|
Ein mysteriöser Fund an Tisch A50
Wir befinden uns im Jahr 1938. Der populäre Orchesterleiter Bernhard Etté sitzt in der femina, einem der beliebtesten Tanzlokale Berlins. Eine Band spielt, von allen Seiten sind Gesprächsfetzen zu hören. Etté sitzt an Tisch A50. Es kommt ein Page und reicht ihm eine Kartusche. Eine Rohrpost erreicht ihn, in der ein rätselhafter Text steht: „You are looking like a very famous man of germany! Do you know? […] That I only wanted to say to you. Nothing more.“ Was dann passiert, wissen wir nicht.
So oder so ähnlich könnte es zugegangen sein. Uns jedenfalls packte gleich die Fantasie, als wir die Rohrpost in den Händen hielten. Zusätzlich fanden wir in einem Programmheft der femina einen Tisch - Übersichtsplan für den Gebrauch der Tischtelefone und auf der gegenüberliegenden Heftseite eine Anleitung für die Rohrpost.
Durch diesen Fund werden wir auf zwei Dinge aufmerksam gemacht. Zum einen zeigt uns die Infrastruktur der femina, dass es dort nicht nur darum ging, den Vorstellungen zu folgen oder zu tanzen. Es ging auch um Kommunikation zwischen den Besucher*innen und mit dieser Kommunikation war augenscheinlich zu rechnen, setzte man sich an einen der Tische, denn jeder Tisch war mit dem System verbunden. Es ist davon auszugehen, dass die technischen Voraussetzungen die Kommunikation sehr erleichterten und folglich Menschen mit einem bestimmten kommunikativen Ansinnen besonders aus diesem Grund in die femina gingen.
Zum anderen zeigt uns der schriftliche Inhalt der Rohrpost, wie Bernhard Etté damals wahrgenommen wurde, zumindest wenn wir der Annahme folgen, der Schreiber würde Etté nicht kennen und nur Aufgrund eines Habitus oder einer Sonderbehandlung des Orchesterleiters darauf schließen, dass er sehr berühmt sei. Eine kurze Recherche in unserer Bibliothek gibt einen Eindruck darüber, wie berühmt er war. 1937 und 1938 war Ettè mit seinem Tanz-Orchester in der femina engagiert und laut Horst Bergmeiers und Rainer E. Lotzs „FOX auf 78 Sonderpublikation Nr. 2 zu Bernhard Etté A Bio- Discography“, zur selben Zeit noch in der SKALA Berlin (S. 126). Über seine Auftritte in der femina steht in dieser Publikation:
„Bernhard Ettè und seine Solisten feuern die Faschingsfreunde in der femina an. Der Schlager der Femina bleibt Bernhard Etté selbst. Der grossartige Erfolg, den diese so über alles beliebte Kapelle im großen Ballsaal der „Femina“ zu verzeichnen hat, begründet sich in der lockeren und doch so flüssigen Form der musikalischen Darbietungen. […] Es ist selbstverständlich, dass man Etté längst als Repräsentanten des deutschen Jazzes gefeiert hat […].“(S. 127)
Der ganz große Erfolg des Orchesterleiters endete mit der Zerschlagung des Nationalsozialismus. Bernhard Ettè, der einstige „Repräsentant des Jazz in Deutschland“, starb 1973 im Alter von 75 Jahren unter ärmlichen Umständen.
|