Neue Jazzforschung

Im Rahmen des 14. Darmstädter Jazzforums im Oktober 2015 traf sich eine Gruppe von Wissenschaftler/innen und Journalist/innen, die ein Forum für eine „Neue Jazzforschung“ ins Leben rufen wollte. Der Arbeitstitel „Neue Jazzforschung“ knüpft zum einen an die New Jazz Studies an – eine trans-disziplinäre Forschungsrichtung innerhalb der Jazz Studies, die seit etwa 25 Jahren vor allem mit der jazz research group der Columbia University verbunden wird. Zum anderen soll der Begriff als eine Art Klammer für weitere Ansätze dienen, die über die Forschung der New Jazz Studies hinausgehen.

Im Fokus der „Neuen Jazzforschung“ stehen aktuelle Methoden der Jazzforschung in deutschsprachigen Ländern. Seit dem Entstehen der New Musicology in den 1980er Jahren befindet sich auch die Jazzforschung im Umbruch. Allerdings scheinen wichtige theoretische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nach wie vor in der deutschen Jazzforschung nicht ausreichend Berücksichtigung zu finden.

Darüber hinaus bleiben Fragen offen, wie bspw.:

  • Wie reproduziert sich gesellschaftliche Herrschaft im Jazz?
  • Welche Formen der ästhetischen Widerständigkeit oder des Protests bietet Jazz auf welchen Ebenen an?
  • Wie könnte die Jazzforschung bspw. durch intersektionale Perspektiven bereichert werden?
  • Gibt es intermediale Zugänge zu Jazz als Forschungsgegenstand?
  • Welche Ansätze aus postcolonial, gender oder auch disability studies würden einen neuen oder zumindest ungewohnten Blick auf Jazz ermöglichen, der bislang kaum ausgearbeitet ist und Rassismen, Sexismen oder andere Diskriminierungsformen innerhalb des Jazz offenlegt?
  • Welche Formen der Repräsentation eröffnen sich aktuell im Jazz und wie werden sie unter MusikerInnen oder zwischen ihnen und dem Publikum ausgehandelt?
  • Wäre nicht einmal die Jazzforschung mitsamt ihren „Helden“, ihrer Form der Kanonisierung und Geschichtsschreibung selbst ein interessanter Forschungsgegenstand?

Neben diesen Auseinandersetzungen mit der Methodologie der Jazzforschung befassen wir uns auch nach der Beziehung zwischen Jazzkritik, Jazzforschung und Musikwissenschaft in deutschsprachigen Ländern. Wir stellen fest: Noch immer scheint die Jazzforschung in der deutschsprachigen Musikwissenschaft eine marginale Rolle zu spielen. Dies gilt insbesondere für Ansätze, die der systematischen Musikwissenschaft in der Regel nicht zugeordnet werden (wie z. B. Ansätze der cultural studies, postcolonial studies, Soziologie und media studies). Und wir fragen: Welche Gründe gibt es für den Randstatus der Jazzforschung in der deutschen Musikwissenschaft? Wie könnte man der Jazzforschung einen zentraleren Platz in der deutschen Musikwissenschaft ebnen, der der gesellschaftlichen Signifikanz des Jazz Rechnung trägt?