Tag Archives: Jazzinstitut

Die Enttäuschung

Die Kombination von Bassklarinette, Trompete, Bass und Schlagzeug haben die vier Berliner Musiker seit vielen Jahren in allen erdenklichen Varianten live ausprobiert. Weit über zwanzig Jahre hat Die Enttäuschung unglaublich viel Jazzgeschichte absorbiert und diese in einen lebendigen Spielprozess versetzt – musikalische Lava sozusagen, geformt durch eine Working Band, die sich noch immer selbst zu überraschen vermag.

Diese Band kennt kein Gestern und kein Morgen. Die Enttäuschung ist berlinerischer als Berlin selbst und darüber hinaus in fast jeder Beziehung unerreicht. Mit Kollektivimprovisationen jenseits aller Konventionen entrollt sie das ganze Potential ihrer musikalischen Phantasie und treibt den Blutdruck in die Höhe.

Das Anstandsgefühl wird von schamlosen Witzen aufs Äußerste provoziert, während im nächsten Augenblick der Ausdruck heiligen Ernstes in die Gesichter der Musiker einzieht. Und dennoch zeigt diese Band alles, was Jazz groß macht. Ihre Musik strotzt vor Energie, alles scheint aus dem Stegreif, aus der Gegenwart geboren und dabei inspiriert bis in die Haarspitzen. In der Regel unverstärkt und ohne technisches Beiwerk.

Die Herren Dörner, Mahall, Roder und Griener, jeder für sich schon ein Kapitel deutscher Jazz- und Improvisationsmusik, schöpfen tief aus der Geschichte und fegen die Regeln der Kunst virtuos schlitzohrig beiseite. Oder schlitzohrig virtuos, je nach Thema. Schon heute legendär: die Neuinterpretation sämtlicher Kompositionen von Thelonious Monk, die Die Enttäuschung zusammen mit Altmeister Alexander von Schlippenbach auf drei CDs (Monks Casino, Intakt 2005) eingespielt hat.

Unbeirrbar, intensiv, schräg und enthusiastisch, ein Meisterwerk so oder so. Und der Tag ist gerettet. (Text: Otmar Klammer)

Darmstädter Jazzherbst: Outline 24

Es ist schon fast eine Tradition, dass der Darmstädter Jazzherbst von Outline, unserer Vereinsband eröffnet wird. 2024 hat die Jazzflötistin Stephanie Wagner die Leitung übernommen und Outline 24 in komplett neuer Besetzung zusammengestellt – wie in jedem Jahr mit Mitgliedern des Fördervereins. Outline, was so viel wie Skizze oder Übersicht bedeutet, zeigt wie bunt und vielfältig die Szene in Darmstadt ist. Die Bandmitglieder präsentieren ihre Eigenkompositionen sowie Lieblingsstücke und Bekanntes in eigenem Arrangement. Eine furiose Eröffnung des Festivals mit bekannten Vertreter:innen der Darmstädter Jazzszene.

Stephanie Wagner | Querflöte, Leitung
Deniz Alatas | Gitarre
Christoph Schöpsdau | Klavier
Udo Brenner | Bass
Max Sonnabend | Schlagzeug 

Diese Veranstaltung wird unterstützt durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt und das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Bells

Das Quintett ist die Fortführung des John Carter-Projektes der Berliner Saxophonistin Edith Steyer, welches mit Mitteln des Berliner Senates für ein Recherche-Projekt verwirklicht werden konnte. Der afro-amerikanische Klarinetten-Virtuose, Saxophonist und herausragende Komponist war ein Zeitgenosse Ornette Colemans und komponierte für verschiedene Besetzungen von Duo bis Quartett, Quintett und Oktett. In BELLS löst sich Edith Steyer etwas von der Musik Carters und schreibt eigene Kompositionen, die aber durchaus noch von seiner Klangsprache beeinflusst sind. Die weitestgehend bass-lose Formation ermöglicht es, dem typischen Jazz-Rhythmus des Swing zu entfliehen und den Rhythmus entweder offener zu gestalten (Carter hat oft mit verschiedenen Tempoangaben für seine Spieler gleichzeitig komponiert), nur mit Puls zu arbeiten, oder keinen Rhythmus zu haben und dem Schlagzeug eine andere Funktion zukommen zu lassen, d.h. eher als Klanggeber anstatt als Rhythmusgeber zu fungieren. Dementsprechend soll der Name „Bells“ (deutsch: Glocken) Assoziationen an Klänge erwecken, sowie an die konischen Enden der verschiedenen Holzblasinstrumente, die im englischen „bell“ heißen. Kompositorisch wechseln geschriebene Parts mit konzeptuellen Improvisationen ab, erweiterte Spieltechniken werden eingeführt und experimentiere mit der Tone-Clock-Theory, bzw. Zellen von 12-Ton-Reihen.

Edith Steyer | Klarinette, Altsaxophon, Komposition
Uli Kempendorff | Bassklarinette, Tenorsaxophon, Querflöte
Gerhard Gschlössl | Posaune
Rieko Okuda | Piano
Joe Hertenstein | Schlagzeug

Swing Size Orchestra meets Ludovic from Paris

SWING SIZE ORCHESTRA featuring Ludovic Beier (Akkordeon) und Jeanine du Plessis (Vocals) spielen Musik von Count Basie, Duke Ellington, Louis Jordan & Ray Charles.

Elf gutaussehende, elegant gekleidete Herren mit blankpolierten Instrumenten, der Pariser Akkordeonist Ludovic Beier und die südafrikanische Sängerin Jeanine du Plessis spielen ein mitreißendes Programm mit Stücken von Count Basie, Duke Ellington, Louis Jordan und Ray Charles.

77. Frühjahrstagung des INMM: Nachtkonzert

Ein traditioneller Baustein der Darmstädter Frühjahrstagung ist ein Konzert im Jazzkeller des Darmstädter Jazzinstituts, bei dem neben einer Darbietung elektronischer Musik von Christian Skjødt Hasselstrøm und die avancierte Saxofonistin Nikola Lutz sowie die Multi-Instrumentalistin Annette Krebs mitwirken. Die Musikerinnen entwickeln aus hochverstärkten Metallen, Saiten, Objekten und Mikrofonen Klangvisionen, die mit traditionellen Instrumenten und Setups nicht gespielt werden können.

Annette Krebs und Nikola Lutz treffen sich in der Methodik der Dekonstruktion von Klangmaterial, das sie dann mit einem komplexen Instrumentarium aus Stimme, Elektronik, Saxofonfragmenten und Krebs’ Konstruktion IV upcyclen. In der Annäherung an die Natur des Körpers einerseits und modernste Technologie andererseits verschmelzen klangliche Nanopartikel zu bionischen Soundtexturen. Dabei fällt feinster Klangstaub an der Grenze zur Stille ab, der in präzisen Gesten von den Musikerinnen verstreut wird.

“The All Of Everything” Künstlerinnengespräch: Paulina Stulin und Johanna Krimmel

Wie kann die Welt aussehen, in der Musik und speziell der Jazz in Zukunft existieren wird?

Wir haben fünf Expert:innen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft diese Frage gestellt und danach fünf Künstler:innen gebeten, die Gedanken der Sprecher:innen abzubilden. Die gefilmten Interviews und die Kunstwerke werden in der Ausstellung in Zusammenhang gesetzt.

Johanna Krimmels “Psychedelic Renaissance”

Johanna Krimmel und Paulina Stulin arbeiteten in diesem Rahmen als Tandem zusammen. Krimmel interpretierte Stulins komplexe Zukunftsgedanken in dem Werk “Psychedelic Renaissance”. Ein Gesamtwerk das bewegt und das Diskurse zulässt. Die beiden Künstlerinnen erzählen von ihren Erfahrungen während der Vorarbeit zu der Ausstellung, von ihren Utopien und Dystopien.

 

10 Jahre JETZTMUSIK! Goes…Jubiläumskonzert

Seit 2012 bereichern die JETZTMUSIK! Konzerte mit einer besonderen Konzeption und außergewöhnlichen Programmen das Musikleben in Darmstadt. Über Epochen und Genregrenzen hinweg präsentiert JETZTMUSIK! einzigartige Veranstaltungen, die Musik in Improvisation und Komposition durch Klang und Multimedia ins Heute weiterführt. Zum 10 jährigen Bestehen findet nun in Kooperation mit dem Jazzinstitut Darmstadt das Jubiläumskonzert mit MusikerInnen statt, die sich im Bereich improvisierter Musik  profiliert haben und auch aus JETZTMUSIK! Konzerten bekannt sind. Das  Jubiläumskonzert bietet damit ein Best of von JETZTMUSIK!

So sind der international bekannte Hessische Jazzpreisträger und Kontrabassist Vitold Rek mit seinem Duopartner Burkhard Kunkel (Bassklarinette) ebenso eingeladen wie der Komponist / Klangkünstler Nikolaus Heyduck (Darmstädter Musikpreis 2020), der renommierte Cellist Christoph von Erffa und der Pianist / Komponist Lukas Grossmann aus Darmstadt. Das line-up vervollständigen der europaweit tätige Schlagwerker Wolfgang Schliemann (Wiesbaden) und die Medienkünstlerin Monika Golla (Tübingen) sowie die Flötistin / Saxophonistin und JETZTMUSIK! Begründerin Susanne Resch.

Vitold Rek I Kontrabass
Burkhard Kunkel IBassklarinette
Nikolaus Heyduck I Live Elektronik
Christoph von Erffa I Violoncello
Monika Golla I Multimedia
Wolfgang Schliemann I Schlagwerk
Lukas Grossmann I Klavier
Susanne Resch I Saxophon, Flöten

Veranstaltung von Jetztmusik! e.V. in Kooperation mit dem Jazzinstitut Darmstadt

dazz-Festival 2024: Uli Partheil Quartett feat. Heidi Bayer

Ulli Jünemann und Uli Partheil kennen sich seit vielen Jahren, u.a. durch die Zusammenarbeit mit dem im Jahr 2020 verstorbenen Bassisten Jürgen Wuchner, in dessen Großensemble “United Colours of Bessungen”. Zusammen mit Bassist Ralf Cetto ist zunächst ein neues Trio entstanden, das später noch um die brasilianische Schlagzeugerin und Perkussionistin Angela Frontera zum Quartett erweitert wurde. Beim heutigen Konzert wird die 1987 geborene Trompeterin Heidi Bayer die Band zum Quintett erweitern. In Darmstadt bekannt u.a. als Dozentin bei den Jazz-Conceptions 2022 ist Heidi Bayer eine gefragte Instrumentalistin und Komponistin, mit einer eigenen unverwechselbaren Stimme auf ihrem Instrument. Sie erhielt 2023 den Deutschen Jazz-Preis in der Kategorie “Komposition des Jahres”.

Eine Veranstaltung im Rahmen von dazz – Jazz Winter Darmstadt 2024

dazz-Festival 2024: JazzTalk 146: Sascha Ley & Georg Ruby “Hildegard Knef revisited”

So originell, artistisch und exzentrisch hat sich wohl noch niemand dem musikalischen und literarischen Nachlass der großen deutschen Leinwand- und Bühnendiva Hildegard Knef (1925-2002) genähert, wie der Kölner Pianist Georg Ruby und die luxemburgische Schauspielerin, Sängerin, Performerin Sascha Ley in ihrem gemeinsamen Projekt “Hildegard Knef revisited” – nachzuhören auf ihrer neuen CD “The Laughter of the Red Moon” (JazzHausMusik, 2023).

Hildegard Knef ist eine Legende: Ihr Lebenswerk offenbarte eine unglaubliche Bündelung von Talenten, kombiniert mit einer einzigartigen Ausdrucksenergie. Für ihren Mann, den britischen Schauspieler und Regisseur David Cameron, war “die Knef” „a woman and a half“: eine Frau, die in all ihren Facetten weit mehr ausstrahlt, als ein alltäglicher Stern es jemals vermag. Ihre Zusammenarbeit mit Cole Porter ist legendär und führte mittelbar zu Hunderten von Knef-Chansons anderer Komponisten, deren Text-Autorin sie war.

Ley und Ruby präsentieren einerseits eine sehr unterhaltsame Neuinterpretation der Musik und literarischen Versatzstücke, würdigen andererseits aber auch die Werke ihres musikalischen Umfelds samt dessen Komponisten wie Theo Mackeben, Peter Kreuder, Robert Heymann, Charly Niessen, Ralph Maria Siegel und Cole Porter.

Die zwei nehmen dabei die melodischen und rhythmischen Strukturen der Originale ernst und verarbeiten sie so, dass einerseits deren Wiedererkennbarkeit erhalten bleibt, andererseits aber der improvisatorische Ruby-Ley-Personalstil unverkennbar wirkt. Bei den Neuinterpretationen der Knef-Chansons gibt es dabei keine stilistische Grenzen: jazzorientiertes Ambiente steht neben Songstrukturen und geht in Varianten Hildegard Knefs lyrischer Texte über.

Eine Veranstaltung im Rahmen von dazz – Jazz Winter Darmstadt 2024

JazzTalk 145: Niescier | Reid | Harris

Dieses Trio schmeißt sich und uns ihre Spiellust in atemberaubendem Tempo um die Ohren, dass es eine wahre Freude ist. Das Dreiergespann durchforscht jeden möglichen Aspekt des Zusammenspiels, mal kammermusikalisch fein und transparent, mal explosionsartig ungestüm und dicht, immer spannungsgeladen bis in den letzten Ton und die letzte Pause. Die Komplexität und Originalität Niesciers Kompositionen ist unüberhörbar, die organische Struktur der Musik bleibt dennoch erhalten, was die Performance des Trios so unfassbar spannend macht. Mit absoluter Souveränität transportieren die drei eine fesselnde Intensität durch ihre Musik und ihren Sound.

Als Cellistin und Komponistin ist die aus Chicago stammende Tomeka Reid eine der treibenden künstlerischen Kräfte der amerikanischen Jazzszene. Sie arbeitet u.a. mit Roscoe Mitchell, Craig Taborn, Myra Melford, Anthony Braxton und Mary Halvorson.

Savannah Harris gehört zu „New York’s finest players“. Als extrem vielseitige Drummerin arbeitet sie über alle Genregrenzen hinweg, ob mit Geri Allen, Peter Evans, Christian McBride, Jason Moran, Kenny Barron oder dem Hip Hop Collective Standing in The Corner.

Angelika Niescier, laut Berliner Zeitung „die große europäische Saxophonistin“, ist eine der Musikerinnen, die sich bemühen den Jazz permanent auf internationalem Niveau weiterzuentwickeln. Die vielfach ausgezeichnete Kölnerin ist eine atemberaubend temperamentvolle und virtuose Musikerin, was, neben Joachim Kühn, Tyshawn Sorey, Nasheet Waits, Jim Black, Sylvie Courvoisier, Ernie Watts, Soweto Kinch, Alexander Hawkins oder Mariá Portugal, auch viele andere Kolleg:innen, mit denen sie auf der Bühne steht, bezeugen würden.