Jazz-Brief international aus Polen (September 2025)

Warum Dänemark Polens wichtigste Jazzschule wurde

von Mery Zimny, Musikjournalistin, Radiomoderatorin, Promoterin für Jazz, improvisierte und kreative Musik
August 2025

Die polnische Jazz- und Improvisationsszene befindet sich seit den 2000er-Jahren in einem intensiven Wandel. Der Anstoß dazu war die Entdeckung einer der wichtigsten Ausbildungsrichtungen im Jazz, deren Zentrum Dänemark wurde (zunächst Odense, später Kopenhagen). Auf der dynamischen dänischen Szene hatten schon in den 1960er-Jahren Krzysztof Komeda und Tomasz Stańko Erfolge gefeiert und Kollaborationen aufgebaut. 1963 veröffentlichte Metronome Productions eine Platte mit dem Quintett von Krzysztof Komeda. Verbindungen nach Dänemark waren also von Anfang an Teil unserer Jazzgeschichte.

Frühe Verbindungen zwischen Polen und Dänemark

Im Bereich Ausbildung begann jedoch vor knapp 20 Jahren für viele Pol*innen eine neue Phase: Dänische Hochschulen wurden entdeckt, und Berichte über ihre Lehrmethoden, fast unbegrenzten Möglichkeiten und die Betonung auf der Entwicklung ungebremster Kreativität machten Dänemark für viele Künstler*innen bis heute attraktiv. Musiker*innen, die aus dem starren polnischen Ausbildungssystem kamen, genossen die Freiheit, die ihnen dort geboten wurde. Sie lernten, Fragen nach ihrem eigenen künstlerischen Weg zu stellen und sich – vor allem – nicht mehr durch enge Genregrenzen beschränken zu lassen.

Am Rhythmic Music Conservatory gibt es keine separate Jazzabteilung; alle Musiker*innen studieren, arbeiten, spielen und schaffen gemeinsam. Instrumentalist:innen verbinden sich mit Produzent:innen und Elektronikkünstler*innen und entdecken dabei Dinge, die ihnen zuvor noch nie begegnet waren. Gleich zu Beginn stellen Dozierende nicht die Frage „was“ oder „wie“ man spielen solle, sondern „warum spielst du?“. Für Studierende, die aus dem polnischen System kamen, war das ein Schock.

Freiheit statt Regeln

Dieses systematische Öffnen von Perspektiven und das Aufzeigen neuer Wege erwies sich als entscheidend. Im polnischen Ausbildungssystem fehlt bis heute weitgehend die Diskussion darüber, wie man bewusst eine künstlerische Laufbahn aufbaut oder sich auf die Anforderungen des Marktes vorbereitet. Auch Themen wie mentale Gesundheit oder andere nicht-musikalische Aspekte werden weitgehend ausgeblendet. Musiker*innen, die nach Jahren polnischer Schule technisch hervorragend ausgebildet waren, begannen dank der gewonnenen Freiheit und den neuen Fragen, die ihnen in Dänemark gestellt wurden, wirklich aufzublühen. Dies ist ein wesentlicher Weg, wie die dänische Szene polnische Musiker*innen beeinflusst hat: Sie eröffnet einen kreativeren, individuelleren und interdisziplinäreren Blick auf den Weg als Künstler*in. Ja, als Künstler*in, nicht nur als Jazzmusiker*in. Diese Offenheit, die enormen Möglichkeiten und der völlig andere Zugang zu Studierenden machten Dänemark schon vor vielen Jahren zum wichtigsten Ausbildungszentrum für Pol*innen.

Rückkehr und Transformation der heimischen Szene

Die Rückkehrer*innen aus Dänemark begannen, die heimische Szene deutlich zu verändern. Es setzte ein Prozess des Öffnens und der Genre-Vermischung ein, der in den letzten Jahren spürbar Fahrt aufgenommen hat. Sie zeigten, wie umfassend man Musik denken kann, wie Jazz und Improvisation sich für elektronische Musik öffnen lassen und wie sich auf der Grundlage von Jazz Wurzeln Musik schaffen lässt, die nicht nur Jazz ist. Damit will ich nicht sagen, dass es diese Denkweise in Polen nicht gegeben hätte – letztlich hängt alles von einzelnen Persönlichkeiten ab –, aber die in Dänemark ausgebildeten Künstler*innen hatten einen spürbaren Einfluss auf solche Entwicklungen und auf die Transformationen der heimischen Szene. Viele von ihnen begannen, Musik zu schaffen, die sich oft kaum mehr als Jazz bezeichnen lässt. Und doch füllen sie Jazz- und Avantgarde-Festivals ebenso wie unterhaltende und Mainstream-Bühnen. Immer öfter wird in den Medien oder auf Jazzfestivals nicht mehr von Jazz als Genre gesprochen, sondern von improvisierter Musik mit Jazzelementen oder, weiter gefasst, von Creative Music, wie Anthony Braxton sie nannte. Selbst Musiker*innen, die in Jazz ausgebildet sind und sich in ihrer Arbeit auf Jazz beziehen, meiden oft diese Bezeichnung. Sie wollen Künstler*innen sein, keine Jazzmusiker*innen.

Ich schreibe dies aus meiner eigenen journalistischen Erfahrung, gestützt auf Hunderte von Interviews, aber auch auf Debatten wie jene, die ich beim Jazz Jantar Festival in Danzig moderierte: „Das ist überhaupt kein Jazz – wo verlaufen die Grenzen des Jazz?“. Mein Eindruck ist, dass Musiker*innen immer weniger Interesse daran haben, über Genregrenzen zu diskutieren. Sie wollen einfach frei schaffen.

Festivals und Clubs als Labor für neue Musik

Dieser weite Blick auf Jazz spiegelt sich sowohl im Schaffen neuer Künstler*innengenerationen als auch in den Programmen der Jazzfestivals wider, die die Grenzen des Jazz mutig ausloten. Beispiele sind das bereits erwähnte Jazz Jantar in Danzig, das Jazztopad Festival in Breslau, die International Jazz Platform in Łódź, die Konzertreihe im JazzKlub NOSPR in Kattowitz, das Art of Freedom Jazz Festival in Danzig oder das polnisch-dänische Idealistic Festival, das sich selbst als „genreless“ beschreibt und von den beiden in Dänemark ausgebildeten Musikern Kamil Piotrowicz und Szymon „Pimpon“ Gąsiorek gegründet wurde. Hinzu kommen immer mehr ambitionierte Festivals für improvisierte Musik in Polen, etwa Ad Libitum oder das Spontaneous Music Festival, um nur zwei zu nennen – die Liste ist lang! Eine polnische Hochburg für improvisierende Musiker*innen aus ganz Europa ist unter anderem der Club Pardon, To Tu in Warschau. Auch der Club Ciągoty i Tęsknoty in Łódź bietet ein ambitioniertes Programm.

Die Situation der Clubs ist dabei ein eigenes Thema. Einerseits ist es für solche Orte extrem schwierig, wirtschaftlich zu überleben, viele schließen. Andererseits gibt es nach wie vor keinen Mangel an Bühnen für kreative Musik in Polen. Die zentrale Herausforderung – wie bei den Festivals – bleibt das Geld.

Polnisch-dänische Kooperationen der Gegenwart

Zurück nach Dänemark: Die Ausbildung mehrerer Generationen polnischer Musiker*innen führte ganz selbstverständlich zu zahlreichen Kooperationen. Ein jüngstes Beispiel ist das Scandinavian Art Ensemble, das aus Workshops für polnische und dänische Musiker*innen mit Tomasz Stańko hervorging. Fast ein Jahrzehnt später erschienen bei April Records zwei Alben, und die Band spielte – nun ohne ihren Maestro – eine Reihe von Konzerten in Europa. Polnische Musiker*innen haben zudem gemeinsam mit JazzDanmark ein Festival in Dänemark ins Leben gerufen, die Polish Danish Jazz Days (u. a. mit Radek Wośko, Tomasz Licak, Artur Tuźnik), die bereits mehrere Ausgaben erlebt haben.

Zu den spannendsten Beispielen polnischer Künstler*innen, die in Dänemark studiert haben, zählen der Trompeter Tomasz Dąbrowski, der Saxophonist Kuba Więcek, die Pianisten Grzegorz Tarwid und Kamil Piotrowicz, die Schlagzeuger Szymon Gąsiorek und Albert Karch (letzterer auch Produzent) sowie die Pianistin Malina Midera.

Mery Zimny, Journalistin und Jazz-Promoterin, ist Mitgründerin des Online-Jazzradios JAZZKULTURA, deren Chefredakteurin sie seit 2022 ist. Sie arbeitet außerdem mit Radio Kraków Kultura zusammen und ist mit dem Jazz Forum Magazin verbunden. Sie moderiert Konzerte im NOSPR JazzKlub. Gemeinsam mit dem Ukrainischen Institut und Jazzkultura Radio setzt sie ein internationales Projekt zu polnisch-ukrainischen Jazzbeziehungen um. Sie kooperiert mit vielen polnischen und europäischen Jazzfestivals, nimmt an Diskussionen, Branchentreffen teil und moderiert Konzerte, Podiumsdiskussionen sowie Treffen mit Künstler*innen. Zudem sitzt sie in Jurys bei Jazzwettbewerben.