergerichts Berlin. Hans Bl\u00fcthner schrieb aus Anlass der Ernennung zum letzten Karriereschritt im Januar 1967 an Drenkmann: &#8222;Im stillen mu\u00df ich \u2013 unter uns gesagt \u2013 immer daran denken, da\u00df wir mal vor ca. 30 Jahren meinten, alle h\u00f6heren einflu\u00dfreichen Posten m\u00fc\u00dften Leute mit ein wenig Hang und Liebe zu unserem gemeinsamen Hobby bekleiden! Nun, Du hast es realisiert und geschafft.&#8220; (Bl\u00fcthner 1967) Am 10. November wurde Drenkmann von Terroristen der Bewegung 2. Juni bei einem Entf\u00fchrungsversuch ermordet.<\/p>\n<p><strong>Jakob Franz Wolff<\/strong>, genannt &#8222;Franny&#8220; (1907-1971) machte in Berlin eine Fotografenlehre. 1925 hatte er zusammen mit seinem Freund Alfred L\u00f6w die Band des Pianisten Sam Wooding im Admiralspalast gesehen, danach war er lebenslanger Jazzfan. L\u00f6w war bereits 1936 nach New York ausgewandert, Wolff folgte ihm zwei Jahre sp\u00e4ter auf einem der letzten Passagierdampfer, die aus Nazideutschland in Richtung des Big Apple verlassen konnten. Danach schrieben die beiden Geschichte, gr\u00fcndeten das Plattenlabel Blue Note, das erst traditionellen Jazz und Boogie-Boogie, bald aber auch die jungen moderneren Musiker des Jazz aufnahm und seit den 1950er Jahren stilbildende Platten herausbrachte. L\u00f6w, der sich in den USA Alfred Lion nannte, war der Gesch\u00e4ftsmann unter ihnen, und Wolff, der jetzt als Francis Wolff firmierte, ebenb\u00fcrtiger Partner. Beide nahmen die Musiker, die f\u00fcr sie aufnahmen, als K\u00fcnstler ernst, verg\u00fcteten ihnen sogar die Probezeiten (bislang v\u00f6llig un\u00fcblich in dieser Musik), und Wolff machte sich au\u00dferdem einen Namen als meisterhafter Fotograf, dessen Bilder geradezu ikonisch wurden, nicht nur, aber auch, weil sie die Platten des eigenen Labels schm\u00fcckten.<\/p>\n<p>Die Kladde stammt, wie wir unten sehen werden, aus dem Jahr 1936. Jazzfreunde, die danach zum Kreis des Melody Club bzw. der Magischen Note wurden,\u00a0 finden sich hier deshalb nicht. Bl\u00fcthner erw\u00e4hnt sie in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1947: Zur Olympiade 1936 etwa verzeichnet er Besuche von G\u00e4sten wie dem amerikanischen Posaunisten Herb Fleming, dem Frankfurter Saxophonisten Eugen Henkel, dem Pianisten Fritz Schulz-Reichel, von Dietrich Schulz-K\u00f6hn, aber auch von Duncan McLougald, einem &#8222;Freund von Benny Goodman und Helen Ward&#8220;.<\/p>\n<p>Ab 1938 traf man sich privat, meist bei Bl\u00fcthner selbst, und als h\u00e4ufige G\u00e4ste nennt er Gerd Pick, Folke Johnson aus Schweden, den belgischen Pianisten Coco Collignon, Varvavar Varasiri aus Siam. &#8222;Fr\u00e4ulein Thieme und Herr von Drenkmann&#8220;, schreibt er, seien 1947 aus dem Kreis der &#8222;Alten&#8220;, also von vor 1936 \u00fcbrig. Ein &#8222;Herr Edelscharf&#8220; sei 1938 dazu gekommen. Und dann erw\u00e4hnt er noch, was aus den anderen Mitgliedern geworden sei: &#8222;Es ist sehr bedauerlich, da\u00df die Atmosph\u00e4re des alten &#8218;Hot-Kreises&#8216; nie wieder wird, zumal fast alle damaligen Mitglieder von Wichtigkeit Berlin den R\u00fccken gekehrt haben. Franz Wolff ist Anfang des Krieges nach New York gegangen, Heinz Auerbach ging nach S\u00fcd-Amerika, Bob Cornfield ging in die T\u00fcrkei zur\u00fcck, Gerd Pick ist in Frankfurt, Olaf Hudtwalcker in Mannheim, Hans Friedemann in Luckenwalde,\u00a0 Vasiri in Washington, Wilfried von Weselstedt und Hans Horseck sind an der Ostfront gefallen, Carlo Boger gilt als vermi\u00dft, Egon Wilrich fiel einem Fliegerangriff zum Opfer. Es bleibt nur noch zu hoffen, da\u00df der eine oder andere aus der Gefangenschaft nach Berlin zur\u00fcckfindet.&#8220; (Bl\u00fcthner 1947)<\/p>\n<p>Ab 1945 gr\u00fcndete Bl\u00fcthner zusammen mit alten und neuen Freunden den Hot-Club Berlin der sein erstes Treffen am 27. Oktober 1945 hatte (Bl\u00fcthner 1947).<\/p>\n<p><strong>Die Musik<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13734\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Kladde-300x194.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"194\" \/>Die Kladde also enth\u00e4lt eine Auflistung der Platten im Besitz der Melody Club-Mitglieder. Aufgelistet werden sie nach den Bandleadern, darunter jeweils zwei Titel pro Platte, dahinter die Besitzer; mal einer, mal mehrere. Der Compiler (also Bl\u00fcthner) lie\u00df so viel Platz, wie er meinte, das die jeweiligen Bands ben\u00f6tigten, f\u00fcr bekannte und popul\u00e4re Bands also mehr als f\u00fcr weniger bekannte. Gleich auf der ersten Seite gibt es schon einen der Hits, der n\u00e4mlich gleich bei sechs der Mitglieder vorhanden ist: Duke Ellingtons &#8222;Tiger Rag I u. II&#8220; (Wolff, Sternberg, Cornfield, Robert, Bl\u00fcthner, Boger). Bl\u00fcthner verzeichnet einzig die Titel auf den Platten, keine weiteren diskographischen Details, etwa Label oder Plattennummern. Er gruppiert die jeweils zwei Titel einer Schellackplatte mit geschweiften Klammern. Und wenn auf einer Platte mal Titel von unterschiedlichen Bands ver\u00f6ffentlicht wurden, verzeichnet er sie zweimal, n\u00e4mlich unter den Namen der jeweiligen Bandleader, aber mit einem Verweis auf die jeweilige R\u00fcckseite.<\/p>\n<p>Konkret, und alphabetisch geordnet nach den Bandnamen:<\/p>\n<ul>\n<li>Henry Red Allen: 5 Platten<\/li>\n<li>Pauline Alpert: 1 Platte<\/li>\n<li>Bert Ambrose: 15 Platten<\/li>\n<li>Louis Armstrong: \u00a031 Platten.<\/li>\n<li>Gus Arnheim: 1 Platte<\/li>\n<li>Artiphon Orchester: 1 Platte<\/li>\n<li>Harry Ascher: 1 Platte<\/li>\n<li>DeFord Bailey: 1 Platte<\/li>\n<li>Balalaika Orchester: 1 Platte<\/li>\n<li>Billy Barton: 1 Platte<\/li>\n<li>Bix Beiderbecke: 4 Platten<\/li>\n<li>Benson Orchestra of Chicago: 1 Platte<\/li>\n<li>Ben Bernie: 5 Platten<\/li>\n<li>Bluejeans: 1 Platte<\/li>\n<li>Boswell Sisters: 15 Platten<\/li>\n<li>Arthur Briggs mit seinen Savoy Syncopators: 1 Platte<\/li>\n<li>Buddy&#8217;s Brigade: 1 Platte<\/li>\n<li>Hans Bund: 1 Platte<\/li>\n<li>Rev. J.B. Burnett: 1 Platte<\/li>\n<li>Cab Calloway: 12 Platten<\/li>\n<li>Francisco Camaro: 2 Platten<\/li>\n<li>Benny Carter: 4 Platten<\/li>\n<li>Casa Loma Orchestra: 21 Platten<\/li>\n<li>Castlewood Marimba Band: 1 Platte<\/li>\n<li>Cellar Boys: 1 Platte<\/li>\n<li>The Charleston Chasers: 1 Platte<\/li>\n<li>Chicago Feetwarmers: 1 Platte<\/li>\n<li>Chocolate Dandies: 7 Platten<\/li>\n<li>Junie Cobb: 1 Platte<\/li>\n<li>Oliver Cobb: 1 Platte<\/li>\n<li>Eddie Condon: 2 Platten<\/li>\n<li>Coon-Sanders Orchestra: 3 Platten<\/li>\n<li>Charles Creath&#8217;s Jazz O&#8217;Maniacs: 1 Platte<\/li>\n<li>Zez Confrey: 1 Platte<\/li>\n<li>The Cotton Pickers: 3 Platten<\/li>\n<li>Julio de Caro: 2 Platten<\/li>\n<li>The Decca Dance Band: 1 Platte<\/li>\n<li>Dickson&#8217;s Harlem Orchestra: 1 Platte<\/li>\n<li>Dixie Rhythm Kings: 2 Platten<\/li>\n<li>Vance Dixon: 1 Platte<\/li>\n<li>Johnny Dodds: 2 Platten<\/li>\n<li>Dorsey Brothers: 1 Platte<\/li>\n<li>Duke Ellington: 91 Platten<\/li>\n<li>Reginald Foresythe: 1 Platte<\/li>\n<li>Caroll Ginnons: 3 Platten<\/li>\n<li>Lud Gluskin: 2 Platten<\/li>\n<li>Benny Goodman: 1 Platte<\/li>\n<li>St\u00e9phane Grappelli: 2 Platten<\/li>\n<li>Henry Hall: 1 Platte<\/li>\n<li>Coleman Hawkins: 3 Platten<\/li>\n<li>Fletcher Henderson: 26 Platten<\/li>\n<li>Horace Henderson: 1 Platte<\/li>\n<li>Earl Hines: 9 Platten<\/li>\n<li>Sol Hoopie: 1 Platte<\/li>\n<li>Claude Hopkins: 2 Platten<\/li>\n<li>Brigitte Horney: 1 Platte<\/li>\n<li>Spike Hughes: 11 Platten<\/li>\n<li>Jack Hylton: 4 Platten<\/li>\n<li>Isham Jones: 1 Platte<\/li>\n<li>Jack Jones: 2 Platten<\/li>\n<li>Oskar Joost: 1 Platte<\/li>\n<li>Greta Keller: 1 Platte<\/li>\n<li>Eddie Lang: 1 Platte<\/li>\n<li>Layton &amp; Johnstone: 1 Platte<\/li>\n<li>Ted Lewis: 2 Platten<\/li>\n<li>Guy Lombardo: 1 Platte<\/li>\n<li>Jimmie Lunceford: 10 Platten<\/li>\n<li>Cecil Mack: 1 Platte<\/li>\n<li>Wingy Manone: 1 Platte<\/li>\n<li>Clyde McCoy: 1 Platte<\/li>\n<li>McKinney&#8217;s Cotton Pickers: 5 Platten<\/li>\n<li>Mills Blue Rhythm Band: 5 Platten<\/li>\n<li>Mills Brothers: 3 Platten<\/li>\n<li>Emmett Miller and his Georgia Crackers: 1 Platte<\/li>\n<li>Irving Mills &amp; His Hotsy Totsy Gang: 5 Platten<\/li>\n<li>Borrah Minevitch: 1 Platte<\/li>\n<li>Miff Mole: 1 Platte<\/li>\n<li>Jelly Roll Morton: 11 Platten<\/li>\n<li>Bennie Moten: 29 Platten<\/li>\n<li>New Orleans Rhythm Kings: 1 Platte<\/li>\n<li>Red Nichols: 10 Platten<\/li>\n<li>Ray Noble: 2 Platten<\/li>\n<li>King Oliver: 10 Platten<\/li>\n<li>Raymond Parige: 1 Platte<\/li>\n<li>Jack Payne: 2 Platten<\/li>\n<li>Louis Prima: 1 Platte<\/li>\n<li>Don Redman: 5 Platten<\/li>\n<li>Leo Reisman: 1 Platte<\/li>\n<li>Harry Roy: 4 Platten<\/li>\n<li>Valaida Snow: 1 Platte<\/li>\n<li>Lew Stone: 2 Platten<\/li>\n<li>Joe Venuti: 5 Platten<\/li>\n<li>Fats Waller: 4 Platten<\/li>\n<li>Washboard Rhythm Band: 1 Platte<\/li>\n<li>Washboard Rhythm Boys: 2 Platten<\/li>\n<li>Washboard Rhythm Kings: 1 Platte<\/li>\n<li>Washboard Serenaders: 3 Platten<\/li>\n<li>Chick Webb: 1 Platte<\/li>\n<li>Paul Whiteman: 2 Platten<\/li>\n<li>Jay Wilbur: 1 Platte<\/li>\n<li>Sam Wooding: 6 Platten<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und noch ein paar Besonderheiten: Franz Wolff ist hier der offenbar der begeistertste Sammler Duke Ellingtons (und anderer vorrangig afro-amerikanischer K\u00fcnstler, zum Beispiel auch King Oliver). Die drei Platten von Coleman Hawkins stammen alle aus dem Jahr 1933, also vor seinem langen Europaaufenthalt, und nat\u00fcrlich fehlt &#8222;Body and Soul&#8220;, einfach, weil er es offenbar noch gar nicht eingespielt hatte, als Bl\u00fcthner die Kladde erstellte. Die sechs Platten Sam Woodings stammen alle aus seiner europ\u00e4ischen Periode, wurden zwischen 1925 und 1929 in Berlin, Paris und Barcelona aufgenommen. Von Benny Goodman ist nur eine Aufnahme dabei. Carlo Boger hatte eine Vorliebe f\u00fcr Red Nichols und Spike Hughes, wie Bl\u00fcthner sich erinnerte (Polster 1989: 33), was auch an seinem Plattenbestand zu ersehen ist: Von zehn Red Nichols-Platten besa\u00df er acht, au\u00dferdem alle elf Spike Hughes-Platten. Zu den Exoten der Liste z\u00e4hlt insbesondere Sol Hoopii, ein Vertreter von Hawai-Gitarren-Musik, der mit zwei Aufnahmen verzeichnet ist (&#8222;Farewell Blues&#8220;, &#8222;Stack O&#8217;Lee Blues&#8220;), die sich zumindest in den \u00fcblichen Jazzdiskographien nicht finden lassen.<\/p>\n<p>Nach dem Eintrag \u00fcber Emmett Miller and his Georgia Crackers folgt ein deutlicher Hinweis auf die Datierung der Kladde: &#8222;Samstag, 1. M\u00e4rz 1936&#8220;. Auf den Seiten 71-75 scheint Bl\u00fcthner detaillierte Notizen \u00fcber Musik gemacht zu haben, die er im M\u00e4rz und April des Jahres im Radio geh\u00f6rt hatte. BBC? Wir wissen es nicht.<\/p>\n<p>Es war, kann man nach Durchsicht der Kladde feststellen eine Sammlung, die sich sehen lassen konnte. Vor allem afro-amerikanischer Jazz, daneben einige britische Bandleader und relativ wenige deutsche Bands. Man kann sich vorstellen, wenn man Bl\u00fcthners Ver\u00f6ffentlichungen nach dem Krieg liest, die zum Beispiel an die Mitglieder des Hot Clubs Berlin gingen, wie sich sein Geschmack entlang dieser Aufnahmen gebildet hat.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13733\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Bluethner_Hans_194_Dieter_Sternberg_Egon_Wilrich_SlgPech_NN_03-300x197.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"197\" \/>Und dann erinnere ich mich wieder an meinen letzten Besuch bei ihm, bei dem er irgendwann eine CD einlegte, Jimmie Lunceford, sofern ich mich richtig erinnere. Er wusste nach wie vor alles \u00fcber diese Musik. &#8222;Mein Kopf ist klar, nur der K\u00f6rper macht nicht mit&#8220;, klagte er. Hans Bl\u00fcthner hat nicht mehr erfahren, dass Teile seiner Papiere schlie\u00dflich auf Umwegen doch im Jazzinstitut Darmstadt landen sollten. Aber ich bin mir sicher, es h\u00e4tte ihn gefreut. (Foto: Hans Bl\u00fcthner, Dieter Sternberg und Egon Wilrich, ca. 1936)<\/p>\n<p>Bl\u00fcthners Kladde, die einen kleinen Einblick in die Berliner Jazzszene der 1930er Jahre erlaubt und in die Gewissenhaftigkeit, mit der junge Jazzfans in dieser Zeit sich allen Widrigkeiten zum Trotz mit der Musik befassten, war bereits in mehreren Ausstellungen zu sehen, darunter einer mit Fotos von Francis Wolff f\u00fcr das Blue Note-Label im J\u00fcdischen Museum Berlin.<\/p>\n<p>Wolfram Knauer (18. Dezember 2023)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Zitierte Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Bl\u00fcthner 1947: Hans Bl\u00fcthner: Die Berliner Hotfreunde, 17. Januar 1947 (Manuskript im Jazzinstitut Darmstadt)<\/p>\n<p>Bl\u00fcthner 1950: Hans Bl\u00fcthner: Berlin und Jazz, 22. September 1950 (Manuskript im Jazzinstitut Darmstadt)<\/p>\n<p>Bl\u00fcthjner 1967: Hans Bl\u00fcthner: Brief an G\u00fcnter von Drenkmann, 23. Januar 1967 (Briefkopie im Jazzinstitut Darmstadt)<\/p>\n<p>Bl\u00fcthner 1981: Hans Bl\u00fcthner: Brief an Hans Berry, 14. Juli 1981 (Briefkopie im Jazzinstitut Darmstadt)<\/p>\n<p>Crosby 1953: Barney Crosby. Foreign Extraction, in: Theme, 1\/3 (Oktober 1953): 23<\/p>\n<p>Jockwer 2004: Axel Jockwer: Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, Konstanz 2004 (PhD thesis: Universit\u00e4t Konstanz)<\/p>\n<p>Lange 1966: Horst H. Lange: Jazz in Deutschland. Die deutsche Jazz-Chronik, 1900-1960, Berlin 1966 (Colloquium Verlag)<\/p>\n<p>Kater 1992: Michael H. Kater: Different Drummers. Jazz in the Culture of Nazi Germany, New York 1992 (Oxford University Press)<\/p>\n<p>Polster 1989: Bernd Polster: Swing Heil. Jazz im Nationalsozialismus, Berlin 1989 (Transit Buchverlag)<\/p>\n<p>Schmid 2010: Thomas Schmid: Ein vergessenes Verbrechen. Der Berliner Kammergerichtspr\u00e4sident G\u00fcnter von Drenkmann war das erste Opfer des Linksterrorismus in der Geschichte der Bundesrepublik. In dieser Woche w\u00e4re er 100 Jahre alt geworden. R\u00fcckblick auf ein deutsches Leben, in: Die Welt, 13. November 2010 &lt;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/vermischtes\/article10904029\/Ein-vergessenes-Verbrechen.html\">https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/vermischtes\/article10904029\/Ein-vergessenes-Verbrechen.html<\/a>&gt;<\/p>\n<p>Thiers 1960: Walter Thiers: Argentinien liebt Hot Jazz, in: Jazz Podium, 9\/12 (Dec.1960): 262-263<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lernte Hans Bl\u00fcthner irgendwann Ende der 1990er Jahre kennen. Er lebte in einem Seniorenheim in Weinheim an der Bergstra\u00dfe, wo ich ihn ein paar Mal besuchen durfte. 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