{"id":14828,"date":"2025-01-17T15:51:37","date_gmt":"2025-01-17T14:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/?p=14828"},"modified":"2025-05-14T15:58:07","modified_gmt":"2025-05-14T13:58:07","slug":"darmstadt-jazzforum-2025-blog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/en\/darmstadt-jazzforum-2025-blog\/","title":{"rendered":"Spiritualit\u00e4t im Jazz und der Blues vom guten Leben [blog]"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gedanken zum Thema der Konferenz zum 19. Darmst\u00e4dter Jazzforum vom 24. bis 28. September 2025<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>Seit 1989, also eigentlich schon ein Jahr l\u00e4nger als das Jazzinstitut Darmstadt selbst (gegr\u00fcndet im Oktober 1990), gibt es das Darmst\u00e4dter Jazzforum. Der Initiator des ersten Jazzforums, der Gie\u00dfener Musikwissenschaftler und Jazzmusiker Ekkehard Jost, formulierte den Anspruch der Veranstaltung in einem Vorwort zum ersten Tagungsband als, &#8222;einen ersten Versuch, verstreute Forschungsvorhaben und -ergebnisse aufeinander beziehbar zu machen, Erfahrungsaustausch zwischen Musikwissenschaftlern und Musikern zu erm\u00f6glichen und eine interessierte Zuh\u00f6rerschaft \u00fcber den aktuellen Stand der Jazzforschung \u2013 oder doch zumindest einiger seiner Teilbereiche \u2013 zu informieren.&#8220; (Ekkehard Jost (Hrsg.): Darmst\u00e4dter Jazzforum 89. Beitr\u00e4ge zur Jazzforschung. Hofheim 1990, S. 9)<\/p>\n<p>Unter der Leitung von von Wolfram Knauer (<a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/darmstadter-jazzforum\/\">17 Ausgaben zwischen 1991 bis 2023<\/a>) hat sich das Jazzforum nicht nur in seinen Vortragsformen (Referat und Diskussion) stark weiterentwickelt, sondern ist auch viel st\u00e4rker an den konkreten Aus- und Wechselwirkungen seiner Themensetzungen mit der k\u00fcnstlerischen und sozialen Alltagserfahrung der Menschen innerhalb der Jazzszene interessiert. Seit 2024 lenkt nun Bettina Bohle die Geschicke des Jazzinstituts Darmstadt. Damit wurde auch das Jazzforum noch einmal einem kritischen Blick von au\u00dfen unterworfen. F\u00fcr die Ausgabe im September 2025 werden wir am in den letzten Ausgaben unter Wolfram Knauer etablierten Format im wesentlichen festhalten. Insbesondere den Ansatz, ein \u00fcbergreifendes Thema bzw. eine zentrale Fragestellung in den Mittelpunkt des Jazzforum zu stellen, werden wir absehbar beibehalten.\u00a0 Ebenso wollen wir Beitr\u00e4ge aus der akademischen Diskussion, von Forschenden, weiterhin in den Mittelpunkt stellen und dar\u00fcber zur Diskussion einladen. Dabei spielt Interdisziplinarit\u00e4t eine gro\u00dfe Rolle: Jazzgeschichtliche\u00a0 Forschung steht neben musikwissenschaftlicher Analyse und sozialwissenschaftliche Fragestellungen treffen auf kulturpolitische Debatten.<\/p>\n<p>F\u00fcr das bevorstehende 19. Darmst\u00e4dter Jazzforum haben wir uns f\u00fcr das Thema &#8222;Spiritualit\u00e4t&#8220; entschieden. Warum das so ist, wie unser teaminternen \u00dcberlegungen dazu verlaufen sind, welche anderen interessanten Ans\u00e4tze von au\u00dfen wir zu diesem Themenfeld entdecken, wollen wir hier vorstellen. Wir werden versuchen, diese Seite regelm\u00e4\u00dfig mit Beitr\u00e4gen aus dem Jazzinstitut zu bef\u00fcllen.<\/p>\n<p>Wir freuen uns dabei auch \u00fcber Input und Hinweise zu interessanten Aspekte von au\u00dferhalb, die wir gerne in R\u00fccksprache mit den Autor*innen und nat\u00fcrlich nach unserer kritischen Betrachtung, gerne an dieser Stelle ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Im Juni 2024 starteten wir mit folgenden \u00dcberlegungen zu &#8222;Spiritualit\u00e4t und Jazz&#8220; institutsintern ins Thema.<\/p>\n<p><em>Juni 2024 von Marie H\u00e4rtling<\/em><\/p>\n<h4>Jazz und Spiritualit\u00e4t \u2013 ein chronologischer Bogen<\/h4>\n<figure id=\"attachment_14868\" aria-describedby=\"caption-attachment-14868\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14868 size-medium\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-300x194.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-1024x662.jpg 1024w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-768x496.jpg 768w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-1536x992.jpg 1536w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-2048x1323.jpg 2048w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_01-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14868\" class=\"wp-caption-text\">Robert Patterson Singers, 1962 (Archiv JID)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jazz und Spiritualit\u00e4t sind nicht nur auf den zweiten Blick Themen, die eng im Austausch stehen. Begonnen mit der Versklavung und christlichen Missionierung von Afrikaner*innen in Amerika, \u00fcber das Konvertieren von Jazzmusiker*innen zum Islam in den 1960er und 1970er-Jahren und in die Gegenwart, mit der Frage nach einem achtsamen Leben von Jazz-Musiker*innen.<\/p>\n<p><strong>Spirituals und Gospel<\/strong><\/p>\n<p>Ihrer urspr\u00fcnglichen Spiritualit\u00e4t beraubt, beginnen die afrikanischen Sklaven im 19. Jahrhundert sich den Zwang, den christlichen Glauben praktizieren zu m\u00fcssen, zunutze zu machen. Ohne daf\u00fcr bestraft zu werden, d\u00fcrfen sich die Sklav*innen und sp\u00e4ter die \u201ebefreiten\u201c Sklav*innen in Gottesdiensten treffen. In Spirituals und Gospel verarbeiten sie ihre kollektiven Erfahrungen und f\u00fchren durch sprachliche Codes in den Liedtexten ihre Oral-History weiter. \u201eSwing low, sweet chariot, coming for to carry me home\u201c, die Liedzeile des ber\u00fchmten Spirituals der Fisk Jubilee Singers vom Ende des 19. Jahrhunderts, dr\u00fcckt eine Sehnsucht nach den Roots und eine transzendente Verbindung zur Heimat Afrika aus. Gemeinsam praktizierter Glaube wird zu einer der Grunds\u00e4ulen der Afroamerikanischen Kultur, wirkt sinnstiftend und verspricht Heilung und eine bessere Zukunft. Die Musik, die fester Bestandteil dieser religi\u00f6sen Rituale ist, wird zu einem Grundstein f\u00fcr die musikalische Bildung der Afroamerikaner*innen und befl\u00fcgelt die Weiterentwicklung der schwarzen Musik in Amerika, auch den Jazz.<\/p>\n<p><strong>Spiritualit\u00e4t in der B\u00fcrgerrechtsbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Mit der B\u00fcrgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren beginnt eine neue Form des kollektiven Glaubens. Es geht nicht mehr darum, sich durch Assimilation Freir\u00e4ume zu schaffen, sondern Abgrenzung von \u201eden Unterdr\u00fcckenden\u201c soll eigene, selbstbestimmte R\u00e4ume aufmachen. Dabei spalten sich die Lager. W\u00e4hrend der eher christlich spirituell verwurzelte Martin Luther King im Sinne Gandhis den gewaltfreien Widerstand propagiert, macht der ebenso spirituelle Malcom X als Mitglied der Nation of Islam Furore mit seinem Aufruf zur Gewalt. Viele Afroamerikaner*innen konvertieren zum Islam, nicht nur weil sie sich hier der wei\u00dfen Vorherrschaft entzogen f\u00fchlen, sondern auch aus pragmatischen Gr\u00fcnden. So werden Personen mit muslimischen Namen weniger diskriminiert.<\/p>\n<p><strong>Der Sound eines offen spirituell gepr\u00e4gten Jazz<\/strong><\/p>\n<p>Im Jazz findet ab den 1960er Jahren eine Hinwendung zu musikalischen Traditionen der islamischen und hinduistischen Kultur hin. Der von der Apartheit in S\u00fcdafrika gepr\u00e4gte Musiker Abdullah Ibrahim (Dollar Brand) kommt in den 1960er Jahren in die USA und konvertiert zum Islam. Gemeinsam mit u.a. Pharoah Sanders, Don Cherry, Alice und John Coltrane, verk\u00f6rpert er Figuren im Jazz, die sich sehr offen zu ihrer Spiritualit\u00e4t bekennen und das in die Musik einflie\u00dfen lassen. Zusammenfassend, bietet die Spiritualit\u00e4t den Afroamerikaner*innen einen gemeinsamen Ausweg vor der rassistischen Wirklichkeit.<\/p>\n<p><strong>Forschungsfragen zu Spiritualit\u00e4t und Musik heute<\/strong><\/p>\n<p>Wirft man einen Blick in die Gegenwart, wird sich mit dem Thema Spiritualit\u00e4t im musikalischen Kontext allgemein geh\u00e4uft auseinander gesetzt. Im Band-Kontext wird das Zusammenspiel der Musiker*innen untersucht und nach einem \u201eBand-Spirit\u201c und \u201eBand-Ritualen\u201c geforscht. Dabei tauchen Begriffe wie \u201eAtmosph\u00e4re\u201c als Platzhalter auf. Bezogen wird sich hier auf den gesamten Prozess, von der Lehratmosph\u00e4re im Musik- und Instrumentalunterricht, \u00fcber das obengenannte Zusammenspiel von Musiker*innen und das Komponieren von Musikst\u00fccken selbst. Besonders w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zeigte sich hier eine Ver\u00e4nderung in der Kompositionsatmosph\u00e4re. Viele Musiker*innen \u00e4u\u00dferten sich zu ihrer entweder sehr hohen oder sehr niedrigen Inspiration durch die Isolation w\u00e4hrend der Pandemie. Auch das Erlebnis der H\u00f6rer*innen wird untersucht. Welche Rituale gibt es, auf Konzertbesuche und das Musikh\u00f6ren generell bezogen und welche Atmosph\u00e4re entsteht dabei? Begriffe wie \u201eMusic is my Religion\u201c entstehen bereits in der Techno-Szene der 1990er-Jahre.<\/p>\n<p><strong>Jazz und Improvisation im Blickwinkel der Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Bezogen auf den Jazz und die improvisierte Musik wird erforscht, wie sich der \u201eFlow\u201c des Improvisierens auswirkt, auch auf die seelische Gesundheit der Musiker*innen. Ca. 100 Jahre nach der Entstehung des Jazz unter obengenannten Umst\u00e4nden, fragt man nach den pers\u00f6nlichkeitsbildenden Aspekten, Teil einer Jazz-Szene zu sein. Gibt es einen \u201eJazz-Spirit\u201c? Wie spirituell ist der Zugang von Musiker*innen zur Jazzmusik und gibt es Punkte, an dem sie durch die Musik ihre eigene Wirklichkeit begr\u00fcnden? Gibt es Menschen die von sich behaupten, \u201eJazz als Sinn des eigenen Lebens\u201c zu haben?<\/p>\n<p>Der chronologisch aufgespannte Bogen durch das Sujet \u201eJazz und Spiritualit\u00e4t\u201c umfasst eine F\u00fclle an Themen aus verschiedenen Disziplinen und ist nach allen Seiten offen. Die Frage nach dem Sinn, warum gibt es Jazz, warum h\u00f6rt man Jazz, warum spielt man Jazz und was ist eigentlich Jazz, treiben seit Jahrzehnten Musiker*innen, Journalist*innen und H\u00f6rer*innen um. Es scheint als g\u00e4be es keine definitive Antwort, nur: da ist einfach irgendetwas, das hat mich eingenommen, daran halte ich fest und ich kann es nicht sehen, aber es ist da.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Juni 2024 von Arndt Weidler<\/em><\/p>\n<h4><strong>Free Your Spirit \u2013 Jazz und Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/h4>\n<figure id=\"attachment_14942\" aria-describedby=\"caption-attachment-14942\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14942 size-medium\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-300x190.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-1024x648.jpg 1024w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-768x486.jpg 768w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-1536x972.jpg 1536w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-2048x1296.jpg 2048w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_NN_02-scaled-e1747213763287-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14942\" class=\"wp-caption-text\">Robert Patterson Singers, 1962 (Archiv JID)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Technologisch, gesellschaftlich und politisch betrachtet, befindet sich die Menschheit derzeit in einem gewaltigen Transformationsprozess. Ver\u00e4nderungen der pers\u00f6nlichen Lebenswelt werden dabei von den allermeisten Menschen weltweit als allt\u00e4gliche Bedrohung \u00a0wahrgenommen. K\u00fcnstliche Intelligenz, demografischer Wandel, die aggressive Konkurrenz internationaler Beziehungen, Klimakrise, Bedrohungen der Biodiversit\u00e4t oder der ungleiche Zugang zu gesellschaftlichen und nat\u00fcrlichen Ressourcen \u00fcberfordern dabei ein balanciertes Empfinden f\u00fcr die Bewertung pers\u00f6nlicher Handlungsmacht der Individuen.<\/p>\n<p><strong>Grausame Realit\u00e4t vs. Heilende Parallelwelten<\/strong><\/p>\n<p>Liegt da nicht der R\u00fcckzug aus der erlebten Realit\u00e4t und der \u00dcbertritt in k\u00fcnstlich geschaffene oder transzendentale Erfahrungswelten nahe; der R\u00fcckzug in eine Welt, die, wenn nicht ideal, so doch scheinbar unber\u00fchrt und verl\u00e4sslich bleibt, ganz gleich wie tiefgreifend und nachhaltig sich die Wirklichkeit ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Diese Welt kann einerseits im virtuellen Parallelraum liegen \u2013 Individuen handeln und interagieren dort als Avatare oder Pseudonyme (Stichwort &#8222;Metaverse&#8220;) \u2013 oder eben in einer spirituellen Sph\u00e4re, in jener geistigen Meta-Ebene also, die \u2013 enthoben von der Allt\u00e4glichkeit kognitiver und biophysikalischer Immanenz \u2013 Transzendenz, \u00dcbersinnliches, Irrationales zul\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Perspektivwechsel f\u00fcrs n\u00e4chste Jazzforum?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben bei unseren letzten Jazzforen viel dar\u00fcber nachgedacht, inwieweit eine transformationsoffene Musik wie der Jazz, zu dessen Kernelementen die Improvisation, die Innovation und die Interaktion, aber auch die besondere, kunstbezogene Haltung und die kultursoziologische Erfahrung der sich in diesem Kontext bewegenden Akteur*innen z\u00e4hlen, mit den globalen Entwicklungen moderner Gesellschaften resonieren. Wie politisch ist der Jazz? Wie geht er mit Forderungen nach geschlechtlicher Gleichstellung (gender equity) oder der Repr\u00e4sentanz ethnischer und sozialer Diversit\u00e4t um? Welche Verantwortung tragen Kulturschaffende und Kreative? Ist die musikalische Praxis, die Art und Weise wie Musiker*innen Jazz interpretieren, ihr pers\u00f6nlicher Kommentar zur selbst erlebten Realit\u00e4t?<\/p>\n<p>Wir sind also immer davon ausgegangen, dass die Musiker*innen proaktiv auf Ver\u00e4nderungen ihrer Umwelt reagieren, nicht nur um diese nachvollziehbar, k\u00fcnstlerisch zu spiegeln, sondern vielfach sogar, um sie bewusst zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Aber kann es nicht auch umgekehrt sein, dass sich der Transformationsdruck der Gesellschaft auch auf die Kreativen niederschl\u00e4gt; dass der R\u00fcckzug aus der erlebten Realit\u00e4t, die ja ganz praktisch f\u00fcr viele Jazzmusiker*innen hart genug ist, auch hier stattfindet? Vielleicht ist ja die Erschaffung eines Kunstwerks, dass nur f\u00fcr sich Selbst steht, gespeist aus der &#8222;Energie&#8220; eines Individuums, allein ausreichender Antrieb k\u00fcnstlerischer Produktivit\u00e4t? Welche Rolle spielen Konstrukte wie &#8222;neue Innerlichkeit&#8220;, &#8222;Selbstfindung&#8220;, &#8222;kosmische Ordnung&#8220; als Quelle der Inspiration beim Erschaffen neuer Musik und in der Auff\u00fchrungspraxis?<\/p>\n<p><strong>Spiritualit\u00e4t besch\u00e4ftigt den Jazz immer schon<\/strong><\/p>\n<p>Die R\u00fcckbesinnung auf, die Hinwendung zu oder die &#8222;Flucht&#8220; in die Spiritualit\u00e4t (je nach Perspektive) hat schlie\u00dflich historisch immer eine Rolle gespielt, ganz besonders auch in der slave culture beider Amerikas zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert: Da geht es um die Bewahrung oder Adaption echter oder vermeintlicher Rituale der afrikanischen &#8222;Heimat&#8220;, aber auch um Widerst\u00e4ndigkeit im gewaltt\u00e4tigen und willk\u00fcrhaften Unterdr\u00fcckungssystem der Sklaverei, der Segregation und der Zwangschristianisierung. Musikalischen und kulturellen Ausdruck findet das in Field Songs, Spirituals und Gospelmusik, in Mardi Gras und Okkultismus, im Country Blues als devils music, in &#8222;unchristlicher&#8220; Soulmusik, bis hin zum Sprengen der (jazz)musikalischen Konventionen durch Free Jazz im Sinne Ornette Colemans, dem surrealen Impetus des Afrofuturismus eines Sun Ra Arkestra oder dem frenetisch Transzendentalen einer Alice Coltrane bis hin zu Kamasi Washington.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrde mich bei dem Thema interessieren? <\/strong><\/p>\n<p>Mit welchen Themen k\u00f6nnte sich also ein Jazzforum befassen, das das Spannungsverh\u00e4ltnis oder eben die Symbiose von Spiritualit\u00e4t und Jazz behandelt?<\/p>\n<p><strong>Musik- und Sozialhistorisch: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Analysen zur &#8222;afrikanischen&#8220; Ritualit\u00e4t in klassischen Sprituals<\/li>\n<li>Schaffung von Spiritualit\u00e4t durch call-and-response-Muster in Gospel und Blues<\/li>\n<li>Bedeutung von Spiritualit\u00e4t und &#8222;devianter&#8220; Religionen f\u00fcr schwarze US-amerikanische Musiker*innen anhand von Beispielen: Dizzy Gillespie, Art Blakey, Yusef A. Lateef, John &amp; Alice Coltrane, Benny Golson, Al Jarreau u.a.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Musikwissenschaftlich<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Einfl\u00fcsse als besonders spirituell wahrgenommener Musiken des Orients oder S\u00fcdostasiens auf Schaffensphasen einzelner Musiker*innen<\/li>\n<li>Ver\u00e4nderungen des Personalstils unter dem Einfluss ver\u00e4nderter oder wachsender Religiosit\u00e4t<\/li>\n<li>Auswirkungen auf Bandsound oder Interaktion im Bandkontext durch spirituell gepr\u00e4gte Rituale<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Philosophisch <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Musik als Lebenssinn oder sinnver\u00e4nderndes Medium<\/li>\n<li>Jazz als ideale Imagination vom &#8222;guten Leben&#8220;<\/li>\n<li>Sind &#8222;gutes&#8220; Leben und &#8222;verantwortliches&#8220; Leben dasselbe? Hedonismus versus Ethik<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Psychologisch<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Seelische Heilung durch Musik<\/li>\n<li>Aufbau von psycho-sozialer Resilienz durch F\u00f6rderung besonderer (musikalischer) Talente<\/li>\n<li>&#8222;Kopfkino&#8220; als Antrieb k\u00fcnstlerischer Produktivit\u00e4t<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Soziologisch<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die Rolle religi\u00f6s vorgepr\u00e4gter Musiker*innen-Netzwerke<\/li>\n<li>Der Einfluss der Institution Kirche auf die Entwicklung und Verbreitung des Jazz<\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p><em>Juni 2024 von Bettina Bohle<\/em><\/p>\n<h4><strong>Sinnsucher*innen \u2013 Jazz, Spiritualit\u00e4t und das gute Leben<\/strong><\/h4>\n<figure id=\"attachment_14867\" aria-describedby=\"caption-attachment-14867\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14867 size-medium\" src=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-300x204.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"204\" srcset=\"https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-300x204.jpg 300w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-1024x695.jpg 1024w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-768x521.jpg 768w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-1536x1042.jpg 1536w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-2048x1389.jpg 2048w, https:\/\/www.jazzinstitut.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Robert_Patterson_Singers_196_Gospel_Spiritual_Calle_Hesslefors_01-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14867\" class=\"wp-caption-text\">Robert Patterson Singers, 1962 (Archiv JID)<\/figcaption><\/figure>\n<p>&#8222;God is a DJ!&#8220; \u2013 Der Liedtitel der britischen Band Faithless aus den 1990er Jahren ist l\u00e4ngst zu einem gefl\u00fcgelten Wort geworden. Er greift die zentralen Themen und Fragestellungen des diesj\u00e4hrigen Darmst\u00e4dter Jazzforums auf: die Verbindung zwischen Musik, Spiritualit\u00e4t und der Suche nach Sinn.<\/p>\n<p>Viele Jazzmusikerinnen waren religi\u00f6s oder sahen ihre Musik in einem spirituellen oder metaphysischen Kontext. John Coltrane etwa widmete &#8222;A Love Supreme&#8220; seiner tief empfundenen Gotteserfahrung, w\u00e4hrend Sun Ra mit seiner kosmischen Philosophie eine ganz eigene spirituelle Welt erschuf. Diese Dimensionen des Jazz spiegeln eine existenzielle Sinnsuche wider \u2013 eine Suche, die sowohl Musikerinnen als auch H\u00f6rer*innen ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Glauben an eine h\u00f6here Instanz und dem eigenen Platz im Universum sind so alt wie die Menschheit selbst. W\u00e4hrend sie fr\u00fcher oft mit dem Jenseits und der Vorbereitung auf das ewige Leben verbunden waren, geht es heute verst\u00e4rkt um die Gestaltung eines erf\u00fcllten, sinnhaften Lebens im Hier und Jetzt. Dabei r\u00fcckt das Verst\u00e4ndnis des Menschen als Teil einer umfassenden, lebendigen Gemeinschaft in den Fokus. Mit der Sehnsucht nach etwas Urspr\u00fcnglichem und Authentischem verbindet sich h\u00e4ufig auch eine gewisse Skepsis gegen\u00fcber Rationalit\u00e4t und Technisierung \u2013 ein Spannungsfeld, das eng mit dem Begriff der Spiritualit\u00e4t verkn\u00fcpft ist.<\/p>\n<p>Kunst spielte seit jeher eine zentrale Rolle in rituellen, spirituellen und religi\u00f6sen Zusammenh\u00e4ngen. Jazz als offenes, improvisationsgetriebenes und global vernetztes Musikgenre bietet sich in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr diese Form der Sinnsuche an. Improvisation bedeutet, im Moment zu sein \u2013 in direkter Interaktion mit Mitmusiker*innen und Publikum. Jazzgeschichte ist zudem eng mit der afroamerikanischen Erfahrung verkn\u00fcpft: Urspr\u00fcnglich als Musik der Unterdr\u00fcckten entstanden, formuliert Jazz eine Utopie des Miteinanders und kann als Weg des Widerstands und der Hoffnung verstanden werden.<\/p>\n<p>Ein weiteres zentrales Thema ist die Verbindung von K\u00f6rper und Geist. Der lateinische Begriff &#8222;spiritus&#8220; verweist sowohl auf Atem als auch auf Geist \u2013 eine Dualit\u00e4t, die in der Musik sp\u00fcrbar wird. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Fragmentierung, Technisierung und schwindender direkter menschlicher Interaktion wird der Wunsch nach gemeinschaftlichen Erlebnissen immer deutlicher. Die wachsende Beliebtheit von Live-Konzerten oder der Ansturm auf Sonderausstellungen in Museen zeigen, wie sehr Menschen nach geteilter Erfahrung, nach Sinn und Zusammenhalt suchen \u2013 aber auch nach Eskapismus. Kultur \u00fcbernimmt hier eine Funktion, die fr\u00fcher oft Religionen zugeschrieben wurde. Besonders w\u00e4hrend der Corona-Pandemie wurde die verbindende Kraft von Musik und Kunst schmerzlich vermisst \u2013 und ihre Bedeutung umso bewusster wahrgenommen.<\/p>\n<p>Auch Utopien und Zukunftsvisionen spielen eine Rolle in diesem Kontext. Immer wieder entwirft Kunst alternative Gesellschaftsentw\u00fcrfe, die nicht selten eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Verh\u00e4ltnissen enthalten. In diesem Spannungsfeld zwischen Jazz, Spiritualit\u00e4t und gesellschaftlicher Reflexion setzt das Darmst\u00e4dter Jazzforum 2025 an. Es l\u00e4dt dazu ein, die vielf\u00e4ltigen Facetten dieser Sinnsuche zu erkunden und die tiefgehenden Wechselwirkungen zwischen Musik, Spiritualit\u00e4t, Transzendenz und dem guten Leben zu reflektieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zum Thema der Konferenz zum 19. Darmst\u00e4dter Jazzforum vom 24. bis 28. 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