Archiv der Kategorie: Jazzinstitut

Jazz Conceptions (Kleingedrucktes)

Anmeldungen:

*** So frühzeitig und so schnell wie noch nie waren in diesem Jahr die allermeisten Plätze unseres Sommerworkshops 2024 belegt. Momentan sind leider nur noch ein Platz für Schlagzeug und ein Platz für Piano frei. ***  

Die Darmstädter Jazzconceptions finden traditionell in der ersten Woche der hessischen Sommerferien statt. Aus organisatorischen Gründen ist eine Anmeldung erst möglich, wenn alle Dozentinnen und Dozenten feststehen und auch Veranstaltungsorte, Räumlichkeiten und Abläufe abschließend von den veranstaltenden Einrichtungen, Jazzinstitut Darmstadt und Bessunger Knabenschule geklärt sind.  In der Regel können sich Interessierte ab Anfang April über ein Online-Formular (siehe unten) anmelden. Für Fragen, die hier nicht beantwortet werden können, stehen wir gerne zur Verfügung.

WICHTIG: Wir empfehlen allen Interessierten, die sich fragen, ob ihr instrumentales Können für die Teilnahme am Kurs ausreicht, den ausführlichen Beschreibungstext durchzulesen. Sollten Zweifel oder Fragen bestehen, sollte man sich vor einer Anmeldung bitte unbedingt zunächst mit dem künstlerischen Leiter der Jazz Conceptions, Uli Partheil, kurzschließen.

Neues Raumkonzept:

Seit der zurückliegenden Pandemie gehören dezentrale, ausreichend große und belüftbare Proberäume für die Kurse dazu. Neben der Halle und zwei weiteren Räumen in der Bessunger Knabenschule stehen uns drei Probenräume in der nahe gelegenen Akademie für Tonkunst zur Verfügung. Alle geselligen Teile der Veranstaltung, gemeinsames Frühstück und Mittagessen oder auch die abendlichen Sessions finden soweit möglich unter freiem Himmel statt.

Teilnehmerzahl:

Die unterschiedlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre haben auch dauerhafte Veränderungen zur Folge. Dazu gehört vor allem die Begrenzung der Zahl der Musiker:innen pro Ensemble auf möglichst nicht mehr als acht Teilnehmende; davon in der Regel ein Piano, ein Schlagzeug, ein Bass und fünf weitere Instrumente. Die Teilnehmerzahl der Jazz Conceptions wird auf maximal 50 begrenzt.

Das ist weniger als in den Jahren vor Corona, aber wir – und vor allem die Teilnehmenden – haben kleinere Ensembles als individuell vorteilhaft und musikalisch fruchtbar  wahrgenommen.  Wir hoffen auf das Verständnis derjenigen, die dadurch möglicherweise nicht zum Zuge kommen.

Teilnahmemöglichkeit:

Es können Musikerinnen und Musiker aller Instrumente teilnehmen, auch Vokalist:innen sind willkommen! Aus allen Teilnehmenden werden sechs gemischte Ensembles gebildet, die von je einem Dozenten oder einer Dozentin geleitet werden. Die Ensembles bleiben die ganze Woche zusammen und erarbeiten gemeinsam ein etwa 20minütiges Konzertprogramm. Bei den Instrumenten Piano, Bass und Schlagzeug die Zahl der Plätze daher auf jeweils sechs insgesamt beschränkt. Darüber hinaus gehende Anfragen für eine Teilnahme nehmen wir aber gerne auf eine Warteliste.

Im Zweifelsfall sollte man vor der Online-Anmeldung bitte kurz telefonisch Kontakt mit Uli Partheil  aufnehmen, Tel. 06151 665138, oder eine E-Mail senden (siehe auch oben “Anmeldungen”).

Kosten:

Die Teilnahme am Kurs kostet 250 Euro; für Nichtverdienende* 125 Euro. In der Kursgebühr sind keine Kosten für Unterkunft oder Verpflegung enthalten.

Die Kursgebühr sollte möglichst rasch nach der schriftlichen Anmeldung auf das Konto der Bessunger Knabenschule überwiesen werden. Allerspätestens 28 Tage vor Kursbeginn (2024: 17. Juni). Erst nach Eingang der Kursgebühr ist die Anmeldung gültig.

Bessunger Knabenschule, IBAN: DE46 5085 0150 0008 0006 54 (Stadt- und Kreissparkasse Darmstadt, BIC: HELADEF1DAS); Verwendungszweck: “Name, Vorname” und “Jazz Conceptions 2024”


*Als Nichtverdienende verstehen wir Schüler:innen und Student:innen, aber auch Menschen,  die etwa staatliche Transferleistungen erhalten, etwa “Bürgergeld” oder AsylbLG. Bei Fragen bitte gerne und unbedingt anrufen unter Tel. 06151 61650 (Bessunger Knabenschule).

Online-Anmeldung

*** Momentan sind leider nur noch ein Platz für Schlagzeug und ein Platz für Piano frei. Anmeldeformulare für Blas- und Saiteninstrumente können weiter eingereicht werden, gehen aber leider nur noch auf eine Warteliste. (Stand 14.6. 2024) ***  

Hier geht’s zur Online-Anmeldung (Achtung: Weiterleitung auf eine externe Webseite).

Bei organisatorischen Fragen oder bei Problemen mit der Online-Anmeldung melden Sie sich bitte per Mail (jazz@jazzinstitut.de) oder telefonisch beim Jazzinstitut Darmstadt, Tel. 06151 963744 (Jazzinstitut Darmstadt).

Wir bitten um Verständnis, falls es passieren sollte, dass einige Instrumentengruppen frühzeitig ausgebucht sind. Wir werden uns dann umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen und gerne dann auch auf eine Warteliste setzen. Wir versuchen hier auf diesen Seiten  immer zeitnah zu informieren, falls bestimmte Instrumente bereits überbucht sind (siehe “Teilnahmemöglichkeit”).

Die Anmeldung ist grundsätzlich erst dann vollständig gültig, wenn der Teilnehmerbeitrag überwiesen wurde (siehe “Kosten” und “Das Kleinstgedruckte”).

Unterbringung:

Wir helfen gerne, die auswärtigen Teilnehmer:innen privat in der Nähe der Bessunger Knabenschule unterzubringen. Ihren Wunsch auf private Unterkunft können Sie auf dem Anmeldebogen vermerken. Sollten Sie sich selbst nach einer Unterkunft umschauen wollen, so gibt es in der Nähe des Veranstaltungsortes Möglichkeiten zur Unterbringung in Ferienwohnungen oder Hotels. Auch die Jugendherberge am Woog eignet sich als Unterkunft.

Wochenplan:

Traditionell beginnen die Darmstädter Jazz Conceptions seit 33 Jahren mit einem ersten Treffen aller Beteiligten am Montagmorgen im Hof der Bessunger Knabenschule. Dort findet die Vorstellung der Dozent:innen und die Einteilung der Gruppen statt. Anschließend verteilen sich die Ensembles auf die Probenräume.

JazzConceptions_2024_Ablaufplan

Das im vergangenen Jahr erstmals eingeführte offene Forum für alle Teilnehmenden, in dem jeweils an einem Tag der Woche die Dozent:innen ihr persönliches musikalisches Konzept  vorstellen, werden wir beibehalten. Soweit es das Wetter zulässt, werden die abendlichen Sessions sowie die beiden Abschlusskonzerte ausschließlich unter freiem Himmel stattfinden. Bei Regen können manche Sessions möglicherweise nicht  stattfinden, für andere gibt es Ausweichspielorte. Die Abschlusskonzerte der Ensembles am Freitag- und Samstagabend finden bei schlechtem Wetter in der Halle der Bessunger Knabenschule statt.

Essen und Trinken:

Während des Kurses bietet eine eigens eingerichtete Cafeteria in der Bessunger Knabenschule preiswert Speisen und Getränke an. Ein gemeinsames Frühstück und Mittagstisch gehört zum Angebot. Wie immer kocht das Team der Knabenschule für die Teilnehmenden ein leckeres Mittagessen (immer auch vegan). Mahlzeiten und Getränke müssen von den Teilnehmer:innen extra bezahlt werden.

Das Kleinstgedruckte:

Sollte der Kurs von Veranstalterseite abgesagt werden, erhalten die Teilnehmer:innen die volle Kursgebühr zurück. Bei Absagen von Teilnehmerseite später als vier Wochen vor Kursbeginn wird eine Rücktrittsgebühr von 20% einbehalten. Für Beschädigungen oder Diebstahl von mitgebrachten Instrumenten übernimmt der Veranstalter keine Haftung.

Was passiert noch bis zum Kursbeginn?

Etwa vier Wochen vor Beginn des Workshops gibt es ein Rundschreiben für alle angemeldeten Teilnehmer:innen. Darin finden sich dann weitere Detailinformationen (Wegbeschreibung und aktualisierter Wochenplan). Gerne helfen wir auch bei der Bildung von Fahrgemeinschaften, um nach Darmstadt zu kommen.

Ansprechpartner:

Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, Jürgen Schüler, Ludwigshöhstraße 42, 64285 Darmstadt, Tel. (06151) 61650, info@knabenschule.de, Internet: www.knabenschule.de

Jazzinstitut Darmstadt, Arndt Weidler, Bessunger Straße 88d, 64285 Darmstadt, Tel. (06151) 963700, e-mail: weidler@jazzinstitut.de, Internet: www.jazzinstitut.de

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JazzNews 2024

Wir lesen die Morgenzeitung für Sie!

Die Presseberichte, die wir in dieser Rubrik zusammenfassen, finden sich übrigens in unserem Archiv in herkömmlicher (papierner) sowie in digitaler Form. Wenn Sie an den kompletten Artikeln zu den auf dieser Seite notierten Meldungen interessiert sind, wenden Sie sich bitte per e-mail an uns. Darüber hinaus verweisen wir auf unseren Jazz-Index, die weltweit größte computergestützte Bibliographie zum Jazz, in der neben Büchern und Zeitschriften auch aktuelle Presseberichte aus Tages- und Wochenzeitungen gelistet sind. Sie können Auszüge aus dem Jazz-Index zu bestimmten Stichworten (also beispielsweise konkreten Musikernamen) kostenlos per e-mail erhalten. Noch ein Hinweis zu den Links auf dieser Seite: Einige der verlinkten Artikel sind ohne Anmeldung nicht einsehbar; bei vielen Online-Zeitungen ist die Lektüre älterer Artikel kostenpflichtig. Bitte beachten Sie, dass die Zusammenfassungen und die Übersetzungen auf dieser Seite unsere Zusammenfassungen und Übersetzungen sind. Wenn Sie die hier gelisteten Artikel zitieren wollten, sollten Sie zu den Originalquellen greifen.

Autor der JazzNews bis Januar 2024 (deutsch wie englisch): Wolfram Knauer

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Inhaltsverzeichnis (deutsch; English content scroll down please)

Content (English)

Die geheimisvolle Kladde des Hans Blüthner

Ich lernte Hans Blüthner irgendwann Ende der 1990er Jahre kennen. Er lebte in einem Seniorenheim in Weinheim an der Bergstraße, wo ich ihn ein paar Mal besuchen durfte. Blüthner war Jazzgeschichte pur, ein Zeitzeuge der Berliner Jazzszene der 1920er bis 1960er Jahre, ein Brieffreund Louis Armstrongs, Sammler, Organisator, vor allem aber ein großer Jazzfan. “Meine Unterlagen habe ich leider vor vielen Jahren weggegeben”, sagte mir Blüthner etwas wehmütig. Der einzige Jazzbezug in seinem Zimmer waren CDs mit Wiederveröffentlichungen seiner Lieblingsmusik. Blüthner was schwer zu Fuß; der Körper machte nicht mehr mit, aber der Kopf war ganz da.

Hans Blüthner

Hans Blüthner (links 1952 mit Louis Armstrong) wurde am 23. Juni 1913 in Berlin-Charlottenburg geboren. Mit elf Jahren musste er wegen einer schweren Osteomyelitis monatelang im Bett bleiben. Sein Stiefvater bastelte ihm einen Detektor, mit dem er über Kopfhörer Radio hören konnte, und bald vertiefte er sich in die Schlager- und Tanzmusiksendungen auf “Welle 505 Berlin”, dem ersten deutschen Rundfunksender, der seit 1923 sendete, live aus dem Palais de Dance oder dem Pavillon Mascotte in der Berliner Friedrichstadt. Es war die populäre Musik der Zeit, die ihn anfixte und nicht mehr losließ und von der er zu Beginn wahrscheinlich noch gar nicht wusste, dass dies Jazz war und welche Rolle Jazz für sein Leben spielen sollte.

Ende der 1920er Jahre entdeckte Blüthner Alberti in der Rankestraße nahe der Gedächtniskirche, das seinerzeit modernste Musikfachgeschäft Berlins. “Hier”, erinnert er sich 1986, “gab es alles, was mit Hot-, Dance- und Jazzmusik zu tun hatte: Musikinstrumente, Noten, Schallplatten, Jazzliteratur inkl. Fachzeitschriften von hüben und drüben. Musiker gingen aus und ein. Für mich war das eine neue Welt.” (Blüthner 1986: 9) Er hörte die internationalen Bands der Hauptstadt, Weintraub’s Syncopators, Efim Schachmeister, Sidney Bechet, Sam Wooding, Arthur Briggs. Er wurde endgültig zum Jazzfan.

Dann kam das “Dritte Reich” und der Versuch, den Jazz zu verbannen, aber Bands wie die von Teddy Stauffer, Arne Hülphers und andere “brachten uns alles, was in den USA gespielt wurde”. Das Falk-Real-Gymnasium, das er besuchte, musste Blüthner im Herbst 1933, “fünf Monate vor dem Abitur aufgrund politischer Streitigkeiten” verlassen. Im Herbst 1934 begann er eine Lehre als Bankkaufmann bei der Diskont- & Kredit-Aktiengesellschaft, die ihn danach als kaufmännischen Sachbearbeiter übernahm. Bis 1939 bezog Blüthner sowohl den britischen Melody Maker wie auch das amerikanische Down Beat per Post und blieb so auf dem Laufenden über die amerikanische Jazzszene.

Und er begann Platten zu sammeln. “Man bekam auf Electrola, Columbia, Odeon, Brunswick, Imperial usw. so ziemlich alles, was das Herz begehrte – mit bestimmten späteren Einschränkungen, was Nichtarier betraf.” (Blüthner 1986: 10) Seit 1934 war er Mitglied im Melody Club (auch “Melodie Club”, später “Magische Note”), dessen Mitglieder sich jeden Donnerstag in einem Café am Kurfürstendamm trafen und sich gegenseitig ihre Plattenschätze vorführten.

Im März 1940 stürzte Blüthner bei Eisglätte und brach sich den Arm. Die Verletzung und seine Osteomyelitis bewahrten ihn vor dem Kriegsdienst. Inzwischen arbeitete er in der Massivbau-Gesellschaft m.b.H. seines Onkels, bald als kaufmännischer Geschäftsführer. 1944 verriet ihn ein Geschäftspartner des Onkels wegen verbotenen Hörens von Feindsendern (BBC); einer Inhaftierung entging er nur, weil die Gefängnisse bereits voll mit politischen Gefangenen waren. Zu Weihnachten jedenfalls war er wieder frei. Gegen Ende des Kriegs waren vom Freundeskreis des Melody Club nur Blüthner und Gerd Peter Pick noch in Berlin (Kater 1992: 76); der Rest hatte die Hauptstadt verlassen, wenn nicht gar das Land, oder war im Krieg umgekommen.

Nach dem Krieg wurde Blüthner (auf dem Foto rechts mit Lil Hardin-Armstrong, ca. 1954) Mitgründer des Hot Club Berlin, der 1947 eine Lizenz von der Militärregierung erhielt. Er arbeitete weiter in der Baufirma seines Onkels, bis diese 1969 Konkurs anmeldete. Danach war er als Disponent und Leiter der Programm-Abteilung bei der Theaterbesucher-Organisation der Freien Volksbühne angestellt, bis er sich 1980 mit 67 Jahren zur Ruhe setzte. Zusammen mit seiner Frau zog er nach Hemsbach an der Bergstraße. “Etwas Schwierigkeiten haben wir mit dem Verstehen des hiesigen Gebabbele”, schrieb er kurz nach dem Umzug an einen Freund. “Leider gibt es noch kein Wörterbuch für Badisch-Pfälzer Hessisch.” (Blüthner 1981) Hans Blüthner starb am 9. April 2002 in einem Pflegeheim in Weinheim im Alter von 88 Jahren.

Die Kladde

Seine Unterlagen also hatte er vor vielen Jahren weggegeben, meinte Blüthner zu mir, und auf Nachfrage wusste er nicht mehr genau an wen ­­– jemanden, dem der deutsche Jazz am Herzen lag, sagte er. Fast forward in die frühen 2000er Jahre, ziemlich kurz nach Blüthners Tod: Wir erhielten einen Anruf aus Wuppertal, dort sei eine Wohnung aufzulösen, dessen Bewohner offenbar jede Menge an Information über Jazz gesammelt hatte. Vor allem Papier, hieß es, davon aber wirklich sehr, sehr viel. Wir mieteten einen kleinen LKW und fuhren an den Niederrhein. Und luden ein: Kisten um Kisten voll mit Zeitschriften, Aktenordnern mit Zetteln, Fotokopien, Büchern, Briefen, adressiert an den “Kulturellen Wirkungskreis Jazz”. Dahinter steckte der Sammler Martin Pecherstorfer, der in Kontakt mit anderen Fachleuten stand – auch mit dem Jazzinstitut Darmstadt hatte er zu Lebzeiten korrespondiert ­–, von denen er jede Menge an Informationen über die Jazzgeschichte Deutschlands wie Osteuropas erhielt. Insbesondere hatte Pecherstofer auch gute Kontakte hinter den Eisernen Vorhang, tauschte sich mit Sammlern wie Wolfgang Muth oder Jazzfreunden aus der CSSR oder Polen aus.

Nun also ging all das Material nach Darmstadt, und es dauerte lange, bis wir auch nur den Hauch eines Überblicks erhielten, um was es sich da handelte. Massenhaft Down Beats, Jazz Hots, aber eben auch Melodie und Rhythmus und andere osteuropäische Magazine. Daneben Ordner um Ordner mit den Rechercheunterlagen von Privatforschern und Diskographen, Aufzeichnungen, von denen diese meinten, sie lieber nach Wuppertal zu schicken als im Müll zu entsorgen.

Und dann waren da zwei Kisten mit der Aufschrift “Blüthner”. “Meine Unterlagen habe ich leider vor vielen Jahren weggegeben”, hatte der mir von seinem Bett aus wehmütig gesagt. Hier nun waren sie, hatten auf einem seltsamen Umweg über Wuppertal ihren Weg ins Darmstädter Jazzinstitut gefunden. Korrespondenz mit Armstrong aus den 1950er und 1960er Jahren, Erinnerungen, die Mitteilungen, eine von Dietrich Schulz-Köhn herausgegebene Zeitschrift, handgeschriebene Notenhefte mit Schlagern und Tanzmusik, ein Vortragsmanuskript von Dietrich Schulz(-Köhn) von 1936 über “Einführung in die Swing-Musik” (gehalten im Delphi-Palast am 20. Januar 1936; Manuskript überarbeitet im Juni 1936).

Und eine seltsame Kladde mit einer Auflistung von Schallplatten, und hinter jeder Platte eine Reihe an Namen. Wir hatten anfangs keine Ahnung, worum es sich dabei handelte. Erst nach und nach verbanden wir die Namen hinter den Einträgen mit unserem Wissen um die Berliner Jazzszene der 1930er Jahre und erkannten: Dies war der Bestandskatalog der “Berliner Hotfreunde”, wie Blüthner die Gruppe in einer Erinnerung aus dem Jahr 1947 nannte.

Der Melody Club

“Seit 1934” heißt es darin, “existiert in Berlin ein Kreis wirklicher Hot-Freunde, die sich s.Zt. wöchentlich einmal im Café Hilbrich am Kurfürstendamm (im blauen Zimmer) trafen, um sich gemeinsam an ihren Platten, die auf einem Kofferapparat gespielt wurden, zu erfreuen und darüber zu diskutieren. Damals war es Herr Adalbert Schalin vom Alberti-Verlag, dem Dorado aller Jazz-Begeisterten (hier gab es alle In- und ausländischen Platten, Noten, Jazz-Zeitungen, Instrumente usw), der diesen ‘Melody-Club’, wie er sich nannte, aufzog.” (Blüthner 1947) [Foto: Siegfried Schröter, Hans Friedemann, Hans Blüthner in den späten 1930er Jahren]

Noch ausführlicher erinnert er sich 1950: “Was lag da näher, als 1934 einen Hot-Club zu gründen, in dem man als Anhänger des authentischen Jazz die einmaligen und keiner Modeerscheinung unterworfenen Platten eines Louis Armstrong oder Bix Beiderbeckes zu spielen [sic!], diese zu vergleichen mit modernen Aufnahmen von Benny Goodman & Tommy Dorsey und immer wieder festzustellen, daß Kunst sowohl eine ideelle als auch eine materielle Seite haben kann. Natürlich konnte der Kreis um diesen Club nie an die Öffentlichkeit treten, denn die Anhängerschaft des Jazz war identisch mit Demokratie und Freiheit. Solche Ideale durfte es im 3. Reich nicht geben. So durfte der Hot Club Berlin, der damals “Melodie Club” hiess, nicht laut werden und konnte nur in der Stille arbeiten. Die Aussichten, sich ein Ziel zu setzen, wurden immer geringer. Der Kreis, in dem man weder Rassen- noch Klassenhass kannte, wurde hervorgerufen durch Verfolgungen und den bevorstehenden Krieg, immer kleiner und reduzierte sich in kürzester Zeit auf ein Minimum. Könnte man es auch durchsetzen, die Jazzmusik und alles, was mit ihr in Zusammenhang stand, zu verbieten, den Geist und die Liebe zu dieser Musik und die Verbundenheit zwischen den einzelnen Anhängern untereinander innerhalb des Clubs, konnte man nicht verhindern. Unter großen Schwierigkeiten wurde sogar mitten im Krieg ein ‘Mitteilungsblatt’ herausgebracht, welches eine Verbindung herstellen sollte zwischen allen Freunden des Jazz. Der nicht enden wollende Krieg machte aber schließlich alles zunichte, und so mußte schließlich auch alles intern gehaltene in Berliner Jazzkreisen eingestellt werden.” (Blüthner 1950)

Aber zurück zur Kladde: Sie enthält letzten Endes eine Art Verzeichnis der Privatsammlungen des harten Kerns dieses Melody Clubs, zusammengestellt von Blüthner, der so Interessierte an die Eigentümer der Platten verweisen konnte, so nach dem Motto: “Wenn Du dies oder jenes suchst, wende Dich mal an xvz, der hat die Aufnahme, bei dem kannst du sie bestimmt hören.” 1989 erwähnt Blüthner die Kladde im Gespräch mit Bernd Polster über die Club-Treffen im Café am Kurfürstendamm: “Wir tagten jeden Donnerstag in einem Café am Kurfürstendamm. Das existiert heute alles nicht mehr. In der ersten Etage hatten wir den Blauen Salon und hatten einen Nudelkasten [Plattenspieler]. Und dann wurden Platten gespielt, Schellack natürlich. Und einer war da, der hatte die Buchführung. Jeder, der in dem Club war, mußte einen Katalog abgeben über seinen Plattenbestand. Und der Buchführer übertrug das auf einen allgemeinen Katalog. Und wenn ein Programm gemacht wurde, dann sagte der ‘Bring doch mal die Platte mit. Die und die’, und dann mußte jeder mal ‘n Programm machen.” (Polster 1989: 31-32) Buchprüfer war, scheint’s, Blüthner selbst, und was uns da mit der Kladde vorlag, war dieser “allgemeine Katalog” des Plattenbestandes des Melody Clubs aus den Mitt-1930er Jahren.

Die Mitglieder des Clubs, erinnert sich Blüthner, wurden eingehend nach Fachwissen durchleuchtet. Es sei “ein gemischter Kreis” gewesen, “auch viele jüdische junge Herren” (Polster 1989: 32). Im Café tagte der Club vielleicht zwei Jahre lang, danach schob der Besitzer vor, ein Skatclub hätte den Blauen Salon gemietet, sie müssten raus. Eine Weile trafen sie sich in einer Tanzschule gleich nebenan, zogen dann in ein anderes Café um, dessen Besitzer aber mit dem Verzehr der jungen Leute nicht zufrieden war (Polster 1989: 32). Schließlich trafen sie sich bei einem der Mitglieder in dessen Privatwohnung. Der Melody Club (Magische Note) bestand bis in den Krieg hinein, wenn auch die Mitgliederzahl immer mehr abnahm: Blüthner: “Die jüdischen Herren waren dann weg, die anderen mußten zum Militär. Im Krieg war’n wir zuletzt nur noch zwei, drei Mann.” (Polster 1989: 33)

“Die Berliner Hotfreunde”, 17. Januar 1947
(komplettes PDF öffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)

“Berlin und Jazz”, 22. September 1950
(komplettes PDF öffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)

Die Kladde
(komplettes PDF öffnet sich beim Klicken auf die Abbildung)

Die Mitglieder

Wer also waren die Sammler des Melody Clubs, die in dieser Kladde verewigt sind? Es waren, alphabetisch sortiert: Auerbach, Blüthner, Boger, Cornfield, Gittermann, Petruschka, Pfrötschner, Robert, Sternberg, v. Drenkmann sowie Wolff. Wir haben ein wenig recherchiert:

Heinz Auerbach war ein Berliner Jude (Kater 1992: 74) und zusammen mit Franz Wolff ein Befürworter vor allem des schwarzen Jazz (Kater 1992: 85) – ja, das war unter Jazzfreunden durchaus ein ästhetisches Politikum in jenen Jahren. Er verließ Deutschland 1938, gründete in Brasilien den Hot Club de Janeiro in Rio (Blüthner 1950) und landete schließlich in Buenos Aires (Lange 1966: 71), wo er den dortigen Hot Club leitete, der ganz ähnliche Aktivitäten verfolgte wie der Melodie-Club: “meet to compare, discuss, and argue over recorded music” (Crosby 1953: 23), sich aber vor allem auf älteren Jazz beschränkte (Thiers 1960: 262).

Hans Blüthner haben wir bereits kennengelernt. Als er im Herbst 1934 auf Einladung Adalbert Schalins Mitglied des Melody Clubs wurde, stellte er zum Einstand im Kreis seiner neuen Freunde Jimmie Luncefords Platte “Swingin’Uptown” vor (Kater 1992: 85; in der Kladde verzeichnet auf Seite 33). Blüthner ging ganz selbstbewusst mit seiner Jazzliebe um. Er hatte den britischen Melody Maker abonniert und las diese Zeitung in der U-Bahn – Englisch konnte da ja sonst eh kaum einer lesen. Nazis, erklärt er, habe es in den Jazzkreisen nicht gegeben: “Das ist so eine Regel, möcht’ ich sagen, wer sich für Jazz interessiert, kann kein Nazi sein.” (Polster 1989: 34)

Carlo Boger (1911-1943) war als Bühnenbildner, Schauspieler, Zeichner und Cartoonist aktiv in Weimar, Wien (1928), Stuttgart (1929), Leipzig (1932-33) und Berlin. In Leipzig war er im Kammerspiel von Bruno Tuerschmann als Bühnenbildner und Schauspieler tätig gewesen, im März/April 1933 außerdem im Literarischen Kabarett Litfaßsäule aufgetreten (https://www.buchprojekt1.de/produkt/c-boger-1911-1943-das-mistvieh-n-2-karikatur-um-1930-tusche-figuerlich/). Michael Kater beschreibt ihn als “Alkoholiker, Autor von Kurzgeschichten, Grafiker, Liebhaber von Literatur und Theater” (Kater 1992: 97). 1933 heiratete Boger Else Eichler, eine zwölf Jahre ältere Schriftstellerin und Publizistin für Frauenfragen. Bogers Grafiken hatten oft den Jazz zum, von 1936 etwa datiert ein Porträt der Sängerin und Trompeterin Valaida Snow (https://www.pinterest.at/pin/400187116881463220/). Boger galt nach dem Krieg als vermisst, Kater erklärt, er sei an der Front gestorben (Kater 1992: 97).

Robert Kornfilt [Bob Cornfield] war ein enger Freund Blüthners. Er stammte ursprünglich aus der Türkei [Kater 1992: 75]. Horst H. Lange schreibt in seiner Jazzgeschichte Deutschlands, Kornfilt habe die Gründung dieses “erste[n] bedeutende[n] deutsche[n] Jazzclubs […] bereits im Jahre 1932” angeregt (Lange 1966: 69), bevor dieser dann “mit Hilfe des rührigen Alberti-Musikhaus-Prokuristen, Adalbert Schalin, regelrecht gegründet” wurde (Lange 1966: 69-70). Kornfilt war Amateur-Arrangeur, gut genug immerhin, dass der populäre Bandleader Erhard Bauschke eines seiner Arrangements ins Repertoire aufnahm (Kater 1992: 89). Nach dem Krieg kehrte er in die Türkei zurück.

Gittermann: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden.

Sigmund Petruschka (1903-1997) war Trompeter und Arrangeur. Gebürtig in Leipzig hatte er als Kind Klavier- und Cellounterricht erhalten und im Gewandhaus-Chor unter Arthur Nikisch gesungen. 1923 zog er zum Studium des Maschinenbaus nach Berlin, besuchte daneben das Stern’sche Konservatorium, wo er Trompeten- und Kontrabassunterricht nahm (https://www.nli.org.il/en/a-topic/987007266398905171). Zusammen mit Kurt Kaiser war er Mitgründer der Band Sid Kay’s Fellows, in der unter anderem Friedrich Holländer als Pianist und Arrangeur wirkte. In den 1930er Jahren schrieb Petruschka unter Pseudonymen für die Deutsche Gramophone Gesellschaft, für UFA-Filme, aber auch für populäre Bands wie die von James Kok (Lange 1966: 52). 1938 emigrierte er nach Palästina (Kater 1992: 39-40) und leitete bald das Orchester des Palestine Broadcasting Service. Petruschka starb 1997 in Jerusalem. Er wird in Blüthners Kladde nur zwei Mal erwähnt: offenbar war er großer Fan des Casa Loma Orchestra, dessen Platten “Ol’Man River” / “I Got Rhythm” sowie “Dallas Blues” / “Limehouse Blues” er besaß.

Es ist gut möglich, dass sich hinter “Pfrötschner” der Autor Gerhard E. Pfrötzschner verbirgt, der in den 1930er Jahren als Deutschland-Redakteur des Londoner Melody Maker und des British Metronome schrieb. Als “Rasender Reporter” berichtete Pfrötzschner seit den Mitt-1930er Jahren für die Zeitschrift Der Artist von der Berliner Jazzszene und schrieb Plattenrezensionen. Vom September 1934 verfasste er den Artikel: “Wie steht der deutsche Musiker zur Jazzmusik? Bedeutet nicht Verwerfen derselben Arbeitslosigkeit?” (vgl. Jockwer 2004: 298). 1935 besuchte Prötschner Konzerte des britischen Bandleaders Jack Hylton in Berlin (Jockwer 2004: 300). Über Pfrötschners Verbleib nach dem Krieg ist nichts bekannt.

Robert: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden.

Dieter Sternberg: Zu diesem Namen konnten wir leider nichts herausfinden. Den Vornamen entnahmen wir der Beschriftung des ganz unten abgebildeten Fotos.

Günter von Drenkmann, genannt “Bobby” (1910-1974) entstammte einer Juristenfamilie und studierte auch selbst Rechtswissenschaften. Er wollte Richter werden, hatte aber in den 1930er Jahren keine Chance, weil er sich weigerte irgendeiner NS-Organisation beizutreten (Schmid 2010). Nach dem Krieg allerdings machte Drenkmann schnell Karriere, als Richter beim Landgericht, dann Landgerichtsrat, dann Kammergerichtsrat, schließlich ab 1967 Präsident des Kammergerichts Berlin. Hans Blüthner schrieb aus Anlass der Ernennung zum letzten Karriereschritt im Januar 1967 an Drenkmann: “Im stillen muß ich – unter uns gesagt – immer daran denken, daß wir mal vor ca. 30 Jahren meinten, alle höheren einflußreichen Posten müßten Leute mit ein wenig Hang und Liebe zu unserem gemeinsamen Hobby bekleiden! Nun, Du hast es realisiert und geschafft.” (Blüthner 1967) Am 10. November wurde Drenkmann von Terroristen der Bewegung 2. Juni bei einem Entführungsversuch ermordet.

Jakob Franz Wolff, genannt “Franny” (1907-1971) machte in Berlin eine Fotografenlehre. 1925 hatte er zusammen mit seinem Freund Alfred Löw die Band des Pianisten Sam Wooding im Admiralspalast gesehen, danach war er lebenslanger Jazzfan. Löw war bereits 1936 nach New York ausgewandert, Wolff folgte ihm zwei Jahre später auf einem der letzten Passagierdampfer, die aus Nazideutschland in Richtung des Big Apple verlassen konnten. Danach schrieben die beiden Geschichte, gründeten das Plattenlabel Blue Note, das erst traditionellen Jazz und Boogie-Boogie, bald aber auch die jungen moderneren Musiker des Jazz aufnahm und seit den 1950er Jahren stilbildende Platten herausbrachte. Löw, der sich in den USA Alfred Lion nannte, war der Geschäftsmann unter ihnen, und Wolff, der jetzt als Francis Wolff firmierte, ebenbürtiger Partner. Beide nahmen die Musiker, die für sie aufnahmen, als Künstler ernst, vergüteten ihnen sogar die Probezeiten (bislang völlig unüblich in dieser Musik), und Wolff machte sich außerdem einen Namen als meisterhafter Fotograf, dessen Bilder geradezu ikonisch wurden, nicht nur, aber auch, weil sie die Platten des eigenen Labels schmückten.

Die Kladde stammt, wie wir unten sehen werden, aus dem Jahr 1936. Jazzfreunde, die danach zum Kreis des Melody Club bzw. der Magischen Note wurden,  finden sich hier deshalb nicht. Blüthner erwähnt sie in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1947: Zur Olympiade 1936 etwa verzeichnet er Besuche von Gästen wie dem amerikanischen Posaunisten Herb Fleming, dem Frankfurter Saxophonisten Eugen Henkel, dem Pianisten Fritz Schulz-Reichel, von Dietrich Schulz-Köhn, aber auch von Duncan McLougald, einem “Freund von Benny Goodman und Helen Ward”.

Ab 1938 traf man sich privat, meist bei Blüthner selbst, und als häufige Gäste nennt er Gerd Pick, Folke Johnson aus Schweden, den belgischen Pianisten Coco Collignon, Varvavar Varasiri aus Siam. “Fräulein Thieme und Herr von Drenkmann”, schreibt er, seien 1947 aus dem Kreis der “Alten”, also von vor 1936 übrig. Ein “Herr Edelscharf” sei 1938 dazu gekommen. Und dann erwähnt er noch, was aus den anderen Mitgliedern geworden sei: “Es ist sehr bedauerlich, daß die Atmosphäre des alten ‘Hot-Kreises’ nie wieder wird, zumal fast alle damaligen Mitglieder von Wichtigkeit Berlin den Rücken gekehrt haben. Franz Wolff ist Anfang des Krieges nach New York gegangen, Heinz Auerbach ging nach Süd-Amerika, Bob Cornfield ging in die Türkei zurück, Gerd Pick ist in Frankfurt, Olaf Hudtwalcker in Mannheim, Hans Friedemann in Luckenwalde,  Vasiri in Washington, Wilfried von Weselstedt und Hans Horseck sind an der Ostfront gefallen, Carlo Boger gilt als vermißt, Egon Wilrich fiel einem Fliegerangriff zum Opfer. Es bleibt nur noch zu hoffen, daß der eine oder andere aus der Gefangenschaft nach Berlin zurückfindet.” (Blüthner 1947)

Ab 1945 gründete Blüthner zusammen mit alten und neuen Freunden den Hot-Club Berlin der sein erstes Treffen am 27. Oktober 1945 hatte (Blüthner 1947).

Die Musik

Die Kladde also enthält eine Auflistung der Platten im Besitz der Melody Club-Mitglieder. Aufgelistet werden sie nach den Bandleadern, darunter jeweils zwei Titel pro Platte, dahinter die Besitzer; mal einer, mal mehrere. Der Compiler (also Blüthner) ließ so viel Platz, wie er meinte, das die jeweiligen Bands benötigten, für bekannte und populäre Bands also mehr als für weniger bekannte. Gleich auf der ersten Seite gibt es schon einen der Hits, der nämlich gleich bei sechs der Mitglieder vorhanden ist: Duke Ellingtons “Tiger Rag I u. II” (Wolff, Sternberg, Cornfield, Robert, Blüthner, Boger). Blüthner verzeichnet einzig die Titel auf den Platten, keine weiteren diskographischen Details, etwa Label oder Plattennummern. Er gruppiert die jeweils zwei Titel einer Schellackplatte mit geschweiften Klammern. Und wenn auf einer Platte mal Titel von unterschiedlichen Bands veröffentlicht wurden, verzeichnet er sie zweimal, nämlich unter den Namen der jeweiligen Bandleader, aber mit einem Verweis auf die jeweilige Rückseite.

Konkret, und alphabetisch geordnet nach den Bandnamen:

  • Henry Red Allen: 5 Platten
  • Pauline Alpert: 1 Platte
  • Bert Ambrose: 15 Platten
  • Louis Armstrong:  31 Platten.
  • Gus Arnheim: 1 Platte
  • Artiphon Orchester: 1 Platte
  • Harry Ascher: 1 Platte
  • DeFord Bailey: 1 Platte
  • Balalaika Orchester: 1 Platte
  • Billy Barton: 1 Platte
  • Bix Beiderbecke: 4 Platten
  • Benson Orchestra of Chicago: 1 Platte
  • Ben Bernie: 5 Platten
  • Bluejeans: 1 Platte
  • Boswell Sisters: 15 Platten
  • Arthur Briggs mit seinen Savoy Syncopators: 1 Platte
  • Buddy’s Brigade: 1 Platte
  • Hans Bund: 1 Platte
  • Rev. J.B. Burnett: 1 Platte
  • Cab Calloway: 12 Platten
  • Francisco Camaro: 2 Platten
  • Benny Carter: 4 Platten
  • Casa Loma Orchestra: 21 Platten
  • Castlewood Marimba Band: 1 Platte
  • Cellar Boys: 1 Platte
  • The Charleston Chasers: 1 Platte
  • Chicago Feetwarmers: 1 Platte
  • Chocolate Dandies: 7 Platten
  • Junie Cobb: 1 Platte
  • Oliver Cobb: 1 Platte
  • Eddie Condon: 2 Platten
  • Coon-Sanders Orchestra: 3 Platten
  • Charles Creath’s Jazz O’Maniacs: 1 Platte
  • Zez Confrey: 1 Platte
  • The Cotton Pickers: 3 Platten
  • Julio de Caro: 2 Platten
  • The Decca Dance Band: 1 Platte
  • Dickson’s Harlem Orchestra: 1 Platte
  • Dixie Rhythm Kings: 2 Platten
  • Vance Dixon: 1 Platte
  • Johnny Dodds: 2 Platten
  • Dorsey Brothers: 1 Platte
  • Duke Ellington: 91 Platten
  • Reginald Foresythe: 1 Platte
  • Caroll Ginnons: 3 Platten
  • Lud Gluskin: 2 Platten
  • Benny Goodman: 1 Platte
  • Stéphane Grappelli: 2 Platten
  • Henry Hall: 1 Platte
  • Coleman Hawkins: 3 Platten
  • Fletcher Henderson: 26 Platten
  • Horace Henderson: 1 Platte
  • Earl Hines: 9 Platten
  • Sol Hoopie: 1 Platte
  • Claude Hopkins: 2 Platten
  • Brigitte Horney: 1 Platte
  • Spike Hughes: 11 Platten
  • Jack Hylton: 4 Platten
  • Isham Jones: 1 Platte
  • Jack Jones: 2 Platten
  • Oskar Joost: 1 Platte
  • Greta Keller: 1 Platte
  • Eddie Lang: 1 Platte
  • Layton & Johnstone: 1 Platte
  • Ted Lewis: 2 Platten
  • Guy Lombardo: 1 Platte
  • Jimmie Lunceford: 10 Platten
  • Cecil Mack: 1 Platte
  • Wingy Manone: 1 Platte
  • Clyde McCoy: 1 Platte
  • McKinney’s Cotton Pickers: 5 Platten
  • Mills Blue Rhythm Band: 5 Platten
  • Mills Brothers: 3 Platten
  • Emmett Miller and his Georgia Crackers: 1 Platte
  • Irving Mills & His Hotsy Totsy Gang: 5 Platten
  • Borrah Minevitch: 1 Platte
  • Miff Mole: 1 Platte
  • Jelly Roll Morton: 11 Platten
  • Bennie Moten: 29 Platten
  • New Orleans Rhythm Kings: 1 Platte
  • Red Nichols: 10 Platten
  • Ray Noble: 2 Platten
  • King Oliver: 10 Platten
  • Raymond Parige: 1 Platte
  • Jack Payne: 2 Platten
  • Louis Prima: 1 Platte
  • Don Redman: 5 Platten
  • Leo Reisman: 1 Platte
  • Harry Roy: 4 Platten
  • Valaida Snow: 1 Platte
  • Lew Stone: 2 Platten
  • Joe Venuti: 5 Platten
  • Fats Waller: 4 Platten
  • Washboard Rhythm Band: 1 Platte
  • Washboard Rhythm Boys: 2 Platten
  • Washboard Rhythm Kings: 1 Platte
  • Washboard Serenaders: 3 Platten
  • Chick Webb: 1 Platte
  • Paul Whiteman: 2 Platten
  • Jay Wilbur: 1 Platte
  • Sam Wooding: 6 Platten

Und noch ein paar Besonderheiten: Franz Wolff ist hier der offenbar der begeistertste Sammler Duke Ellingtons (und anderer vorrangig afro-amerikanischer Künstler, zum Beispiel auch King Oliver). Die drei Platten von Coleman Hawkins stammen alle aus dem Jahr 1933, also vor seinem langen Europaaufenthalt, und natürlich fehlt “Body and Soul”, einfach, weil er es offenbar noch gar nicht eingespielt hatte, als Blüthner die Kladde erstellte. Die sechs Platten Sam Woodings stammen alle aus seiner europäischen Periode, wurden zwischen 1925 und 1929 in Berlin, Paris und Barcelona aufgenommen. Von Benny Goodman ist nur eine Aufnahme dabei. Carlo Boger hatte eine Vorliebe für Red Nichols und Spike Hughes, wie Blüthner sich erinnerte (Polster 1989: 33), was auch an seinem Plattenbestand zu ersehen ist: Von zehn Red Nichols-Platten besaß er acht, außerdem alle elf Spike Hughes-Platten. Zu den Exoten der Liste zählt insbesondere Sol Hoopii, ein Vertreter von Hawai-Gitarren-Musik, der mit zwei Aufnahmen verzeichnet ist (“Farewell Blues”, “Stack O’Lee Blues”), die sich zumindest in den üblichen Jazzdiskographien nicht finden lassen.

Nach dem Eintrag über Emmett Miller and his Georgia Crackers folgt ein deutlicher Hinweis auf die Datierung der Kladde: “Samstag, 1. März 1936”. Auf den Seiten 71-75 scheint Blüthner detaillierte Notizen über Musik gemacht zu haben, die er im März und April des Jahres im Radio gehört hatte. BBC? Wir wissen es nicht.

Es war, kann man nach Durchsicht der Kladde feststellen eine Sammlung, die sich sehen lassen konnte. Vor allem afro-amerikanischer Jazz, daneben einige britische Bandleader und relativ wenige deutsche Bands. Man kann sich vorstellen, wenn man Blüthners Veröffentlichungen nach dem Krieg liest, die zum Beispiel an die Mitglieder des Hot Clubs Berlin gingen, wie sich sein Geschmack entlang dieser Aufnahmen gebildet hat.

Und dann erinnere ich mich wieder an meinen letzten Besuch bei ihm, bei dem er irgendwann eine CD einlegte, Jimmie Lunceford, sofern ich mich richtig erinnere. Er wusste nach wie vor alles über diese Musik. “Mein Kopf ist klar, nur der Körper macht nicht mit”, klagte er. Hans Blüthner hat nicht mehr erfahren, dass Teile seiner Papiere schließlich auf Umwegen doch im Jazzinstitut Darmstadt landen sollten. Aber ich bin mir sicher, es hätte ihn gefreut. (Foto: Hans Blüthner, Dieter Sternberg und Egon Wilrich, ca. 1936)

Blüthners Kladde, die einen kleinen Einblick in die Berliner Jazzszene der 1930er Jahre erlaubt und in die Gewissenhaftigkeit, mit der junge Jazzfans in dieser Zeit sich allen Widrigkeiten zum Trotz mit der Musik befassten, war bereits in mehreren Ausstellungen zu sehen, darunter einer mit Fotos von Francis Wolff für das Blue Note-Label im Jüdischen Museum Berlin.

Wolfram Knauer (18. Dezember 2023)


Zitierte Quellen:

Blüthner 1947: Hans Blüthner: Die Berliner Hotfreunde, 17. Januar 1947 (Manuskript im Jazzinstitut Darmstadt)

Blüthner 1950: Hans Blüthner: Berlin und Jazz, 22. September 1950 (Manuskript im Jazzinstitut Darmstadt)

Blüthjner 1967: Hans Blüthner: Brief an Günter von Drenkmann, 23. Januar 1967 (Briefkopie im Jazzinstitut Darmstadt)

Blüthner 1981: Hans Blüthner: Brief an Hans Berry, 14. Juli 1981 (Briefkopie im Jazzinstitut Darmstadt)

Crosby 1953: Barney Crosby. Foreign Extraction, in: Theme, 1/3 (Oktober 1953): 23

Jockwer 2004: Axel Jockwer: Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, Konstanz 2004 (PhD thesis: Universität Konstanz)

Lange 1966: Horst H. Lange: Jazz in Deutschland. Die deutsche Jazz-Chronik, 1900-1960, Berlin 1966 (Colloquium Verlag)

Kater 1992: Michael H. Kater: Different Drummers. Jazz in the Culture of Nazi Germany, New York 1992 (Oxford University Press)

Polster 1989: Bernd Polster: Swing Heil. Jazz im Nationalsozialismus, Berlin 1989 (Transit Buchverlag)

Schmid 2010: Thomas Schmid: Ein vergessenes Verbrechen. Der Berliner Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann war das erste Opfer des Linksterrorismus in der Geschichte der Bundesrepublik. In dieser Woche wäre er 100 Jahre alt geworden. Rückblick auf ein deutsches Leben, in: Die Welt, 13. November 2010 <https://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article10904029/Ein-vergessenes-Verbrechen.html>

Thiers 1960: Walter Thiers: Argentinien liebt Hot Jazz, in: Jazz Podium, 9/12 (Dec.1960): 262-263

Ein Gespräch mit Gerd Dudek

Seit 1992 veranstaltet das Jazzinstitut zusammen mit dem Kulturzentrum Bessunger Knabenschule den jährlichen Workshop “Jazz Conceptions”. Neben den sechs bis sieben Dozent:innen, die die ganze Woche dabei sind, laden wir ab und zu auch Gastdozenten ein, die uns für einen Tag einen Blick in ihre Sicht auf den Jazz erlauben. Im Sommer 2017 war das der im November 2022 verstorbene Saxophonist Gerd Dudek. Im Gespräch mit Wolfram Knauer erzählt er von seiner Karriere vor dem Globe Unity Orchestra, von einem Aufeinandertreffen mit John Coltrane und von der ewigen Suche nach dem richtigen Blättchen. Gerahmt wurde das Gespräch übrigens musikalisch: Dudek spielte dabei mit den Dozent:innen des damaligen Workshops, John-Dennis Renken (tp), Nicole Johänntgen (sax), Uli Partheil (p), Jürgen Wuchner (b) und Martial Frenzel (d).

Für das Dezember/Januar 2023/2024-Heft der Zeitschrift Jazz Podium haben wir das Gespräch transkribiert. Hier ein Link zum Jazz Podium und wenn Sie aufs Cover klicken, findet sich dort ein PDF des publizierten Artikels mit Fotos vom Gespräch:

Gerd Dudek, 8. Juli 2017, Jazz Conceptions
Bessunger Knabenschule, Darmstadt, 15:00 Uhr

Wolfram Knauer:
Gerd, ich würde mit dir gern ein bisschen über deinen Lebensweg und deine Karriere und deinen Weg zum Jazz sprechen, aber, weil das hier ja ein Workshop ist, auch ein bisschen über Technik, Instrument und Blättchen. Fangen wir vorne an. Wie bist du zum Jazz gekommen?

Gerd Dudek:
Ich habe schon als kleiner Junge nach dem Krieg, in zerstörten Häusern und so auf alten Büchsen getrommelt. Zuhause hatten wir einen alten Schallplattenspieler und haufenweise Schallplatten. Die hab’ ich dann alle gehört, egal, was es war. Da waren auch Märsche dabei. Ich habe alles gehört, mich hat Musik einfach interessiert.

Knauer:
Du bist bei Breslau geboren. Wann seid ihr in den Westen gekommen?

Dudek:
Wir sind erst 1950 rausgekommen. Eine frühere Ausreise wurde uns immer wieder verwehrt, weil wir als Polen galten. Man hat uns sogar angeboten “richtige” Polen zu werden. Mein Name ist ja polnisch, Dudek, polnisch für Wiedehopf. Aber unser Vater war fünf Jahre lang in russischer Gefangenschaft. Wie gesagt, wir wollten immer raus, aber man hat niemanden offiziell rausgelassen. Viele sind direkt nach dem Krieg geflüchtet. Jedenfalls hat es dann Ende 1950 irgendwie geklappt. Unser Haus steht immer noch da, das hat der Bürgermeister von Groß-Döbern übernommen, Dobrzen Wielki auf Polnisch.

Wir sind dann also in den Westen gegangen, ins Siegerland. Mein Bruder fing dann an Trompete zu spielen. Ich hatte damals noch überhaupt kein Instrument; ich spielte auf seiner Trompete, lernte mit zwölf oder dreizehn Jahren Tonleitern auf der Trompete zu spielen. Nach einem Jahr nahm mich mein Bruder dann mit zu dem Werksorchester, in dem er gespielt hatte. Der Leiter des Orchesters machte einen Schrank auf und holte eine Klarinette raus, eine Es-Klarinette. Ich nahm sie, blies hinein, trillerte irgendwas. Bei dem habe ich dann meinen ersten Unterricht bekommen, Klarinettenunterricht.

Mein Bruder und seine Freunde, die jammten schon in Lokalen oder bei Freunden, und daneben wurden mal bei dem, mal bei dem, viele Schallplatten gehört. Man traf sich und man hörte alles. Ich hörte natürlich Charlie Parker, und der Sound elektrisierte mich sofort. Natürlich hörte ich auch Johnny Hodges und Coleman Hawkins. Von da ab war mein Traum Saxophon zu spielen. Zuerst aber fing ich eine Architekturlehre an, arbeitete viereinhalb Jahre in einem Architekturbüro, weil meine Eltern fanden, Musiker, das geht nicht, du musst einen anständigen Beruf lernen. Ich hatte immer viel gemalt, und wurde dann also in dem Büro angenommen, wo ich Bauzeichnungen anfertigte. Wir bauten riesige Projekte, Hochhäuser, Stahlwerke, alles in Süd-Westfalen. Und daneben wurde immer gejammt, auch im Büro. Alle Architekten spielten ein Instrument; wir jammten bei der Weihnachtsfeier, zu Ostern saß man auch zusammen, und es kamen viele Künstler vorbei. Damals bekam ich dann mein erstes Altsaxophon. Mein Bruder hatte mit Freunden eine Bigband organisiert, die Melodia Rhythmiker – später wurde die Band auf meinen Bruder umgetauft, Ossi Dudek Bigband, nach Ossi, Oswald Dudek. In der spielte ich Klarinette – inzwischen hatte ich eine B-Klarinette und spielte Benny Goodman-Arrangements einschließlich der Soli, die es als Transkriptionen gab.

Und dann bekam ich mein erstes Saxophon, und schon nach einer oder zwei Wochen konnte ich das spielen. Ich hatte ein bisschen Unterricht. Wenn du vorher Klarinette gespielt hast, ist das nicht so schwer. Dann hab’ ich jedenfalls in der Bigband angefangen, mit 15 oder 16 Jahren. Der erste Saxophonist, Michalek hieß der, der ging dann weg und ich übernahm die erste Saxophonstimme. Die Band wurde dann praktisch berühmt. Wir spielten jedes Wochenende in riesigen Hallen, in denen die Leute natürlich auch tanzten. Wir spielten Arrangements von Benny Goodman und Glenn Miller und solche Sachen. Und nebenbei jammten wir eigentlich immer; es gab eigentlich immer Jam Sessions, mal in diesem, mal in jenem Lokal. Ich selbst war besessen vom Sound Charlie Parkers, aber noch härter war Earl Bostic, der hat mich damals unglaublich angehauen. Obwohl ich Alt spielte, dachte ich aber eigentlich immer auf Tenorsaxophon.

Dann ergab es sich, dass eine andere Bigband vorbeikam und mein Bruder und ich da einstiegen. Und in der Band waren dann wieder Leute, die ihre eigene Band gründeten, ein Quintett. Mit dem Posaunisten der Band, Hans Ernst, Jacky Ernest genannt, ging ich dann und spielte in den amerikanischen Clubs. Meinen ersten dieser Gigs hatte ich in Frankfurt auf der Kaiserstraße. Man spielte damals einen oder vielleicht zwei Monate in einem Club. Ich trug damals ein Hawaiihemd und stand in der Pause vor dem Club, es war etwa so heiß wie heute, und dann kam eine Militärkontrolle vorbei, die wollten meinen Ausweis sehen, die wollten mich verhaften…

Knauer:
… weil sie dachten, du seist Amerikaner…

Dudek:
Genau… Mit der Band vom Posaunisten Hans Ernst spielte ich vielleicht zwei, drei Monate, , dann kehrte ich zurück nach Hause, blieb dort ein, zwei Monate, dann spielte ich schon wieder in der nächsten Band. Und dann gab’s ein Engagement in einem amerikanischen Hotel in Garmisch-Partenkirchen, im General Patton Hotel, da war ich dann den ganzen Sommer ’58, und da traf ich viele amerikanische Musiker, die in der Army waren, Cedar Walton zum Beispiel und Joe Henderson, glaube ich, und wir jammten viel zusammen.

Knauer:
… in Garmisch? oder Frankfurt?

Dudek:
… in Garmisch. Hmm, es kann auch in Kitzingen gewesen sein. Da hatte ich auch mein erstes Tenor. Das hatte ich in Düsseldorf gekauft, bin dann mit dem Zug nach Kitzingen, hatte aber in Frankfurt Aufenthalt und gab mein Instrument da auf, um ins AKI-Kino zu gehen – die gab es damals in großen Städten, die hatten rund um die Uhr auf. Nach ein paar Stunden holte ich mein Instrument wieder aus der Aufbewahrung, schaute es mir gar nicht weiter an und stieg in den Zug nach Kitzingen. Erst dort machte ich den Koffer auf, aber da ging überhaupt nichts mehr, das war total verbogen. Es muss bei der Aufbewahrung geschehen sein; da stellte man die Koffer einfach in so ein Fach, und dann hat man wahrscheinlich einen weiteren Koffer reingeschoben und dabei ist es runtergefallen. Ich machte jedenfalls den Koffer auf und musste erst mal weinen. Ein nagelneues Tenor, das erste Mal! Ich bin dann nach Würzburg gefahren, das war ja in der Nähe, da hat mir das dann einer repariert. Gottseidank hatte ich mein Altsaxophon und meine Klarinette dabei.

Danach ging’s nach Garmisch, und dann kam eine Rock ‘n’ Roll-Band, mit der ich auch mit in Frankfurt spielte, mit Fats and his Cats. Damals hatten wir einen Gig in Hanau, das muss so Anfang, Mitte ’58 gewesen sein. Man fing damals bereits am Nachmittag an zu spielen, egal wie viele Leite da waren. An dem Tag jedenfalls war nichts los in dem Laden, gar nichts, kein Mensch da. Wir spielten dann einfach Jazz, Mulligan-Nummern und Chet Baker/Mulligan, genau, das war dann im Quartett, mit Fats and his Cats, “Hot Cats”, wie es groß auf der Trommel des Schlagzeugers stand. Normalerweise spielten die so Rhythm & Blues-Stücke, Fats Domino-Sachen. Eines Nachmittags jedenfalls spielten wir da, es war ganz dunkel, der Laden war leer, aber ganz hinten, in der hintersten Ecke saßen drei Köpfe. Und dann – ich spielte gerade –, dann standen die langsam auf, sie hatten so Hawaiihemden an, und zückten ihre Messer, drei so lange Klingen, und kamen langsam auf mich. Du musst dir das vorstellen: Ich spielte, und die drei mit ihren langen Klingen… dann ging der mittlere zur großen Trommel, die ganz vorne auf der Bühne stand, kniete sich davor, während die anderen beiden mit ihren Messern Schmiere standen. Und er kratzte die Buchstaben von der großen Trommel, “Fats and his Hot Cats”, langsam runter. Die fielen dann einfach runter… ich spielte immer weiter. Ich dachte, jetzt ist es aus, vorbei. Ich hab’ noch ein Foto, da kann man die Schatten von der Schrift sehen. Die sind dann über die Felder und weg. Es war ja niemand da sie aufzuhalten, nur der Chef von dem Laden. Es waren wohl GIs, Puertoricaner auf Freigang. Die wollten wahrscheinlich Hot Music hören, keinen Mulligan. Später kam dann die Militärpolizei und nahm alles auf. Die haben sie aber, glaube ich nie gekriegt.

The next step: Dann fing ich im Berlin Jazz Quintett an. Das war die Band von Helmut Brandt, wir hatten über Gigs, in Stuttgart, Hamburg im Rundfunk. Helmut Brandt ging dann weg nach Berlin zur RIAS Big Band, und dafür kam Conny Jackel, Trompete. Dann kam noch die Jazz Group Hannover, bei der ich den Saxophonisten Bernd Rabe ersetzte. Aber vor Edelhagen war meine letzte Band tatsächlich die von Helmut Brandt, das Berlin Jazz Quintett, mit Rudi Füsers, Ventilposaune, Heinrich Schröder, also John Schröders Vater, am Schlagzeug und Klaus Gernhuber am Bass. Ich hab’ noch super Fotos aus der Zeit.

Knauer:
Dann warst du ein paar Jahre bei Kurt Edelhagen…

Dudek:
Ja, wir spielten damals auch in Köln, im Bohème, einem Lokal in der berühmten Eigelstein-Szene. Und da kamen Musiker aus der Edelhagen-Band vorbei und stiegen ein, Derek Humble, Jimmy Deuchar, und wir jammten den ganzen Abend. Und dann fragte Derek auf einmal: Willst du in die Edelhagen-Band einsteigen? Es gab gerade einen Wechsel im Saxophonsatz, weil der Tenorist, Jean-Louis Chautemps, zurück nach Paris ging. Ich musste dann, es war Ende 1959, ein Vorspiel machen. Ich war gerade auf einem Riverboat in Lübeck engagiert, und die Edelhagen-Band spielte in einer großen Halle in Hamburg. Ich bin dann hingefahren und auf die Bühne. Da saßen sie dann alle vor ihren Noten, und ich spielte alles einfach von den Noten ab, langsame Stücke, schnelle. Da Lustigste: Edelhagen war gar nicht da. Ich musste ja gleich wieder zurück nach Lübeck, weil ich am Abend den Gig hatte, und gerade als ich die Bühne verließ, kam Edelhagen rein. Eine Woche später bekam ich dann Bescheid: ich hatte den Gig. Im Februar 1960 fing ich dann an.

Damals war auch Dusko Goykovitch in der Band. Ich war gerade mal ein paar Wochen in der Band, da schlug Dusko vor: Gerd, lass uns morgen nach Düsseldorf fahren, da spielt Jazz at the Philharmonic. Das war eine Tournee unter anderem mit dem Miles Davis Quintet, dem Stan Getz Quartet und mit Oscar Peterson. Die machen auch Fernsehaufnahmen. Dusko und ich fuhren also ins Apollo Theater in Düsseldorf. Dort war alles dunkel, auf der Bühne tat sich nichts. Stan Getz saß im Schneidersitz auf dem Boden. Dusko unterhielt sich mit ihm und stellte mich vor: Stan, meet Gerd Dudek, a fantastic tenor player. Oh, nice to meet you. Die warteten alle auf Miles, auf Miles Davis, aber der kam nie. Ich sah Coltrane rumlaufen, und dann ging ich in die Kantine einen Kaffee trinken. Es gab dort eine lange Theke, wie aus einem Hopper-Bild mit einer Bedienung dahinter in weißer Kittelschürze. 1950er Jahre halt.

Ich ging also zur Kantine, und Coltrane ging direkt neben mir. Wir gingen zusammen zur Theke, bestellten Kaffee. Coltrane hatte einen Smoking an und darüber eine kurze schwarze Cordjacke. Er war ungefähr einen halben Kopf kleiner als ich, und ganz dünn. Wir gingen dann zurück zur Bühne. Miles war immer noch nicht gekommen, und dann fingen Stan Getz und Coltrane an etwas zu spielen, in F, “Hackensack”. Das wurde zwar aufgenommen, ist aber nie gesendet worden. Irgendwann später hatte ich Ali Haurand mal gefragt, der ja für den WDR gearbeitet hatte, und dann fanden sich die Bänder irgendwo in der hintersten Ecke im Archiv. Ich kriegte dann eine Kopie, als Audio, nicht als Video. Darauf spielt Oscar Peterson, Paul Chambers, Jimmy Cobb. Wynton Kelly war auch dabei, in der Band, und Coltrane spielte im Quartett, und mit Stan Getz spielte er “Hackensack”. (Das heißt im Original ja eigentlich “Rifftide” und ist von Coleman Hawkins.)

Knauer:
Für die, die diese Geschichte jetzt bebildert sehen möchten: Es gibt tatsächlich einen Ausschnitt von dieser Session auf YouTube, Stan Getz und John Coltrane bei ihrem einzigen gemeinsamen Auftritt, aus Düsseldorf.

Erzähl doch mal ein bisschen über deine Einflüsse als Saxophonist.

Dudek:
Anfangs war das hauptsächlich Stan Getz. Das war für mich der absolute Meister, seine Technik, sein Sound. Daneben hörte ich Coleman Hawkins und Charlie Parker. Nachdem ich zum Tenor gewechselt habe, war es aber Stan Getz, absolut. In Frankfurt gab es auf der Taunusstraße dieses Musikhaus Hummel, da ging ich immer hin, da kam auch immer Don Menza hin. Ich spielte damals wie Stan Getz, mit genau diesem Sound. Menza hatte alle möglichen Schallplatten, und der sagte mir dann: Gerd, hör mal dies, hör mal das, hör mal den. Dann hat er mir vor allem Coltrane-Platten vorgespielt, also die alten Coltrane-Platten, auf Prestige. Schon ein wahnsinniger Sound, aber ich hab’ da überhaupt nicht drauf gestanden. Der Sound war mir damals einfach zu hart, ich stand nun mal total auf Stan Getz, auf dessen homogen runden Sound. Coltrane war mir einfach zu hart, das ist doch kein Saxophon. Später kam ich dann natürlich dahinter, was da alles drin steckt. Ich erinnere mich jedenfalls noch genau, wie Stan Getz mit Coltrane kommuniziert hat, nicht verbal, sondern eigentlich nur mit Blicken.

Knauer:
Noch mal zurück zu Edelhagen. Du hattest ja mit deinem Bruder Ossi in einer Bigband angefangen, dann hast du in kleinen Besetzungen gespielt, und dann mit der Edelhagen-Band, die nicht nur ein Jazzorchester war, sondern auch viel Tanzmusik und Schlagermusik aufgenommen hat. Ist so etwas für einen Jazzmusiker in den 1960er Jahren frustrierend? Oder sieht man das vor allem als gute Einnahmequelle?

Dudek:
Also, die Band war super-präzise. Derek Humble saß als erster Altist viereinhalb Jahrelang direkt neben mir. Ich hab noch genau im Ohr, wie der gespielt hat, so genau, im Timing und so. Das hab’ ich von ihm gelernt. Und die Edelhagen-Band war damals auch wegen dieser Präzision das Top-Orchester in ganz Europa. Und wir haben auch viel Jazz gespielt, hatten eigentlich andauernd Jazzkonzerte. Wenn Johnny Griffin kam, hab’ ich mit Johnny Griffin gejammt, sobald die Proben vorbei waren, mit Johnny und Maffy Falay, Trompete, und da war noch Mely Güröl, ein türkischer French-Horn-Spieler, der später nach Hollywood ging und Filmmusik schrieb. Wir haben dann im Kreis gestanden, einer spielte den Chorus, Johnny Griffin spielte auf dem Saxophon den Bass dazu. Und dann nahm er mein Horn und gab mir seins. Ich hab’ dann auf seinem gespielt und er auf meinem, ich mit seinem Blättchen und er mit meinem Blättchen. Weißt du, Johnny spielte immer King. Ich nehme an, der wollte einfach mal ein Selmer spielen – ich hatte dieses alte Selmer. Später hat er dann auch auf Selmer gewechselt, weil der den Sound liebte.

Naja, und dann kamen noch Donald Byrd und Jimmy Giuffre mit Steve Swallow und Paul Bley… Mit Jimmy Giuffre bin ich in Köln auf der berühmten Hohen Straße einkaufen gegangen. Wir hatten von der Bigband aus so einen Schneider, der sagte mir: Kauf du den Stoff, ich mach dir Anzüge. Heute kannst du so was gar nicht mehr bezahlen.

Knauer:
Du hast jetzt ganz viel über eine Zeit und eine Musik erzählt, mit der dich hier im Raum wahrscheinlich gar nicht so viele Leute verbinden. Viele kennen dich eher von dem Ensemble her, mit dem du letztes Jahr auch auf dieser Bühne gestanden hast, mit dem Globe Unity Orchestra. Also eher mit freier als mit Bigband-Musik. Wie bist du in diese freie Szene hineingerutscht?

Dudek:
Naja, mit der Edelhagen-Band hab’ ich eines Tages einen totalen Bruch gemacht. Von heute auf morgen hab’ ich gesagt, ich bin weg, Kurt, ich gehe! Drei Monate Kündigungsfrist. Wir hatten halt immer diese Fernsehshows gespielt, Filme mit Joachim ‘Blacky’ Fuchsberger und so… “Nur nicht nervös werden” hieß einer davon. Und da wurde tagelang im Studio gefilmt, du durftest aber keinen einzigen Ton spielen, weil das Playback bereits vorher aufgenommen worden war. Du sitzt also zwei Wochen lang im Scheinwerferlicht, Filme, Pause, nächste Szene und so weiter. Ich hab’ dann in den Pausen immer in der Ecke gesessen und geübt, bis es wieder hieß: einsteigen, wieder einsteigen! Also wieder ab auf die Bühne. Ich war ja gerade mal 24 oder 25, also 1964 war das. Ich wollte spielen.

Und dann machten wir eine Russland-Tournee. 1964, also mitten im Kalten Krieg, und die erste Station war Moskau, danach Leningrad und Sotchi. Wir kommen im Hotel an, einem Riesenhotel, warten in der Lobby, und dann kriegen wir unsere Zimmer nicht. Es hieß, wir gehen in ein anderes Hotel, das war ein ganz billiges und lag ein bisschen außerhalb der Stadt. Derek Humble wachte in der ersten Nacht auf und war total von Wanzen zerstochen. Wieso das alles? Das Bolshoy-Ballett war im Austausch für die Edelhagen-Bigband in Deutschland, nicht, Bolshoy-Ballett. Und die deutschen Behörden hatten zwei der Leute vom Bolshoy-Ballett ausgewiesen, ich weiß auch nicht, was der Grund war, ob die spioniert hatten oder so. Jedenfalls nehme ich an, dass unsere Umquartierung ins verwanzte Hotel eine Retourkutsche gewesen war. Ansonsten hatten wir auf der Tournee immer einen freundlichen Begleiter dabei. Wir spielten zwei Wochen lang in Moskau, und auch in den anderen Städten teilweise in Stadien und vor Tausenden Menschen, 20.000 Leute, jeden Abend…

Dann hatte ich also bei Edelhagen gekündigt und bin sofort nach Berlin gegangen, wo Fritz Bauer, Joe Nay und Hans Rettenbacher ein Quartett mit mir machen wollten. Ich hatte einen großen 220er Mercedes, bin dann gleich mit Bob Carter, einem Amerikaner und dem letzten Bassisten, mit dem ich bei Edelhagen zusammengespielt hatte, nach Berlin. Da traf ich dann wieder Johnny Griffin, der gerade in Berlin spielte. Wir wohnten zusammen mit anderen Musikern in einer gemeinsamen riesigen Wohnung auf der Westfälischen Straße. Da kam dann auch der Bruder von Kenny Barron, der Saxophonist Bill Barron, der mir über John Coltrane erzählte. Der war zusammen mit Coltrane auf der Schule gewesen. Die beiden hatten zusammen angefangen Musik zu machen; Bill Barron war anfangs viel moderner gewesen als Coltrane, der ganz konventionell gespielt habe, noch auf dem Altsaxophon. Dann hat er sich natürlich weiter entwickelt.

Bill jedenfalls empfahl mir: Schau nicht auf Sonny Rollins, schau auf Coltrane. Ich war ja noch am Üben. In Berlin traf ich viele amerikanische Musiker, die waren schon in der Free-Szene aktiv waren. Dann spielte ich mit dem Schlagzeuger Stu Martin in total freiem Kontext zusammen. Ich war aber noch gar nicht so weit. An einem Abend spielten wir einen Set, und ich zitierte “All the Things You Are” dazwischen. Und da fuhr Stu von hinten dazwischen: BAAAA! What’s that?! Das war schon ein radikaler Umbruch.

Mit Manfred Schoof und Alexander von Schlippenbach hatten wir schon zu Edelhagen-Zeiten ein Quintett, mit dem wir vor allem Hardbop spielten, Art Blakey, Horace Silver. Ich war bereits anderthalb Jahre in Berlin, als mich Manfred anrief: Gerd, komm’ zurück nach Köln, wir machen unser Quintett neu, aber jetzt mit eigenen Stücken, keine Bebop-Nummern mehr. Ich bin dann sofort zurück nach Köln. Wir übten in Marburg; Claus Schreiner lebte dort, und auch Buschi Niebergall, bei dem ich meistens wohnte. Nur eigene Stücke also. Wir probten und übten und spielten, und dann kam die erste Platte heraus bei Lippmann+Rau, “Voices”, die wurde ein Riesenhit in ganz Europa. Wir haben in der Folge alle Festivals abgespielt, Molde, Montreux, Prag, Warschau…

Knauer:
Ihr habt eigene Stücke gespielt; ihr habt begonnen, freier zu improvisieren. Du kamst ja eigentlich von einer ganz anderen Musik, das ist ja schon ein großer ästhetischer Umschwung, oder? Wie hat denn das Publikum darauf reagiert

Dudek:
Ja, das war schon plötzlich. Die Reaktionen haben mich erstaunt, sie waren größtenteils positiv. Natürlich gab es auch Buhs von den eingefleischten Jazzern. Aber selbst von amerikanischen Musikern bekamen wir nur Zuspruch. Woody Shaw und der Saxophonist Nathan Davis hatten eine Gruppe, die bei einem Gig zusammen mit uns gebucht war. Woody Shaw kam danach zu mir und meinte: Awww, fantastisch. I’d like to play like you. Die meisten der Amerikaner waren damals, Mitte der 1960er Jahre, noch nicht so frei. Und wir haben das einfach gemacht. Naja, und natürlich waren wir bereits zuvor in Kontakt mit modernen Komponisten gewesen, Bernd Alois Zimmermann und Karlheinz Stockhausen, die ja beide in Köln lebten. 1965 hatten wir bei der Uraufführung von Zimmermanns Oper “Die Soldaten” mitgewirkt, später dann beim “Requiem für einen jungen Dichter”.

Mit Wolfgang Dauner und Jean Luc Ponty war ich 1967 bei der Platte “Free Action” dabei gewesen. Wolfgang hatte seine Stücke schon richtig notiert, aber die Improvisationen dazwischen waren immer frei. Und dann war da natürlich Globe Unity, ab 1966, wo wir in Berlin auftraten. In der Band gab es ebenfalls aufgeschriebene Teile, die quasi die Richtung vorgaben – von hier nach da –, und die Struktur ¬ jetzt spielt der ein Solo oder zwei Solisten zusammen, dann aber kommt wieder ein geschriebener Block. Das waren dann meist grafische Partituren, aber nach und nach wurde das später ganz aufgegeben. Naja, es gab schon noch Noten, zum Beispiel bei einer Asien-Tournee fürs Goethe-Institut, bei der wir anfangs Stücke spielten. Aber dann waren wir in Bombay beim Festival, und Alex meinte nur: heute keine Noten! Und dann spielten wir eben nur frei. Du musst dir das vorstellen: ein riesiges Openair-Festival. Stan Getz spielte vor uns, und dann wir, 20, 21 Leute, völlig freie Improvisation, und dann sah man schon die ersten Leute rausgehen. Wir spielten aber einfach weiter, am Ende war kaum mehr einer da. Es gab einen Riesen-Verriss in der Presse, da las man dann von einer Kakophonie ohnegleichen.

Knauer:
Wie war das denn für dich, wenn du mitkriegst, dass das Publikum, das einen zuvor geliebt hat, plötzlich nichts mehr mit deiner Musik anfangen kann? Fragst du dich da als Musiker, ob du noch alles richtig machst? Oder habt ihr gesagt: Jetzt erst recht!?

Dudek:
Ja, das ist eine gute Frage. Früher man hat ja immer fürs Publikum gespielt. Und dann kam in den 1960er Jahren dieser Umbruch, da wollten wir’s denen zeigen, wollten keine anschmeichelnde Musik, keine schöne Musik mehr machen. Ich selbst … für mich war das immer ein bisschen too much. Ich hab auch in den freien Passagen immer versucht einen großen Bogen zu machen. Weißt du, es gab ja damals auch Leute, die konnten kaum ihr Instrument spielen, haben dann aber “frei” gespielt.

Knauer:
Ich würde zum Schluss vielleicht noch gern über Instrumentales sprechen, über Technik. Wie oft übst du am Tag?

Dudek:
Ich übe eigentlich jeden Tag, und wenn es nur eine halbe Stunde ist. Ich versuche immer noch den richtigen Sound zu finden, also einen Sound, der mit dem Körper in Einklang ist. Das hängt ja mit dem Instrument genauso zusammen wie mit den Mundstücken. Gerade habe ich ein Saxophon zur Ansicht bekommen, das hatte dem Saxophonisten Frank Wright gehört. Das ist schon lange nicht mehr gespielt worden, und es hat einen ganz anderen Sound. Der hatte sich in Paris so eine Spezialanfertigung machen lassen. Ich spiele ab und zu mit Markus Lüppertz, und Frankie Wollny, der das organisiert, hatte das Instrument zuhause. Die hatten mal in der gleichen Gegend gewohnt, jedenfalls hatte er das Saxophon jahrzehntelang bei sich liegen. Letzte Woche haben wir dann mit Lüppertz in einer Kirche gespielt, eine andere Art von Musik, frei, aber auch melodisch. Jedenfalls hat der Veranstalter zwei Söhne, die auch spielen, und der eine Sohn probierte das Saxophon aus, kriegte aber kaum was raus. Frankie hat mir das dann zum Auschecken gegeben; ich musste das erstmal ein bisschen säubern.

Knauer:
Jedes Instrument hat also seinen eigenen Sound? Nicht du machst den Sound, sondern nur gemeinsam du und das Instrument…

Dudek:
Ja, das ist für mich sehr wichtig. Dein Instrument darf dich nicht überwältigen. Du musst damit machen können, was du willst. Und deshalb hab’ ich das schöne alte Mark VI von 1959, das ist wie ein Teil von mir.

Knauer:
Spielst du nach wie vor Sopransaxophon? Querflöte?

Dudek:
Ja, ich spiele jeden Tag Querflöte. Ich möchte gern noch mehr Flöte und Klarinette spielen, das kann ja ganz wichtig für die Stimmung sein. Andererseits ist ja im Grunde genommen in einem Instrument das alles schon drin. Aber auch da suche ich immer noch, Mundstücke, Blätter. Das ist ein Thema für sich, Saxophonblätter. Neulich spielte ich mit Klaus Doldinger bei der Düsseldorfer Jazz Rallye im neuen Landtag, und Klaus empfahl mir diese Blätter. Ich hab sie dann sofort gekauft, aber ich komm mit denen einfach nicht zurecht. Man sucht halt immer weiter…

Knauer:
Du spielst also seit sehr, sehr vielen Jahren Saxophon und bist immer noch auf der Suche nach dem richtigen Blättchen, immer noch auf der Suche nach dem Sound?

Dudek:
Ja, sicher, ja.

Oral History

Joachim Ernst Berendt

Mit Joachim Ernst Berendt fing alles an – zumindest wenn man die Geschichte des Jazzinstituts betrachtet. Seine Sammlung, die er 1983 an die Stadt Darmstadt veräußerte, war der Grundstein dessen, was – mittlerweile um ein Vielfaches angewachsen – das Archiv des Jazzinstituts ausmacht. Als ich im September 1990 als erster Direktor des Jazzinstituts mit der Arbeit begann, kam ich selbstverständlich rasch in Verbindung mit Berendt, Wir sahen uns regelmäßig, etwa drei oder vier Mal im Jahr, meist in seinem Haus in Varnhalt bei Baden-Baden, wo ich Kisten mit Material abholte, das er vertragsgemäß ans Jazzinstitut weiterreichte; CDs, Bücher, andere Dinge, die er zum Jazz erhalten hatte, die aber sein Interesse nicht mehr so stark weckten.

Nach dem Vorbild des Institute of Jazz Studies begannen wir bereits 1991 mit Interviews  mit Zeitzeugen der deutschen Jazzgeschichte, einer Art Oral History, die wir auf Band, zum Teil sogar auf Video festhielten. Es ist keine sehr große Sammlung an Interviews geworden – zu sehr entwickelte sich die tägliche Arbeit des Instituts in andere Richtungen. Das mehrstündige Gespräch mit Joachim Ernst Berendt aber ist eines, das mir besonders wichtig war, weil es mehr war als nur seine Geschichte: es erzählte ja auch die Geschichte des Materials, das wir nun verwalteten. Wie immer in solchen persönlichen Erinnerungen ist Berendts Darstellung eine rein subjektive. Bestimmte Themen sparte er ganz bewusst aus, über andere hatte er seine ganz eigene Perspektive. Ich war (und bin) kein investigativer Journalist; meine Aufgabe war es, ihn zum sprechen zu bringen. Und als ich jüngst – so ein wenig beim Ausmisten der Regale zum Ende meiner Amtszeit – wieder über das Gespräch mit ihm stolperte, fand ich es doch bemerkenswert. Hier also die Geschichte von Joachim Ernst Berendt, in seinen eigenen Worten…

(Wolfram Knauer, Oktober 2023)

Zum Lesen der PDF-Datei einfach auf das Bild klicken

(Bild oben: Joachim Ernst Berendt beim 4. Darmstädter Jazzforum 1995. Foto: Matthias Creutziger)

Destination Unknown: Abstracts

Ablauf der Konferenz:

DONNERSTAG – Nachmittag
28. September 2023

14:00:
Oberbürgermeister Hanno Benz
Grußwort: Eröffnung des 18. Darmstädter Jazzforums

Wolfram Knauer
Die Zukunft des Jazz. Eröffnung

Organisatorische und inhaltlich einführende Worte zur Konferenz und zur Bedeutung des Gesprächs über die Zukunft des Jazz für die aktuellen Jazzdiskurse insbesondere in Deutschland

Thema:
PAST AND FUTURE

14:15:
André Doehring (Graz)
Blubberbumm! Wolfgang Dauners Zukunft des Jazz ins Heute gewendet

— abstract: —

Die Frage nach dem Entwurf einer jazzmusikalischen Zukunft ist oft von den Nöten einer Gegenwart geprägt, die den Blick auf historische Kontinuitäten trüben können. In meinem Vortrag diskutiere ich am Beispiel Wolfgang Dauners während der 1970er, wie er eine musikalische Zukunft des Jazz entwarf, die meines Erachtens einerseits unsere Jazzgegenwart zu einem guten Teil kennzeichnet.

Doch ein Aspekt von Dauners Musik scheint mir andererseits ein wenig unterbelichtet: seine ernsthafte jazzmusikalische Ansprache eines kindlichen Publikums. Vor der Einsicht, dass eine lebendige Zukunft des Jazz stets nur in der Gegenwart gestaltet werden kann, schließt der Vortrag mit dem Plädoyer, sich heute stärker und anders zukünftigen Sympathisant*innen des Jazz zuzuwenden.

— bio: —

André Doehring (Dr. phil.) ist Professor für Jazz- und Popularmusikforschung am von ihm geleiteten Institut für Jazzforschung der Kunstuniversität Graz (Österreich). Seine Arbeitsgebiete sind Analyse und Historiographien von populärer Musik und Jazz sowie Musik und Medien. Er ist Mitherausgeber von Jazzforschung / Jazz Research und Beiträge zur Jazzforschung / Studies in Jazz Research.

15:15:
Harald Kisiedu (Hamburg)
Jazz is dead: Überlegungen zu einer gar nicht mal so neuen Idee

— abstract: —

2022 verkündete der Trompeter Theo Croker lapidar “JAZZ IS DEAD”. Dabei lässt sich die Vorstellung vom Tod des Jazz bis in die späten 1950er Jahre zurückverfolgen. So steht diese Idee beispielsweise im Zentrum von Ed Blands Film The Cry of Jazz, der 1959 erschien. In diesem Beitrag wird die Idee vom Tod des Jazz in den größeren historischen Kontext der Zurückweisung des Begriffs “Jazz” seitens afroamerikanischer Musiker:innen gestellt, die mit kulturell-ästhetischer Selbstbestimmung einherging. Ausgehend von der mit einem einengenden Begriff von Jazz als Genre verbundenen Beschränkung der Mobilität Schwarzer Menschen wird mit Fokus auf die 1968 in New York gegründete Society of Black Composers das noch immer von Schweigen umgebene Schaffen afrodiasporischer Komponist:innen beleuchtet.

— bio: —

Harald Kisiedu ist historischer Musikwissenschaftler und Saxophonist, der an der Columbia University in historischer Musikwissenschaft promoviert wurde. Zu seinen Forschungsinteressen gehören afrodiasporische klassische und experimentelle Komponist:innen, Jazz als globales Phänomen, Improvisation, Musik und Politik sowie Wagner. Kisiedu ist Dozent am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück und hat bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, an der Hochschule für Musik und Theater “Felix Mendelssohn Bartholdy” Leipzig und am British and Irish Modern Music Institute Hamburg gelehrt. Er ist u. a. mit Branford Marsalis, George Lewis, Hannibal Lokumbe und Henry Grimes aufgetreten und machte Aufnahmen mit dem von Greg Tate geleiteten New Yorker Ensemble Burnt Sugar, the Arkestra Chamber und dem Komponisten und Improvisator Jeff Morris. Kisiedu ist der Autor von European Echoes: Jazz Experimentalism in Germany, 1950-1975 (Wolke Verlag) und ist Mitherausgeber (mit George E. Lewis) von Composing While Black: Afrodiasporische Neue Musik Heute/Afrodiasporic New Music Today (ebenfalls Wolke Verlag).

 

16:15:
Roundtable 1
Jazz – aber für wen eigentlich?
James Banner (Berlin), Evi Filippou (Berlin), Julia Kadel (Dresden), Moderation: Sophie Emilie Beha

In unserem ersten Roundtable diskutieren wir unter der Überschrift “Jazz – aber für wen eigentlich?” ob der Jazz tatsächlich unsere gegenwärtige Gesellschaft abbildet bzw. was zu tun ist, um ihn noch stärker als eine Musik der Offenheit und des Aufeinanderhörens zu positionieren. Wir haben dafür den Bassisten James Banner eingeladen, über seine Auseinandersetzung mit Klassismus in seinem Class-Work-Projekt zu berichten; die Vibraphonistin Evi Filippou, die ihre Erfahrungen mit Schüler:innen thematisiert; sowie die Pianistin Julia Kadel, die sich im Projekt QueerCheer für sie Sichtbarkeit queerer Menschen auch in Jazz und improvisierter Musik einsetzt (Moderation: Sophie Emilie Beha).

— bios: —

James Banner ist ein in Berlin lebender Improvisator/Komponist. Er kreiert (elektro-)akustische Kompositionen, oftmals auf Basis von Improvisation. Er kuratiert kollaborative improvisierte Musikprojekte und tritt mit zeitgenössischer Kammermusik und Soloprogrammen auf. Seine Werke sind von der aktuellen – vor allem britischen – gesellschaftspolitischen Lage beeinflusst.

Evi Filippou studierte Schlagzeug in ihrer Heimatstadt Volos (Griechenland) und in Berlin. Nebenbei nahm sie Vibraphonunterricht und sammelte bald Berufserfahrungen in Orchestern und Kammermusikensembles sowie mit Solo- und Duoauftritten im Bereich klassischer und improvisierter Musik. Als Sidewoman spielte Filippou unter anderem mit Chris Dahlgren, Arne Braun, Elias Stemeseder, Uli Kempendorff und Angelika Niescier, ist außerdem Teil der Nïm Dance Company. Ihre eigene Musik spielt sie mit ihrem Projekt inEvitable. Seit 2019 setzt sich Filippou als Kuratorin für Diversität im Jazz und in der Improvisationsszene Berlins ein, organisierte etwa Balance for Better (Werkstatt der Kulturen, 2019), Das ist nicht eine Frauen-Konzertreihe (ZigZag Jazzclub, 2021) sowie zusammen mit Jacobien Vlasman dem Bitches Brew Festival (House of Music 2021, Gretchen 2022). Sie wirkt bei zahlreichen Musiktheaterproduktionen mit und ist Gründungsmitglied des Opera Lab Berlin Ensembles. Seit 2016 ist Evi zudem als Dozentin in Berliner Grundschulen in einem Projekt, das Berliner Kinder durch Kultur stärken will aktiv. Ständig beschäftigt mit der Koexistenz von Komposition und Improvisation, Präzision und authentischem persönlichen Ausdruck, wohnt und übt Evi Filippou in Berlin.

Julia Kadel ist europaweit in  zahlreichen Projekten als Pianist:in und Komponist:in aktiv und spielte Konzerte in Philharmonien sowie bei internationalen Festivals. 2019 zählte das Magazin Jazzthing sie zu den deutschen “Top Ten Key Players”. Sie erforscht die Möglichkeiten des Ausdrucks durch Spiel und eine konzeptionelle Anlage der eigenen Kompositionen und Improvisationen, um die Themen des Alltags mit dem Publikum zu teilen. Als Solistin ist Kadel auch in Projekten wie “How to Fail (Together)” mit dem australischen Konzeptkünstler Julian Day oder “Systemrelativismus – Was ist richtiger?” mit dem Darmstädter Installationskünstler Stefan Mayer-Twiehaus aktiv. Politisch engagiert sich Kadel unter anderem in der 2021 von ihr mitgegründeten Queer Cheer Community for “Jazz” and Improvised Music in Germany, die 2022 ihr erstes Event im Donau115 in Berlin veranstaltete und 2023 mit dem Sonderpreis der Jury des Deutschen Jazzpreises ausgezeichnet wurde.

Sophie Emilie Beha ist multimediale Musikjournalistin. Sie ist Autorin und Moderatorin für die verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sender. Daneben schreibt sie regelmäßig für die taz und Fachmagazine wie Jazz thing, JazzZeitung oder Jazz’n’More. Auf Bühnen sowie vor der Kamera moderiert sie Festivals (Leipziger Jazztage), Konzerteinführungen, Podcasts (domicil Dortmund) und Podiumsdiskussionen (Stadtgarten Köln). Außerdem steht sie immer wieder auch hinter der Kamera, beziehungsweise führt Regie für Videoprojekte (domicil Dortmund, WDR). In Köln kuratiert Beha Konzerte und Festivals im Stadtgarten und hat das interdisziplinäre Festival guterstoff mitgegründet. Außerdem ist sie Dramaturgin des Sänger*innenkollektivs PHØNIX16 in Berlin und Mitglied des experimentellen Vokalensembles Γλωσσα (Glossa), mit dem sie 2022 das Karl-Sczuka-Recherchestipendium gewonnen hat. Im Jahr 2021 wurde sie für den Preis für deutschen Jazzjournalismus nominiert und seit 2022 wird ihre kuratorische Tätigkeit von NICA artist development gefördert. In Köln und Budapest hat sie Musikjournalismus studiert.


FREITAG – Vormittag
29. September 2023

Thema:
ANCIENT TO THE FUTURE

9:30:
Richard Herzog (Gießen)
Ancient to the Future.
Free Jazz ersteht aus seiner Vergangenheit auf, bei Matana Roberts und Moor Mother

— abstract: —

Die Musiker:innen, die Free Jazz spielten, betonten bereits in den frühen 60er Jahren ihre Verwurzelung in zahlreichen Traditionen der afrikanischen Diaspora. Neben Blues-Licks bei Ornette Coleman entwickelten unter anderem Milford Graves oder Andrew Cyrille innovative Schlagzeug-Rhythmen, die aus karibischer und afrikanischer Perkussion entstammten. Diese Entwicklungen werden im Vortrag historisch nachgezeichnet, wie auch anhand zweier aktueller US-amerikanischer Musikerinnen: Matana Roberts und Moor Mother (Camae Ayewa). Beide setzen sich in ihren Werken mit den fortwährenden Traumata der Plantagen-Sklaverei auseinander; beide verbinden auf unterschiedliche Weise Free Jazz mit vorangegangenen und neueren Musikformen, von Spoken Word über Oper bis hin zu Noise.

— bio: —

Richard Herzog ist Historiker an der Philipps-Universität Marburg und am DFG-Sonderforschungsbereich “Dynamiken der Sicherheit”. Er promovierte zum Thema “Nahua-Stimmen aus dem kolonialen Zentralmexiko: zum Überleben ihrer gesellschaftlichen Überzeugungen”. Richards Forschungsinteressen umfassen Iberoamerika, Food Studies, sowie Emotionsgeschichte. Er forscht zudem zu Jazz, afrikanischer Musik und Improvisationsmusik.

10:30:
Magdalena Fürnkranz (Wien)
Jazz und Afrofuturismus.
Stellen Sie sich vor, Sun Ra hätte Janelle Monáe getroffen

— abstract: —

Mit Akteuren wie Sun Ra und George Clinton etablierte sich der Afrofuturismus in den 1960er und 70er Jahren zu einem popkulturellen Phänomen. Lange Zeit war es ruhig um die Bewegung, wiewohl sie in den letzten Jahren eine Renaissance in der Popkultur erlebte. Vor allem eine Reihe von Jazz- und Popmusikerinnen wie Janelle Monáe integrieren afrofuturistische Ideen und Ansätze in ihr Repertoire und definieren Aspekte afroamerikanischer Weiblichkeit durch die Verwendung verschiedener ästhetischer Elemente neu. Für Monáe und Sun Ra verkörpert Musik, insbesondere der Jazz, eine Form der Überschreitung sowie einen Bewusstseinszustand, in dem die Zuhörer:innen die Instabilität der künstlerisch gewählten Narrative vergegenwärtigen.

In diesem Vortrag diskutiere ich die einzigartigen Charakteristika von Janelle Monáe und Sun Ra in Bezug auf Afrofuturismus und Jazz und stelle erste Verbindungen zwischen den beiden Künstler:innen her. Anschließend möchte ich mich mit der Frage einer möglichen Kooperation auseinandersetzen und versuche die Entstehung eines gemeinsamen Albums zu skizzieren. Ich beabsichtige, eine klangliche, lyrische und visuelle Reise von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart zu entwerfen, um eine theoretische Grundlage für eine imaginäre Zusammenarbeit zu schaffen und eine mögliche Richtung für die Zukunft des Jazz zu diskutieren.

— bio: —

Magdalena Fürnkranz ist Senior Scientist am Institut für Popularmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) und als Mitinitiatorin des PopNet Austria Organisation des seit 2014 stattfindenden interdisziplinären Symposions zur Popularmusikforschung in Österreich an der mdw. Sie ist außerdem Co-Leiterin des künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekts “Instrumentalistinnen und Komponistinnen im Jazz” gemeinsam mit der Bassistin Gina Schwarz. Zu den weiteren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem: Performativität und Inszenierung in populären Musikformen, intersektionale, queere und postkoloniale Perspektiven auf musikkulturelle Felder, Musikszenen in Österreich und New Jazz Studies.

11:30:
Bettina Bohle (Berlin)
Genre no Genre

— abstract: —

Die Genrefrage scheint gerade in Bezug auf Jazz eine hochkomplexe Angelegenheit. Als Hilfsmaßnahme wird Jazz häufig nicht als Genre, sondern als Musikpraxis beschrieben. Damit wird die Frage nach einer tragfähigen Definition jedoch nur verschoben, nicht beantwortet. An den verschiedensten Stellen tauchen Abgrenzungs- und Zugehörigkeitsfragen dann wieder auf, mit mehr oder weniger starken Konsequenzen. Die Schwierigkeiten scheinen jedoch weniger im Jazz selbst, sondern in einem zu starren Genrebegriff zu liegen. Ausgehend von einer Arbeitsdefinition sollen verschiedene Bereiche der unter dem Begriff „Jazz“ in Deutschland laufenden Praxen beleuchtet werden. Denn: Über die Zukunft des “Jazz” nachzudenken braucht ein solides Verständnis davon, worüber eigentlich gesprochen wird.

— bio: —

Bettina Bohle leitet das Projekt “House of Jazz – Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik” (AT). Seit 2013 ist sie für verschiedene Jazz-Verbände aktiv (IG Jazz Berlin, BK Jazz, Deutsche Jazzunion). Zum Jazz kam die studierte Gräzistin, Musikwissenschaftlerin und Philosophin über selbst organisierte Hauskonzerte. Mehrere Jahre betrieb sie den Blog JAZZAffine samt zugehörigem Newsletter. Als freie Projektmanagerin hat sie die Initiative Musik beim Aufbau des Deutschen Jazzpreises unterstützt.


FREITAG – Nachmittag
29. September 2023

Thema:
WAS WÄRE WENN?

14:00:
Niels Klein + Jorik Bergman (Köln)
Zukunftsmusik

— abstract: —

Das BuJazzO hatte 2022 einen Kompositionswettbewerb unter der Überschrift “Zukunftsmusik” ausgerichtet, damit allerdings vor allem auf das Alter der teilnehmenden Komponist:innen angespielt. Der Saxophonist Niels Klein, der den Wettbewerb leitete, und die Flötistin Jorik Bergmann, die zu den Preisträger:innen gehörte, machen sich dennoch gemeinsam Gedanken darüber, was Zukunft für sie und für ihre jeweilige Musik bedeuten mag, ganz konkret, künstlerisch oder für ihre jeweilige Lebensplanung.

— bios: —

Niels Klein ist Saxophonist, Klarinettist, Komponist, Arrangeur und Dirigent und lebt in Köln. Seine zahlreichen Veröffentlichungen als Bandleader umfassen Alben von Trio-, und Quartettformaten über Large Ensembles verschiedener Grössen bis hin zu Bigband und Orchesterbesetzungen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den WDR Jazzpreis Komposition, ECHO Jazz, u.v.a. Als Komponist, Arrangeur und Dirigent arbeitet er regelmässig mit den Bigbands des  NDR und WDR sowie vielen anderen Bigbands und Orchestern der freien Szene in Deutschland und Europa. Er ist seit 2011 Teil des festen künstlerischen Leitungsteams des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) und ist seit 2016 als Professor für Jazz-Saxophon und Ensemble an der Hochschule für Musik und Tanz Köln tätig.

Jorik Bergman is a professional jazz flutist, composer, arranger and bandleader living in Cologne, Germany. She works with her own jazz trio, called the “Jorik Bergman Trio”, and various large ensemble projects. These include an upcoming EP with her own big band, a tour with her octet, the “Julius Eastman Project” and her “Mingus Project. In the course of the last few years she has written arrangements for multiple big band constellations such as the Jazzorchestra of the Concertgebouw Amsterdam and the the JugendJazzOrchester (JJO) among others. She has also been in charge of the “Julius Eastman Project” at the 10th edition, and the “Mingus Project” at the 11th edition of the Weekend Festival. She has won 1st prize at the 2022 Composition Competition, from the JJO NRW, the 2021 Composition Competition from the Subway Jazz Orchestra, the 2022 Composition Competition from the BundesJazzOrchester and the ACADÉMIE DE COMPOSITION JAZZ 2023 by the ONJ (Orchestre National de Jazz) in Paris. As a flute player she has played at well-known festivals such as the aforementioned Weekend Festival, the Nijmegen International Music Meeting Festival and the renowned North Sea Jazz festival.

15:00:
Frank Gratkowski (Berlin)
Was ist Jazz? Oder: Was könnte Jazz heute sein bzw. aus ihm werden?
Eine persönliche Sichtweise

— abstract: —

Es ist nahezu unmöglich, heute genau zu definieren, was Jazz ist bzw. was der Begriff bedeutet – bleiben also die Fragen danach, was er sein und was daraus werden könnte. Ist Jazz ein Stil oder eher eine Haltung? Was zeichnet Musik aus, die auch heute als Jazz bezeichnet wird? Gibt es Merkmale, die Jazz deutlich von anderen Musikstilen unterscheiden? Ich persönlich frage mich oft, ob ich überhaupt noch ein Jazzmusiker bin. Die Wurzeln sind da, da bin ich mir sicher, bei manch anderem oft nicht mehr. In dem Vortrag will ich versuchen, eine Art kubistische Betrachtung des Begriffs Jazz vorzunehmen. Wo sind die Grenzen der Musik, um nicht mehr oder noch Jazz zu sein? Gibt es diese Grenzen überhaupt? Ich werde versuchen, diese und andere Fragen anhand meiner Einflüsse und meiner musikalischen Tätigkeiten zu untersuchen.

— bio: —

Frank Gratkowski ist ein in Berlin lebender freischaffender Saxophonist, Klarinettist, Flötist, Improvisator und Komponist. Er studierte an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, wo er seit über 30 Jahren unterrichtet. Frank Gratkowski veröffentlichte über 50 CDs unter seinem Namen und ist auf vielen weiteren als “Sideman” zu hören.
Seine musikalische Spannbreite umfasst u.A. experimentelle Musik, Jazz, improvisierte Musik, Neue Musik, Rock und Elektronische Musik. Er konzertiert weltweit solo, in Bands sowie Orchestern und komponiert für Ensembles (u.A. Ensemble MusikFabrik und Ensemble Modern), in letzter Zeit mit einem Fokus auf Mikrotonalität.

16:00:
Roundtable 2
Macht Platz!

  • Esther Weickel (Köln)
  • Camille Buscot (Berlin)
  • Jonas Pirzer (Stuttgart)
  • Moderation: Sophie Emilie Beha

— abstract: —

Im zweiten Panel des Jazzforums fragen wir unter der Überschrift “Macht Platz!” danach, wo sich die Zukunft der Musik gestalten lässt. Kreativität benötigt schließlich Räume, im wörtlichen Sinn genauso wie metaphorisch. Eingeladen haben wir dafür Esther Weickel, die als Projektleiterin des NICA artist development am Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik des Stadtgarten Köln arbeitet, das sie vorstellt; Camille Buscot, Projektleiterin bei der Deutschen Jazzunion und Co-Geschäftsführerin der IG Jazz Berlin, die Einblick in regionale genauso wie nationale Strukturdiskurse hat; sowie Jonas Pirzer, Referent im Kunstministerium Baden-Württemberg, der erklären kann, was es von öffentlicher Seite braucht, um Räume zur Verfügung zu stellen (Moderation: Sophie Emilie Beha).

— bios: —

Aufgewachsen in den 90ern auf einem Pferdehof in Süddeutschland, konnte Esther Weickel Pferde am Klang ihres Wieherns unterscheiden, Musik war meistens nur als flirrendes Hintergrundgeräusch aus dem Radio präsent. Während ihres Philosophiestudiums landete sie zufällig auf einer Jazz-Session und ihre Neugierde wurde geweckt. In der Folge begann Esther aufmerksam Musik zu hören und für sie öffnete sich eine neue Welt. Ab 2018 arbeitete sie für den Jazzclub Leipzig e. V., leitete zunächst hauptverantwortlich dessen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, zu der auch die Redaktion einer monatlichen Veranstaltungsbroschüre für “Jazz und andere Musik” für Leipzig und Umgebung gehörte. Später hinzukam die mitverantwortliche Planung und Umsetzung der Leipziger Jazztage 2020 und 2021. Im vergangenen Jahr ist Esther mit dem Bestreben, Neues zu Lernen und so der weiter wachsenden Neugierde nachzukommen für die Übernahme der Projektleitung von NICA artist development nach Köln gezogen. NICA artist development ist ein vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen getragenes Förderprogramm für herausragende Musiker:innen aus NRW, angesiedelt am Stadtgarten Köln.

Camille Buscot: Nach ihrem Masterabschluss 2020 hat die Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin ihre im Studium angefangene Tätigkeit bei der Deutschen Jazzunion als Referentin intensiviert. Mittlerweile ist sie als Leiterin Kommunikation und Netzwerke für den Verband tätig. Seit 2022 ist sie zudem Geschäftsführerin der IG Jazz Berlin. Durch diese Tätigkeiten kennt sie sich sehr gut mit den aktuellen politischen Herausforderungen der Szene sowohl auf regionaler als auch der Bundesebene aus.

Jonas Pirzer ist Jazzmusiker (Schlagzeug, Komposition) und Kulturmanager. Seine Band Trilith und Jonas Pirzers Konfrontationen spielten ausschließlich seine Eigenkompositionen. Er war Geschäftsführer der Deutschen Jazzunion, arbeitete als Referent für Kunst und Kultur bei der BASF, in den Kulturämtern der Städte Esslingen und Leonberg (in letzterem als Amtsleiter) und ist seit 2023 als Referent im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg beschäftigt und dort unter anderem für die Landesjazzförderung zuständig.

Sophie Emilie Beha ist multimediale Musikjournalistin. Sie ist Autorin und Moderatorin für die verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sender. Daneben schreibt sie regelmäßig für die taz und Fachmagazine wie Jazz thing, JazzZeitung oder Jazz’n’More. Auf Bühnen sowie vor der Kamera moderiert sie Festivals (Leipziger Jazztage), Konzerteinführungen, Podcasts (domicil Dortmund) und Podiumsdiskussionen (Stadtgarten Köln). Außerdem steht sie immer wieder auch hinter der Kamera, beziehungsweise führt Regie für Videoprojekte (domicil Dortmund, WDR). In Köln kuratiert Beha Konzerte und Festivals im Stadtgarten und hat das interdisziplinäre Festival guterstoff mitgegründet. Außerdem ist sie Dramaturgin des Sänger:innenkollektivs PHØNIX16 in Berlin und Mitglied des experimentellen Vokalensembles Γλωσσα (Glossa), mit dem sie 2022 das Karl-Sczuka-Recherchestipendium gewonnen hat. Im Jahr 2021 wurde sie für den Preis für deutschen Jazzjournalismus nominiert und seit 2022 wird ihre kuratorische Tätigkeit von NICA artist development gefördert. In Köln und Budapest hat sie Musikjournalismus studiert.


SAMSTAG – Vormittag
30. September 2023

Thema:
AM WANDEL MITWIRKEN

9:30:
Teresa Becker (Hannover)
Musiker:innen als Key Change Agents in Sustainability.
Zur Rolle und Funktion von Musiker:innen in der Nachhaltigkeitskommunikation

— abstract: —

1713 sprach Hans Carl von Carlowitz das Thema nachhaltige Entwicklung zum ersten Mal an, mit dem Industriezeitalter im 20. Jahrhundert waren die Emissionen auf dem europäischen Kontinent hoch wie noch nie, 1972 beschloss der Club of Rome international, dass etwas getan werden muss, um der täglich zunehmenden Umweltverschmutzung und der Ausbeutung unseres Planeten entgegenzuwirken. Seitdem wird viel über nachhaltige Entwicklung geredet und (ein bisschen) gehandelt, doch die Transformation unserer auf Kosten des Planeten lebenden Gesellschaft hin zu einer nachhaltig handelnden bleibt aus. Musiker:innen haben durch ihre Aktivitäten und ihre Reichweite das Potential, als Kommunikator*innen und Multiplikator:innen nachhaltiger Entwicklung zu agieren. Immer mehr Musiker:innen nutzen ihre Präsenz auf öffentlichen Bühnen und ihre Reichweite, um das Thema nachhaltige Entwicklung vor ihrem Publikum anzusprechen. Doch viele stellen sich auch die Frage, wie schaffe ich es, mein Publikum zu erreichen und ihnen mein Ziel einer lebenswerten Zukunft für Alle näher zu bringen? Bin ich als Musiker:in dafür geeignet, diese Rolle zu übernehmen? Nicht zuletzt quält jede:n auch mal die Frage nach dem Sinn ihres Engagements.

Bisher wurde der Rolle von Musiker:innen für eine nachhaltige Entwicklung noch nicht viel Aufmerksamkeit in der Forschung gewidmet. Doch für die Zukunft des Jazz und unserer Gesellschaft können Musiker:innen eine wichtige Rolle in der Nachhaltigkeitskommunikation einnehmen. Sie weisen unter anderem viele Eigenschaften auf, mit denen sie kreativ und flexibel auf den komplexen Diskurs reagieren können und sind mit ihren Aktivitäten und ihrer Nachhaltigkeitskommunikation unter anderem dazu in der Lage, ihr Publikum niedrigschwellig zu inspirieren, sich im Alltag nachhaltiger zu verhalten. In meinem Vortrag möchte ich die Ergebnisse meiner Forschung zur Rolle und Funktion von Musiker:innen in der Nachhaltigkeitskommunikation präsentieren und Musiker:innen sowie Akteur:innen der Musikindustrie dazu aufrufen, sich mit ihrer Funktion und ihren Möglichkeiten zur Vermittlung von Nachhaltigkeitswerten auseinander zu setzen.

— bio: —

Teresa Becker (M.A.) ist Kulturmanagerin und unter anderem im Artist- und Projektmanagement tätig. Zudem forscht sie zur Rolle und Funktion von Musiker:innen in der Nachhaltigkeitskommunikation. Sie ist Mitglied bei Music Declares Emergency und engagiert sich für ökologische Nachhaltigkeit in der Musikbranche. Angetrieben von dem Wunsch einer nachhaltigen Entwicklung und Klimagerechtigkeit ist Nachhaltigkeit ein zentrales Thema ihrer beruflichen Tätigkeiten und die Reduktion von Emissionen sowie ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen stehen neben den Projektzielen im Vordergrund.

10:30:
Monika Herzig (Wien)
New Standards: 101 Action Items
Ein praktischer Leitfaden zur Geschlechterparität

— abstract: —

Dieser Vortrag bezieht sich auf Erkenntnisse und persönliche Erfahrungen mit mehreren Projekten: Berklee`s New Standards: 101 Lead Sheets by Women Composers, the Routledge Companion to Jazz and Gender, Sheroes, Jazz Girls Days, und die 2022 Jazzstudie der Deutschen Jazzunion. Das Ziel ist klare Richtlinien zur Geschlechtsparität im Jazz zu erarbeiten die in den kommenden zwei Jahrzehnten den Ausgleich bewirken können. Der praktische Ansatz beruht auf der persönlichen Perspektive als Teilnehmer, Musiker, und Forscher.

— bio: —

Professor of Artistic Research an der Jam Music Lab University, Monika Herzig ist Autor und Co-Editor von “David Baker: A Legacy in Music”, “Experiencing Chick Corea: A Listener’s Companion” und des “Routledge Companion to Jazz and Gender” sowie weiteren Forschungsartikeln. Sie leitet das Research Committee des Jazz Education Network. Als Jazzpianistin und Leiterin von Sheroes erscheint sie regelmäßig auf den größten Weltbühnen. Info: www.monikaherzig.com

11:30:
Kaspar von Grüningen (Basel)
Die Basler “Volksinitiative für mehr Musikvielfalt” und ihr kultur- und gesellschaftspolitisches Potential

— abstract: —

Aktuell gehen 95% der öffentlichen Fördergelder in Basel an Institutionen, davon über 90% an klassische Orchester. Die “Volksinitiative für mehr Musikvielfalt” wurde im Sommer 2022 eingereicht und verlangt, dass künftig ein Drittel der öffentlichen Fördergelder für Musik an das freie Musikschaffen aller Genres gehen soll. Zudem soll die kantonale Verwaltung ihre Förderstrukturen und Vergaberichtlinien anpassen. Wann es zur Abstimmung kommt, ist noch offen. Ich berichte zum politischen Prozess, zu Reaktionen aus Musikszene, Politik und Bevölkerung.
Im Kern geht es um kulturelle Demokratie. Soll steuerfinanzierte Kultur das Produkt von Interessenspolitik sein oder sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richten?

— bio: —

Kaspar von Grüningen (*1982) wuchs in den Schweizer Voralpen auf. Er studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Bern und Jazz-Kontrabass und Komposition in Basel. Er ist seit 20 Jahren aktiver Musiker, Veranstalter, Organisator, vielfaches Vorstandsmitglied. Seit 2016 leitet er die Musikschule Jazz Basel und gründete 2019 die IG Musik Basel mit. www.kasparvongruenigen.com


SAMSTAG – Nachmittag
30. September 2023

Thema
ES GEHT UMS GANZE!

14:00:
Thomas Meinecke im Gespräch mit Peter Kemper

— abstract: —

Am Samstagnachmittag fassen wir zusammen. Dafür ist ein Blick von außen vielleicht nicht ganz falsch. Thomas Meinecke beschäftigt sich als Autor, DJ und Musiker mit Fragen der Ästhetik, der Geschlechtertheorie, mit Authentizität und künstlerischer Utopie. Im Gespräch mit Peter Kemper wird er über die Zukunft und die Grenzen des Jazz als Genre nachdenken und uns vielleicht das Bild eines Jazz vor Augen führen, den wir uns noch gar nicht vorstellen können.

–bios:–

Thomas Meinecke, *1955 in Hamburg, lebt bei München und in Marseille und veröffentlicht seit 1986 Bücher im Suhrkamp Verlag. Seit 1980 ist er Mitglied der Band F.S.K. und hat seit 1998 gemeinsame Projekte mit Move D., zwei davon mit Karl Berger. Als Radio-DJ im BR hatte er sein erstes Interview 1983 mit Sun Ra und 1985-2021 eine eigene Show und ist auch als DJ in Techno Clubs tätig. Im Berliner HAU lud er zwischen 2007 und 2020 in der Reihe “Plattenspieler” verschiedenste Gäste von Schlippenbach bis Moor Mother ein. Seit 2022 wird das Programm an der Berliner Volksbühne fortgesetzt wird, mit Baby Sommer als erstem Gast.

Peter Kemper, Jahrgang 1950, ist langjähriger Kulturredakteur im Hessischen Rundfunk (hr) und war von 1981 bis 2015 einer der Programmverantwortlichen für das Deutsche Jazzfestival Frankfurt. Seit 1981 ist er Musikkritiker im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er kann zahlreiche Veröffentlichungen unter seinem Namen verbuchen, wie zuletzt John Coltrane  – Eine Biographie und Eric Clapton – Ein Leben für den Blues. Im Oktober 2023 erscheint mit The Sound of Rebellion sein Buch zur politischen Ästhetik des Jazz (alle Reclam-Verlag).

15:00:
Uli Kempendorff (Berlin)
Exit from the Nineties.
Fehlstellen im Diskurs an Hochschulen

— abstract: —

Uli Kempendorff denkt über Fehlstellen im Diskurs an Hochschulen nach, gibt einen Streikbericht und schaut auf interessante Lösungswege aus unseren Nachbarländern. Für die meisten aktiven Musiker:innen sind die Hochschulen ein selbstverständlich gewordenes Nadelöhr auf dem Weg in die Professionalität – was sollten man heute von einer künstlerischen Ausbildung erwarten können?

— bio: —

Uli Kempendorff, (*1981 in Berlin) ist als Saxophonist dokumentiert auf Labels wie ECM, Enja, Enja/Yellowbird, WhyPlayJazz, oder Four Music, worunter fünf eigene Produktionen mit seinem Projekt »Field«. Er spielt und spielte u.a. mit Christopher Dell, Benjamin Weidekamp, Julia Hülsmann, Felix Henkelhausen, Tobias Delius, Kalle Kalima, Rudi Mahall, Wanja Slavin, Lina Allemano, Janning Trumann, Pablo Held, SEEED, Rolf Kühn, Jimi Tenor und ‘Little’ Jimmy Scott. Er ist bei Konzertreihen-und Festivalkuration in Berlin und Polen tätig und in der kulturpolitischen Arbeit in der IG Jazz Berlin und DJU seit 2012.

16:00:
Roundtable 3
Es geht ums Ganze!

  • Jan Klare (Münster)
  • Mariana Bondarenko (Kyiv)
  • Akiko Ahrendt (Köln)
  • Moderation: Sophie Emilie Beha

— abstract: —

Beim Abschlusspanel unter der Überschrift “Es geht ums Ganze!” diskutieren wir Jazz als Teil eines aktuellen gesellschaftlichen Diskurses, fragen, welche Aspekte der Praxis improvisierter Musik dazu beitragen können, uns für Gegenwart und Zukunft zu engagieren? Saxophonist Jan Klare erläutert die inneren Strukturen und die Arbeitsweise seiner Band Das Dorf, reflektiert Rollenverständnisse im Ensemble und erklärt, wie sich politische Überzeugung und Musikmachen miteinander vereinen lassen. Die Geigerin Akiko Ahrendt berichtet über die Überschneidungen von Musik und politischem Aktivismus; und die ukrainische Kulturmanagerin Mariana Bondarenko reflektiert, welche Rolle Jazz, Musik, Kultur in Zeiten des Kriegs spielt, spricht aber auch über die ganz direkten Auswirkungen des Kriegs, in dem ja zahlreiche Musiker als Soldaten aktiv sind (Moderation: Sophie Emilie Beha).

— bios: —

Akiko Ahrendt arbeitet im Kollektiv und alleine. Der Fokus liegt auf ungewöhnlichen live Settings mit Sound. Sie ist daran interessiert, verschiedene bubbles aneinander stoßen und miteinander agieren zu lassen und fragt sich, ob z.B. Kunst und Politik in einen produktiven Widerspruch zueinander geraten können. Akiko spielt/e als Performerin und Geigerin in den Gruppen radikaltranslation, orange gruppe, Rundfunk-Tanz-Orchester Ehrenfeld, ensemble Garage, Contrechamps u.a. Sie ist außerdem in verschiedenen Kontexten politisch aktiv, so z.B. bei radionordpol.

Mariana Bondarenko (Kyjiw, Ukraine) arbeitet als Kulturmittlerin seit ihrer Studentenzeit an der Nationalen Taras Schewtschenko Universität in Kyjiw. Als OeAD Stipendiatin hatte sie drei Semester an der Uni Wien an der Dissertation im Bereich Germanistik und Linguokulturologie gearbeitet. Später war sie in den internationalen diplomatischen Institutionen tätig, unter denen das Goethe Institut und das Österreichische Kulturforum, sowie auch bei german films in München. Zurzeit arbeitet sie als Jazzmusik Managerin für das Ukrainische Institut, eine staatliche Institution, die seit 2018 als Struktur des Außenministeriums der Ukraine Auslandskulturpolitik ausübt. In ihrem Tätigkeitsbereich liegen Präsentation der ukrainischen Jazz Bühne im Ausland, Initiierung der Kooperationen mit Festivals, Musikinstitutionen, Musikmedien sowie Musikakademien. 

Jan Klare ist seit Mitte der 80er Jahre als Saxofonist, Bandleader und Komponist unterwegs und hat wenig ausgelassen. Seine Biographie verweist auf Konzerte in vielen Ländern, dutzende CD-/ Radio/ TV- Produktionen und Kooperationen mit namhaften Kollegen. Verschiedene Preise belegen die Qualität seiner Arbeit – als Begründer des Orchesters “The Dorf” hat er in den letzten Jahren Spuren hinterlassen, eine Masterclass am New England Conservatory in Boston, die Fußballoper “Duell D/NL 74”, die Mitbegründung des Labels “Umland Records”, Kompositionen für “Neue Musik” Ensembles sowie die WDR BigBand, ein Stück für zwei Blasorchester/ Gospelchor/ Rockband/ Kirchenglocken und Pyrotechnik und vieles mehr lässt sich aufzählen. Klare versteht seine Arbeit als “soziologische Feldforschung” über Hörgewohnheiten, Hörerwartungen und deren Manipulation.

Sophie Emilie Beha ist multimediale Musikjournalistin. Sie ist Autorin und Moderatorin für die verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sender. Daneben schreibt sie regelmäßig für die taz und Fachmagazine wie Jazz thing, JazzZeitung oder Jazz’n’More. Auf Bühnen sowie vor der Kamera moderiert sie Festivals (Leipziger Jazztage), Konzerteinführungen, Podcasts (domicil Dortmund) und Podiumsdiskussionen (Stadtgarten Köln). Außerdem steht sie immer wieder auch hinter der Kamera, beziehungsweise führt Regie für Videoprojekte (domicil Dortmund, WDR). In Köln kuratiert Beha Konzerte und Festivals im Stadtgarten und hat das interdisziplinäre Festival guterstoff mitgegründet. Außerdem ist sie Dramaturgin des Sänger*innenkollektivs PHØNIX16 in Berlin und Mitglied des experimentellen Vokalensembles Γλωσσα (Glossa), mit dem sie 2022 das Karl-Sczuka-Recherchestipendium gewonnen hat. Im Jahr 2021 wurde sie für den Preis für deutschen Jazzjournalismus nominiert und seit 2022 wird ihre kuratorische Tätigkeit von NICA artist development gefördert. In Köln und Budapest hat sie Musikjournalismus studiert.


Das 17. Darmstädter Jazzforum wird gefördert von 

“To Erwin and Margie”

Über eine besondere Brieffreundschaft

William H. Engelleitner hatte den II. Weltkrieg als Teenager in Deutschland erlebt. Etwa 1955 wanderte er in die USA aus, arbeitete in Nordkalifornien für eine deutsche Firma beim Bau eines Spanplattenwerks mit und ließ sich schließlich in Pittsburgh, Pennsylvania, nieder. Dort arbeitete er in verschiedenen Firmen, die sich auf die Pelletierung von Eisenerz oder die Agglomeration von Brennstoffen, Mineralien und Chemikalien spezialisiert hatten. 1969 heiratete er Marilyn Cribbs, die er bei einer Konferenz in San Diego kennengelernt hatte und mit der er schließlich zwei Kinder und drei Enkel haben sollte.

Seine deutsche Heimat hatte Engelleitner aber nie vergessen. Zum einen brachte ihn sein Beruf immer wieder zu Tagungen, Vorträgen und Konferenzen nach Europa. Zum anderen hatte er Freunde hier, unter ihnen Erwin ‘Hot Lips’ Hippler und seine Frau Margot ‘Blueskick’ Hippler, genannt Margie. Letztere stand eines Tages, es muss so um 2009 gewesen sein, vor der Tür des Jazzinstituts. Sie wohnte nicht so weit vom Jazzinstitut entfernt und war ab und an bei Freiluftkonzerten auf dem schönen Jagdhof gewesen. Nun brachte sie ein Album vorbei, das Schätze enthielt, die ihre Bill Engelleitner über die Jahre zugeschickt hatte.

Der dünne Ordner ist außen mit einer Karte beklebt, ein Mann mit Brille, unter dem einen Arm eine Trompete, unter dem anderen eine Schallplatte. Auf dem Bild sieht das alles gezeichnet aus, tatsächlich hat, wer immer diese Karte bastelte, einen Knopf als Schallplatte unter den Arm des Mannes geklemmt. Es folgt eine maschine-geschriebene Auflistung der “Autogramme von Jazzmusikern, gesammelt von William H. Engelleitner, 1955 ausgewandert nach U.S.A., Stand vom Januar 1985”.

Allein die Zahl der Autogramme fasziniert: 197 Musikerinnen und Musiker, einige mehrfach um eine Unterschrift gebeten.  Die Autogramme der Eddie Condon-Band finden sich auf einem offiziell gefertigten Bandfoto, für das Condons “Hausfotografin”, wie Engelleitner schreibt, die Unterschriften der anwesenden Musiker einholte. Ansonsten finden sich Unterschriften auf dem Papier, das zur Verfügung stand: Alvin Alcorn und Joseph Cornbread Thomas, Sweet Emma, Percy Humphrey und Willie Humphrey  unterschrieben auf einem Notizzettel des Hilton Inn, Frank Assunto von den Dukes of Dixieland auf einem der Fluglinie TWA. Henry Red Allens Unterschrift findet sich auf der Rückseite einer Tischkarte aus dem New Yorker Club Jimmy Ryan’s, die Harfenistin Dorothy Ashby unterschrieb auf einem gelben Zettel mit direktem Gruß nach Darmstadt: “Lots of happiness to Erwin”.

Trompeter Shorty Baker unterschrieb auf einem Teil der Pittsburgh Press Tageszeitung, Chet Baker (1958) auf einem braunen Briefumschlag. Der australische Pianist Graeme Bell und der Trompeter Teddy Buckner hatten eigene Autogrammkarten, der Pianist Burt Bales benutzte eine Cocktailservierte mit dem Aufdruck “Jerome’s Cafe,  San Francisco”. Ray Bauduc unterschrieb auf der Rückseite einer Postkarte des “Roundtable” auf der New Yorker Eastside, Sam Donahue unterschreibt in Las Vegas auf der Rückseite eines Schecks aus Engelleitners Scheckbuch.

Bei einem London-Besuch ergattert Engelleitner die Unterschrift Acker Bilks (dies scheint zugleich das späteste Autogramm der Sammlung zu sein, es datiert von Ostern 1985). Paul Chambers und Jimmy Cobb unterschreiben bei einem Auftritt Miles Davis’ wiederum auf der Rückseite eines Schecks. Wir lesen die Namen Cozy Cole und Al Cohn, finden auf einer Seite zwei Autogramme von Wilbur de Paris, und Barbara Dane grüßt Margot Hippler mit einem “To Margie – Blues lovers are everywhere” – wiederum auf einer Cocktailservierte, diesmal aus Tsang’s Ricksha in San Francisco.

Art Hodes unterschrieb auf der Rückseite einer Programmkarte aus Chicago, Bert Dahlander auf dem Boarding-Pass der Northeast Airlines, Sidney de Paris auf der Hälfte einer Tischkarte aus dem New Yorker Metropole Cafe. Die einzige deutsche Karte stammt aus dem Frankfurter Storyville, in dem 1960 Armand Gordons Band signierte, unter ihnen der wahrscheinlich einzige Musiker der Sammlung, der noch lebt: Schlagzeuger Peter Giger.

Unter Erroll Garners Autogramm schreibt Engelleitner: “soll Erroll Garny heißen”, Coleman Hawkins und Buster Bailey unterzeichnen auf einem Zettel aus dem Hotel Commodore. Chubby Jackson unterzeichnet mit seinem gesamten Oktett, und Jackson ergänzt das alles mit einer Nachricht an die Hipplers. Illinois Jacquet signiert Engelleitners eigene Visitenkarte; Franz Jacksons Band eine Postkarte aus dem Chicagoer Sherman Hotel. Rolf Kühn, der in den 1950ern in New York lebte, grüßt “Fr. Margot” auf einer Postkarte aus Berlin.

Gene Krupa signiert die Tischkarte des Eddie Condon’s Club, wo er im Dezember 1961 bei der Band von Max Kaminski einstieg, George Lewis und seine Band erwischte Engelleitner 1966 in der Preservation Hall in New Orleans. 1969 hörte er die Thad Jones / Mel Lewis Band im Village Vanguard (Autogramm vom Lewis), holt sich aber auch die Unterschrift vom Bluesmusiker Brownie McGhee. Gerry Mulligan, Jimmy McPartland, Phil Napoleon, unterschreiben auf Zetteln und Zeitungsausrissen, Kid Ory (“to Erwin and Margie”) auf der Rückseite eines Telegramms.

Jimmy Rushing schickt “best wishes” als “Jimmi Rushing” (!), weitere Grüße stammen von Muggsy Spanier, Ralph Sutton, Charlie Shavers, Zutty Singleton und Hal Singer. In den Bohemian Caverns in Washington, DC, hört Engelleitner Horace Silver, Blue Mitchell und Junior Cook, holt daneben einen Gruß an “Erwin and Marhie” von Jess Stacy. Jack Teagarden unterschreibt auf einem Zettel aus dem Cherry Hill Inn in New Jersey.

Bud Freeman unterhielt sich in der Pause eine Weile mit Engelleitner und verabschiedete sich mit “Auf Wiedersehen”, beim selben Konzert war dann auch noch Rex Stewart zugegen. Clark Terry zeichnet die Weinkarte des Half Note in New York, Sarah Vaughan (“To Margie”) eine Karte aus dem Sherman Hotel in Chicago, und Joe Venuti schreibt: “Hope I see you in Heidelberg”. Ben Webster und nochmal “Jimmi” Rushing sowie Teddy Wilson beschließen die Autogrammsammlung.

Margot Hipplers Autogrammsammlung ist eine der vielen rührenden Geschichten, die sich in unserem Archiv finden. Wir stellen uns vor, wie die Hipplers über Jahre die Brieffreundschaft zu Willie Engelleitner aufrecht erhielten und wie viel Freude es diesem offensichtlich machte, die Darmstädter Freunde immer wieder mit neuen Autogrammen zu überraschen.  Die begleitenden und sicher eher persönlichen Briefe sind übrigens nicht bei uns gelandet, aber der Blick in das Album nimmt uns auf sehr lebendige Weise mit in die amerikanische Mainstream-Jazzszene der späten 1950er und 1960er Jahre.

Wolfram Knauer (Juli 2023)

Darmstädter Musikgespräche (Archiv)

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32. Darmstädter Musikgespräch:
Kunst kommt von … ?
Ein Musikgespräch über Joseph Beuys und über Musik

Gast: Martin Faass, Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt
Termin: [ursprünglich: Mittwoch, 27. Mai 2020, 20:00 Uhr]
verschoben; neuer Termin wird bekanntgegeben!
Ort: Museumscafe im Landesmuseum Darmstadt

Vor 50 Jahren richtete Joseph Beuys im Darmstädter Landesmuseum mehrere Räume ein, die seither als “Block Beuys” Kunstgeschichte geschrieben haben. Wir nehmen die Feiern zum 50-jährigen zum Anlass mit dem Direktor des Landesmuseums Martin Faass über Beuys’ Ästhetik zu diskutieren und darüber, wie diese weit über die Bildende Kunst hinaus und bis heute spürbar ist. Wir sprechen beispielsweise über die Komposition des scheinbar Improvisierten, über die Schwierigkeit, das Vergängliche festhalten zu wollen, über das Schaffen und die Veränderung von Konnotationen über die Jahre, über Verständnis und Missverständnis im Bereich von Kunst und Musik und die Berechtigung für beide Reaktionen, oder darüber, wie es mit dem Anspruch einer Demokratisierung des Kunstbetriebs heute bestellt ist.

Das Musikgespräch zu Beuys wird im Museumscafé des Hessischen Landesmuseums Darmstadt stattfinden (Friedensplatz 1).

Das musikalische Quartett des Darmstädter Musikgesprächs besteht aus den Leitern der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute – Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) – sowie einem Gast. Die Darmstädter Musikgespräche sind eine Kooperation dieser drei städtischen Musikinstitute; der Eintritt zu den Veranstaltungen, die jeweils um 20.00 Uhr beginnen, ist frei.


31. Darmstädter Musikgespräch:
“It really cooks!
Ein Musikgespräch übers Kochen und die Musik

Gast: Monika Müller
Termin: Mittwoch, 27. November 2019, 20:00 Uhr
Ort: Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5, 64283 Darmstadt

“It really cooks” sagt man im Englischen, wenn es richtig losgeht in der Musik. Es kocht auf der Bühne, wenn Musikerinnen und Musiker die Spannung gekonnt zum Höhepunkt treiben. Dieses Kochen ist allerdings meist Sache der Interpreten, nicht der Komponisten; es ist vor allem eine performative Qualität.

Über sie wollen wir beim 32. Darmstädter Musikgespräch mit der weit über Darmstadt hinaus bekannten kreativen Köchin Monika Müller sprechen. Wir werden Parallelen zwischen Kochen, Komponieren oder Improvisieren diskutieren, über kulinarische Ingredienzien und harmonische, rhythmische oder Klang-Farben sprechen, uns mit Gewürzen, Geschmackskontrasten, disharmonischen oder (oft nur scheinbar) atonalen Passagen in der Musik befassen, nach Völlerei und unkritischem Musikgenuss fragen, und uns bewusst machen, dass es in beiden Bereichen kompromisslose Verfechter einer “reinen Lehre” gibt. Wir werden darüber sprechen, welche Melodien man in der Küche hört, wie jede einzelne Persönlichkeit dort ihren eigenen Klang besitzt, und wie man als Köchin eine Geschmacksdramaturgie entwickeln kann, in der sich Harmonie und spannende Dissonanzen abwechseln.

Zum Musikgespräch mit Monika Müller gehen wir an ihren augenblicklichen Wirkungsort, die Produktionsküche im Theater im Pädagog. Und wir werden in einem kurzen Einführungsvideo zum Abend einen Eindruck der musikalischen Umgebung ihrer kulinarischen Kreativität erhalten.


Das musikalische Quartett des Darmstädter Musikgesprächs besteht aus den Leitern der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute – Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) – sowie einem Gast. Die Darmstädter Musikgespräche sind eine Kooperation dieser drei städtischen Musikinstitute; der Eintritt zu den Veranstaltungen, die jeweils um 20.00 Uhr beginnen, ist frei.


Transformationen

Gäste: Nikolaus Heyduck, Reinhart Büttner
Termin: Mittwoch, 19. Juni 2019, 20:00 Uhr
Ort: Jazzinstitut Darmstadt (Bessunger Straße 88d, 64285 Darmstadt)

Unter dem Titel “Transformationen” zeigen Nikolaus Heyduck, Barbara Heller, Helmut Werres und Reinhart Büttner vom 11. Juni bis zum 23. August 2019 im Jazzinstitut Installationen, Klänge und Bilder in einer Ausstellung im Rahmen des hundertjährigen Jubiläums der Darmstädter Sezession aus. Anlass über ein Musikgespräch mit demselben Titel und der Frage an zwei der Ausstellenden: Wie wird Grafik zu Klang, wie wird Klang zu Skulptur? Wie klingt ein Bild? Wie tönt eine Galerie?

Dabei sind der Künstler und Theoretiker Reinhart Büttner sowie der Komponist und Klangkünstler Nikolaus Heyduck. Zusammen mit dem Komponisten Cord Meijering, dem Direktor des Internationalen Musikinstituts Thomas Schäfer und dem Leiter des Jazzinstituts Wolfram Knauer wollen wir dabei den Verbindungslinien zwischen Visuellem, Greifbarem und Klingendem auf die Spur kommen.

Vor dem Musikgespräch besteht ab 19:15 Uhr die Möglichkeit, die Ausstellung im Jazzinstitut zu betrachten.


Das musikalische Quartett besteht aus den Leitern der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute – Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) – sowie einem Gast. Die Darmstädter Musikgespräche sind eine Kooperation dieser drei städtischen Musikinstitute; der Eintritt zu den Veranstaltungen, die jeweils um 20.00 Uhr beginnen, ist frei.


Space is the Place!

Gast: Paolo Ferri (European Space Agency)
Termin: Mittwoch, 28. November 2018, 20:00 Uhr
Ort: Kunstforum der TU Darmstadt, Hochschulstraße 1, 64289 Darmstadt

Ein Darmstädter Musikgespräch mit Paolo Ferri über Utopie und Realität, über Space als erfahrbaren oder errechenbaren Raum, über Intuition und die Berechenbarkeit des Experimentellen und anderes mehr.

Paolo Ferri ist Bereichsleiter Missionsbetrieb bei ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt, verantwortlich für die Durchführung von allen unbemannten Raumfahrtmissionen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA (European Space Agency). Er leitet dort im Missionskontrollzentrum die Teams für die Missionssteuerung von Sonden zur Sonne und den Planeten, wie Mars Express, ExoMars, BepiColombo, Solar Orbiter, Juice, von Weltraumteleskopen wie XMM-Newton, Integral oder Gaia, von Erdbeobachtungssatelliten wie Cryosat, Swarm, oder die Copernicus Sentinels.

Mit Paolo Ferri wollen wir darüber sprechen, warum das Kontrollzentrum bei Raketenstarts mit einem Orchester vergleichbar ist, warum der Weltraum bereits für die Musiktheoretiker des Mittelalters („harmonia mundi“) interessant war oder wie die Liebe zur Musik der Naturwissenschaft vielleicht zu neuen Erkenntnissen verhelfen kann. So wenig dem Weltenraum Grenzen gesetzt sind, so grenzenlos scheinen die Möglichkeiten der Musik zu sein und so neugierig werden wir versuchen mit unseren gegenseitigen Fragen in die unendlichen Galaxien von Planeten und Tönen vorzudringen.

Schnallen Sie sich an und seien Sie dabei!


Das musikalische Quartett besteht aus den Leitern der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute – Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) – sowie einem Gast. Die Darmstädter Musikgespräche sind eine Kooperation dieser drei städtischen Musikinstitute; der Eintritt zu den Veranstaltungen, die jeweils um 20.00 Uhr beginnen, ist frei.


FRÜHERE MUSIKGESPRÄCHE28. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Ute Ritschel (Internationales Waldkunst Zentrum)
Die Natur zum Klingen bringen…
Termin: Mittwoch, 16. Mai 2018, 20:00 Uhr
Ort: Main Hall, Osthang der Mathildenhöhe
Olbrichweg 19, 64287 Darmstadt

Ein Darmstädter Musikgespräch mit Ute Ritschel über Natur und Kunst, über Ewigkeitsanspruch und Vergänglichkeit und darüber, wie sich Kunst und Musik an der Natur ein Beispiel nehmen können (oder auch umgekehrt?).

Ute Ritschel ist Kuratorin und Kulturmanagerin und in dieser Funktion seit 2002 für die künstlerische Gestaltung des Internationalen Waldkunstpfads verantwortlich. Mit ihr möchten wir darüber sprechen, wie sich die Natur zum Klingen bringen lässt. Welchen “Sound” hat das Holz – etwa um den Goetheteich herum oder auf der Ludwigshöhe, dort, wo Ute Ritschel “ihre” Künstler*innen zur Arbeit einlädt? Wie können wir in die Natur hineinhören? Wie lassen sich “Wald” und “kompositorische Arbeit” in einem Kunstwerk vereinen? Und schließlich die alles entscheidende Frage, welche ästhetische Form für einen Klang-Kunstkörper gefunden werden kann?

Wir sind gespannt auf das gemeinsame Nachdenken und freuen uns, Ute Ritschel am 16. Mai 2018, 20.00 Uhr, in der Main Hall des Osthangs begrüßen zu dürfen (Osthang-Projekt).

Das Darmstädter Echo berichtete am 18. Mai 2018:

Klangkunst im Darmstädter Forst: Kuratorin Ute Ritschel spricht über Toninstallationen bei den Waldkunst-Ausstellungen
Von Susanne Döring

DARMSTADT – Musik aus der Natur war es schon, was beim 28. Darmstädter Musikgespräch im Hintergrund die Main Hall am Osthang der Mathildenhöhe beschallte: Durch das Grün wummerten Bässe von irgendwoher. Aber das war mit dem Motto „Die Natur zum Klingen bringen…“ nicht gemeint. Die Direktoren der drei städtischen Darmstädter Musikeinrichtungen, Cord Meijering, Thomas Schäfer und Wolfram Knauer, wollten vielmehr von Ausstellungskuratorin Ute Ritschel wissen, welche Rolle Musik im Rahmen ihres Internationalen Waldkunstpfades spielt.

Mehrere Werke setzten auf Töne

Ausführlich erzählte diese mit Dias von den bislang acht Darmstädter Waldkunstpfaden, in denen immer auch Musik einen wichtigen Raum einnahm. So komponierte Martin Kürschner ein Werk für die Lichtinstallation „Blau Ton“ von Gerhard Lang im Ludwigshöhturm. Johannes S. Sistermanns beteiligte sich mit der Klangplastik „Waldrand 1–3“, indem er mit seinen Stücken die Grenze zwischen Stadt und Wald auslotete; Paul Feichter aus Italien und Ko Seung Hyun aus Korea nutzten Waldmaterialien für Klangerzeuger. Feichters Pfeifenbaum und Ko Seung Hyuns Saiteninstrument Kayageum, brachten fremde Klänge in den Forst. Laute rund um den Wald wie Baumnamen oder Wetterberichte verarbeiteten dagegen Nikolaus Heyduck und Susanne Resch in der Performance „Weitere Aussichten“. In Lutz Nevermanns Projekt „Seegestöber“ hoben „Soundpoles“ (eine Art Klangstäbe) das Plätschern des Wassers im Goetheteich, Wind und Insektengeräusche hervor.

Ritschel kategorisiert diese Musikprojekte in vier Gruppen. Man könne die Natur selbst zum Klingen bringen, Installationen dort hineinbauen, auf den Wald hin abgestimmte Kompositionen anfertigen – oder auch eine ästhetische Form für den Klang finden, wie es Anne Berlit mit ihrem „Luftschloss“ machte, einem aufgehängten Häuschen aus Brettern, durch die der Wind pfiff.

Wolfram Knauer stellte die Frage nach den Machtverhältnissen im Wald, den er mit Stille verbinde. Gleichen Respekt zollt auch Ritschel den Bäumen, indem sie die Kunstprojekte auf Zeit anlegt. Maximal zehn Jahre seien die Objekte im Wald.


27. Darmstädter Musikgespräch
Gäste: Johanna-Leonore Dahlhoff (“Bridges – Musik verbindet”), Mustafa Kakour (Oud-Spieler aus Syrien), Arman Kamangar (Perkussionist aus Iran)

Geflüchtete Musik

Termin: Mittwoch, 24. Januar 2018, 20:00 Uhr
Ort: Haus der Deutsch-Balten
Herdweg 79, 64285 Darmstadt

Für viele Menschen ist Musik einer der persönlichsten Rückzugsorte, die gerade in Stresssituationen ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit zu erzeugen vermögen. Kein Wunder also, dass musikalische Projekte in der Flüchtlingsarbeit als wichtige Instrumente angesehen werden. Idealerweise lernt man beim Zusammen-Musizieren immer voneinander; normalerweise kommt es dabei aber auch regelmäßig zu Missverständnissen.

Von all dem soll unser 27. Darmstädter Musikgespräch handeln, zu dem wir mit Johanna-Leonore Dahlhoff die Projektleiterin von “Bridges – Musik verbindet” eingeladen haben, einer interkulturellen Initiative in Frankfurt, die geflüchtete und beheimatete Profimusiker/innen zusammenbringt. Frau Dahlhoff bringt Mustafa Kakour mit, einen aus Syrien stammenden Oud-Spieler, der bei Musical Bridges mitwirkt, sowie den jungen iranischen Perkussionisten Arman Kamangar. Uns geht es darum, zu erfahren, wie Projekte wie dieses neue Perspektiven schaffen, vielleicht auch eigene Haltungen in Frage stellen können, welche unterschiedlichen musikalischen Welten dabei tatsächlich aufeinandertreffen, welche Probleme und welche Chancen solche Projekte mit sich bringen. Uns geht es genauso darum, mit Betroffenen – also geflüchteten Menschen genauso wie Deutschen, die an ähnlichen Projekten mitarbeiten – ins Gespräch zu kommen und uns über die unterschiedlichen Erwartungen von beiden Seiten auszutauschen.

Das 27. Darmstädter Musikgespräch findet im großen Saal des Hauses der Deutsch-Balten statt, in dem die Erfahrung von Flucht aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln präsent ist: zum einen in der Tradition der deutsch-baltischen Brückenarbeit, zum anderen aber auch in der Tatsache, dass sich in diesem Haus seit Jahren die Stipendiatenwohnung des Elsbeth-Wolffheim-Literaturstipendiums für politisch verfolgte Autor/innen befindet.


26. Darmstädter Musikgespräch
Gäste: Kim Jin Ah, Geonyong Lee, Cord Meijering

Das Eigene im Fremden

Termin: Montag, 10. Juli 2017, 20:00 Uhr
Ort: Schader-Stiftung
Goethestraße 2, 64285 Darmstadt
www.schader-stiftung.de

“Reisen bildet”, heißt es, und das gilt in besonderem Maße auch für Künstler. Die Konfrontation mit dem “Fremden” führt einem die Besonderheiten des “Eigenen” ja oft noch deutlicher vor Augen.

Das haben auch der Koreaner Geonyong Lee und der Darmstädter Cord Meijering erfahren, der eine einer der bedeutendsten koreanischen Komponisten der Gegenwart, der andere Direktor der hiesigen Akademie für Tonkunst und international aufgeführter Komponist. Beide haben viel Zeit im jeweils anderen Land verbracht und sich mit dessen Musik und Kultur ausgiebig beschäftigt – auch im eigenen Schaffen.

Im von der koreanischen Musikwissenschaftlerin Kim Jin Ah moderierten Gespräch berichten sie über die eigenen Erfahrungen, über ganz praktische Beispiele dessen, dass man gerade im Fremden das Eigene deutlicher sieht. Daneben diskutieren sie, welche Auswirkungen die Faszination an europäischer Musik bei koreanischen Musikerinnen und Musikern auf ihre Haltung sowohl gegenüber dieser wie auch gegenüber den eigenen musikalischen Traditionen hat.

In der Diskussion mit dem Publikum wird es dabei auch um den Wandel eines eurozentrisch geprägten Kulturbegriffs gehen, der die Realität des inzwischen global vernetzten kulturellen Diskurses noch nie abzubilden vermochte.

Es diskutieren:

  • Geonyong Lee gilt als einer der bekanntesten koreanischen Komponisten der Gegenwart. Er studierte vor über 40 Jahren an der Frankfurter Musikhochschule Komposition, war später Professor für Komposition an der Seoul National University und an an der Korea National University of Arts. Bis Anfang diesen Jahres schließlich wirkte er als Direktor der Seoul Metropolitan Opera. Geonyong Lee ist dabei ein großer Kenner beider Kulturen, und zwar sowohl auf der künstlerischen wie auch auf der Ausbildungsebene.
  • Cord Meijering ist Direktor der Akademie für Tonkunst auf dem Podium und Komponist. Er war in den letzten 12 Jahren insgesamt 15 Mal in Korea, hat dort zahlreiche Konzerte gegeben und gehört, Vorlesungen an koreanischen Universitäten gehalten und sich intensiv mit der traditionellen koreanischen Musik befasst und diese auch in sein eigenes Schaffen integriert.
  • Das Gespräch mit beiden moderiert Kim Jin Ah, die als Professorin für Musikwissenschaft und interdisziplinäre Studien am Minerva College of Liberal Arts an der Hankuk University of Foreign Studies in Seoul unterrichtet und sich schwerpunktmäßig mit genau dieser Thematik befasst.

25. Darmstädter Musikgespräche
Zu Gast: Filmemacher Christian Gropper

Nachhall – das Oral-History-Projekt des Internationalen Musikinstituts Darmstadt

Termin: Mittwoch, 22. März 2017
Programmkino Rex (Grafenstraße 18-20), 20 Uhr, Eintritt frei
In Darmstadt wird Musikgeschichte geschrieben – und das seit 1946. Ein Jahr nach Kriegsende gründete der damalige Kulturreferent der Stadt, Wolfgang Steinecke, mit tat­kräftiger Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters Ludwig Metzger, die „Ferien­kurse für internationale Neue Musik“, wie die Darmstädter Ferienkurse in ihren Anfangs­jahren noch hießen.
Im Auftrag des Inter­nationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) haben sich seit 2010 der Dokumentarfilmer Christian Gropper, der Musikwissenschaftler und -journalist Michael Rebahn sowie der Fo­tograf Lukas Einsele auf Spurensuche begeben. Sie haben Zeitzeugen der frühen Kursjahre be­sucht und sie zu ihrer ganz persönlichen Ferienkurs-Geschichte befragt. Aus vielen Stunden Filmmaterial, hat Christian Gropper nun einen knapp 40minütigen Film geschnitten.
Beim 25. Darmstädter Musikgespräch wird „Nachhall“, so der Titel des 40minütigen Films, nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Christian Gropper wird nach der Premiere des Films – der mit großzügiger Unterstützung der Merck’schen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft sowie der Strecker-Stiftung in Mainz produziert werden konnte – im Gespräch mit Wolfram Knauer, Cord Meijering und Thomas Schäfer über seine Arbeit berichten.

24. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Philipp Gutbrod

Museale Musik?
Konzerte im Museum und Musik in Ausstellungen

Termin: Mittwoch, 5. Oktober 2016, 20:00 Uhr
Ort: Designhaus Darmstadt, Eugen-Bracht-Weg 6, 64287 Darmstadt
www.hessendesign.de

Ist es ein Hype unserer Eventkultur, möglichst ungewöhnliche Locations entdeckt hat, um ein breiteres Publikum anzusprechen? Oder ergeben sich aus dem Aufbrechen gefestigter Präsentationsnormen vielleicht neue Diskurse?

Die Mathildenhöhe hat Musik bereits mehrfach ins Museum gebracht: 1988 mit der Ausstellung “That’s Jazz. Der Sound des 20sten Jahrhunderts” über die Geschichte des Jazz, 1996 mit “Von Kranichstein zur Gegenwart” über die Ferienkurse für Neue Musik, 2007 mit “Janet Cardiff & George Bures Miller: The Killing Machine und andere Geschichten” oder 2012 mit “A House Full of Music”. Es gibt also jede Menge Berührungspunkte, die Thema des Musikgesprächs über “Museale Musik” sein könnten.

Bei Ausstellungseröffnungen ist Musik eine willkommene Umrahmung, daneben aber beschäftigen sich Komponisten genauso wie improvisierende Musiker durchaus auch ganz direkt mit den Bildenden Künsten. Der Fokus des 24. Darmstädter Musikgesprächs richtet sich auf die Tendenz, das Museum zum Konzertsaal umzufunktionieren, mit der Hoffnung sowohl der Musizierenden wie der Ausstellenden, im Zusammenbringen der Sparten Synergien zu erzeugen. Wir fragen: Macht das Sinn? Oder macht das nur Ärger, weil sich selbst Konkurrenz?

Mit Philipp Gutbrod haben wir diesmal einen Kenner beider Welten zu Gast beim Darmstädter Musikgespräch. Gutbrod ist seit April 2015 Direktor des Instituts Mathildenhöhe, außerdem Schlagzeuger mit regelmäßigen Auftritten in Deutschland und den USA. Außerdem diskutieren Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Sylvia Freydank (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt).

Kooperationspartner des Darmstädter Musikinstituts ist diesmal Hessen Design auf der Mathildenhöhe, das seit vielen Jahren spartenübergreifende Diskurse befördert.

Das Darmstädter Echo berichtete am 7. Oktober 2016:

Wie ein Ritterschlag für die Musik
Von Susanne Döring
DISKUSSION Darmstädter Institutsleiter sprechen darüber, wie Kompositionen im Museumsraum wirken

DARMSTADT – Unter dem Titel „Museale Musik? Konzerte im Museum und Musik in Ausstellungen“ fragten Vertreter der drei Darmstädter Musik-Institute am Mittwoch nach dem Austausch zwischen den Künsten im 20. und 21. Jahrhundert sowie der Wechselwirkung zwischen Musik und Aufführungsort. Auf dem Podium waren Wolfram Knauer vom Jazzinstitut, Cord Meijering von der Akademie für Tonkunst und – in Stellvertretung von Thomas Schäfer – Sylvia Freydank vom Internationalen Musikinstitut. Es gehe also, so Meijering, um die Frage nach dem „Raum zwischen zwei Straßenbahnen“. Als solchen kann man seine Akademie für Tonkunst bezeichnen, die zwischen an- und abfahrenden Straßenbahnen genau eine Viertelstunde Raum zum störungsfreien Hören eines Stückes von Anton Webern bietet.

Auftritt im MoMa ist wie ein Adelstitel

Meijering, der sich 1990 für längere Zeit im Beuys-Block des Darmstädter Landesmuseums aufhielt, um eine Komposition mit Bezug auf dieses Kunstwerk anzufertigen, legt großen Wert darauf, dass die Kommunikation zwischen aufgeführter Musik und umgebenden Raum stimmig sein muss. Sinn ergebe die Auslagerung von Musik in einen zunächst musikfremden Raum nur, wenn sich Musik und Raum gleichzeitig erhöhen würden.

Als Beispiel für eine gelungene Kooperation erinnerte sich der Gast des Gesprächs, der Direktor der Mathildenhöhe Philipp Gutbrod, an einen Auftritt der Band „Kraftwerk“ im New Yorker Museum of Modern Arts, der eine Welle der Begeisterung ausgelöst habe. Für „Kraftwerk“ sei es sozusagen die Verleihung des Adelstitels gewesen, in diesem Museum zu spielen. Als weitere gelungene Kombinationen von Museum und Musik nannte Gutbrod verschiedene Ausstellungen über Musik auf der Mathildenhöhe selbst – von „Jazz“ zu „A House full of Music“. Schließlich verwies er auf eine Performance zur 25-Jahr-Feier des Museums Künstlerkolonie, die mit Tanz, Videoprojektionen und E-Gitarrenmusik des Musikers Schneider TM versucht habe, an das gesamtheitliche Konzept der Mathildenhöhe anzuknüpfen.

Von Beginn an habe dieser Ausstellungsort enge Beziehungen zur Musik gehabt, wie bei der Eröffnung der Ausstellung 1901 mit der Aufführung eines musikalischen Weihespiels oder täglichen Konzerten. Entsprechend dieser Entstehungsgeschichte wolle man mit der jetzigen Restaurierung auch versuchen, die Akustik der Ausstellungshallen zu verbessern. Gutbrod ist ein versierter Schlagzeuger, der seinerseits einen Jazz-Auftritt im Wiesbadener Museum schätzte, weil man dort im Gegensatz zu den Clubs einmal konzentriert der Musik zugehört habe.


23. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Prof. Sabine Breitsameter

“Wie klingt eigentlich das Dschungelbuch?”
3D-Hören als Klang der Zukunft

Termin: Dienstag, 24. Mai 2016, 19:30 Uhr
Ort: Soundscape-Lab der Hochschule Darmstadt, Campus Dieburg
Raum: Gebäude F16, Raum 020 (kurz: F16-020)

Musikhören – klingt einfacher als es ist: Im Konzert sitzen wir meist vor einer Bühne mit Musikern, zu Hause vor zwei Lautsprechern, im Kaufhaus werden wir ungefragt von allen Seiten beschallt, im Kino drönt uns ein Surround-Sound lautstark in den Ohren. Den vollkommenen Klang aber haben wir nur im Kopf, oder? Diese Frage stellen sich Sabine Breitsameter und ihr Team am Soundscape-Lab der Hochschule Darmstadt auf dem Campus Dieburg. Sie basteln am Klang der Zukunft – wie könnte das Dschungelbuch klingen, wenn die Zuhörer in einen dreidimensionalen Klang eintauchen?

In einer Art Gesprächskonzert gibt Sabine Breitsameter, seit 2006 Professorin für Sound und Medienkultur an der h_da und eine der profiliertesten Spezialistinnen auf dem Gebiet der Soundkultur, Einblick in die aktuelle Klangforschung. Gemeinsam mit dem Publikum und ihren Gesprächspartnern Wolfram Knauer (Jazzinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) wird die experimentelle Klanggestalterin bei der 22. Ausgabe des Darmstädter Musikgesprächs über gleichsam enträumlichtes Hören diskutieren. Für dieses Musikgesprächs-Special werden wir Darmstadt in Richtung Campus Dieburg verlassen, um das Soundscape-Lab am eigenen Leibe erleben zu können.

Das Darmstädter Echo berichtete am 27. Mai 2016:

Fußgetrappel auf Schulterhöhe
Von Johannes Breckner
HOCHSCHULE Darmstädter Musikgespräch sucht nach dem dreidimensionalen Klang

DIEBURG – Das Darmstädter Musikgespräch erörtert neue Möglichkeiten der Klanggestaltung und -wiedergabe: Im Sound-Labor auf dem Dieburger Mediencampus geht es eher um technische als um ästhetische Fragen.

Es rauscht und knackt, es zirpt und wispert. Hier hört man Füße trappeln, dort ein Tier atmen. Und wenn der Regen fällt, ist man eingehüllt in seinen Klang und bleibt doch trocken. Denn die Imagination der Wildnis kommt in Natascha Rehbergs Hörstück „Rata-Schaan“, von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ inspiriert, aus Lautsprechern.

Das ist für den erfahrenen Kinogänger erst einmal kein großes Wunder, gute Surround-Anlagen zaubern verblüffende Effekte. Im „Soundscape- & Enviromental Media Lab“ der Hochschule Darmstadt steckt aber mehr dahinter. Klangprofessorin Sabine Breitsameter erforscht mit ihren Studenten auf dem Dieburger Mediencampus ein Aufnahme- und Wiedergabeverfahren, das vom Fraunhofer-Institut Ilmenau entwickelt wurde. Dabei werden Lautsprecher von einem Rechner so angesteuert, dass die Überlagerung ihrer Signale virtuelle Schallquellen im Raum erzeugt.

Das System erlaubt es, Klänge wie Skulpturen an einen bestimmten Punkt zu positionieren. So erklärte es Sabine Breitsameter beim Darmstädter Musikgespräch, das am Dienstagabend in Dieburg zu Gast war. Je mehr Lautsprecher, desto höher ist die Auflösung der Klangprojektion, und desto größer kann der Raum kalkuliert werden, in dem das Ereignis wahrgenommen werden kann. Aber weil ein Lieferant die Hochschule im Stich gelassen hat, waren statt der geplanten 32 nur 17 Lautsprecher im Einsatz. Im Kreis, den sie bildeten, drängte sich das Publikum auf der Suche nach dem überraschenden Schallereignis. Unter diesen Bedingungen klang es freilich auch nicht viel anders als bei einer guten Surround-Anlage. Und weil für die Bodenposition keine Lautsprecher übrig waren, hörte man das Fußgetrappel im Dschungel auf Schulterhöhe.

Immerhin vermittelte das Gespräch eine Ahnung, und Sabine Breitsameter kann das System so anschaulich erklären, dass man seinen Möglichkeiten gerne glaubt. Es geht ihr ja auch gar nicht darum, mit raffinierter Technik bestehende Kunstformen aufzuwerten. Das Interesse ihrer Forschungen gilt eher neuen ästhetischen Möglichkeiten und der Veränderung des Hörens. Medien, sagt sie, sind „Umwelten und Umgebungen, die man bewohnt und erst in zweiter Linie liest“. Das hätte ein spannendes Thema fürs Musikgespräch sein können, auch die Folgen, die diese Sichtweise fürs Komponieren bringen könnte. Im Gespräch mit Wolfram Knauer (Jazz-Institut) und Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) stand freilich das Interesse an der Technik im Vordergrund, Erörterungen zu Ästhetik und Rezeption blieben weitgehend ausgespart.

Dafür aber lieferte das Musikgespräch einen Impuls, sie weiter zu verfolgen.


22. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Tilman Hoppstock

“Der achtarmige Gitarrist”

Termin: Mittwoch, 13. April 2016, 20:00 Uhr
Ort: Galerie Netuschil, Schleiermacherstraße 8, 64283 Darmstadt
www.galerie-netuschil.net

Der Musiker des 21sten Jahrhunderts ist mehr denn je eine Ich-AG, braucht jede Menge außermusikalischer Kompetenzen, um die Musik an sein Publikum zu bringen. Zum 22. Darmstädter Musikgespräch haben wir mit Tilman Hoppstock einen Musiker eingeladen, der besonders viele dieser Kompetenzen in sich vereint. Zuallererst ist er ein international gefragter Virtuose auf seinem Instrument, der klassischen Gitarre, daneben aber auch Komponist und Musikwissenschaftler, Herausgeber von über 80 Noteneditionen, Lehrer an der Akademie für Tonkunst und vielen anderen internationalen Schulen, Veranstalter, unter anderem der Darmstädter Gitarrentage, und vieles mehr (www.t-hoppstock.de).

Mit Tilman Hoppstock unterhalten sich Cord Meijering, Komponist und Direktor der Akademie für Tonkunst, Thomas Schäfer, Musikwissenschaftler und Direktor des Internationalen Musikinstituts, und Wolfram Knauer, Jazzforscher und Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, über die fast übermenschlichen Qualifikationen, die ein Musiker heutzutage besitzen muss, um sich auf dem Musikmarkt zu behaupten. Insbesondere aber freuen wir uns auch darauf, dass Sie, die Besucher des Darmstädter Musikgesprächs, sich ins Gespräch einmischen.

Das Darmstädter Musikgespräch ist diesmal zu Gast in der Galerie Netuschil, die seit dem 3. April ihre Ausstellung “Landschaftsraum und Weltgestaltung” zeigt.

Das Darmstädter Echo berichtete am 15. April 2016:

Achtarmig in die Zukunft
Von Bettina Bergstedt
MUSIKGESPRÄCH Tilman Hoppstock zu Gast bei Schäfer, Meijering und Knauer

DARMSTADT – Der Gitarrist Tilman Hoppstock war der Gast beim Darmstädter Musikgespräch. In der Galerie Netuschil diskutierte er mit den Leitern der Darmstädter Musikinstitute.

Mit dem Titel „Der achtarmige Gitarrist“ war die Runde überschrieben, die in der Galerie Netuschil zu Gast war. Teilnehmer waren neben Hoppstock Cord Meijering von der Akademie für Tonkunst, Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut und Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt. Thema war das materielle Überleben als Künstler.

Wer virtuos seine Kunst beherrscht, hat noch lange nicht ausgesorgt: Heutzutage bedarf es mehr, um sein täglich Brot zu verdienen. Ein Künstler ist zugleich Manager, Netzwerker und Lehrer, er muss sich auf der Bühne überzeugend präsentieren, dazu kreativ sein, um Neues zu schaffen. Und zwischendurch, vielleicht nach einem Auftritt bei einem Benefizkonzert – das er bevorzugt unentgeltlich gibt, schließlich erhält er ja die Chance, sich der Öffentlichkeit vorzustellen – wird er wunderbarerweise dann doch noch entdeckt.

Tilman Hoppstock ist von der Art der „achtarmigen Gitarristen“: Seit siebzehn Jahren veranstaltet er die Darmstädter Gitarrentage, findet Sponsoren, wirbt, organisiert und verlegt, schreibt Bücher, promoviert, gibt dazu natürlich auch Konzerte und unterrichtet gern.

Hoppstock hat dabei Glück – ihm liegen die unterschiedlichen Tätigkeiten, er ist in Darmstadt und in der Musikwelt gut verankert. Dass es nicht bei allen Musikern so ist, darauf verwies Knauer. Er belegte es mit Zahlen. Laut einer vom Jazzinstitut in Auftrag gegeben Studie verdient ein Jazzmusiker hierzulande mit rein kreativer Arbeit durchschnittlich nur 12 500 Euro im Jahr – bei Investitionen von 5000 Euro für Instrumente, Produktionskosten und Ähnlichem.

Aus diesen Ergebnissen hätten sich Forderungen ergeben, so Knauer: nach mehr Spielstätten für Musiker mit Gagen und nach mehr „kreativen Freiräumen“ (Knauer), die über Stiftungen und Kommunen geschaffen werden müssten.

Vorbildliche Strukturen in Deutschland?

Das Kulturfördersystem, sagte Schäfer, funktioniere in Deutschland durchaus vorbildlich. Meijering verwies aber auf die Freiwilligkeit der Unterstützung von Kultur, die in keinem deutschen Gesetz verankert sei. Deshalb müsse man mehr Lobbyarbeit betreiben und es bedürfe klarer Entscheidungen von Politikern. Mit über sieben Prozent Kulturausgaben stünde Darmstadt hier im deutschen Vergleich sehr gut da, betonte Kulturreferent Ludger Hünnekens aus dem Publikum.

Von unsicheren Verhältnissen sind eigentlich alle betroffen, die als Freie arbeiten, erklärten weitere Stimmen aus dem Publikum. Die Freiheit bedeute aber auch: mehr Eigenbestimmung in einer Tätigkeit, die Spaß macht. Die „Union deutscher Jazzmusiker“ habe zur Verbesserung der Situation alle Veranstalter zu einer „Willenserklärung“ aufgefordert, jedem Musiker stets 250 Euro pro Auftritt zu zahlen. Knauer sagte dazu: „Seitdem geistert die Zahl durch die Köpfe der Beteiligten“.


21. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Christiane von Wahlert (Geschäftsführerin, FSK Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH)

“Musik + Zensur”

Termin: Mittwoch, 14. Oktober 2015, 20:00 Uhr
Ort: Atelierhaus, Riedeselstraße 15, Darmstadt
www.atelierhaus-darmstadt.de

Die Kunst ist frei und ihr schlimmster Feind die Zensur… Auch Musik hat allerorten und immer wieder mit Einschränkungen zu leben, die ihr mal von außen auferlegt wird (die klassische “Zensur” also), daneben aber auch von innen kommen kann, durch starre ästhetische Vorgaben oder Regeln etwa, die festlegen zu können meinen, welchen Weg Musik einschlagen müsse, um wertgeschätzt zu werden. Das Darmstädter Musikgespräch will die verschiedenen Aspekte in den vielfältigen Regelwerken um Musik ausleuchten und hat sich dafür einmal mehr eine Spezialistin aus einem ganz anderen Fach eingeladen, der Filmwirtschaft nämlich. Wir unterhalten uns darüber, welche Kriterien im Filmbereich für jene Selbstkontrolle eine Rolle spielen und wo es Parallelen in der Musik gibt. Implizit fragen wir dabei auch ganz allgemein nach Harmlosigkeit oder Verführungsgefahr von Kunst.

Das Musikgespräch ist eingebunden in ein Ausstellungsprojekts der Atelierhauses unter dem Titel “Eine Zensur findet nicht statt”, das vom 9. bis 25. Oktober in er Riedelstraße zu sehen ist.

Das 21. Darmstädter Musikgespräch beginnt mit einem musikalischen Quartett mit der Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, Frau Christiane von Wahlert, Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt). Tatsächlich aber erhoffen wir uns auch mit Ihnen, den Besuchern des Musikgesprächs in Kontakt zu kommen


20. Darmstädter Musikgespräch
Gast: Kerstin Schultz (liquid & fay architekten)

“Musik und Architektur”

Termin: Mittwoch, 17. Juni 2015, 20:00 Uhr
Ort: Main Hall am Osthang der Mathildenhöhe, Olbrichweg, Darmstadt

Musik und Architektur, Klang und Raum, Klangskulptur, Tonarchitektur – die Beziehungen zwischen beiden Sphären sind ebenso vielfältig wie mitlerweile fliessend. Architektur wird spätestens seit Fluxus, Happening und Performance in den 1960er Jahren zeitlich, Musik immer stärker räumlich definiert – der Raum damit hörbar, die Musik begehbar gemacht. Aber darüber hinaus stellen sich heute auch aus städtebaulicher Perspektive drängende Fragen nach einer Verortung von Kunst und Kultur im Stadtraum.

Darüber möchten wir im 20. Darmstädter Musikgespräch mehr von Kerstin Schultz erfahren. Die Professorin für Architektur an der Hochschule Darmstadt (h_da) ist nicht nur in verschiedenen Gestaltungsbeiräten aktiv, sondern hat mit Aufsehen erregenden Projekten im Rahmen des Darmstädter Archtiktursommers – darunter zuletzt das „Osthang Projekt“ (2014) – immer wieder Themen an der Grenze von Kunst, Architektur und Stadtraum in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Welche Räume braucht die Kunst heute? Und wie stark sollte sich die Kunst auf den (Stadt-)Raum einlassen?

Das 20. Darmstädter Musikgespräch beginnt mit einem musikalischen Quartett mit der Architektin Kerstin Schultz, Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt). Tatsächlich aber erhoffen wir uns auch mit Ihnen, den Besuchern des Musikgesprächs in Kontakt zu kommen.


19. Darmstädter Musikgespräch
Gast: León Krempel (Kunsthalle Darmstadt)
“Kultur auf die Straße”

Termin: Donnerstag, 12. März 2015, 20:00 Uhr
Ort: Kunsthalle Darmstadt

Musik findet meist im Konzertsaal statt, die Bildende Kunst im Museum – beides Orte, die Publikum anziehen, zugleich aber auch Schwellen bilden und den Zugang zur Kultur erschweren können. Auf der einen Seite braucht man solche Orte der Reflexion und Konzentration, um sich auf das einzulassen, was hier ideal präsentiert werden kann. Auf der anderen Seite wollen alle Kulturschaffenden Zäune niederreißen, Zugänge erleichtern, die Kunst vielleicht nicht unbedingt auf die Straße bringen, sie der Straße aber wieder näherbringen.

León Krempel, seit letztem Jahr der neue Direktor der Kunsthalle Darmstadt, ist der Gesprächspartner des 19ten Darmstädter Musikgesprächs, bei dem wir uns über das gemeinsame Bedürfnis, aber auch über die Probleme unterhalten wollen, die entstehen können, wenn man Kultur aller Art nicht verstecken, sondern möglichst ins städtische Leben einbinden will. Und wo besser könnte man ein solches Thema diskutieren als in dem Kulturort, der wie kein anderer von seiner Straßenlage profitiert, der Darmstädter Kunsthalle.

Ein musikalisches Quartett mit León Krempel (Direktor, Kunsthalle Darmstadt), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt).

Das Darmstädter Echo berichtete am 14. März 2015:

Kunst im Vorübergehen
Diskussion – Darmstadts Kulturschaffende suchen nach Wegen auf „die Straße“

Schadet es der Kunst, wenn sie statt im Museum oder Konzerthaus draußen vor der Tür dargeboten wird? Und was wäre dann der richtige Ort dafür? Das besprach eine kleine Runde beim „Darmstädter Musikgespräch“ in der Kunsthalle.

DARMSTADT.
Orchestermusiker stoßen im Luisencenter ins Horn, Experimentalkünstler blasen auf dem Büchnerplatz Heißluftballone zu Musik auf – immer wieder drängt es die „Kunst auf die Straße“. Unter diesem auffordernden Titel diskutierten heimische Kulturschaffende und Vertreter der großen Institutionen beim „Darmstädter Musikgespräch“ am Donnerstagabend in der Kunsthalle die Chancen und Risiken.
Gern hätte man es ja, wenn mehr Menschen auf Musik, Kunst, Tanz und all die anderen Kulturproduktionen in der Stadt aufmerksam würden. Also – einfach raus auf die Gasse mit den Instrumenten und Kunstwerken? Nein, sagt Cord Meijering, Direktor der Akademie für Tonkunst. Man müsse schon fragen: „Welche Kunst auf welche Straße?“
Und – wem schadet’s, wollte der Rainer Bauer wissen: „Wertet es die Kunst ab, wenn man nicht so richtig hinhört?“ Für den freien Theatermann ist die „Hauptsache, die Leute zusammenzubringen“.
León Krempel, Chef der Kunsthalle, kann sich eher „kleine, punktgenaue Aktionen“ vorstellen, mit denen bildende Künstler auf öffentlichen Straßen und Plätzen auftauchten. Noch lieber sähe er es, wenn die Leute von der Straße verstärkt ins Haus käme. Aber nicht „einfach mit den vollen Einkaufstaschen reinspazieren“, wie das in der Hypo-Kunsthalle in der Münchner Fußgängerzone geschehe. Um die Schwellenangst zu überwinden, könne man ja „Übergangszonen zwischen Innen und Außen“ gestalten, die hält der Kunstexperte überhaupt für „das Spannendste“. Den hohen Zaun um das Kunstgehege an der Rheinstraße will er ja ohnedies beseitigt wissen; eine Hecke ist schon mal weg, womit die Kunst zumindest optisch näher an die Straße rückt.
Ein Herz und Raum für kreative „Communities“
Den Blick auf die Straße kann man aber auch ganz anders verstehen. Wolfram Knauer vom Jazzinstitut sieht die Institute in der Pflicht, den Draht zu den kreativen „Communities“ in Stadt und Land zu halten. „Wir müssen erkennen, was gerade spannend ist“ – und dem Neuen Raum geben, unabhängig davon, was da genau entstehen könnte. Knauer versteht sein Haus jedenfalls nicht als Archiv vergangener Kultur. Schlimm die Vormittage, wenn die Menschen von da draußen im Institut anrufen und fragen: „Ist da das Jazzmuseum?“ Knauers Standard-Antwort: „Ich hoffe nein.“
Gibt es denn Konzepte, wie die großen Häuser künftig nach draußen gehen wollen, wollte Rainer Bauer noch wissen. Nein, gibt’s nicht. Man hat das gute Gefühl, in dieser Richtung eigentlich genug zu tun. Neben den Institutsleitern nahmen zwölf Interessierte an der Runde teil, ganz hinten im Erdgeschoss der Kunsthalle, zwischen kalkweißen Wänden und schwarzweißen Bildern, sehr weit weg von der Straße. (Thomas Wolff)

9. Juli 2014, 20:00 Uhr

Künstlerkolonie 21 … oder: Die Utopie der Kunst

Termin: 9. Juli 2014, 20:00 Uhr
Ende: 21:30 Uhr, rechtzeitig vor WM-Halbfinale!
(Monitore für eine Live-Übertragung des Spiels befinden sich vor Ort.)
Ort: Halle, Osthang Mathildenhöhe (Olbrichweg)

Der Dialog der Kunst ist immer nach außen genauso gerichtet wie nach innen. Künstler sprechen zuallererst mit ihrem Publikum, aber sie brauchen eben auch den internen Dialog, den kritischen Austausch mit Kreativen der eigenen oder anderer Kunstsparten. In der Vergangenheit hat man versucht, solche Kreativinseln in Künstlerkolonien zu schaffen. Im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Julia Bulk, die sich in ihrer Arbeit ausführlich mit “Neuen Orten der Utopie” beschäftigt hat, fragt das 19. Darmstädter Musikgespräch danach, wie solche künstlerischen Dialoge im 21sten Jahrhundert aussehen können, welche Perspektiven sie für eine bessere Gesellschaft bieten bzw. inwiefern Künstlerkolonien in unserer vernetzten globalen Welt überhaupt noch möglich sind (sofern sie nicht auf dem Mars liegen).

Ein musikalisches Quartett mit Julia Bulk (Wissenschaftliche Leiterin, Wilhelm Wagenfeld Stiftung), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Das Darmstädter Echo berichtete am 11. Juli 2014:

Brote backen und den Göttern gefallen
Wie kann man im 21. Jahrhundert der Utopie einen Raum geben? Eine Diskussion am Osthang

DARMSTADT. Über Utopien und wie man ihnen Raum geben kann – realen oder virtuellen – diskutierten Kulturfachleute beim „Darmstädter Musikgespräch“. Der Ort war passend gewählt: Auf der Mathildenhöhe wächst ja gerade das „Osthang Project“ als Ort der Künste und Ideen.

Der Raum, in dem die Träume wohnen, ist der Nichtraum: das Utopia. Der Osthang auf der Mathildenhöhe aber lebt, seit er vom Architektursommer bespielt wird. Für sechs Wochen ist er Begegnungsstätte für Kunst, Architektur und Handwerk. Ist das Osthangprojekt die Wiederbelebung der Utopie einer Künstlerkolonie im 21. Jahrhundert?

Um 1900 stellte Großherzog Ernst Ludwig Jugendstilkünstlern auf der Mathildenhöhe Raum zur Verfügung, in dem sie das Leben zeitgemäß gestalten sollten. Er wollte darüber hinaus auch den wirtschaftlichen Erfolg für Darmstadt. Genau daran haperte es am Ende. Die Fertigung des überbordenden Jugendstils war nicht rentabel.

„Unser Osthang Project 2014 verstehe ich nicht als Utopie“ sagte Publikumsgast Kerstin Schultz, Mitorganisatorin des Architektursommers. Es sei eine „Form der Kooperation“, die sich im Besiedeln, Bepflanzen, Bebauen äußere und in ihrer direkten und gesamtheitlichen Umsetzung „etwas Archaisches“ habe.

Darüber, was eine Utopie im Kern ausmacht, diskutierten am Mittwochabend auf der Mathildenhöhe Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt) mit der Kunsthistorikerin Julia Bulk (Wilhelm Wagenfeld Stiftung).

In bewährter Manier warf jeder Podiumsdiskutant ein subjektives Schlaglicht auf das Thema. Julia Bulk verwies auf die bewusste Wahrnehmung in der Kunst als Voraussetzung für ein Ausschöpfen positiven Potentials. Eine Idealvorstellung vor Augen, könne man versuchen, diese in „überindividuellen Arbeitsformen“ zu verwirklichen, die auf Vielfalt setzten – unerlässlich in unserer spezialisierten Welt. Die Realisierung von Projekten funktioniere spielerisch, auf doppeltem Boden: Praktische Nutzung und Ideal bedingen sich dank steter Veränderung. Die ständige Transformation legt ein Projekt auf Dauer an, womit in der Kunst des 21. Jahrhunderts der Prozess, nicht das Ergebnis im Vordergrund steht.

So setzte Knauer auf den Jazz, die freie Improvisation. Im Sinne von kreativer Kommunikation werde im Augenblick des Musizierens zwischen Vertrauen und
neuem Denken „alles riskiert“. In diese Richtung sprach sich auch Thomas Schäfer aus, indem er ein Tondokument von 1961 abspielte, auf dem Theodor Adorno sich auf der Mathildenhöhe über die informelle Musik als „Antizipation der Freiheit“ ausließ – auch hier der Doppelcharakter: die konkrete Musik kann den Traum der Musik nicht erfüllen.

Cord Meijering schloss sich ideal an seine Vorredner an, indem er am Orpheus-Mythos zeigte, dass der „Gegenstand der Kunst die Sehnsucht nach einem unerreichbaren Nicht-Ort“ ist: „Männliche Kunstproduktion produziert am Ende des Orpheus-Mythos den schönsten Sehnsuchtsgesang, um den Göttern zu gefallen. Die angebetete Eurydike ist damit für immer in einen Nicht-Raum verbannt.“

Private Räume frei zur Verfügung stellen

„Utopie bleibt ein Spiel mit der Realisierung“, sagt Julia Bulk. Der virtuelle Raum kann dabei als Datenbank für Ideen taugen. Viele Menschen können daran teilnehmen, das erweitert den Blick und kann Projekte wachsen lassen. Etwa ein Raumprojekt, in dem via Internetplattform private Räume für gewisse Zeit frei zur Verfügung gestellt wurden – mit dem Ziel, die Idee von Privatbesitz zu hinterfragen, wenn nicht aufzulösen.

Bulk berichtet weiter von einem niederländischen Projekt, das mit dem Begriff „Solvism“ verbunden ist. Schnelles, unbürokratisches Handeln ist damit gemeint. Dabei ging es auch um ganzheitliches Zusammenleben gegen Entfremdung, um die Rückbesinnung auf Kunst und Handwerk. Thomas Schäfer findet diese Elemente im „Osthang Project“ wieder: „Wir gestalten dort eine Art Zusammenleben vom Gemüseanbau zum Brotbacken bis zur Kläranlage“.

Eine relativ unbürokratische Umsetzung von Ideen im Freiraum Kunst durch kreative Zusammenarbeit – sie scheint für Knauer möglich, „und am Ende wird etwas vom Osthang Project bleiben“, prognostiziert Schäfer. Osthang, Utopie oder nicht, noch ein Transformation begriffen, work in progress.


Mittwoch, 7. Mai 2014, 20:00 Uhr
Die Kunst des Geschichtenerzählens

Ort: West Side Theatre
(Landwehrstraße 58, 64293 Darmstadt)

Dramaturgie ist einer der Schlüsselbegriffe jeder Kunst, insbesondere aber derjenigen Kunstsparten, die in der Zeit ablaufen, ob Theater oder Musik. Geschichten sind dabei nicht nur die Themen einer Theaterinszenierung, sondern auch die Beziehungsabläufe von Melodik, Harmonik, Rhythmik, Form in Oper, Symphonie, Kammermusik, Jazzimprovisation und vielem mehr. Im Gespräch mit Karsten Wiegand, dem neuen Intendanten des Staatstheaters Darmstadt will das 18. Darmstädter Musikgespräch sich der Kunst des Geschichtenerzählens nähern und ihrer Bedeutung für den Bezug zwischen Kunstschaffenden und ihrem Publikum.

 

Ein musikalisches Quartett mit Karsten Wiegand (designierter Intendant, Staatstheater Darmstadt), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Das Darmstädter Echo berichtete am 9. Mai 2014:

Wege durch das Labyrinth.Diskussion – Musik- und Theaterleute wollen Geschichten erzählen

„Die Kunst des Geschichtenerzählens“ lautete das Thema der neusten Ausgabe des „Darmstädter Musikgesprächs“. Als Fachmann für dieses Thema war der zukünftige Intendant des Staatstheaters, Karsten Wiegand, aufgefordert, Einblick in sein Schaffen als Regisseur zu geben.

DARMSTADT. Es ist ein Geheimnis, und es wird eines bleiben: Warum lassen sich die Menschen so gerne Geschichten erzählen? Und was passiert mit Geschichten in den Köpfen der Menschen? Wie erzählt man eigentlich eine gute Geschichte? Diese Fragen bewegten am Mittwoch die Teilnehmer des neuesten „Darmstädter Musikgesprächs“. Cord Meijering, Leiter der Akademie für Tonkunst, Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut und Wolfram Knauer vom Darmstädter Jazz-Institut hatten sich dieses Mal den designierten Intendanten des Darmstädter Staatstheaters, Karsten Wiegand, eingeladen, um Antworten auf diese und andere Fragen zu bekommen.

Im West Side Theatre in der Landwehrstraße brachte sich der 1972 in München geborene Theatermann erst einmal mit einem Lob an Darmstadt ins Gespräch: Ihn freue der ausgesprochen gute Dialog unter den Vertretern Darmstädter Institutionen, das sei nicht überall so. Für Wiegand ist die Welt des Kommerzes einer der auffälligsten Orte, an denen Geschichten erzählt werden: Sei es die Geschichte von den Banken, die zu groß zum Scheitern seien („too big to fail“), sei es der Mythos, den eine große Computerfirma umgebe oder die Namensgebung beim größten Internet-Buchhändler.

Die Storys nicht dem Kommerz überlassen

So genial seien solche Geschichten, dass sie nicht mehr hinterfragt würden. „Story-Telling“ sei die „Königsklasse“ des Marketing. Aber: „Wir können die Geschichten nicht dem Kommerz überlassen!“

Das Theater sei der Ort, Geschichten zu erzählen, ohne Interessen durchsetzen zu wollen, glaubt der Intendant. Anhand von Beispielen von Petrarca und Dante sowie Lessing und Corneille lotete Wiegand die Zukunft des Theaters aus. Wird die Welt aus einer Perspektive betrachtet, in der das Ich im Mittelpunkt steht, oder wird sie als Labyrinth wahrgenommen? Will der Zuschauer sich durch Vertrautheit oder Fremde von den Charakteren auf der Bühne bewegen lassen? Wiegand ist sich sicher: Die Zukunft der Welt und mit ihr die des Theaters ist labyrinthisch und von Fremdheit bestimmt.

Ihre Erfahrungen mit Geschichten brachten auch die drei Institutsleiter ins Gespräch. Dabei wurde deutlich, dass ein wesentlicher Aspekt von Geschichten ist, die Fantasie anzuregen. So erzählte Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut, wie ihn als Teenager die Sinfonien Gustav Mahlers beeindruckt hätten. Der Komponist beherrsche die Kunst, in neunzig Minuten ein Leben zu erzählen, das mit Worten nicht zu fassen sei.

Wolfram Knauer vom Jazzinstitut findet die großen Geschichtenerzähler in Jazzmusikern wie Duke Ellington oder Charles Mingus. Für Cord Meijering von der Akademie für Tonkunst waren es vor allem drei seiner Onkel, durch deren Geschichten aus dem Leben er seine Vorliebe für die Oper entdeckt habe.

Gegenseitig fragten sich die Teilnehmer, wie sie denn Geschichten erzählen würden. Meijering sagt, er mache beim Komponieren die Türen ganz weit auf und lasse die Welt herein. Knauer sieht sich als Veranstalter in der Pflicht, einen Konzertabend mittels der Dramaturgie zum Teil des Spannungsbogens einer Geschichte zu machen.

Und Karsten Wiegand als Regisseur sieht sich vor allem als Zuschauer, der interessiert werden und in die Geschichte hineingezogen werden möchte: Er will Geschichten von anderen Zeiten und Menschen.


Mittwoch, 26. Februar 2014, 20:00 Uhr
Musik + Eigentum
Ort: Deutsche Akademie für Sprache und
Dichtung
(Glückert-Haus, Alexandraweg 23, 64287 Darmstadt)

Wem gehört Musik? Und wie ist mit ihren Eigentumsrechten umzugehen in einer Zeit, in der alles frei verfügbar scheint? Diese sehr aktuelle Thematik wird in einer neuen Ausgabe des Darmstädter Musikgesprächs in den Räumen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung auf der Mathildenhöhe verhandelt.

Die Leiter der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute treffen diesmal auf Brigitte Zypries, ehemalige Bundesjustizministerin und heute als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie zuständig für Informationstechnologie und Außenhandel. In der Diskussion werden ästhetische Gesichtspunkte zur Sprache kommen, ob als “Neues” überhaupt noch möglich ist in der Kunst bzw. wann Zitat zum Diebstahl wird; ethische Aspekte wie etwa die Problematik, dass Komponisten unterschiedlichster Genres auf die Musik von Naturvölkern zurückgreifen; oder juristische Fragen, wenn es um Urheberrechtsgesetze, Downloads, GEMA, YouTube geht.

Ein musikalisches Quartett mit Brigitte Zypries (MdB), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Das Darmstädter Echo berichtete am 28. Februar 2014

Wer zahlt für die Kunst?
Diskussion – Gespräch über „Musik und Eigentum“ mit Brigitte Zypries
Von BETTINA BERGSTEDT

Thomas Schäfer, Cord Meijering und Wolfram Knauer, die Leiter der städtischen Musikinstitute, sprachen am Mittwoch mit der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) im Darmstädter Glückert-Haus über geistiges Eigentum – und wie es gerecht entlohnt werden kann.

Gema und Youtube sind nur zwei Schlagwörter im Streit darum, wie die Verwertung der Arbeit von Künstlern gerecht zu bezahlen ist. Welche Kriterien taugen dazu, Kunst zu bewerten? Wie weit das Thema gefasst werden muss, zeigten die Darmstädter Musikgespräche am Mittwoch.

Brigitte Zypries, von Haus aus Juristin, benannte rechtliche Fragen, die sich stellen, seit es das World Wide Web und die technischen Voraussetzungen für eine rasche und qualitativ hochwertige Vervielfältigung gibt. Wie kommt ein Künstler zu seinem Recht, wenn das Internet als freier Markt (miss-)verstanden wird? Die Verwertungsgesellschaften für Künstler müssten auf neue Füße gestellt werden, sagte Zypries, und forderte mehr Transparenz sowie eine „sachgerechte“ Verteilung der Gelder. Derzeit bekämen nur die viel, die bereits viel hätten, während sich unbekannte Künstler und kleine Veranstaltungszentren kaum über Wasser halten könnten.

Auch Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) beklagte die gängigen Bewertungskriterien als unzureichend. Nicht das Produkt und die Häufigkeit seiner Aufführung dürfe im Fokus stehen, sondern das Prozessuale, in dem sich Kreativität offenbare. Die Schwierigkeit der Verein-nahmung von Ideen sprach Jazzinstituts-Leiter Wolfram Knauer an. Er berichtete vom Trompeter Nicholas Payton, der 2011 die Verschiebung des Jazz ins Elitäre und die zunehmende Kategorisierung durch die (von Weißen beherrschte) Vermarktungsindustrie beklagte. Payton setzte dem die Freiheit musikalischer Entfaltung unter dem Begriff der Black American Music (BAM) entgegen. Was aber, fragte Knauer, wenn man bedenkt, dass sich aktuell in Europa eine sehr lebendige, eigenständige Jazzszene entwickelt? Wer könnte da noch wem etwas „schuldig“ sein?

Auch Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut versuchte, den Begriff der Originalität näher zu fassen. Kann man Neues schaffen, wenn ein weltweites Archiv auf Knopfdruck beinahe alles zur Verfügung stellt? Wie absurd es heute sein kann, jedes kleine Zitat „gewissenhaft“ abzurechnen, habe der Komponist Johannes Kreidler mit der Aktion „Product Placements“ gezeigt, bei der er in einer Collage aus 70200 Zitaten ebenso viele Gema-Anträge ausfüllte und diese auf Lastwagen 2008 in die Gema-Generaldirektion nach Berlin brachte. In Zeiten, in denen Kopieren längst zur Kulturtechnik herangereift sei, bedürfe es neuer Ideen, so Schäfer: Vielleicht wäre eine „Kulturflatrate“ sinnvoll oder eine Bezahlung über Auftraggeber, die dann natürlich verstärkt wieder im Musikgeschäft auftreten müssten.

Dabei scheint für junge Musiker die Netz-Vielfalt längst Alltag, wie ein Veranstaltungsbesucher sagte: Beim Surfen höre er auch Neues: „Das inspiriert!“:


19. Juni 2013, 20:00 Uhr
Musik + Gesang
Ort: Zooschule, Vivarium Darmstadt
(Schnampelweg 5, 64287 Darmstadt)

Im Rahmen der von der Kulturregion FrankfurtRheinMain veranstalteten Reihe “Freies im Gesang” aus Anlass des Jubiläums des Ersten Allgemeinen Deutschen Sängerfestes widmet sich das Darmstädter Musikgespräch dem Thema der Stimme als Ursprung aller Musik. Als Gast ist mit Prof. Dr. Meertinus P.D. Meijering ein renommierter Zoologe mit dabei, mit dem das Gespräch über sangliche Freiheit einen noch ganz anderen, nämlich ornithologischen Einschlag erhalten wird.

Ein musikalisches Quartett mit Meertinus P.D. Meijering (Zoologe), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Das Darmstädter Echo berichtete am 21. Juni 2013:

Die Amsel singt den Blues.
Musikgespräch. Lauscht der Vogel dem Jazz was ab oder umgekehrt?

DARMSTADT. Hat die Amsel den Blues? Weint oder frohlockt der Trauerschnäpper? Imitiert der Vogel den Mensch oder umgekehrt beziehungsweise beides? Um derlei Fragen kreiste das jüngste “Darmstädter Musikgespräch” im Vivarium. Gäste und Vögel taten munter mit.

Im Garten von Wolfram Knauer lebt eine Amsel. seit vier Jahren schon. Dass Knauer Direktor des Darmstädter Jazzinstituts ist. färbt auf das Repertoire des Vogels ab – so scheint es zumindest. Seit dieser Saison “singt die Amsel den Blues”. behauptet der Fachmann; eine entsprechende Kadenz hat er herausgehört. Die in leichten Variationen erklinge. Woher hat der Vogel das nur? Vor allem: Wer ahmt hier wen nach? Kann ja gut sein. dass der Vogel aufgeschnappt hat. wie Knauer bei offenem Fenster Charlie (“Bird”) Parkers schönen Standard “Ornithology” abspielte …

Aus scheinbar beiläufigen Beobachtungen und Bemerkungen wie dieser ins Zentrum der Musikphilosophie zu stoßen. das ist eine der Qualitäten der “Darmstädter Musikgespräche”. Kluge. anregende Fragen gibt es hier stets mehr als einfache Antworten. Das war auch beim jüngsten Treffen im Vivarium so. Ein nur scheinbar ungewöhnlicher Ort für die drei Leiter der heimischen Musikinstitute und ihren Gast. den Zoologen und Vogelkundler P.D. Meijering: “Musik und Stimme” war das Generalthema. Und da hat die Tierwelt natürlich ein paar Takte mitzureden.

Wer in Garten. Feld und Flur ein” Vogelkonzert” hört. den “Erfindungsreichtum” der “Singvögel” bewundert und Motive herheraushört. die er wahlweise für Barock. Beatles oder Blues hält – der kommt einem offenbar typisch menschlichen Grundbedürfnis nach: Er fasst Äußerungen der Natur in menschengemachte ästhetische Kategorien. Für den Vogel aber ist das alles eigentlich Sprache. ist Kommunikation. Erklärt der Ornithologe P.D. Meijering (Vater des hiesigen Komponisten Cord Meijering). Der Trauerschnäpper will nicht Trauergesang üben, er will bloß ein oder mehrere Weibchen in seine Bruthöhle locken. Typisch Mensch, dass man da mehr raushören möchte. Meijering junior weiß zu berichten. dass beispielsweise der Koreaner dabei gar nicht von Gesang redet: “Die Amsel weint” heiße es dort. Worüber – das ist wieder so eine typische Frage von allzu grüblerischen Säugern.

Zoologe Meijering deutet sogar an, dass der Mensch dem Ruf der Natur deshalb so gebannt folgt und diesen zu interpretieren sucht, weil da etwas Uraltes zu ihm spricht. Schließlich sind wir um ein paar Ecken rum ja alle miteinander verwandt, Reptil, Vogel und Säuger. P.D. Meijerings These: “Man wartet auf den Ton. der aus der Natur kommt und der einen anspricht.”

Umgekehrt fühlen sich auch die Vögel durchaus von uns angesprochen. Der Tierkundler erklärt. dass sich Amsel-Populationen entwickelt hätten, die sich “so eng an den Menschen gebunden haben, dass die nicht in den ursprünglichen Wald zurückgekehrt sind”. Offenbar hat man sich was zu sagen. Aus den Reihen der Besucher wie der Gastgeber werden munter Beispiele vorgebracht: Wie der fast taube Beethoven in seine sechste Sinfonie drei vogelähnliche Motive eingewoben hat; wie die Kiebitze als “großartige Nachmacher” das menschliche Ohr und Herz erfreuen. Und wie der Komponist Olivier Messiaen seinen gefiederten Freunden Melodien ablauschte und auf Notenpapier festhielt, um diese weiter zu variieren, das weiß Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut zu berichten. Natur und Kultur, so scheint’s, sind in einen hübschen Kreislauf eingespannt und drehen das Ding immer noch ein Stückchen weiter.

Gibt es Spaßvögel, die nur aus Freude singen?

Es geht dann auch noch um die Frage, wie frei Mensch und Vogel seien. Singt der Vogel auch mal nur zum Spaß? Hat der Mensch in frühester Kindheit ein offeneres Ohr für Gesänge aller Art? Restlos klären lässt sich das in gut anderthalb stickigen Stunden im Vivarium nicht. “Am Anfang”, glaubt jedenfalls Wolfram Knauer, “ist die Freiheit eigentlich da” – die Freiheit. zu singen. wie einem der Schnabel gewachsen ist. Nur: “Sie wird uns durch die Kulturbindung ausgetrieben.”

Die Aufgabe des Künstlers sei es daher. “für uns den Kontakt zu dieser Freiheit wieder herzustellen”. glaubt Cord Meijering. Von draußen hört man, wie der Vivariumspfau seinen Ruf in die schwüle Nacht schickt. Es klingt sehr traurig.  (Thomas Wolff)


19. Dezember 2012
Musik + Bewegung
(14. Darmstädter Musikgespräch)

Ein musikalisches Quartett mit Mei-Hong Lin (Choreographin am Staatstheater Darmstadt), Jürgen Krebber (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Die Musik und der Tanz sind von jeher eng miteinander verbunden. Die Motorik des Rhythmus, die Spannung der Harmonik, die Sanglichkeit der Melodie, die Erkennbarkeit von Form – alle Elemente, die in der Musik eine Rolle spielen, stehen in ursächlichem Zusammenhang mit der Bewegung des Tanzes. Grund genug für das musikalische Quartett der Darmstädter Musikgespräche, sich Gedanken zu diesem Bereich zu machen und dabei den Begriff “Bewegung” durchaus auch etwas weiter zu fassen.

Der Tanz aber wird allein schon angesichts des Ortes und des Gastes dieses Musikgesprächs eine wichtige Rolle spielen beim Darmstädter Musikgespräch: Die Leiter der drei städtischen Musikinstitute, Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Jürgen Krebber (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) haben diesmal die international gefeierte Choreographin Choreographin Mei Hong Lin als Gast zum musikalischen Quartett eingeladen, das sich auch im Gespräch mit dem Publikum dem Thema “Musik + Bewegung” nähern will.

Termin: Mittwoch, 19. Dezember 2012, 20:00 Uhr
Ort: Staatstheater Darmstadt, Ballettsaal
in Kooperation mit dem Staatstheater Darmstadt
Eintritt frei

ACHTUNG: Die Zahl der Teilnehmer ist auf insgesamt 40 beschränkt. Treffpunkt: 19:30 Uhr am Verwaltungseingang (zwischen Hügel- und Sandstraße). Bitte Socken mitbringen, da im Ballettsaal keine Schuhe erlaubt sind.

Das Darmstädter Echo berichtete am 21. Dezember 2012:

Hirne im Gleichklang
Diskussion – Kulturfachleute fragen nach dem Verhältnis von Musik und Bewegung
DARMSTADT.

“Musik und Bewegung sind für mich wie ein altes Ehepaar, manchmal streiten sie sich, meist ertragen und lieben sie sich”, erklärt Mei Hong Lin. Die Darmstädter Tanztheater-Chefin ist beim jüngsten “Darmstädter Musikgespräch” nicht nur Gast, sondern auch Gastgeberin: Die Runde hockt diesmal im Ballettsaal des Staatstheaters beisammen. Wie eng Musik und Bewegung verbunden sind, zeigt sie am Beispiel: 15 Tänzer ihrer Truppe präsentieren eine der Traumszenen aus ihrem neuen Stück “Lala auf der Couch”.
Darin wird die Geschichte der Modemagazin-Chefin Lala erzählt, die nach ihrem Zusammenbruch mithilfe eines Psychiaters wieder zu sich selbst findet. Die Musik von Serge Weber wurde extra für das Stück komponiert, nachdem er die Bewegungen der Tänzer gesehen hatte. Was war nun zuerst da, die Musik oder die Bewegung?

Diese Frage wird an diesem Abend immer wieder gestellt. Im Fall von “Lala” waren es zuerst die Gefühle, die in Bewegung ausgedrückt werden sollten. “Jede Bewegung hat einen Grund und muss Emotionalität haben” steht für die Choreografin fest.
Jürgen Krebber vom Internationalen Musikinstitut fällt es schwer, nach dieser dynamischen und stilistisch wechselhaften Tanzszene, mit Worten weiterzumachen. Musik bewegt, ist sein Fazit. Und das in jedem Sinn: ob als Weg-Leitsystem in Leipzig, wo Hinweistafeln zu verschiedenen Orten führen, die mit Musik zu tun haben, oder ob es die kleinen neuronalen Netzwerke sind, die im Gehirn entstehen, wenn zusammen musiziert oder getanzt wird. Sogar Gehirne beginnen einen Gleichklang zu entwickeln, wie die Forschung zeige.

Jazz-Experte Wolfram Knauer erzählt Persönliches. Immer schon habe er unwillkürlich mit dem Fuß gewippt. Soll es dann wirklich ans Tanzen gehen, löse sich diese Einheit von Körper und Musik aber auf – steigt in den Kopf, “um dann unkoordiniert wieder in den Körper zurückzugehen.” wie er lachend erzählt. Für den Leiter des Jazzinstituts lebt auch der Jazz ganz klar vom Swing, von seiner rhythmischen Qualität. Knauer fragt sich allerdings, wann und warum die neuere Musik dieses tänzerische Moment verloren hat.

Cord Meijering, Direktor der Akademie für Tonkunst, kritisiert dabei jene zeitgenössische Musik, die allzu sphärisch pseudo-religiöse Klänge produziert und dabei den „Puls“ verloren habe. Für ihn sind die Begriffe “Bewegung” und “Tanz” weiter gefasst und spielen sich irgendwo zwischen Himmel und Erde, Sprungkraft und Schwungkraft ab, wie er gestisch illustriert.

Die Publikumsfrage, ob sie Musik als Bewegung hört, bejaht Mei Hong Lin: “Deshalb gehe ich auch ungern in Restaurants mit Hintergrundmusik.” Sie sieht sofort Bilder, Bewegungen und Farben – dagegen ist sie machtlos. Sie erzählt, dass sie deswegen auch zu Hause nie Musik hört, einfach weil sie sonst nicht entspannen kann. Sonst erginge es ihr vielleicht wie “Lala auf der Couch”. (Julia Reichelt)


7. November 2012
Musik + Langeweile

(13. Darmstädter Musikgespräch)

Ein musikalisches Quartett mit Hans-Klaus Jungheinrich, Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Arndt Weidler (Jazzinstitut Darmstadt)

Es mag ja eine überhebliche Haltung derer, die sich professionell mit Musik beschäftigen, sein, dass Musik alles sein dürfe, nur nicht langweilig. Ist Langeweile etwas, was in der Musik selbst begründet liegt? Oder wird Langeweile auch durch die Umstände, also beispielsweise die Repertoirewahl, bestimmt? Oder ist Langeweile vielleicht einfach falsche Erwartungshaltung des Hörers? Und warum überhaupt verlangen wir Kurzweiligkeit, vielleicht weil wir in unserer kurzlebigen Zeit einfach nicht mehr die Geduld für lange Weile aufbringen?

All solche Fragen und andere mehr stellt sich das musikalische Quartett der Darmstädter Musikgespräche am 7. November und lädt darüber hinaus auch sein Publikum zum Gespräch ein. Neben den Leitern der drei städtischen Musikinstitute, Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Arndt Weidler (Jazzinstitut) ist zum Musikgespräch in der Darmstädter Kunsthalle der renommierte Musikkritiker und -autor Hans-Klaus Jungheinrich eingeladen, sich Gedanken über “Musik und Langeweile” zu machen.

Termin: Mittwoch, 7. November 2012, 20:00 Uhr
Ort: Kunsthalle Darmstadt
Eintritt frei


23. August 2012
Musik ausstellen

(12. Darmstädter Musikgespräch)

Ein musikalisches Quartett mit Hans Drewanz, Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut), Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Am 5. September 2012 jährt sich der 100. Geburtstag von John Cage, einem der wichtigsten Komponisten und Musikdenker des 20. Jahrhunderts. Wie kaum jemand vor ihm hat Cage die Frage nach den Grenzen der Musik und ihren Verbindungen zu anderen Kunstfeldern und der Alltagswelt immer wieder neu gestellt. Gemeinsam mit Satie, Duchamp und Beuys gehört er zu den großen Strategen der Musik und Kunst im 20. Jahrhundert. Ausgehend von diesen Jahrhundertgestalten wird die Ausstellung “A House Full of Music” auf der Mathildenhöhe Darmstadt mit ebenso faszinierenden wie erhellenden Klangräumen, Projektionen, Objekten, Gemälden und Installationen die parallelen Strategien von Musik und Kunst in Geschichte und Gegenwart erfahrbar machen.

Auch das Darmstädter Musikgespräch, das diesmal auf der Mathildenhöhe zu Gast ist, befasst sich mit dem Thema “Musik ausstellen”. Die drei Leiter der Darmstädter Musikinstitute haben sich dazu als Gast den Dirigenten und langjährigen Generalmusikdirektor des Staatstheaters Darmstadt Hans Drewanz eingeladen.

Beim offenen Gespräch untereinander und mit dem Publikum wird es um ganz unterschiedliche Aspekte des “Musik Ausstellens” gehen. Lässt sich etwas so aufs Ohr gerichtetes wie Musik überhaupt ausstellen? Wo verschwimmen die Grenzen zwischen Skulptur, Klangskulptur, Musik oder zwischen musikalischer Skizze, Partitur, Zeichnung Malerei? Und wie geht, nicht zuletzt, der Musiker mit der Tatsache um, dass er seine Musik auf eine ganz andere Art und Weise täglich “ausstellen” muss, in der Inszenierung des Konzerts, das in allen Formalien und Ritualen oder auch in der Durchbrechung derselben durchaus Parallelen zu dem aufweist, was “A House Full of Music” in diesem Sommer auf der Mathildenhöhe thematisiert.

Termin: Donnerstag, 23. August 2012, 20:00 Uhr
Ort: Institut Mathildenhöhe, Museum Künstlerkolonie
Eintritt frei

Das Darmstädter Echo schrieb am 25. August 2012:

Wege zur Glückseligkeit
Diskussion – Das „Darmstädter Musikgespräch“ drehte sich diesmal um das Thema „Musik ausstellen“

DARMSTADT.

„Musik ausstellen“: Dieses Thema hatten sich die Initiatoren der „Darmstädter Musikgespräche“ gesetzt und das Ganze auf die Mathildenhöhe verlegt. Dort läuft zurzeit noch die Schau „A House Full of Music“, in der Wechselwirkungen von Kunst, Musik und anderen Disziplinen aufgezeigt werden. So bot sich ein konkreter Aufhänger für die Diskussion – eigentlich. Doch es ging nebenher und zwischendurch auch darum, was man noch so alles unter „Musik ausstellen“ verstehen könnte. Das war allerhand.
Als Gast hatte man sich Hans Drewanz aufs Podium geladen. Der war genau der Richtige für diesen Abend. Der Idee, Musik auf welche Art auch immer zu inszenieren, kann der Dirigent und langjährige Generalmusikdirektor des Staatstheaters Darmstadt so gar nichts abgewinnen und gab seinen Gastgebern damit von Anfang an hübsch Kontra.
Er empfindet die Mathildenhöhe-Schau als „intellektuelles Vergnügen“ und „musikwissenschaftliches Seminar“, sieht aber generell keine Notwendigkeit, der überbordenden „Befrachtung mit Bildern“ in der heutigen Kultur weiteren Vorschub zu leisten. Musik ist für Drewanz „nur auf das Ohr gerichtet, demnach nicht zeigbar, sondern nur hörbar“ – eine „Entgrenzung“, keine Einschränkung. Er habe eher das Gefühl, „dass etwas verloren geht, wenn sie bebildert und betextet wird“. Suspekt sind ihm schon die Obertitel in der Oper.

Als eine „Entzauberung der Musik“ sieht auch Wolfram Knauer vom Jazzinstitut das Ausstellen von Musik. Allerdings: Im veränderten Kontext erschließen sich für ihn neue Ebenen. Wenn das Museum das Video eines wütenden Jimi-Hendrix-Auftritts mit anderen Formen der ästhetischen Destruktion zeigt, wird für Knauer sichtbar, „wie Zerstören und Neuschaffen miteinander zusammenhängen“. Rückkopplungen unterschiedlicher Art würden erlebbar.
Auch aus dem Publikum wurde der Ruf nach „Erkenntnisgewinn“ durchs Ausstellen laut. Für Drewanz alles nicht nötig.
Ob es ihm als Dirigent nicht auch darum gehe, „Musik zu formen, zu skulpturalen Objekten werden zu lassen“, wollte Thomas Schäfer vom Internationalen Musikinstitut wissen. Keineswegs, so die Antwort: „Ich sehe mich als Musiker im Dienste des Komponisten“, dessen Intentionen er „zum Klingen bringen“ müsse. Ohne jeden bildnerischen Anspruch. Auch dass man beispielsweise in Mahlers dritter Sinfonie einen neuen Begriff von „Dimension“ bekommen könnte, wie Cord Meijering von der Akademie für Tonkunst meinte, hält Drewanz „nicht für schlüssig“. Andere Besucher könnten ja ganz was anderes heraushören.
Mit so starkem Widerstand gegen alles Bildhafte hatte Thomas Schäfer offenbar nicht gerechnet. Leicht provozierend fragte er den Gast, ob er bei der Arbeit an Opern im Staatstheater denn sehr gelitten habe? „Man liebt die Oper für alles, was sie sein könnte“, so Drewanz, „und man hasst sie für das, was sie ist.“ Eines jedenfalls nicht: illustrierte Musik. Dass die Oper ihrem Wesen nach auf den vielschichtigen Wechselwirkungen von Text, Musik, Schauspiel, Bühnenbildnerei und vielem mehr basiert, war der Runde zwischenzeitlich etwas aus dem Blick geraten.
Den stärksten Beifall gab es zuletzt für jene Besucherin, die ihre „unglaubliche Glückseligkeit“ beim Genießen der Mathildenhöhe-Schau schilderte. Froh sei sie vor allem, dass niemand sie belehrt habe. Komponist Meijering stieß ins gleiche Horn. „Ich hab’ nie versucht, Musik zu verstehen“, erklärte er gegen Ende, „ich möchte fasziniert bleiben.“

(Thomas Wolff)

 


21. März 2012
Jazzwerkstatt Berlin
Ein Musikgespräch mit Ulli Blobel
(11. Darmstädter Musikgespräch)

Ohne Ulli Blobel müsste die Geschichte des Jazz in Deutschland sicherlich umgeschrieben werden. Das Städtchen Peitz am Rande des Spreewalds, wäre nichts weiter als eine kleine Gemeinde in der Nähe Berlins, regional bekannt für seine Karpfenteiche. Jazzfans weltweit kennen Peitz stattdessen dafür, über Jahre hinweg mit seinem Festival das Mekka des West-Ostdeutschen Free-Jazz gewesen zu sein. Zu einer Zeit Ende der 1970er Jahre, als der Eiserne Vorhang für den kulturellen Austausch zwischen BRD und DDR ein klein wenig geöffnet wurde, um Musik von Weltrang in den “Arbeiter- und Bauernstaat” zu locken. Als Konzertveranstalter machte Blobel in der DDR eine steile Karriere.

1984 aber kehrte er ihr den Rücken, siedelte in Wuppertal im Umfeld der dortigen Heroen Peter Brötzmann und Peter Kowald, gründete Labels und einen Vertrieb, verließ dann für eine Weile die Jazzwelt, um erst 2006 wieder zum jazz zurückzukehren, als er in Berlin die “jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg” gründete. Zur “Werkstatt” gehört ein gleichnamiges Label, das in den vergangenen fünf Jahren zur auffälligsten und rührigsten Präsentationsfläche der jungen Berliner Jazzszene geworden ist.

Wo wäre in Darmstadt ein besserer Ort für ein Musikgespräch mit Ulli Blobel als in der Werkstatt des Berliner-Darmstädter Künstlers, Bildhauers und Improvisations-Schlagzeugers Detlef Kraft. Dessen Skulpturen, darunter auch das 2003 geschaffene Standbild des Bluesmusiker “Little (Marion) Walter” vor dem Jazzinstitut Darmstadt, entstehen in seinem Atelier auf dem ehemaligen Werkstattgelände der Darmstädter Firma Goebel gegenüber dem Hauptbahnhof. Eingang zum Atelier über Bismarckstraße (Eingang gegenüber Kirschenallee).  

Termin: Mittwoch, 21. März 2012, 20:00 Uhr; ab 19:30 Uhr Möglichkeit eines Atelierrundgangs; Ort: Atelier von Detlef Kraft, Goebelstraße 21 (ehemaliges Weksgelände der Fa. Goebel, gegenüber Hauptbahnhof Darmstadt); Eintritt frei


8. Februar 2012
Musik + Verpackung
(10. Darmstädter Musikgespräch)

Ein musikalisches Quartett mit Michael Schneider (INTEF), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut),Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt)

Musik ist ästhetisches Statement und Genuss, und dennoch ist sie zugleich immer auch eine Ware gewesen. Dieses Thema greift das “musikalische Quartett” im Rahmen der Darmstädter Musikgespräche auf. Im lebendigen Diskurs miteinander geht es dabei etwa um den Warencharakter von  Musik, aber auch um deren tatsächliche Verpackung, beispielsweise als LP oder CD. Es geht um Musik, die als Hintergrund schon mal selbst zur Verpackung werden kann. Es geht um Labels, die der Musik gern aufgepfropft werden. Es geht um kulturelle Profile von Rundfunksendern, um die Rechthaberei ideologischer Musikfundamentalisten, um die Macht von Wort und Bild. Und es geht um die Auswirkungen, die all die verschiedenen Vorstellungen von “Verpackung” auf die Musik selbst haben, die sich ihres Zwitterstatus’ zwischen Kunst und Ware ja durchaus bewusst ist.

Beim Darmstädter Musikgespräch setzen sich die Leiter der drei Darmstädter Musikinstitute, Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut) mit einem Gast zu einem “musikalischen Quartett” zusammen, das ganz unterschiedliche Aspekte des Themas diskutiert. Der Gast des Musikgesprächs “Musik + Verpackung” ist zugleich Gastgeber, Michael Schneider nämlich, der das Institut für Neue Technische Form (INTEF) leitet, das in diesem Jahr sein 60jähriges Jubiläum feiern kann.

Termin: Mittwoch, 8. Februar 2012, 20:00 Uhr
Ort: Institut für Neue Technische Form (INTEF), Friedensplatz 10, Darmstadt Eintritt frei


14. Dezember 2011
Die Musikschule in der Darmstädter Kulturlandschaft Stefan Hakenberg im Gespräch mit Cord Meijering, Wolfram Knauer, Thomas Schäfer
(9. Darmstädter Musikgespräch)

Darmstadt hat eine Musikschule wie andere Städte auch. Aber Darmstadts Musikschule ist anders. In dieser Stadt gibt es mit dem Internationale Musikinstitut, dem Jazzinstitut und der Akademie für Tonkunst Einrichtungen, die internationale Ausstrahlung besitzen, aber natürlich auch die Welt nach Darmstadt holen. Die Leiter dieser drei Einrichtungen werden sich im Gespräch mit Stefan Hakenberg, dem Leiter der Städtischen Musikschule, darüber unterhalten, welchen Einfluss das besondere Darmstädter Klima auf seine Arbeit hat, wie die Schülerinnen und Schüler von der einzigartigen musikalischen Situation dieser Stadt profitieren und was die Musikschule in die Stadtgesellschaft zurückgeben kann.

Literaturhaus (Kasinostraße 3), 20:00 Uhr


21. September 2011
Darmstadt – L. A. (Hollywood) Der Filmemacher und Komponist Henning Lohner
(8. Darmstädter Musikgespräch)

Das 8. Darmstädter Musikgespräch stellt den Filmemacher und Komponisten Henning Lohner in den Mittelpunkt und zeichnet damit den Weg einer besonderen Karriere nach. Lohner war 1984 erstmalig Teilnehmer der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt und ist heute einer der renommiertesten deutschen Filmkomponisten. Bekannt wurde er durch seine langjährige Arbeit bei der Oscar prämierten Musikschmiede Remote Control Productions von Hans Zimmer in Los Angeles, mit dem er zum sogenannten German Hollywood zählt, sowie durch das 1988 angefangene raw material-Medienkunstprojekt. Bei den Darmstädter Musikgesprächen, erstmalig zu gast im INTEF, wird Lohner über seine Arbeit mit Karlheinz Stockhausen und Franz Zappa berichten, über Filmmusiken für Bernd Eichinger, Till Schweiger, Dennis Hopper, aber auch über eigene Filmprojekte etwa über Stockhausen, Hopper, Zappa, Karl Lagerfeld, Gerhard Richter, John Cage, Brian Eno und Yoko Ono.

Institut für Neue Technische Form (Friedensplatz 10, Darmstadt), 20:00 Uhr


8. Juni 2011
Manfred Bründl: “Sincerely P.T.” Der legendäre Jazzbassist Peter Trunk
(7. Darmstädter Musikgespräch)

Manfred Bründl ist einer der herausragenden Kontrabassisten und Komponisten des europäischen Jazz. Der in Regensburg geborene Musiker studierte in Graz, gehörte lange Zeit zur Frankfurter Szene und unterrichtet heute als Professor an der Musikhochschule in Weimar. Bründl, der Musiker wie Charles Mingus, Scott LaFaro oder Jaco Pastorius genauso zu seinen Einflüssen zählt wie die Tradition der europäischen klassischen Musik, hat sich in den letzten Jahren auf Spurensuche eines deutschen Jazzbassisten begeben, der bereits zu Lebzeiten weit über sein Heimatland hinweg Anerkennung erhielt. Der 1973 bei einem Verkehrsunfall getötete Peter Trunk zählte zu den überzeugendsten europäischen Jazzbassisten der Nachkriegszeit. Michael Naura stellte ihn gar in eine Riege mit den großen amerikanischen Kollegen, wenn er beschreibt: “Die großen Bassisten – ich denke da an Jimmy Blanton, Ray Brown, Scott LaFaro und Peter Trunk – waren und sind in erster Linie weniger Solisten, als integrierende Figuren, die Gefühle der Geborgenheit vermitteln.” In seinem jüngsten Projekt “Silent Bass” nähert Bründl sich der Musik Peter Trunks, dessen Spiel auf dem Kontrabass sich durch einen sonoren, vollen, runden Ton, melodische und rhythmische Präzision und eine Vielfalt an Ideen auszeichnete. Dafür recherchierte er in Archiven, traf Kollegen und Zeitzeugen und entwickelte im Laufe der Recherche seine eigene – auch musikalische – Sicht auf den Kollegen.

Im Gespräch mit Wolfram Knauer wird Bründl über seine Annäherung an Leben und Werk Trunks berichten und darüber, wie diese seine eigene Arbeit beeinflusste. Der kurzweilige Forschungsbericht wird zudem mit seltenen Klangbeispielen aus der Arbeit Peter Trunks und solchen der aktuellen auf seinen Recherchen basierenden Arbeit von Manfred Bründl beleuchtet.

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


6. April 2011
Imke Misch & Simon Stockhausen: Stockhausen, Darmstadt, elektronische Musik
(6. Darmstädter M;usikgespräch)

Die elektronische Musik war vielleicht die umfassendste klangliche Neuerung im musikalischen Geschehen des 20sten Jahrhunderts. Der Einfluss des Komponisten Karlheinz Stockhausen betraf dabei nicht nur die Welt der Neuen Musik, sondern war auch in anderen Genres zu spüren, dem Jazz etwa oder der elektronischen Popmusik. Frank Zappa, Miles Davis, Anthony Braxton, Charles Mingus, Peter Townshend, Björk, Paul McCartney und viele andere sind in ihrer musikalischen Arbeit wesentlich von Stockhausen inspiriert worden.

Die Kölner Musikwissenschaftlerin und Stockhausen-Expertin Imke Misch wird bei den 6. Darmstädter Musikgesprächen Stockhausens Aktivitäten bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt vorstellen und dabei insbesondere auch einen Blick auf seine elektronische Musik werfen. Im Gespräch mit Stockhausens Sohn, dem Komponisten, Multiinstrumentalisten und Elektroniker Simon Stockhausen, der viele der späten Werke seines Vaters programmierte, unterhält sie sich anschließend über die gegenseitigen Einflüsse dieser Zusammenarbeit. Im letzten Teil des Abends schließlich wird Simon Stockhausen über seine eigene Arbeit in den letzten Jahren berichten.

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


16. Februar 2011
Friederike Richter Wieviel Wurzeln braucht Musik?
(5. Darmstädter Musikgespräch)

Die Studienabteilung der Akademie für Tonkunst Darmstadt im Spannungsfeld zwischen regionaler Heimatverbundenheit, europäischer Musiktradition und der Begegnung mit Fernost

Unter diesem Titel hält die Darmstädter Pianistin und Klavierdozentin Friederike Richter am Mittwoch, den 16. Februar 2011 um 20.00 Uhr im Kennedyhaus einen Vortrag über die Arbeit der Studienabteilung der Akademie für Tonkunst Darmstadt.

Die Akademie für Tonkunst, jahrelang Ausbildungsstätte für junge werdende Musiker aus der Region, erfreut sich seit einiger Zeit eines hohen Zulaufs an Musikstudierenden auch aus Übersee wie Lateinamerika, vor allem aber Fernost.

Dies bedeutet einerseits einen Gewinn an Informationen und Erkenntnissen über andere Gesellschaften und Kulturen für einheimische Studierende. Andererseits müssen ausländische Studentinnen und Studenten enorme Hürden überspringen, um das Empfinden abendländischer Musik nachfühlen zu können. In diesem Vermittlungsprozeß steht die Lehrerin, der Lehrer an zentraler Stelle in einer Funktion als “Übersetzer/in”.

Dass allerdings nicht nur ausländische Studierende manchmal Übersetzungshilfen im Umgang mit traditioneller Musik brauchen sondern auch hiesige, will der Vortrag aufzeigen.

Weitere Informationen zur Person der Vortragenden: www.friederike-richter.de

Friederike Richter ist Klavier-Dozentin an der Studienabteilung der Akademie für Tonkunst

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


Mittwoch, 26. Januar 2011
Stephan Schulz & Wolfram Knauer Louis Armstrong. Grenzen überwinden durch Musik
(4. Darmstädter Musikgespräch)

Zwei 2010 frisch erschienene Bücher befassen sich mit Louis Armstrong. Wolfram Knauer, der 2008 als Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an der Columbia University in New York unterrichtete, schrieb eine Biographie, die die Lebensgeschichte des Trompeters entlang seiner Musik erzählt. Der Journalist Stephan Schulz sammelte Erinnerungen und Erinnerungsstücke an Armstrongs Tournee, bei der er 1965 17 Konzerte in der DDR gab. In einer gemeinsamen Veranstaltung berichten die beiden Autoren von ihren Recherchen und von Armstrong, dem system-überschreitenden Musiker, der mit seiner scheinbar unpolitischen Musik wichtige diplomatische Türen öffnete. Zu hören und zu sehen sein werden dabei auch seltene Tonaufzeichnungen Armstrongs, Stasi-Dokumente und Schmalfilmaufnahmen von Hobbyfilmern.

Stephan Schulz ist Journalist für den Mitteldeutschen Rundfunk und Autor des Buchs “What a Wonderful World. Als Louis Armstrong durch den Osten tourte” (Berlin 2010, Verlag Neues Leben). Wolfram Knauer ist Direktor des Jazzinstituts Darmstadt und Autor des Buchs “Louis Armstrong (Stuttgart 2010, Reclam Verlag: Universal-Bibliothek)

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


Mittwoch, 27. Oktober 2010
Cord Meijering: Kinder und Jugendliche komponieren
(3. Darmstädter Musikgespräch)

Es war Mitte der 80iger Jahre des 20. Jahrhunderts in Halle, DDR: Dort gab es ein Konzert der von Hans-Jürgen Wenzel gegründeten und von ihm geleiteten Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche Halle-Dresden. Diese Klasse existierte damals bereits seit 17 Jahren. Was es in diesem Konzert zu hören gab, setzte höchste Maßstäbe für alles, was von nun an auf dem Gebiet der sogenannten “Kinderkomposition” folgen sollte. Seit 1976 produzierte Hans Werner Henze in Italien und Österreich Projekte, bei denen Kinder und Jugendliche komponierten. Die so entstandene Kommunal-Oper “Robert, der Teufel” nach einem Libretto von Elfriede Jelinek katapultierte das Thema “Kinder und Jugendliche komponieren” ins internationale Bewusstsein. An diesen Pionier-Projekten teilnehmend, sie erlebend, begann Cord Meijering das Experiment einer Integration dieser großen jugendlich-innovativen Kraft in eine Institution der Musikausbildung: die Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Er gründete dort 1991 die Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche. Aus diesem Experiment entstand Deutschlands älteste (heute noch existierende) und produktivste Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche, die seit ihrer Gründung etwa 150 Werke – von Kammermusik bis hin zu Oper – hervorbrachte.

Cord Meijering, Komponist, Schüler von Johannes Fritsch, Dietrich Boekle, Hans Werner Henze und Hans Jürgen Wenzel, ist Direktor der Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Nähere Informationen unter www.meijering.de und www.akademie-fuer-tonkunst.de

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


Donnerstag, 15. April 2010
Rüdiger Ritter Jazz im Ostblock – Musik zwischen Widerständigkeit und künstlerischer Autonomie
(2. Darmstädter Musikgespräch)

Dass es auch im sowjetischen Machtbereich Jazz gab, und zwar richtig guten Jazz, ist immer noch recht unbekannt. Wer weiß schon, dass die Musik zu vielen Filmen von Roman Polański von niemand anderem stammt als von Krzysztof Komeda, dem Begründer des modernen polnischen Jazz. Allen Verboten zum Trotz etablierte und behauptete sich Jazz auch in den Ostblockländern und erhielt dort eine widerständige Funktion als Symbol für eine kulturelle Alternative. Vielleicht war es gerade dieser politische Druck, der dem Jazz zu hoher, auch internationaler Qualität verhalf? In Polen jedenfalls hat Jazz bis heute einen beachtlichen gesellschaftlichen Stellenwert. Das liegt unter anderem auch an den großen Festivals am Ende der 1950er Jahre wie etwa dem Warschauer Jazz Jamboree oder dem Jazz nad Odrą in Wrocław, die sowohl künstlerische Meilensteine als auch Manifeste des Freiheitswillens waren.

Rüdiger Ritter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin, stellt in seinem Vortrag die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zum Jazz im Ostblock vor, das dort seit 2007 bearbeitet wird und für das er uns seine Kollegen regelmäßig auch im Jazzinstitut geforscht hatten.

Der Vortrag von Rüdiger Ritter ist teil eines Polen-Schwerpunkts des Jazzinstituts, das am 16. April in seiner Galerie eine Ausstellung mit Bildern von Mira und Alex Fleischer eröffnet (Fleischer war einer der Mitbegründer des Festivals Jazz nad Odrą) und am selben Abend im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut ein JazzTalk-Konzert mit dem Adam Pieronczyk Trio veranstaltet.

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)


Mittwoch, 17. Februar 2010
Michael Custodis Wolfgang Steinecke – Netzwerker der Musikmoderne
(1. Darmstädter Musikgespräch)

2010 hätte Wolfgang Steinecke, Nestor des Wiederaufbaus der Darmstädter Kulturpolitik nach dem 2. Weltkrieg und Gründer der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, seinen 100. Geburtstag gefeiert. Anlass genug, diesen kongenialen Netzwerker der Moderne als Ausgangspunkt für die neu initiierten “Darmstädter Musikgespräche” zu nehmen. Moderne ist bei Michael Custodis’ Vortrag über Steinecke im doppelten Sinne gedacht, als “moderne” Form des Festivalmanagements, viele untereinander zerstrittene Protagonisten für (s)eine Vision von Sommerkursen für die musikalische Moderne zusammenzubringen. Durch diese Fokussierung auf Steineckes Organisationstalent lässt sich auch zeigen, wie es ihm gelingen konnte, alte Vorkriegs-Kontakte (z. B. zu seinem Lehrer Friedrich Blume) zu pflegen und für Kontexte einzuspannen, die diesem eigentlich nicht lagen und dennoch eine konsequente Suche nach musikalischem Neuland unterstützen ließen. Zugleich wird der Vortrag aber auch die Grundzüge von Steineckes Darmstädter Arbeit nachzeichnen.

Michael Custodis ist Musikwissenschaftler und Soziologe aus Berlin. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Musikwissenschaft der Freien Universität Berlin im DFG-Sonderforschungsbereich “Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste”. Für die 45. Internationalen Ferienkurse für Neue Darmstadt (17.-31. Juli 2010) arbeitet er derzeit an einer Ausstellung zu Wolfgang Steineckes 100.Geburtstag.

Literaturhaus Darmstadt (Kasinostraße 3)

Darmstädter Jazzforum – die Plakate

Das 1. Darmstädter Jazzforum fand im Dezember 1989 statt, und damit noch bevor das Jazzinstitut Darmstadt gegründet war. Das dreitägige Symposium im damaligen Konferenzzentrum der Stadt beschäftigte sich mit den unterschiedlichsten Aspekten ästhetischer, historischer, analytischer und pädagogischer Herangehensweisen an die Musik. Es gab einen Flyer, der von Helmut Lorz gestaltet war, dem gefeierten Darmstädter Grafiker, der unter anderem das Signet für die Berliner Funkausstellung sowie das Plakat zur Ausstellung “That’s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts” auf der Darmstädter Mathildenhöhe entworfen hatte.

Oberbürgermeister Günter Metzger beschrieb dieses erste Jazzforum als “Probelauf” zu einem künftigen Jazzzentrum in der Stadt, das mit dem Jazzinstitut Darmstadt am 1. September 1990 gegründet wurde. Bereits im September 1991 fand das 2. Darmstädter Jazzforum statt, das ab jetzt konkreten Themen zugeordnet wurde. Das 2. Darmstädter Jazzforum, das damit das erste des neu gegründeten Jazzinstituts war, nahm das Thema “Jazz und Komposition” in den Fokus. Über andere Darmstädter Veranstalter kam der Kontakt zu einem jungen Grafiker zustande, der seither alle Plakate – und überhaupt die grafische Präsenz des Jazzinstituts – entwarf: dem Frankfurter Designer Roland Stein. Steins Plakate entstehen bis heute in enger Abstimmung mit dem Jazzinstitut. Sie illustrieren nie nur das Thema selbst, sondern immer auch die erwarteten Diskurse, den Kontext der Konferenz, Konzerte und Ausstellung des Jazzforums.

Steins erstes Plakat zeigt das bereits exemplarisch. “Jazz und Komposition” (1991) hätte sich auch mit einem Notenblatt darstellen lassen;  Stein entschied sich für den konstruierten und klar positionierten Schriftzug  “Jazz” über einer  unklaren, vom rot über schwarz ins Weiß hingetupften Fläche. “Jazz in Europa” (1993) spielt mit petrolfarbenen Buchstaben, die, positiv und negativ gesetzt, auf dem leuchtend-roten Hintergrund hervorstechen. Für “Jazz in Deutschland” (1995) wählte Stein die Noten der beiden Nationalhymnen, und auch beim Symposium und den begleitenden Konzerten waren Beiträge zur Entwicklung des Jazz in beiden Teilen des Landes zu hören. Für “Jazz und Sprache” (1997) entwarf Stein ein Plakat mit einer Schreibmaschinentype die über der Ziffer “5”  ein Achtelnotensymbol hatte.

 

Zum seinem 100sten Geburtstag beschäftigte sich das Darmstädter Jazzforum mit “Duke Ellington und die Folgen” (1999); Stein arbeitete dafür mit einem Bild des Duke mit verzerrten Farbkanälen. Weitaus reduzierter fiel das Plakat zu “Jazz und Gesellschaft” (2001) aus, das auf klarem Grund zwei Kreise überlappen lässt. “improvisieren…” (2003) lautete der nächste Jazzforums-Titel, und hier improvisierte auch Stein – mit Linien, Typen, Farben, Rastern. Für das etwas sperrig benannte Symposium über “Verrat!!! … oder Chance? Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik” (2005) bastelte Stein Pappfiguren von Miles Davis, Charlie Parker, John Coltrane und Gerry Mulligan, packte sie in einen Einkaufswagen und ließ sie in einem CD-Laden fotografieren.

   

“The World Meets Jazz” (2007) diskutierte über stilistische Begegnungen genauso wie über kulturelle Aneignung, und Stein arbeitete mit einer Bildsprache, auf der aus Instrumenten Blumen wachsen  und überhaupt die ganze Welt zu blühen scheint. “Tension / Spannung” (2009) war das Jazzforum überschrieben, das sich Werk und Einfluss des Posaunisten Albert Mangelsdorff widmete und für das Stein ein Foto der Posaune des Meisters in seine grafische Komposition mit einbezog. Für “Jazz. Schule. Medien.” (2011) wird es wieder etwas nüchterner: Übereinander gelegte Blätter  spiegeln vielleicht auch die Papierlastigkeit des Themas wieder.  2013 gab es eine Doppelkonferenz mit dem Institut für Jazzforschung Graz, und Steins Umsetzung von “Jazzdebatten / Jazzanalysen” versucht dem diskursiven Gehalt des Themas gerecht zu werden.

Für “Gender and Identity in Jazz” (2015) wählte Stein eine Anspielung an X- und Y-Chromosomen, die er in Regenbogenfarben  zusammenbrachte. “Jazz @ 100. (K)eine  Heldengeschichte” (2017)  zeigt eine zunächst zufällige, aber bewusst modifizierte und platzierte Google-Bildersuche nach “Jazz”, verdeckt vom deutlichen Stempel mit des Konferenzthemas. Für “Positionen! Jazz und Politik” wählt Stein einen Entwurf, bei dem man sich schon beim Betrachten für eine Position entscheiden muss: schwarz auf weißem Grund oder weiß auf schwarzem Grund? Die letzten drei Plakate waren übrigens als mit einem Doppelnutzen konzipiert: auf der einen Seite der zum Quadrat zusammengefalteten Blätter befand sich das Plakat, auf der anderen Seite eine Übersicht übers Programm sowie knappe Programmnotizen. Mitten in der Pandemie veranstalteten wir 2021 unser erstes Hybrid-Jazzforum, “Roots | Heimat. Wie offen ist der Jazz”, und Stein versuchte der Diversität der Themenstellung mit einer Gestaltung nahe zu kommen, in der Klarheit, Verankerung, Risiko und Offenheit gleichermaßen zum Zuge kommen.

Fürs Jazzforum 2023 über “Destination unknown. Die Zukunft des Jazz” haben wir uns zusammen mit Roland Stein für ein durch künstliche Intelligenz erzeugtes Mischwesen entschieden, eine/n Musiker/in, der/die alles imaginieren lässt und neugierig macht, was er/sie wohl hören oder spielen mag.

Wir sind ziemlich stolz auf die grafische Umsetzung der Themen unseres Darmstädter Jazzforums. Es passiert nicht gerade oft, dass man über so lange – immerhin mehr als 30 – Jahre mit einem Grafiker zusammenarbeitet. Roland Stein hat aber nicht nur unser Jazzforum visuell geprägt; er hat zahlreiche Ausstellungen mitgestaltet, unser Logo entwickelt, den Header unserer Website entworfen. Er hat dabei immer das getan, was eine guten Grafiker auszeichnet: zugehört, seine eigenen Schlüsse gezogen und die Atmosphäre, die sich ihm mitteilte, in einen Entwurf umgesetzt. Wir erkennen uns darin wieder, seit 32 Jahren. Wie geht’s Ihnen?

(Wolfram Knauer, Mai 2023)

Jazz in der Kammer (1965-1990)

Am 1. November 1965 spielte das Trio des Pianisten Joachim Kühn mit  Klaus Koch (Bass) und Reinhard Schwarz (Schlagzeug) in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Ost-Berlin. Das Konzert war zugleich der Beginn der Konzertreihe “Jazz in der Kammer”, die bis zum 10. November 1990 163 Konzerte mit mehr als 600 Musiker:innen vor allem der zeitgenössischen Jazzszene aus Ost- und Westeuropa, aber auch den USA oder Japan präsentierte.  Im Programmheft zum ersten Konzert erläutern die Organisatoren, man wolle “auch speziellere Wünsche  vor allem [der] jugendlichen Besucher erfüllen und gleichzeitig neue Besucherschichten für die Arbeit des Deutschen Theaters interessieren”.


Jazz in der Kammer Nr. 1 (1. November 1965) als pdf-Download

Jazz wurde in der DDR der 1950er Jahren von offizieller Seite eher argwöhnisch als Ausdruck “kapitalistischer Dekadenz” und “Musik des Klassenfeinds” beäugt. Mit dem Bau der Mauer 1961 änderte sich diese Haltung des Staates, wie Karlheinz Drechsel berichtet, und schien plötzlich vieles möglich, was früher verboten war. “Die in der DDR agierenden staatlichen Konzert- und Gastspieldirektionen wurden dazu angehalten”, erzählt er, “spezielle Jazzkonzerte für die Jugend zu veranstalten” (Karlheinz & Ulf Drechsel: Zwischen den Strömungen. Mein Leben mit dem Jazz, Rudolstadt 2011: 91). Vor diesem Hintergrund ist auch der Ankündigungstext zum Kühn-Konzert von 1965 zu lesen, in dem es heißt: “‘Jazz in der Kammer’ soll der Förderung und Popularisierung des modern jazz in unserer Republik dienen und jede Art von kommerzieller Tanzmusik, jeden Pseudojazz und unqualifizierte Amateurmusik ausschließen.”

Am 24. November 1969 gab es ein erstes Jubiläum zu feiern: 4 Jahre und 25 Konzerte “Jazz in der Kammer”. Im Programmzettel listen die Veranstalter mittlerweile 102 Musiker und 3 Musikerinnen auf, die bereits in der Reihe aufgetreten waren, mit wenigen Ausnahmen (ein Konzert mit den Leo Wright All-Stars im Oktober 1966) alle aus der DDR oder osteuropäischen Bruderstaaten. Sie erzählen noch einmal die Geschichte des Formats, das einer Idee zweier Schauspieler und eines Gartenarchitekten entsprang. Und sie zitieren aus Rezensionen vergangener Konzerte, etwa mit den Berlin-Leipzig-All-Stars, mit dem Kurylewicz-Nahorny Quintett aus Polen, mit der Zellula Combo aus Prag oder mit der amerikanischen Sängerin Rosita Thomas.

Während der Rückblick die Internationalität der Reihe betont, feiert das Jubiläumskonzert  selbst die zeitgenössische Szene im eigenen Lande. Das Friedhelm Schönfeld Trio mit Klaus Koch und Baby Sommer ist in zwei Stücken zu hören, das Günter Fischer Quartett in einem, Manfred Schulzes Bläserquintett (plus Schlagzeug) spielt seine Komposition “Hymne”, Ernst Ludwig Petrowsky betont in seinem Quartett die amerikanische Tradition (“Oleo”) und mit dem Studio-4-Ensemble auch die europäische (den Choral “Es sungen drei Engel”, ein Stück, das auch Albert Mangelsdorff wenige Jahre eingespielt hatte). Zum Schluss trafen sich die Musiker zu einer Jam Session, und man möchte gern dabei gewesen sein.


Jazz in der Kammer Nr. 25 (24. November 1969) als pdf-Download

Im Jazzinstitut haben wir zahlreiche der Programmzettel  (immerhin 133 von 163), im Original und  für Recherchezwecke auch digitalisiert. Das Abschlusskonzert im November 1990 war wieder ein kleines Festival; neben vielen Namen, die bereits seit den 1960er Jahren mit dabei waren, tauchen jetzt auch jüngere Musiker:innen auf, und die Veranstalter resümieren: “Nach 25 Jahren, in denen sich die Jazz-Szene des Landes entscheidend verändert hat, sehen die ebenfalls älter gewordenen lnitiatoren der Reihe ihre Aufgabe als erfüllt an und verabschieden sich mit der heutigen Familien-Party, die noch einmal treue, langjährige Mitstreiter der KAMMER vereint, von ihrem treuen Publikum.”


Jazz in der Kammer Nr. 163 (10. November 1990) als pdf-Download

Die Programmzettel zu “Jazz in der Kammer” sind nur ein Teil der Dokumente, die im Jazzinstitut über die Jazzgeschichte der DDR vorhanden sind. Daneben finden sich ähnliche Programmblätter zur Jazzwerkstatt Peitz, zur Jazzbühne Berlin, Presseclippings über das Dixieland Festival in Dresden oder die Leipziger Jazztage und Clippings über einzelne Konzerte im ganzen Land von 1965 bis zum Fall der Mauer.

Wolfram Knauer (April 2023)