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JazzNews

Wir lesen die Morgenzeitung für Sie!

Die Presseberichte, die wir in dieser Rubrik zusammenfassen, finden sich übrigens in unserem Archiv in herkömmlicher (papierner) sowie in digitaler Form. Wenn Sie an den kompletten Artikeln zu den auf dieser Seite notierten Meldungen interessiert sind, wenden Sie sich bitte per e-mail an uns. Darüber hinaus verweisen wir auf unseren Jazz-Index, die weltweit größte computergestützte Bibliographie zum Jazz, in der neben Büchern und Zeitschriften auch aktuelle Presseberichte aus Tages- und Wochenzeitungen gelistet sind. Sie können Auszüge aus dem Jazz-Index zu bestimmten Stichworten (also beispielsweise konkreten Musikernamen) kostenlos per e-mail erhalten. Noch ein Hinweis zu den Links auf dieser Seite: Einige der verlinkten Artikel sind ohne Anmeldung nicht einsehbar; bei vielen Online-Zeitungen ist die Lektüre älterer Artikel kostenpflichtig. Bitte beachten Sie, dass die Zusammenfassungen und die Übersetzungen auf dieser Seite unsere Zusammenfassungen und Übersetzungen sind. Wenn Sie die hier gelisteten Artikel zitieren wollten, sollten Sie zu den Originalquellen greifen.

Autor der JazzNews (deutsch wie englisch): Wolfram Knauer

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JazzNews, 7. Oktober 2020

… in aller Kürze …

John Edward Hasse erinnert an den Pianisten und Sänger Ray Charles, der vor 90 Jahren geboren wurde (Wall Street Journal). — Daniel Nagel (Backstage Pro) und Georg Spindler (Mannheimer Morgen) sprechen mit Rainer Kern, dem künstlerischen Leiter des Enjoy Jazz Festivals.

Zev Feldman erzählt von der Entdeckung jüngst erstmals veröffentlichter Liveaufnahmen Thelonious Monks (Discogs). — Martin Johnson blickt auf die Geschichte des 1970er-Jahre-Labels Black Jazz Records (NPR). — Der Bassist Giorgi Kiknadze erhält den Werner Burkhardt Musikpreis (Kulturport).

Renate Feyerbacher berichtet über den Saxophonisten Tony Lakatos, der dieser Tage mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet wurde (Feuilleton Frankfurt). Stefan Michalzik (Frankfurter Rundschau) und Norbert Krampf (FAZ) berichten ebenfalls über Tony Lakatos. — Jeff Vasishta wirft einen Blick ins Haus, in dem Dave Brubeck in Connecticut gewohnt hatte und das jetzt zum Verkauf steht (Dirt).

Reinhard Köchl spricht mit dem Pianisten Michael Wollny (Die Zeit). — Andrian Kreye spricht mit dem Pianisten Brad Mehldau (Süddeutsche Zeitung).

Sabine Leipertz erinnert an den legendären Club Onkel Pö’s  in Hamburg (NDR). Kyle Buchanan sieht die Netflix-Adaptation von August Wilsons Schalspiel “Ma Rainey’s Black Bottom” mit Viola Davis in der Hauptrolle und produziert von Denzel Washington (New York Times).

Mary Ellen Wright spricht mit dem Trompeter Wynton Marsalis vor seinem Auftritt in Mount Gretna (Lancaster Online). Giovanni Russonello hört sich neuentdeckte Aufnahmen Ella Fitzgeralds an, die unter dem Titel “Ella. The Lost Berlin Tapes 1962” veröffentlicht wurden (New York Times).

Stefan Michalzik hört den Pianisten Hans Lüdemann mit dem Trio Ivoire (Frankfurter Rundschau). Ted Gioia erinnert sich, welchen Einfluss der Autor Whitney Balliett auf seine Sicht auf den Jazz hatte (City Journal).

Accra Shepp veröffentlicht ein langes Interview mit seinem Vater, dem Saxophonisten Archie Shepp (New York Review of Books). Orla Barry blickt auf die Situation schwarzer Musiker in der klassischen Musik (The Week), während Joshua Barone lernt, dass viele klassische Orchester jüngst Werke schwarzer Komponisten in ihr Repertoire aufgenommen haben (New York Times).

Steve Provizer betrachtet Louis Armstrong als einen Vermittler zwischen den Welten der populären Unterhaltung und des Jazz (The Arts Fuse). — Andrew Gilbert spricht mit dem Saxophonisten Dayna Stephens (The Mercury News). George Varga spricht mit der Schlagzeugerin Cindy Blackman (The Columbus Dispatch).

Nachrufe:

Wir erfuhren vom Ableben der französischen Sängerin Juliette Gréco im Alter von 93 Jahren (Der SpiegelNew York Times), des Trompeters und Saxophonisten Ira Sullivan im Alter von 89 Jahren (Chicago TribuneWBGO), des Gitarristen und Sängers Sterling Magee im Alter von 84 Jahren (New York Times), des Trompeters  Steffen Mathes im Alter von 33 Jahren (Mannheimer Morgen), des Klarinettisten Laszlo Dömötör im Alter von 71 Jahren (Rheinische Post), des Saxophonisten Arlen Asher im Alter von 91 Jahren (Santa Fe New Mexican), des Journalisten und Moderators Karlheinz Drechsel im Alter von 89 Jahren (MDRTag24), sowie des österreichischen Saxophonisten Hans Salomon im Alter von 87 Jahren (Vienna OnlineORF).

Letzte Woche im Jazzinstitut

Kathrin-Preis
Ende September gaben wir die Gewinnerin des Kathrin-Preises 2021 bekannt, der nach der 2016 verstorbenen Saxophonistin Kathrin Lemke benannt mit einer einwöchigen voll-finanzierten Residenz in Darmstadt dotiert ist, bei der die Gewinnerin das von ihr der Jury vorgeschlagene Projekt ausarbeiten und realisieren kann. And the winner is: die Saxophonistin und Komponistin Luise Volkmann, die sich in ihrer Arbeit genauso auf die afro-amerikanischen Wurzeln des Jazz bezieht wie sie sich ihrer eigenen Stellung als westeuropäische Musikerin bewusst ist, und deren Musik die aktuellen Diskurse unserer Zeit aufnimmt und reflektiert (Darmstädter EchoKathrin-Preis).

Ehrendoktorwürde für Rainer E. Lotz
Der Autor, Sammler, Diskograph, Jazzforscher und Produzent Rainer E. Lotz wurde Anfang Oktober von der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt.

Neue Bücher, die wir gelesen haben
Unter den Büchern, die wir in den vergangenen Wochen lasen, war “Kleine Songs zwischen Freunden”, ein Buch über den Pianisten und Künstler John Fischer, geschrieben von Arno Fischer (siehe die Rubrik “Neue Bucher” auf der Website des Jazzinstituts).

Call for Papers: 17th Darmstadt Jazzforum
“Aus der Neuen Welt”? Eurozentrismus im Jazz
Wenn der Jazz ein Geschenk Afro-Amerikas an die Welt war, wie oft zu lesen ist, und wenn die Musik jeden, der sie spielt, dazu auffordert “sich selbst zu spielen”, also den eigenen kulturellen Background mit ins Idiom einfließen zu lassen, wie beeinflusst ein solcher Mix an Information, Haltungen und Ansätzen wohl den Diskurs über die Musik? Wenn der Jazz immer noch als Identifikationsmittel innerhalb der afro-amerikanischen Community gilt, wie gehen wir dann mit der Tatsache um, dass er mittlerweile Teil der globalen Musikindustrie geworden ist, die weniger von Community- als von kommerziellen Interessen gelenkt ist, oder mit der Tatsache, dass der Jazz von vielen nationalen oder regionalen Szenen überall auf der Welt als ein probates Idiom angenommen wurde, in dem lokale Künstler:innen ihre Emotionen ausdrücken können? “Eurozentrismus” ist ein problematischer Begriff, der oft kultureller Dominanz und dem kolonialen Erbe Europas assoziiert wird. Ist es möglich, über dieses Thema neutraler zu sprechen, als eine Art Darstellung geschichtlicher Entwicklungen, eines künstlerischen Diskurses, an dem der Jazz seit dem frühen 20sten Jahrhundert beteiligt war, nicht also in moralischen, sondern vor allem in beschreibenden Termini?

Dies sind einige der Fragen, die wir beim 17. Darmstädter Jazzforum ansprechen wolle, das wir vom 30. September bis 2. Oktober 2021 planen. Wir laden Sie ein uns Vorschläge für Referate, Panels oder künstlerische Interventionen über eines dieser Teilgebiete (oder ein ganz anderes) zuzusenden, das Ihrer/Eurer Perspektive angemessen ist. Und wir würden uns freuen, wenn Sie unseren Call for Papers mit anderen potentiell Interessierten teilen, mit Kolleg:innen, Künstler:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen. Wir sind (innerhalb gewisser Grenzen) dazu in der Lage Reisespesen zu ersetzen. Die aktuelle Deadline für Vorschläge ist der 30. November 2020 (17. Darmstädter Jazzforum).

Corona – Wichtige Besucherinformation

… zu den Open Air-Veranstaltungen auf dem Bessunger Jagdhof

Zu Ihrem und dem Schutz der anderen Gäste vor einer möglichen Infektion mit CoVid-19 (“Corona”), bitten wir Sie folgende Regeln zu beachten:
  • Der Zutritt zum Jagdhof erfolgt ausschließlich über den Zugang am Forstmeisterplatz (zwischen Café Mela und Resto Belleville).
  • Bitte halten Sie beim Einlass ausreichend Abstand zur vor Ihnen stehenden Person.
  • Um die geforderten Abstände zwischen den Konzertgästen einhalten zu können, ist die Anzahl der Besucher:innen auf dem Bessunger Jagdhof auf 100 beschränkt.
  • Sie müssen beim Betreten des Platzes bzw. des für das Konzert vorgesehenen Bereiches Ihren Namen, Ihre vollständige Adresse und Ihre Telefonnummer angeben. Hier können Sie das Formular (pdf) gerne vorab herunterladen und ausgefüllt bei der Veranstaltung abgeben.
  • Tragen Sie bis Sie Ihren Sitzplatz erreicht haben sowie auf dem Weg vom Sitzplatz zur Getränkebar oder zur Toilette einen Mund-Nasenschutz.
  • Das Jazzinstitut bleibt an diesem Tag geschlossen. Die Toiletten des Jagdhofkellers können benutzt werden.
  • Bei Regen finden die Konzerte entweder im Jagdhofkeller oder im Saal der Bessunger Knabenschule statt. In diesem Fall sind max. 50 (Jagdhofkeller) bzw. 70 (Knabenschule) Besucher:innen zugelassen. Bitte beachten Sie die schriftlichen Hinweise auf unserer Webseite und am Veranstaltungsort.

Diese Maßnahmen sind zu Ihrem und dem Gesundheitsschutz der anderen Gäste unbedingt erforderlich. Wir hoffen sehr auf Ihr Verständnis und wünschen Ihnen trotz der etwas gewöhnungsbedürftigen Umstände einen schönen Konzertabend.

Wenn Sie Fragen zum besonderen Hygienekonzept während der Veranstaltung haben, können Sie diese gerne per E-Mail an jazz@jazzinstitut.de richten.

“Aus der Neuen Welt”?
Eurozentrismus im Jazz

Wir haben mit den Vorbereitungen für unser nächstes Darmstädter Jazzforum begonnen, das vom 30. September bis 2. Oktober 2021 stattfinden wird. Wir wollen Diskussionen aus dem Umfeld der Black Lives Matter-Bewegung aufnehmen und uns darüber austauschen, wie europäisch beeinflusste Sichtweisen das ethische wie ästhetische Verständnis, die Präsentation und die Rezeption des Jazz mit geprägt haben, inwieweit eine solche eurozentrische Sichtweise auch unser Verständnis von Jazz geformt, wenn nicht gar verformt hat und weiterhin formt, welchen Stellenwert in ihr sowohl die afro-amerikanischen Ursprünge der Musik besitzen als auch unser eigenes kulturelles Umfeld. Unsere Diskussionen könnten etwa beim Begriff “Jazz” beginnen, wir können über historische Beispiele eurozentrischer Umdeutungen in der Jazzgeschichte sprechen, aber auch den aktuellen Diskurs über die Relevanz des Jazz in nicht-afroamerikanischen Communities thematisieren. Wir werden über Rassismus im Jazz sprechen, danach fragen, welche Formen von Ausgrenzung und anderen Othering-Strategien sich im Jazz hierzulande finden lassen, und auf alternative Lesarten der Jazzrezeption eingehen, Beispiele etwa, wie afroamerikanische Kultur das Verständnis von Musik auf der ganzen Welt verändert hat. Wir wollen die Diskussion dabei keinesfalls auf den Jazz begrenzen, sondern auch auf ähnliche Debatten über Eurozentrismus bzw. Afroamerikanismus etwa in Neuer Musik oder der Popkultur ganz allgemein blicken.

Das Darmstädter Jazzforum ist eine internationale Konferenz. Wir erhoffen uns Vorträge und Diskussionen, die über unsere kleine Szene der Jazzforscher:innen hinausreichen, und wir erwarten wie immer ein Publikum von Musiker:innen, Journalist:innen, ernsthaften Jazzfans, aber auch von Studierenden und Forscher:innen unterschiedlichster Disziplinen. Die Referate sollten ein Zeitlimit von 25-30 Minuten nicht überschreiten. Wir freuen uns auch über Vorschläge für spannende Panels und sind (innerhalb gewisser Grenzen) dazu in der Lage Reisespesen zu ersetzen.

Bitte schicken Sie alle Fragen oder Vorschläge an jazz@jazzinstitut.de

Über Vorschläge für Referate oder Panels oder andere Formate freuen wir uns. Wir bitten dafür ein Abstract des angedachten Projekts (ca. 1/2 Seite) plus knapper Bio bis zum 30. November 2020 (Deadline) an uns zu senden. Und: Der Text oben ist auch für uns nur eine Ausgangsbasis; wir sind also auch über Themen oder Präsentationsformate dankbar, die wir vielleicht bislang gar nicht auf dem Schirm hatten.


Gedanken zum Thema des 17. Darmstädter Jazzforums

12. August 2020:

Als ob er unseren Call for Papers gelesen hätte, hat Ethan Iverson den jüngsten Eintrag seines Blogs eurozentrischen Perspektiven auf die Musik gewidmet und dabei auf Aussagen aus früheren seiner Posts verlinkt, die für das Thema von Belang sind (Do the Math). Iverson gibt damit einen Aspekt vor, der uns während der Konferenz im Herbst 2021 interessieren könnte. Norman Lebrecht beleuchtet einen anderen Aspekt, wenn er die aktuelle Debatte um den Musiktheoretiker Heinrich Schenker und die “historischen Wurzeln der white supremacy” darstellt (Slipped Disc). Jacqueline Warwick diskutiert, wie die Musikpädagogik in den USA durch den Fokus auf westeuropäische Kunstmusik dominiert ist, fasst die Schenker-Debatte zusammen, und fordert Musikprogramme, die aktiven Musiker:innen, die eine höhere Ausbildung anstreben, tatsächlich etwas bringen (The Conversation). Schließlich lesen wir Howard Reichs Hommage an Charlie Parkers bevorstehende Hundertjahrfeier, in der der Autor eine Reihe von Klischees verwendet, indem er zunächst Birds Einfluss mit dem Mozarts, Chopins und Gershwins vergleicht und ihn (sowie die anderen genannten) dann auch noch als “Revolutionär” feiert (Chicago Tribune).

Man mag sich fragen, ob solche Klischees, die durch eine Genieästhetik geprägt sind, deren Wurzeln im Europa des 19. Jahrhunderts liegen, der Musik gerecht werden. Dies jedenfalls könnte ebenfalls eines der Themen sein, die wir nächstes Jahr beim Darmstädter Jazzforum diskutieren möchten, und in den nächsten JazzNews werden wir weitere Beispiele dafür vorstellen, wie und wo eurozentrische Perspektiven unsere Sicht auf den Jazz prägen. Wir wollen dabei die Geschichte nicht verteufeln, sondern sind an einer bewussten Auseinandersetzung mit den Folgen eurozentristischer Sichtweisen interessiert. Wir wollen also diskutieren, wie Machtstrukturen, sowohl innerhalb der Musikindustrie als auch im ästhetischen Diskurs, eine bestimmte Weltsicht begünstigt haben, und wie Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Kritiker:innen und Fans unterschiedlich mit dieser Tatsache umgehen. Wir hoffen also auf vielfältige Vorschläge, Ansätze und Perspektiven auf unseren Call for Papers, dessen Deadline der 30. November 2020 ist.


26. August 2020:

“Eurozentrismus im Jazz”? … einige weitere Gedanken

Das Thema unseres nächsten Darmstädter Jazzforums im Herbst 2021 beschäftigt uns zurzeit täglich, während zeitgleich bereits die ersten Vorschläge für Vorträge, Panels und künstlerische Interventionen eintreffen. So diskutieren wir in Bezug auf das Thema “Eurozentrismus und Jazz” beispielsweise darüber, was es bedeutet, dass das Goethe-Institut den Jazz seit den frühen 1960er Jahren als ein Beispiel für den aktuellen Diskurs im deutschen Musikleben nutzt, und wie dieses offizielle Gütesiegel das Selbstverständnis vieler Musiker:innen, die im Laufe der Jahre an Goethe-Tourneen teilgenommen haben, verändert hat. Wir sprechen schon mal vom Jazz als dem größten Geschenk (Afro-)Amerikas an die Welt, gerade weil er so inklusiv ist und Musiker:innen aus der ganzen Welt dazu auffordert, ihre persönlichen Einflüsse mit einzubringen. Was aber, wenn das Annehmen dieser Einladung dazu führt, dass die afroamerikanischen Ursprünge der Musik fast vergessen scheinen? Brauchen wir also eine ständige Erinnerung an die Wurzeln des Jazz? Reicht es nicht, dass der Jazz als musikalische Sprache bis heute so viele junge Musiker:innen in ihrer Kreativität inspiriert? Gibt es einen Widersprich zwischen dem notwendigen Respekt und der Freiheit der Künste, also auch der, sich von Traditionen loszusagen? Oder, um auf das Goethe-Beispiel zurückzukommen: Wenn es eine Form des Jazz gibt, die als deutsche Kunstform wahrgenommen wird, wo und wie zeigen wir dann unser Bewusstsein für den afroamerikanischen Ursprung dieser Kunstform? Sind wir uns des Aneignungsprozesses überhaupt bewusst, der mit der globalen Ausbreitung des Jazz einhergeht?

Beim Jazzforum im Herbst 2021 laden wir also zu Vorträgen ein, die sich mit der Frage befassen, wie der Jazz seinen heutigen Stellenwert erlangt hat, hoffen daneben aber auch auf Podiumsdiskussionen und auf musikalische Interventionen, die die Sicht der Künstler auf das Thema eröffnen. Lassen Sie uns wissen, was Ihnen dazu einfällt. Wir freuen uns auch über ungewöhnliche Ideen, auch über solche, die über den reinen Jazzbezug hinausgehen. Die Deadline für alle Vorschläge ist der 30. November 2020.


9. September 2020:

“Eurozentrismus im Jazz?”(!)

Es ist ja ein wenig, wie wenn man sich ein neues Auto kauft und plötzlich überall genau dasselbe Modell oder dieselbe Farbe sieht, auch wenn man diese zuvor nie bemerkt hatte. Seit wir das Thema des nächsten Darmstädter Jazzforums bekannt gemacht haben, nämlich “Eurozentrismus im Jazz”, wird uns fast täglich bewusst, wie viele verschiedene Perspektiven dieses beinhaltet. Die jüngste Erinnerung ist eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst mit dem Titel “Deutsches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music”. Kurt Cordsen spricht mit Anta Helena Recke, einer der Kurator:innen, über die Idee hinter der Ausstellung, in der Stereotype hinterfragt werden, mit denen schwarze Menschen in der deutschen Unterhaltungsindustrie oft identifiziert wurden, sowie das Narrativ, das sich daraus bildete (BR, DMfSUuBM).

Kurz darauf lasen wir Giovanni Russonellos Artikel in der New York Times über Jazz als Protestmusik, ein Beispiel dafür, wie politisch der Jazz (die Musik? die Künste?) im gegenwärtigen politischen Klima in den Vereinigten Staaten wieder geworden sein mögen. Michael Rüsenberg unterstreicht allerdings, dass man auch ganz anders sehen kann, wofür der Jazz steht. Wir haben diese Diskussion in unserem Eintrag über “Protest Music” zusammengefasst (siehe oben, 6. September).

Wie das (kurzlebige, jedenfalls bisher) Deutsche Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music zeigt auch der Fokus auf den Jazz als politisches Werkzeug Aspekte in der Geschichte dieser Musik auf, die sowohl in ihrem Ursprung als afroamerikanische Kunstform wie auch in einem durch eine europäische Sichtweise geprägten Verständnis von Kunst verankert sind, dass nämlich in der Regel hinter jeder Art von Kunst ein Verweis auf Außermusikalisches, Außerliterarisches, Außerkünstlerisches stecke, sie weiterführende Zwecke, Motive oder Ziele verfolge. Die Unterschiede solcher Lesarten sind groß und sie sind nicht nur kulturell bedingt. “Community Building” beispielsweise hat eine ganz andere Bedeutung in einem Land, dessen Sozialsystem vom Markt und von Eigenverantwortung geprägt ist als in einem Wohlfahrtsstaat. Kunst bildet dann doch irgendwie immer auch die Wirklichkeit ab, lassen Sie uns also analysieren und nicht urteilen (!), welchen Einfluss die verschiedenen eurozentrischen Perspektiven auf die Rezeption und Entwicklung des Jazz hatten, sowohl was sein Verständnis als afroamerikanische Musik wie auch als kreative Weltmusik anbelangt.

Wenn Sie die kurzen Einführungen gelesen haben, die wir bereits darüber gegeben haben, worum es 17. Darmstädter Jazzforum im Herbst 2021 gehen könnte, dann wissen Sie bereits über die Vielfalt der möglichen Themen. Jetzt sind aber auch Sie gefragt:

— Call for Papers —

Wir laden Sie ein uns Vorschläge für Referate, Panels oder künstlerische Interventionen über eines dieser Teilgebiete (oder ein ganz anderes) zuzusenden, das Ihrer/Eurer Perspektive angemessen ist. Und wir würden uns freuen, wenn Sie unseren Call for Papers mit anderen potentiell Interessierten teilen, mit Kolleg:innen, Künstler:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen. Wir sind sind (innerhalb gewisser Grenzen) dazu in der Lage Reisespesen zu ersetzen. Die aktuelle Deadline für Vorschläge ist der 30. November 2020.


23. September 2020

“Aus der Neuen Welt”?

Haben Sie jemals von George Bridgetower gehört? Wahrscheinlich eher nicht. Nun, er war der Geigenvirtuose, dem Ludwig van Beethoven ursprünglich seiner später als Kreutzer Sonate bekannt gewordene Komposition gewidmet hat. Patricia Morrisroe erzählt die Geschichte des in Polen geborenen Musikers, Sohn eines Vater afrikanischer Herkunft und einer deutsch-polnischen Mutter, der mit seinen Eltern eine Weile in Mainz lebte und dann, unter dem Management seines Vaters und oft genug als “junger Neger aus den Kolonien” vermarktet, 1789 ein Violinkonzert in Paris gab. 1803 traf er Beethoven in Wien, der ihm seine “Mulatten-Sonate komponiert für den Mulatten Bridgetower, den großen Verrückten und Mulatten-Komponisten” widmete, eine Widmung, die er aber wieder zurücknahm, nachdem Bridgetower abfällige Bemerkungen über eine von Beethoven bewunderte Frau gemacht hatte. Kurz darauf widmete der Komponist das Stück dem französischen Geiger Rudolphe Kreutzer, der es allerdings nie spielte. Sie können die faszinierende Geschichte aus Morrisroes Feder hier weiterlesen (New York Times).

Was aber hat all das mit Jazz zu tun? Nun, es ist ein frühes Beispiel für eine Perspektive des Eurozentrismus, mit dem wir uns während des 17. Darmstädter Jazzforums im Oktober 2021 befassen wollen. Wenn Eurozentrismus oft und auch oft zu recht als eine hegemoniale und dabei auch rassistische Weltsicht gelesen wird, kann man diesen auch als eine Sicht verstehen, die die Welt einfach nur aus dem recht kleinen Blickfeld der eigenen Erfahrung erklärt. Beethovens Entscheidung, die Sonate umzuwidmen, hatte wahrscheinlich nichts mit irgendeiner Art eurozentrischem oder gar rassistischem Denken zu tun. Aber die Tatsache, dass George Bridgetower fast vollständig vergessen ist, obwohl er damals Bewunderer in den höchsten Kreisen der europäischen Kulturszene besaß, hat etwas damit zu tun, dass Geschichtsschreibung oft nur die Geschichte der männlichen Helden erzählt, nicht die seiner weiblichen, schwarzen, schwulen, lesbischen oder sonstwie “anderen” Kolleg:innen.

Oh, und wo wir gerade über klassische Musik sprechen: Zachary Woolfe und Joshua Barone befragten Dirigent:innen, Musiker:innen und Musikmanager:innen über Vor- und Nachteile von Blind Auditions und sprechen mit ihnen darüber, wie schwer es ist, in amerikanischen Orchestern Diversität zu garantieren (New York Times). Das alles ist zugleich eine Diskussion über kulturellen Zugang, über außermusikalische Bedeutung von Musik, über die Notwendigkeit von Quotenregelungen, aber auch über die Diversifizierung des Repertoires. Wie wäre es zudem mit einer Diversifizierung der künstlerischen Ansätze, könnte man ergänzen. Der Klang, die hierarchische Struktur, das ganze Konzept des klassischen Orchesters ist ja ein zutiefst in europäischen Traditionen verwurzeltes Konzept. Mittlerweile gibt es Ensembles, die versuchen, diese Strukturen zu ändern, Streichquartette, die ohne Noten vor sich spielen, Bläserensembles, deren Mitglieder alle stehen statt zu sitzen, Ensembles, die die Verantwortung des Dirigenten, der Dirigentin mal einer/m tatsächlichen überlassen (der/die vor dem Orchester steht), mal aber auch anderen Ensemblemitgliedern, und vieles mehr. Wir sprechen übrigens nach wie vor über klassische Musik. Wir sprechen allerdings auch über Performance-Praktiken, die weit stärker mit Jazz und improvisierter Musik assoziiert sind. Performance-Ansätze zu verändern könnte ein Weg sein, sich aus den Zwängen der eurozentrischen Konventionen zu befreien. Ob das Ergebnis dann große Musik ist… hängt von den Musiker:innen ab. Warum aber sollte man nicht ab und zu selbst die großartigsten Traditionen herausfordern, insbesondere wenn es um dem Weg in eine diversere Zukunft geht?

— Call for Papers —
Wir laden Sie ein uns Vorschläge für Referate, Panels oder künstlerische Interventionen über eines dieser Teilgebiete (oder ein ganz anderes) zuzusenden, das Ihrer/Eurer Perspektive angemessen ist. Und wir würden uns freuen, wenn Sie unseren Call for Papers mit anderen potentiell Interessierten teilen, mit Kolleg:innen, Künstler:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen. Wir sind sind (innerhalb gewisser Grenzen) dazu in der Lage Reisespesen zu ersetzen. Die aktuelle Deadline für Vorschläge ist der 30. November 2020.

7. Oktober 2020
“Eurozentrismus”: ein problematischer Begriff…
Wenn der Jazz ein Geschenk Afro-Amerikas an die Welt war, wie oft zu lesen ist, und wenn die Musik jeden, der sie spielt, dazu auffordert “sich selbst zu spielen”, also den eigenen kulturellen Background mit ins Idiom einfließen zu lassen, wie beeinflusst ein solcher Mix an Information, Haltungen und Ansätzen wohl den Diskurs über die Musik? Wenn der Jazz immer noch als Identifikationsmittel innerhalb der afro-amerikanischen Community gilt, wie gehen wir dann mit der Tatsache um, dass er mittlerweile Teil der globalen Musikindustrie geworden ist, die weniger von Community- als von kommerziellen Interessen gelenkt ist, oder mit der Tatsache, dass der Jazz von vielen nationalen oder regionalen Szenen überall auf der Welt als ein probates Idiom angenommen wurde, in dem lokale Künstler:innen ihre Emotionen ausdrücken können? “Eurozentrismus” ist ein problematischer Begriff, der oft kultureller Dominanz und dem kolonialen Erbe Europas assoziiert wird. Ist es möglich, über dieses Thema neutraler zu sprechen, als eine Art Darstellung geschichtlicher Entwicklungen, eines künstlerischen Diskurses, an dem der Jazz seit dem frühen 20sten Jahrhundert beteiligt war, nicht also in moralischen, sondern vor allem in beschreibenden Termini?
— Call for Papers —

Dies sind einige der Fragen, die wir beim 17. Darmstädter Jazzforum ansprechen wolle, das wir vom 30. September bis 2. Oktober 2021 planen. Wir laden Sie ein uns Vorschläge für Referate, Panels oder künstlerische Interventionen über eines dieser Teilgebiete (oder ein ganz anderes) zuzusenden, das Ihrer/Eurer Perspektive angemessen ist. Und wir würden uns freuen, wenn Sie unseren Call for Papers mit anderen potentiell Interessierten teilen, mit Kolleg:innen, Künstler:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen. Wir sind (innerhalb gewisser Grenzen) dazu in der Lage Reisespesen zu ersetzen. Die aktuelle Deadline für Vorschläge ist der 30. November 2020.


 

Darmstädter Jazzkalender

Alle zwei Monate erstellen wir eine Übersicht über alle Jazzveranstaltungen in Darmstadt. Der “Darmstädter Jazzkalender” liegt normalerweise an über 100 öffentlichen Orten im Darmstädter Stadtgebiet und im Rhein-Main-Gebiet kostenlos aus. Aufgrund der noch sehr eingeschränkten Konzertaktivitäten der Darmstädter Veranstalter:innen durch die Maßnahmen des Gesundheitsschutzes im Rahmen der COVID-19-Pandemie, erscheint der Jazzkalender vorerst nur als Download-Version im PDF-Format.

Aktuellen Darmstädter Jazzkalender als PDF herunterladen

Die wichtigsten Spielorte für Live-Jazz in Darmstadt sind die Centralstation, das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, der Jazzclub im Achteckigen Haus, die Ev. Stadtkirche und der Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut. Daneben gibt es einige Veranstalter, die regelmäßig Jazzkonzerte anbieten wie das Wohnprojekt AGORA e.V. am Ostbahnhof, das vinocentral am Hauptbahnhof, das HoffArt Theater oder der Jagdhofkeller.

Neue Bücher 2020

POSITIONEN! Jazz und Politik
(Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 16)
herausgegeben von Wolfram Knauer
Hofheim 2020 (Wolke Verlag)
248 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-95593-016-5

Das Buchcover sieht wie ein Nachrichtenbild dieser Tage aus, ein Rapper vor einem Foto, das einen bewaffneten Polizeieinsatz zu zeigen scheint. Das Bild, aufgenommen vom Fotografen Wilfried Heckmann, stammt vom Konzert der Band The Anarchist Republic of Bzzz letztes Jahr in der Darmstädter Centralstation, und es bebildert den Umschlag unseres just erschienenen neuen Buchs, “POSITIONEN! Jazz und Politik”, in dem wir das 16. Darmstädter Jazzforum dokumentieren.

Dabei fragten Wissenschaftler:innen, Journalit:innen und Musiker:innen nach dem politischen Bewusstsein in unserer eigenen Gesellschaft, im Deutschland des Jahres 2019. So blickt Stephan Braese zu Beginn des Buchs zurück auf frühere politische Diskurseim deutshen Jazz. Henning Vetter diskutiert Musik und Haltung der Band The Dorf. Nina Polaschegg fragt nach den Unterschieden zwischen zeitgenössischer improvisierter und komponierter Musik in ihrem Verhältnis zur politischen Haltung. Benjamin Weidekamp und Michael Haves sprechen darüber, wie politische Haltung ihre Kunst beeinflusst.

Wolfram Knauer diskutiert Argumente für ein politisches Bewusstsein in der deutschen Jazzszene und gleicht diese mit konkreten Beispielen ab. Mario Dunkel analysiert populistische Bewegungen in Deutschland und Österreich und ihre Verwendung afrodiasporischer Musiken. Martin Pfleiderer diskutiert musikalische Interaktion als demokratischen Akt. Nadin Deventer, Lena Jeckel, Tina Heine und Ulrich Stock sprechen über die politische Verantwortung von Jazzfestival-Veranstalter:innen. Nikolaus Neuser und Florian Juncker machen auf den intermedialen Zusammenhang zwischen Musik und gesellschaftlicher Wahrnehmung aufmerksam. Hans Lüdemann erklärt die politische Motivation für seine Entscheidung Jazzmusiker zu werden.

Nikolaus Neuser diskutiert Jazz als gesellschaftliches Rollenmodell. Michael Rüsenberg hinterfragt die Vorstellung, dass Jazz immer politisch sei. Thomas Krüger beschreibt das Potenzial des Jazz für die politische Bildung. Angelika Niescier, Korhan Erel, Tim Isfort und Victoriah Szirmai blicken aus den Perspektiven von Musiker:innen, Veranstalter:innen, Journalist:innen und Publikum auf die Möglichkeiten politischer Aussagen durch Musik. Ulrich Stock sieht Atef Ben Bouzids Film “Cairo Jazzman”.

Das Buch ist auf Deutsch erschienen und ist im Buchhandel erhältlich oder direkt vom Verlag (Wolke Verlag; dort findet sich auch das Vorwort als PDF-Vorschau).


Adrian Rollini. The Life and Music of a Jazz Rambler
von Ate van Delden
Jackson/MS 2020 (University Press of Mississippi)
507 Seiten, 35 US-Dollar
ISBN: 978-1-4968-2516-2

Adrian Rollini scheint eher ein Nebenthema der Jazzgeschichte zu sein, und doch ist er über seine knapp dreißigjährige Aufnahmegeschichte zu einer Art Legende geworden. Viele kennen ihn als den scheinbar einzigen Bass-Saxophonisten (vor Scott Robinson), andere verbinden Instrumente wie das Goofus oder den Hot Fountain Pen mit seinem Namen. Egal welches Instrument er bediente – neben der Saxophonfamilie waren dies etwa Posaune, Klavier, Harpaphone, Xylophon und Vibraphon –, er entwickelte eine bewundernswerte Meisterschaft auf ihnen. Sein Bass-Sax-Spiel beeinflusste Harry Carney und Gerry Mulligan, sein Xylophon-Spiel Red Norvo, und Louis Armstrong gefiel, wie deutlich in Aufnahmen mit Rollini immer der Bass-Part zu hören war.

Nun hat der niederländische Sammler und Jazzforscher Ate van Delden Adrian Rollini eine Biographie gewidmet, die alle Seiten seines musikalischen Schaffens beleuchtet. Er beginnt im Piemont des 19. Jahrhundert, wo sein Vater aufwuchs, der sich in den 1890er Jahren entschied in die Vereinigten Staaten auszuwandern und bald in New York als Kupferstecher arbeitete, nebenbei aber auch Gesangsunterricht gab. Er fand eine ebenfalls italienischstämmige Frau, und am 28. Juni 1903 kam Adrian, ihr erstes Kind, zur Welt. Der besaß das absolute Gehör, erhielt ab dem 3. Lebensjahr Klavierunterricht, und ein erster Artikel über das fünfjährige Wunderkind erschien bereits im Juli 1908 im Musical Observer. Seinen ersten professionellen Erfolge in populäreren Genres feierte Rollini dann 1919 mit dem Einspielen von Klavierwalzen, auf denen er synkopierte Walzer, Broadwayschlager und Novelty-Nummern interpretierte, die mal als Blues, Foxtrot oder als “oriental fox trot” gehandelt wurden.

1922 wurde Rollini Mitglied der California Ramblers, eines vom Geschäftsmann Ed Kirkeby geleiteten Tanzorchesters, in dem Rollini anfangs als zweiter Pianist und Xylophonspieler mitwirkte. Am 7 April 1922 machte er mit dieser Band seine erste Plattenaufnahme, “Little Grey Sweetheart of Mine”, in der sein Xylophonspiel mehr improvisiert als ausgeschrieben hinter der Band zu hören ist. Das Repertoire der Band bestand aus populärer Tanzmusik und sogenannten Novelty-Nummern, etwa Zez Confreys “Stumbling” mit einem Duett der beiden Pianisten im zweiten Teil der Aufnahme. Wenig später wechselte Rollini zum Bass-Saxophon, einem Instrument, das bis dahin kaum im Jazz vorkam, und im September 1922 ist sein erster Solobreak in “I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate” zu hören. Rollini beherrschte das Instrument immer besser und machte sich bald einen Namen als jemand, der nicht nur die Basslinie betonen konnte, sondern daneben auch zu eigenständigen Soli in der Lage war. Optisch war das Bass-Sax ein Hingucker, und in kleineren Ensembles, einer Art Auskopplung aus den California Ramblers, spielte Rollini quasi als Gegenstück den Goofus, ein in Frankreich gefertigtes Spielzeuginstrument (etwa in “San” vom Mai 1924) oder den Hot Fountain Pen, eine Art Miniaturklarinette, nicht größer als ein Füllfederhalter (etwa im “Dixie Stomp” vom Oktober 1925). Inzwischen hatte Rollini die Leitung der California Ramblers übernommen, deren Arrangements immer präziser und swingender wurden.

Van Delden verfolgt das Auf und Ab der California Ramblers, Rollinis Zeit mit Red Nichols, mit dem er ab 1927 Aufnahmen machte, die noch jazziger waren als die Tanzmusikarrangements der Ramblers, und er hört sich die Platten an, die Rollini etwa mit Joe Venuti und Eddie Lang, mit Frankie Trumbauer oder Bix Beiderbecke machte. 1928 reiste Rollini nach England, um zusammen mit dem Trompeter Chelsea Quealey und dem Saxophonisten und Klarinettisten Bobby Davis Mitglied in der Band Fred Elizaldes zu werden, der einen Gig im Londoner Tophotel Savoy innehatte. Die Musik des Ensembles war in den Schlagzeilen, mit Elizalde trat Rollini bald auch auf dem Kontinent, in Paris oder Ostende, auf und war regelmäßig im BBC zu hören. Der amerikanische Tieftöner war einer der Stars der Band und wurde vielfach in der Fachzeitschrift Melody Maker erwähnt. Ende 1929 allerdings waren die Auswirkungen des Börsencrashs auf der Wall Street bis nach London zu spüren, und so entschied sich Rollini zusammen mit seiner Frau Dixie und seinem Bruder, dem Saxophonisten Art, der inzwischen ebenfalls der Elizalde-Band angehörte, nach New York zurückzukehren.

Die Wirtschaftskrise hatte die USA voll im Griff und war auch im Musikgeschäft zu spüren. Eine Weile kam Rollini im Tanzorchester von Bert Lown unter, spielte aber auch mit den New California Ramblers, die an den Ruhm der früheren Band anzuknüpfen versuchten. 1934 wechselte er die Seiten und eröffnete Adrian’s Tap Room, einen Club im Keller des President Hotel in Midtown-Manhattan, bei dessen Eröffnung u.a. Fats Waller spielte. Zwei Jahre später kam en Musikaliengeschäft dazu, außerdem gründete Rollini ein Trio, in dem er in Begleitung von Gitarre und Kontrabass Vibraphon spielte, und wirkte in einer Reihe von Filmen mit. Im Krieg war Rollini in der Truppenbetreuung aktiv, nach Kriegsende allerdings waren andere Stilrichtungen gefragter als sein gefällig-swingende Jazz. Er zog sich mehr und mehr zurück, auch aus Gesundheitsgründen, lebte die Hälfte des Jahres in Florida, die andere in New York, wo er allerdings höchstens noch kleine Engagements wahrnahm. 1956 verunglückte er bei einem lange Zeit nicht ganz geklärten Unfall und verstarb kurz darauf im Alter von 53 Jahren. Er hinterließ ein Aufnahmeschaffen, das 35 Klavierwalzen umfasste, etwa 1.500 Titel auf Schallplatte, darunter 130 unter eigenem Namen, ca. 300 für Rundfunkshows vor-aufgezeichnete Titel, sowie bei 25 Lang- und Kurzfilme.

Ate Van Deldens Buch zeichnet das Leben und die Karriere Adrian Rollinis sorgfältig nach. Seine Endnoten verraten die Akribie, mit der der Autor die verschiedenen Stationen dieser Karriere dokumentieren konnte. Seine Darstellung ist überall an der Sache interessiert und ordnet Rollinis professionellen Lebensweg in den Kontext der Unterhaltungsindustrie der 1920er und 1930er Jahre ein. Van Deldens Interesse gilt allerdings vor allem der Biographie, Auftritts- und Aufnahmedaten seines Protagonisten, nicht dem kulturgeschichtlichen oder gar gesellschaftlichen Kontext. In diesem Ansatz unterscheidet sich Van Delden nicht von anderen Jazzautoren, und doch vergibt er sich ein wenig die Chance, mit der Lupe, die er auf den Basssaxophonisten hält, der ja ganz unterschiedliche Facetten der Musikindustrie insbesondere der 1920er Jahre kennengelernt hatte, vielleicht auch die Veränderung dieser Branche etwas genauer beleuchten zu können. Seine Einlassungen zu den Aufnahmen Rollinis bleiben im Oberflächlichen, ordnen nicht ein und vergleichen auch selten zu dem, was sonst in der Zeit zu hören war. Er beschreibt weder Stil noch stilistische Entwicklung, begründet im nüchternen Ton seiner Darstellung weder, wie sich Rollinis Vibraphon-Trio beispielsweise vom Spiel Lionel Hamptons unterschied (bzw. wie es vielleicht auch von dessen Erfolg beeinflusst war), noch, was genau dazu beigetragen haben mag, dass er nach dem Krieg nicht mehr in der vordersten Reihe mitspielen konnte. Er erwähnt die seichteren und die eher auf den Jazz fokussierten Aufnahmen aus den 1920er Jahren, seine einordnenden Wertungen beschränken sich allerdings zumeist auf Adjektive wie “excellent”, “memorable”, “amazing” oder “nice”. Wie gesagt: Dieses Manko teilt Ate van Deldes Buch mit vielen von Sammlern und Privathistorikern verfassten, die ein enormes Faktenwissen ausbreiten, sich aber an eine Einschätzung der Musik selbst nicht heran trauen. Dabei braucht es gar keines musikwissenschaftlichen Vokabulars, um zu erklären, wo Neuerungen passieren, wieso eine Aufnahme mehr oder auch weniger gelungen ist, wie sich die Musik einer bestimmten Periode zu jener anderer Künstler derselben Zeit verhält.

Davon abgesehen aber ist Ate van Delden hoch zu loben für die Akribie, mit der er, auch in der Herangehensweise und dem Verweis auf seine Quellen immer nachvollziehbar, alle ihm zugänglichen Fakten über Adrian Rollini zusammengetragen und damit eine jahrzehntelange Arbeit abgeschlossen hat. Bruce Raeburn nennt das Buch in seinem Klappentext die “definitive Biographie des Multiinstrumentalisten, Bandleaders und Komponisten Adrian Rollini” – und dem kann man sich nur anschließen, mit der Einschränkung: nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wolfram Knauer (Oktober 2020)


Straighten Up and Fly Right. The Life & Music of Nat King Cole
von Will Friedwald
New York 2020 (Oxford University Press)
633 Seiten, 34,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-19-088204-4

Will Friedwald ist ein ausgewiesener Kenner insbesondere des vokalen Jazz. Nach seinem viel-gelobten Buch über Frank Sinatra (1995) und diversen Büchern über amerikanische Jazz- und Popsänger:innen hat er jetzt eine Biographie Nat King Coles vorgelegt, jenes Musikers, der mehr als vielleicht jeder andere, die Welten zwischen Jazz und Pop überschreiten konnte, weil er einerseits die technische Meisterschaft auf seinem Instrument, dem Klavier, besaß, andererseits eine begeisternde Bühnenpräsenz, und darüber hinaus eine einschmeichelnde Stimme, die ihn schnell zum gefeierten Star aufsteigen ließ. Sein internationaler Ruhm lässt Jazzfans oft vergessen, welch virtuoser Pianist Nat Cole war, der aus Einflüssen durch das Stride Piano und insbesondere Earl Hines einen ganz eigenständigen Personalstil entwickelte und dabei neben den Größten seines Instruments, also Art Tatum oder Oscar Peterson, bestehen konnte.

Für sein Buch hat Friedwald Archive durchforstet, mit Forscher:innen und Zeitzeugen – einschließlich Nat Coles Bruder Freddy Cole – gesprochen, und er hat viel Musik gehört. Er erzählt Coles Lebensgeschichte biographisch, berichtet von seiner Geburt und Kindheit in Montgomery, Alabama, dem Umzug der Familie nach Chicago, vom Vater, der vor einer Baptistengemeinde predigte, sowie von den wichtigsten musikalischen Einflüssen: der Kirche des Vaters, dem Klavierunterricht durch die Mutter und seinem Idol, dem Pianisten Earl Hines. Mit 14 Jahren, noch in der Schule, stellte Cole seine erste, zehnköpfige Band zusammen, die 1935 von der Lokalpresse als neue Sensation gefeiert wurde. Ein Jahr später machte er seine ersten Aufnahmen, unter dem Namen seines Bruders Eddie, in denen der Einfluss Hines in den Klavierpartien deutlich zu hören ist, tourte mit einer Neuauflage der 1920er-Jahre-Revue “Shuffle Along”.

1937 gründete Cole sein Trio, “aus Zufall”, wie er sagt. “Shuffle Along” war in Los Angeles gestrandet, und Cole war von der Musikszene um die Central Avenue in Los Angeles fasziniert. Er jammte mit Lionel Hampton und Lee Young, dem Bruder des Saxophonisten Lester Young. Der hatte eigentlich auch bei einem Gig dabei sein sollen, den Cole im Swanee Inn in L.A. ergattert hatte, aber er tauchte nicht auf, und so spielten Cole, Gitarrist Oscar Moore und Bassist Wesley Prince eben im Trio. Dass er zu singen begann, sei der Tatsache zu verdanken, dass er das Trio klanglich für zu eintönig hielt. Prince versorgte ihn mit dem Spitznamen “King”, und seine Karriere hob ab.

Warum ein Trio? Nun, ein Quartett mit Schlagzeug hätte zu sehr nach Rhythmusgruppe ausgesehen, und die Leute hätten dann auf den Rest der Band gewartet, argumentiert Cole später. Die ersten eigenen Aufnahmen erfolgten für sogenannte Transcription Services, also Produktionsfirmen für fertige Radiosendungen, die lokale Sender abonnieren und senden konnten. Allein von 1938 stammen 20 Aufnahmen des Trios, zwischen Standards, Pophits der Zeit und an folkige Kinderlieder angelehnte Jump-Versionen wie “Mutiny in the Nursery” oder “Three Blind Mice”. Erst Lionel Hampton brachte ihn im Mai 1940 zu einer Session ins Studio eines Major-Labels, bei der acht Titel entstanden, mit Schlagzeugbegleitung, Lionel Hampton und der Sängerin Helen Forrest. Im Dezember desselben Jahres ging Cole dann mit dem Trio ins Decca-Studio und nahm vier Titel auf, von denen insbesondere “Sweet Lorraine” ein Dauerbrenner seines Repertoires werden sollte. Die Rundfunkpräsenz Anfang der 1940er Jahre und diese Decca-Aufnahmen jedenfalls machten die nationale Presse auf ihn aufmerksam, und bald trat das Trio in den angesagten Clubs von New York und Chicago auf.

Friedwald verfolgt die Aufnahmegeschichte der Band, die im November 1943 richtig abhob, als das Trio bei seiner ersten Plattensitzung fürs kalifornische Label Capitol “Straighten Up and Fly Right” einspielte. Er erzählt die Geschichte des Labels, aber auch jene des Stücks und blättert dabei immer wieder neue Seiten amerikanischer Entertainmenthistorie auf… Er beschreibt, was Coles Interpretationen so besonders macht, erklärt, wie das Repertoire zustande kam, das Cole für Capitol aufnahm, und erzählt über die Zusammenarbeit des Sängers und Pianisten mit seinem neuen Manager Carlos Gastel. Etwa zur selben Zeit begann Norman Granz in Los Angeles mit der Organisation von öffentlichen Konzert-Jam-Sessions, aus denen schließlich Jazz at the Philharmonic-Konzertreihe hervorging, und Cole und Granz kamen für verschiedene Projekte zusammen. Wenn man den Jazzmusiker Nat Cole verstehen will, schreibt Friedwald, müsse man sich nur seine Aufnahmen mit Lester Young von 1942 und 1946 anhören.

Die Säle jedenfalls wurden größer, und Coles Name wurde nun in All-Star-Programmen oft genug in derselben Größe wie jene der Swingstars geschrieben, die in derselben Show zu hören waren. Er nahm neue Hits auf, etwa “Nature Boy” oder Billy Strayhorns “Lush Life”, und war ab 1948 regelmäßig im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand zu sehen. Zwischen den Beschreibungen musikalischer Stationen weiß Friedwald von Coles Privatleben zu berichten, der Ehe mit Maria etwa, der Geburt seiner Tochter Natalie, dem Kauf eines Hauses in einem weißen Viertel von Los Angeles, der zu rassistischen Anwürfen führte.

1950 reiste Cole zum ersten Mal nach Europa, und von nun an begann er endgültig vor allem als Pop- statt als Jazzkünstler wahrgenommen zu werden. “Mona Lisa”, schreibt Friedwald, war vielleicht der Umschwung. Wo Cole zuvor erfolgreich mit dem Arrangeur Pat Rugolo zusammengearbeitet hatte, begann jetzt seine Kooperation mit Nelson Riddle, und immer mehr wurde das Klavier zu einer nebensächlichen Staffage, weil das Publikum vor allem auf Nat King Cole, den Sänger, fokussiert war. Friedwald listet alle Erfolgsstationen auf: einen biographischen Film, Gastauftritte bei populären Fernsehshows, Auftritte in den gefeiertsten Night Clubs der Nation und schließlich seine eigene TV-Show. Immer wieder vergleicht er Coles Erfolg mit dem seiner direkten Konkurrenten, etwa Frank Sinatra oder Bing Crosby. 1961 sang Cole noch bei der Amtseinführung Präsident John F. Kennedy, doch bald darauf wurde erst ein Magengeschwür, dann Lungenkrebs diagnostiziert, eine Folge der vielen Zigaretten, die er zeitlebens geraucht hatte. Im Februar 1965 erlag er der Krankheit im Alter von nur 45 Jahren.

Will Friedwalds Buch ist ein dicker Wälzer und gewiss ein Standardwerk über Nat King Cole. Das Buch ist gut erschlossen durch einen ausführlichen Index und zahlreiche Fußnoten, und jede Phase der Karriere des Pianisten und Sängers ist ausreichend beleuchtet. Dem Autor gelingt es, die Besonderheiten des Stils zu beschreiben, ohne in eine musikalische Fachsprache zu verfallen, und er ist sich an jeder Stelle des Kontextes bewusst, in dem Cole aktiv ist: der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse also genauso wie des Status’ von Jazz und Entertainmentbranche. Und doch ist sein Buch nicht nur vom Umfang her stellenweise etwas schwer geraten. In seinem Hang zur Vollständigkeit macht es Friedwald seinen Leser:innen nämlich teilweise schwer, dabei zu bleiben. Man ist stellenweise geneigt, ihm den Titel seines eigenen Buchs zuzurufen: “Straighten Up and Fly Right!”, denn die Geschichten, die Nat King Cole so mühelos ans Publikum bringen konnten, hätten auch einen stilistisch etwas müheloseren Erzähler verdient.

Wolfram Knauer (Oktober 2020)


Kleine Songs zwischen Freunden
von Arno Fischer
Wiesbaden 2020 (Edition 6065)
110 Seiten, 12 Euro
ISBN: 978-3-941072-23-7

Arno Fischer ist ein Buch über einen Jazzmusiker gelungen, in dem dessen Musik weitestgehend ausgespart bleibt, das aber dennoch jede Menge über seine künstlerische Haltung verrät. 1996 lernte Fischer seinen Namensvetter kennen, den amerikanischen Pianisten und Künstler John Fischer, und was als berufliche Beziehung begann – Arno Fischer war im Marburger Kulturamt für die Organisation der jährlichen Sommerakademie verantwortlich, bei der John Fischer seit einigen Jahren eine Klasse für freies Malen unterrichtete – wurde bald zu einer Freundschaft. Hinzu kam die Namensgleichheit und die Tatsache, dass die Eltern John Fischers Arno und Sabine geheißen, also die Vornamen des Autors Arno Fischer und seiner Frau getragen hatten. All das trug dazu bei, dass sich der Pianist und Künstler dem Verwaltungsangestellten und (gar nicht mal so heimlichen) Autor weit öffnete.

Im Verlauf der Gespräche, die Arno Fischer in seinem Buch wiederaufleben lässt, erzählt Jean Jacques Fischer, wie John hieß, als 1930 als Sohn eines Goldschmieds in Antwerpen geboren wurde, davon, wie er zwei Tage nach Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande mit seinen Eltern und Geschwistern zur Flucht Richtung Süden aufbrach. In Le Teil, einem unscheinbaren Ort in Südfrankreich, kamen sie auf einem Bauernhof unter. Er erzählt von den Umständen, den Sorgen und den Unwägbarkeiten der Flucht, über Cannes und Marseille erst nach Casablanca, dann mit einem Schiff Richtung Vereinigte Staaten, das die geflüchteten Passagiere aber in Havanna aussetzte, weil die USA die Einfahrt verweigert hatte. Zwei Jahre lebten sie auf Kuba, dann gelang ihnen die Überfahrt nach Miami, von wo aus sie per Zug nach New York reisten, und… “Eines Morgens fand ich mich wieder, sitzend in einer U-Bahn. Als wenn ich unter einer Käseglocke gelebt hätte, die nun plötzlich weggezogen worden wäre und ich war wieder in die Welt entlassen. Es war die Zeit von Hammerstein und Rodgers and Hart und George and Ira Gershwin, die ganze Welt war swinging, das war für mich die Melodie der Freiheit – und ich wusste, ich war gerettet.”

Soweit der Rahmen. Arno Fischers Buch handelt also von Flucht und den Ängsten des jungen Jean Jacques. Diese verfolgten ihn bis weit in die 1970er Jahre hinein, als er zu einem Auftritt bei den Berliner Jazztagen erstmals zu einem bejubelten Konzert nach Deutschland reiste, nach dem er sich hinter der Bühne dem Antisemitismus der Deutschen wieder ausgesetzt fühlte, ausgerechnet vom Festivalmacher George Gruntz und dem großen Albert Mangelsdorff, aber auch all den anderen anwesenden Deutschen, die sich etwas zuriefen, das er auf sich bezog: “Jetzt, nachdem man die Kunst des Juden genossen hatte”, fasst Arno Fischer die Erinnerung des Pianisten zusammen, “wurde zum Pogrom aufgerufen: ‘Jews!’ Jetzt würden die Deutschen ihr wahres Gesicht zeigen.” Als Hans Kumpf, mit dem Fischer sich angefreundet hatte, ihn aufklärte, dass die Musiker sich tatsächlich nur mit einem freundlichen “Tschüs” verabschiedet hatten, fiel Fischer ein Stein vom Herzen: “So konnte er nach zwei Analysen und dreißig Jahren New York zum ersten Mal einen winzigen Teil seiner Fluchtangst loslassen”.

Flucht und die durch sie verursachten seelischen Narben also sind das eine Thema des Buchs, das zugleich von einer Freundschaft zwischen den beiden Namensvettern handelt, vom Vertrauen-Fassen zwischen einem Nachfahren der Täter- und einem Zeitzeugen der Opfergeneration, und schließlich davon, wie John Fischers durch seine Lebenserfahrungen erlangte Gelassenheit und … vielleicht Weisheit … den jüngeren Fischer, den Autor also, dazu brachte, über sein eigenes Leben zu reflektieren.

Arno Fischers Würdigung ist dabei nur eine teilweise Biographie John Fischers, eine Erzählung über Fluchterfahrung und Erinnerung. Daneben erinnert er sich an die Gespräche, die er mit seinem väterlichen Freund hatte, an die Cafés und Restaurants, in denen diese stattfanden, an Autofahrten und Begegnungen während der Marburger Sommerakademie. John Fischer hatte bereits in den 1970er Jahren die Stätten seiner Kindheit wiederbesucht, war dabei 36 Jahre nach der Flucht auf Menschen getroffen, die er noch von damals kannte, oder auf Fremde, die ihm zeigen wollen, was sich seither alles verändert hatte. Auch davon lässt ihn Arno Fischer erzählen, wie man von fernen, leicht verklärten Erinnerungen: mal klar aufs Detail bedacht, dann dieselbe Begebenheit, aber in unterschiedlichem Kontext. Er zeichnet dabei auch die widersprüchliche Persönlichkeit John Fischers nach, dessen Mürrigkeit man genauso erahnen kann wie seine Liebenswürdigkeit, alles geerdet in einer großen Neugier und gleichzeitigen Ängsten.

Von Jazz ist bei alledem kaum die Rede, eigentlich nur im Anhang, einem Interview, das Hans Kumpf 1977 mit dem Pianisten geführt hatte. Und doch meint man den Jazz dauernd durchzuhören. Arno Fischers Buch nämlich macht uns darauf aufmerksam, dass die Kunst improvisierender Musiker immer aus ihrer eigenen Biographie schöpft, dass es sich lohnt, ihre Perspektive aufs Leben kennenzulernen, um ihrer Musik näherzukommen, dass andererseits die Kenntnis ihrer Lebenserinnerungen durchaus auch die eigene Hörerfahrung komplett umkrempeln kann – so geschehen beim Autor dieser Rezension, der John Fischers Aufnahmen jetzt mit anderen Ohren hören wird.

Wolfram Knauer (Oktober 2020)


MilesStyle. The Fashion of Miles Davis
von Michael Stradford
Los Angeles 2020(self-published)
204 Seiten, 17,99 US-Dollar
ISBN: 978-1647865573

Michael Stradford ist Medienmanager mit umfangreichen Erfahrungen in Rundfunk, Fernsehen und Film. Jetzt hat er ein Buch über Miles Davis vorgelegt, das sich allerdings nur Rande mit Davis’ Musik zu beschäftigen scheint und stattdessen seine Bühnenpersönlichkeit, oder noch genauer: seine Bühnengarderobe und seinen Sinn für Mode in den Mittelpunkt stellt. Dass und wie Stradford dabei dann doch der Musik ziemlich nahe kommt, ist eine ziemlich erstaunliche und für seiner Leser:innen ungemein befriedigende Erfahrung.

In seiner Jugend habe er fast aus Versehen Miles’ “In a Silent Way” gehört und es habe ihm überhaupt nicht gefallen, beginnt Stradford sein Buch. In den frühen 1980ern habe er den Trompeter dann auf seiner Promo-Tour für das Album “The Man with the Horn” in Cincinnati erlebt. Dieser sei in einem weiten rosa Overall aufgetreten, habe eine weiße Strickmütze getragen, auf die das Wort “Pepe” aufgestickt war, und an den Füßen habe er eine Art Pantoffeln getragen. Er habe nicht viel gespielt, doch das Publikum habe ihm begeostert zugejubelt, als er am Ende des Abends kurz winkte. Stradford verstand nicht so recht, was da vor sich ging. Ein paar Tage später sei ihm das Album “My Funny Valentine. Miles Davis in Concert” in die Hände gefallen, und der Ton, den er aus Miles Davis’ Trompete hörte, hielt ihn gefangen. Danach habe er sich nach und nach die anderen Schaffensperioden des Meisters angeeignet. Er habe alles gelesen, was er über den Trompeter finden konnte einschließlich Büchern über seine Malerei. Und er habe davon geträumt, ein großes, reich bebildertes Buch über Miles’ Mode zu schreiben. Dieses Coffertable-Book-Projekt habe sich dann leider aus Kostengründen zerschlagen, doch Stradford fand, die Recherchen rechtfertigten eine Veröffentlichung zumindest seiner Beobachtungen und der Gespräche, die er mit Vertrauten und Experten geführt hatte.

Stradfords erstes Kapitel umfasst die Jahre bis 1949, erzählt von Miles’ Jugend in St. Louis und identifiziert seine Mutter als einen modischen Einfluss, aber auch Fred Astaire (von dem Miles sagte, er habe in etwa seine Größe) und Cary Grant. Auch Clark Terry, der wie er aus St. Louis stammte, habe ihm modisch imponiert, und als Miles einen ersten Gig in Eddie Randles Band hatte, nutzte er die Gage, um “hippe Brooks Brothers”-Anzüge zu kaufen. 1944 ging Miles nach New York, um an der Juilliard School Unterricht zu nehmen, und hier achtete er besonders darauf, dass sein Äußeres nicht seine Kleinstadtherkunft verriet. Stradford blickt auf andere modebewusste Musiker der Zeit, Coleman Hawkins etwa, der Miles schon mal Anzüge besorgte, den Schlagzeuger Charlie Rice, der ihm seinen ersten Maßanzug anfertigte, oder Dexter Gordon, der Miles’ Sinn für Mode kritisierte. Und dann spricht er mit Clark Terry selbst, der erklärt, wie wichtig die Garderobe in den 1940er und 1950er Jahren war, weiß, dass Miles ihn als Jugendlicher nachgeahmt hatte, aber betont, dass er dann doch schnell seinen eigenen Stil gefunden habe (musikalisch wie modisch). Stradford spricht mit dem Modeexperten Lloyd Boston über die Bedeutung von Mode für schwarze Männer und über den Wandel in Miles Davis’ Stil, der über die Jahre immer schriller und auffälliger wurde. Miles Davis sei eine Modeikone gerade, weil er keine sein wollte, erklärt Boston und definiert den “klassischen Miles-Look”: dezente Eleganz, eine Schlichtheit, bei der weniger mehr ist. Schließlich spricht Stradford noch mit dem Filmproduzenten Reggie Hudlin darüber, wie er Miles zum ersten Mal traf, als sein erster Film “House Party” herauskam, und wie er von ihm den Auftrag erhielt, ein Bühnenbild für eine große Show in Paris zu entwerfen, ein Projekt, das dann allerdings nie realisiert wurde.

In den 1950er Jahren hatten Miles’ Pariser Ausflüge, seine Freundschaft zu Juliette Greco Einfluss auch auf den Modesinn des Trompeters. Stradford diskutiert aber auch Miles’ Suchtverhalten und die daraus resultierenden Probleme. Es ging ihm zeitweise richtig dreckig, schreibt Stradford, aber er trat nach wie vor wie aus dem Ei gepellt in der Öffentlichkeit auf. Er betrachtet Fotos von Miles aus jenen Jahren, analysiert die Stoffe, Schnitte, Designer, und er setzt all das ins Verhältnis zur allgemein vorherrschenden Mode der Zeit. Miles, fasst er am Schluss des Kapitels zusammen, habe für sich ein Profil geschaffen wie kein anderer Musiker in der populären Musik, ein Profil, zu dem die Klänge seiner Platten genauso gehörten wie sein visuelles Image. Für dieses Kapitel unterhält Stradford sich mit dem Modeexperten Charlie Davidson über Miles als Kunden in seinem Modegeschäft in Cambridge, Massachusetts, mit Bryan Ferry, der ja selbst als Modeikone gehandelt wird, sowie mit der Modeforscherin Monica Miller über die Tradition der “Black Dandies”.

In den 1960er Jahren übernahm Miles Modetrends aus Italien; selbst Down Beat fand, Miles sei so gut angezogen, dass man mit einem Blick auf ihn erkennen könne, was der Mann nächstes Jahr tragen müsse. Seine Konzerte wurden von den Stars des Showbusiness besucht, sein Erfolg ermöglichte ihm den Kauf eines fünfstöckigen Hauses auf der Upper West Side Manhattans und eines vielbeachteten Ferraris. Zugleich sprach Miles sich offen gegen den Rassismus in den USA aus, und er spielte mit einem Quintett, dessen Musiker größtenteils zumindest zehn Jahre jünger als er waren. Für dieses Kapitel spricht Stradford mit Miles’ Frau Frances Davis über ihre erste Begegnung und seinen Modegeschmack, mit Quincy Jones über Miles’ Talent als Schauspieler und sein Image als harter Bursche, sowie mit Ron Carter über seine erste Begegnung mit dem Trompeter und darüber, dass dieser seinen Musikern freie Hand bei der Entscheidung ließ, was sie auf der Bühne trugen.

Mit “Filles de Kilimanjaro” und “Bitches Brew” begann eine auch modisch völlig andere Zeit. Betty Mabris machte Miles mit der Popmusik der Zeit vertraut und beeinflusste auch seinen modischen Wandel von europäischem Chique hin zu stärker funky wirkenden Klamotten, Lederhemden, Schlangen- und Wildlederhosen, wild-bunten Hemden, die er nie öfter als einmal trug. Für dieses Kapitel spricht Stradford mit der Designerin Andrea Aranow über ihre Entwürfe für Jimi Hendrix und Miles Davis, mit dem Fotografen Anthony Barbosa über ihre Fotosessions Anfang der 1970er Jahre und jene für das Album “You’re Under Arrest”, und mit Betty Mabris/Davis über ihre Modeling-Karriere und den modischen Einfluss, den sie auf ihren Mann hatte.

Ende der 1970er Jahre hörte man eigentlich nur über Miles’ Gesundheitsprobleme; er trat nicht mehr auf, und in Interviews äußerte er oft, wie gelangweilt er sei. Für diese Zeit sammelt Stradford Interviews mit Lenny Kravitz, dessen Eltern mit Miles befreundet waren, mit der Kostümbildnerin Gersha Phillips über die Garderobe, die sie für Don Cheadles Film “Miles Ahead” entwarf, mit dem Perkussionisten James Mtume darüber, dass Miles jedes Mal, wenn sich seine Musik änderte, auch seinen Look änderte, und mit dem Bassisten Michael Henderson über seine erste Begegnung mit Miles und Einkaufstipps vom Chef.

In den 1980er Jahren feierte Miles sein Comeback mit einer Musik, die purer Miles genauso war wie sie auf Popmusik von Cyndi Lauper oder Michael Jackson zurückgriff. Er erhielt Gagen wie ein Rockstar und hatte Gastauftritte bei “Miami Vice” und “Saturday Night Live”. Er versuchte gesünder zu leben und arbeitete mit Quincy Troupe zusammenan seiner Autobiographie. Obwohl dies die vielleicht gesündeste Phase seines Lebens gewesen sein mag, forderten die Krankheiten, die er schon lange mit sich herumschleppte, ihren Tribut. Am 29. September 1991 verstarb er. Für dieses letzte Kapitel spricht Stradford mit dem Modeschöpfer Issey Miyake, dessen Kreationen Miles immer wieder trug; mit dem Bassisten Darryl Jones über Miles’ Sinn für Humor und seine Lust am Kochen; mit dem Kulturwissenschaftler Todd Boyd über die Bedeutung von Miles Davis als Ikone fürs schwarze Amerika und darüber, was sein modischer Geschmack über ihn als Künstler und schwarzer Mann aussagt; mit Jo Gelbard, Miles’ Freundin zur Zeit seines Todes, über ihr Kennenlernen in einem Aufzug, darüber, dass er nach Wandel süchtig gewesen sei, darüber, wie er etliche seiner besten Klamotten ruinierte, weil er sie beim Malen trug, sowie über die Haar-Extensions, an denen er stundenlang arbeitete, damit sie richtig saßen; mit Koshin Satoh, dessen futuristische Kreationen Miles zum Ende seines Lebens gern trug; mit dem Bassisten Marcus Miller über seine erste Begegnung mit dem Trompeter und seine Erfahrungen mit Miles’ Modegeschmack; mit dem Maler Mikel Elam, der eine Weile als Miles’ Assistent arbeitete; und mit Miles Neffen, dem Schlagzeuger und Miles’ Nachlassverwalter Vince Wilburn über den Familiensinn, den der Trompeter hatte, seinen Geschäftssinn, und über die Tatsache, dass er sich schon mal fünf- oder sechsmal am Tag umzog.

Michael Stradfords gelingt es ein ungemein unterhaltsames und zugleich erleuchtendes Buch über Miles Davis zu schreiben, obwohl er sich fast nie über die Musik selbst auslässt. Sein Erkenntnisinteresse über modische Fragen sorgt dafür, dass in seinen Interviews unbekannte Details über Miles Leben und künstlerischen Ansatz zur Sprache kommen, die auch seine Musik besser verstehen lassen. Und so gelingt es ihm in dem Buch, obwohl er so wenig zur Musik schreibt, doch sehr viel Erhellendes über sie auszubreiten. Als Leser macht man eine Erfahrung, wie wenn man etwas aus dem Augenwinkel heraus betrachtet und dabei klarer Details erkennt, die einem beim direkten Blick entgangen wären. Eine großartige Ergänzung zur Literatur über Miles Davis – und von so unerwarteter Seite.

Wolfram Knauer (Juli 2020)


Tony Lakatos. Sagt nur nicht Künstler zu mir
Von Rainer Erd
Frankfurt/Main 2020 (Books on Demand)
203 Seiten, viele Fotos
ISBN: 9783751971287

Tony Lakatos: Der virtuose, immer verlässliche, stilistisch vielfältige, dabei ungemein bescheidene Saxophonist ist scheinbar auf jeder Bühne des Landes zuhause. In Frankfurt lebt er seit 1993 und ist seither einer der Anker der hr-Bigband. Rainer Erd hatte sich mit Lakatos’ Biographie erstmals bei einer Gesprächsveranstaltung auseinandergesetzt, bei der der gebürtige Ungar von seinem Lebensweg “vom Budapester Gypsy-Kindergeiger zum weltbekannten Jazz-Saxophonisten” erzählte. In der Folge befragte Erd den Saxophonisten ausgiebig, sprach mit Kolleg:innen aus Bigband und Szene und reiste sogar selbst nach Budapest, um die Herkunft Lakatos’ besser zu verstehen. “Sag nur nicht Künstler zu mir”, habe Lakatos ihm einmal gesagt und darauf bestanden, sein Beruf sei Musiker. Sein Talent war ihm in die Wiege gelegt war, wenn er auch erst einmal den Wunsch des Vaters abwehren musste, Geigenprimas zu werden. Zum Saxophon kam Lakatos dabei erst spät, hatte aber bereits jede Menge musikalischer Erfahrung. Und mit dem Jazz kam der junge Tony dann im 8. Bezirk Budapests in Berührung, in dem viele arme Roma lebten, in dem Lakatos aber vor allem bei Jam Sessions bei Freunden in den Jazz eintauchte.

Rainer Erd bettet die Biographie Tony Lakatos’ in die politischen Entwicklungen Ungarns ein, beschreibt die Situation der Roma im Land, ihre Kultur, deren Widerhall in der Musik, in den Cafés und Restaurants Budapests genauso wie auf der Operettenbühne zu hören war, aber auch die lange Diskriminierung, der sie ausgesetzt waren. Die Musikerdynastie der Lakatos’ sah sich in der Tradition des im 18. und frühen 19. Jahrhundert wirkenden Geigers Janos Bihare. Erd erklärt, wie wichtig in der Musik der Roma das Erlernen von Musik durch Hören und Nachahmen sei, ein Ansatz, der Lakatos in seiner Jazzerkarriere genauso hilfreich war wie beim Unterrichten junger Saxophonist:innen.

1977 nahm Lakatos erste Platten auf, gewann den 1. Platz bei einem Musikwettbewerb des ungarischen Fernsehens, während er am Béla Bartók-Konservatorium ein Studium des Jazz-Saxophons begann, dass er allerdings bald wieder abbrach, weil er das Gefühl hatte, bei Auftritten so viel mehr zu lernen. Ab Ende der 1970er Jahre trat er regelmäßig in Griechenland auf, sieht sich selbst als einen Pionier des griechischen Jazz, der ja erst ab Mitte der 1970er Jahre überhaupt zu blühen begann. 1982 brachte er seine erste Platte unter eigenem Namen heraus, “Bacillus”, stieg daneben in der Band des deutschen Gitarristen Toto Blanke ein. Die Zusammenarbeit mit letzterem sorgte dann auch für Lakatos’ Umzug nach Deutschland, wo er erst in Paderborn lebte, dann in München und schließlich in Frankfurt. Erd streift die Zusammenarbeit mit Charly Antolini, Dusko Goykovich und Barbara Dennerlein, erwähnt Platten wie “Different Moods” und “Recycling”, und erzählt von Tonys Zeit mit dem amerikanischen Pianisten Kirk Lightsey und dem ehemaligen Miles Davis-Schlagzeuger Al Foster.

Seit 1993 dann also Festanstellung in der hr Bigband mit genügend Freiraum für eigene Projekte. Erd beschreibt die Veränderung der Bigbandarbeit von der Zeit des Orchesterleiters Kurt Bong in den 1990er Jahren bis zu der der späteren Chefdirigenten Jörg Achim Keller und Jim McNeely. Er stellt weitere CD-Produktionen Lakatos’ vor, zitiert aus Rezensionen, sammelt Würdigungen von musikalischen Weggefährten und schließt mit einem Blick auf Tony Lakatos’ Aktivitäten jetzt, also mitten in der Coronakrise. Er komponiere mehr, erzählt ihm der Saxophonist, und mittendrin habe ihn dann auch noch die Nachricht erreicht, dass er den Hessischen Jazzpreis 2020 erhalte. Von der hr Bigband wird sich Tony Lakatos im November 2021 in den Vorruhestand verabschieden. Als Saxophonist allerdings wird Tony Lakatos gewiss weitermachen, der Musiker, der kein Künstler sein will, mit seinem Instrument und seiner Erfindungsgabe aber ganz große Kunst schafft.

Rainer Erds Buch über Tony Lakatos kann direkt beim Autor unter bestellt werden: Rainer.Erd@t-online.de. Der Preis beträgt € 18,00 + € 3,00 Porto.

Wolfram Knauer (Juli 2020)


Jazzblut 2021 – Berühmte Jazz-Musiker in Aktion
Fotografien von Matthias Creutziger
2020 (DUMONT Kalenderverlag)
Format (B x L): 48.7 x 58.1 cm, 14 Seiten, Spiralbindung, 30€
ISBN 4
25-0-8096-4699-2

Mit dem gerade erschienenen Jazzkalender mit Bildern des Dresdner Fotografen Matthias Creutziger hat der Dumont Verlag einem Künstler eine Plattform gegeben, der sich seit Jahrzehnten auf vielen Ebenen mit der Welt des Jazz auseinandergesetzt hat. So ist es nur folgerichtig, sein neuestes Werk “Jazzblut” zu betiteln.

Es wurden berühmte Jazzmusikerinnen und-Jazzmusiker an ihren verschiedenen Instrumentengattungen für diesen Kalender ausgewählt: John Scofield an der Gitarre, Sänger Ray Charles, Cellist Mischa Maisky, Pianist Michel Petrucciani, Kontrabassist Henri Texier, Tenorsaxofonist Archie Shepp, Schlagzeuger Elvin Jones, Saxophonist Charles Loyd (Quartett mit Keith Jarrett), Trompeter Tomasz Stanko, Pianistin Mitsuko Ushida, Dirigent Sir Collin Davis und Saxophonist Pharoa (Farrell) Sanders. Hilfreiche biografische Notizen zu den Künstlerinnen und Künstlern finden sich im Anhang des Werkes.

Matthias Creutziger ist freiberuflicher Fotograf mit den Hauptakzenten Jazz, Klassische Musik, Theater und Bildende Kunst. Zudem ist er Jazzkritiker und Organisator von Konzerten, Hausfotograf der Dresdner Semper Oper und kann auf zahlreiche Bildpublikationen und Ausstellungen zurückblicken. Und er hat als Schlagzeuger früher selbst Jazz gemacht. Und dies scheint man seiner Fotografie anzumerken. Er agiert nicht als außenstehender Beobachter , sondern gehört dazu, versucht der physischen Energie des Musizierens mit anderen Mitteln zu folgen.

Matthias Creutziger gilt nicht nur als hervorragender Chronist und stiller Beobachter des Musikgeschehens, sondern als Meister des Verborgenen. Er versucht in den Gesichtern seiner Protagonisten das Zerbrechliche, Intensive und Ernsthafte festzuhalten. Es ist die meditative Energie, ihre Leidenschaft zum Jazz, die in den Fotos ihren Ausdruck findet.
Und so wirkt auch der Kalender mit den Einzelpersonen optisch eher ruhig und focussiert.

Jeder Monat ist einem Musiker und verschiedensten Instrumenten im Großformat gewidmet. Fast alle Protagonisten agieren als optische Solisten aus dem Dunkel heraus im Scheinwerferlicht. So ist bei Ray Charles genau der Moment des puren Glücksempfindens festgehalten. Auch wenn es sich um typische “On Stage” Aufnahmen handelt, sind die Bühne, die Mitmusikerinnen und-musiker oder das Publikum nur in der Imagination des Betrachters präsent.

Matthias Creutziger arbeitet die Jazzgrößen von John Scofield bis Pharao Sanders so dreidimensional heraus, dass sie fast skulptural zu ihrem eigenen Denkmal avancieren. Die Fotos brauchen kein Ornament des schönen Scheins um zu wirken. Sie wirken durch die konzentrierte Individualität des Musikers und der Musikerin. Die interessanten Künstlerzitate auf jedem Kalenderblatt unterstreichen auf einer weiteren Ebene die Annäherung an die Persönlichkeit und die expressive Emotionalität – so entsteht Authentizität pur. “Ich kann keine Trennung zwischen meiner Musik und meinem Leben sehen”-philosophiert Archie Shepp und man glaubt ihm das sofort.

Die Schwarzweiß-Fotografien spielen sehr pointiert und gekonnt mit dem Hell-Dunkel-Effekt der klassischen Jazzfotografie, während die Farbaufnahmen mit der Bewegungsunschärfe eine andere völlig andere Formensprache sprechen. Matthias Creutziger versucht hier, die Zeitdimension der Musik einzufangen, die Dynamik eines John Scofield-Gitarren-Solos in Fotografie zu übersetzen, optische Spuren des Musizierens zu hinterlassen. Alle Fotos atmen alle ein hohes Maß an Authentizität, die stark von der Persönlichkeit und der expressiven Emotionalität der Musiker geprägt ist. Matthias Creutziger führt uns mit seinen eindringlichen “Jazzblut” Fotos aus unserer Alltagswelt hinaus in einen ästhetischen Vorstellungsraum, ohne Ablenkungen in ein intensives Musikerleben, das wir in den Emotionen der Musiker gespiegelt sehen.

Es sind Fotografien, die hervorragend dazu geeignet sind, abzutauchen in eine andere Welt mit meditativen Charakter.

Doris Schröder (Juli 2020)

 

Das Haffner Alphabet. Wolfgang Haffner im Gespräch
herausgegeben von Rainer Placke

Bad Oeynhausen 2020 (jazzprezzo)
136 Seiten, 1 beiheftende DVD, 25 Euro
ISBN: 978-3-9819538-2-4

Nach Nils Landgren und Michael Wollny ist Wolfgang Haffner der dritte Sparringpartner für Rainer Plackes Buchreihe: Die ist weder Biographie noch reines Interviewbuch, und doch doch in der Konfrontation mit den Stichwortkärtchen, auf die Haffner reagieren kann, biographische und ästhetische Aspekte genauso durch wie solche, die seine Sicht als Musiker wiedergeben.

Da geht es etwa um Altdorf, wo er 1981 seinen ersten Auftritt hatte, oder ums ARD-Wunschkonzert, für das ihm ein Schnurrbart ins Gesicht geschminkt wurde. Es geht um Johann Sebastian Bach, Chris Beier, Dave Brubeck und Till Brönner, die als Einflüsse oder Kollegen eine wichtige Rolle für ihn spielten. Es geht um Phil Collins und den “Club” (dem 1. FC Nürnberg). Es geht um seine Erfahrungen in Klaus Doldingers Band Passport und einen Vertretungsgig in der DSDS-Bigband. Es geht um den eigenen Sound, Emotionen und Peter Erskine, der auf Weather Reports “Night Passage” trommelte, eine von Haffners ersten Fusion-Platten.

Es geht ums Fliegen, um seine Heimat Franken und eine Tournee mit der Fantastischen Vier. Es geht um Steve Gadd und das Geigenspiel seiner Schwester in seiner Jugend. Es geht um seine erste Begegnung mit Peter Herbolzheimer und die Sorgfalt, die er als Musiker auf seine Hände geben muss. Es geht um Ibiza, wo er viel Zeit verbracht hat und seine Freundschaft zu Dieter Ilg. Es geht um den Film “Jazz-Club” von Helge Schneider und darum, wie Elvin Jones seine musikalische Sichtweise auf den Kopf stellte.

Es geht um frühe Kompositionserfahrungen und zwei Jahre, die er in Chaka Khans Band verbrachte. Es geht um Projekte, die er mit seinem Freund und Kollegen Nils Landgren durchführte und darum, wie im indischen Lahore die Menschen oft an anderen Stellen klatschen als hierzulande. Es geht um die Bands Mezzoforte und Metro. Es geht um Nachhaltigkeit und Natur. Es geht um die Zeit, die er als Kind auf der Orgelbank verbrachte und die Band Old Friends, in der er trommelte. Es geht um seine Lieblingsband Pink Floyd und das Streben nach Perfektion.

Es geht um seine Zusammenarbeit mit Thomas Quasthoff und sein Lieblingsquartier auf Tour, den Nightliner. Es geht um die Faszination mit dem Rampenlicht und um die Notwendigkeit der Ruhe. Es geht um die Filmmusik zu “Schtonk”, an der er mitwirkte und das Schlagzeug als Übermittler seiner Emotionen. Es geht um eine Tatort-Folge bei der er “on-screen” mitwirkte, und darum, wie wichtig Teamgeist für die Band ist. Es geht um die USA, in die er schon mal hatte ziehen wollen, und um Unruhe, die er versucht zu vermeiden.

Es geht um Vorbilder und die Notwendigkeit, sich von ihnen zu lösen, und um Visionen, etwa die Pläne für die nächste Tour oder das nächste Album. Es geht um seine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker und den Einfluss der Band Weather Report. Es geht um XXXL-Konzerte vor 60.000 Menschen und ein Xylophon-Projekt, das er immer schon realisieren wollte. Es geht um Yamaha als Schlagzeughersteller und den Produzenten Ypsilon. Es geht um die Notwendigkeit eines guten Zeitmanagements und die Band Zappelbude, die er zusammen mit dem Pianisten Roberto Di Gioia hatte. Und zum Schluss geht es noch um Albert Mangelsdorff, der für ihn Mentor, Bezugsperson und väterlicher Freund zugleich war.

Zwischendrin hören wir außerdem von seinem ersten Schlagzeuglehrer Harald Pompl woei von Kollegen wie Christopher Dell, Max Mutzke und Roberto Di Gioia. Eingeleitet wird das alles mit einem biographischen Vorwort von Roland Spiegel; zum Schluss folgt eine ausführliche Diskographie seiner Aufnahmen zwischen 1983 und 2019. Und zwischendrin finden sich um die 50 Fotos, die Oliver Krato während der sechsstündigen Interview-Session von Haffner machte, die den Schlagzeuger als nachdenklichen genauso wie als humorvollen Menschen portraitieren, der immer ein wenig den Schalk im Nacken zu haben scheint, dabei aber alles, womit er sich befasst, enorm ernst nimmt.

“Das Haffner Alphabet” ist ein Buch zum Blättern und Entdecken. Und zwischen den vielen Karteikarten findet sich tatsächlich viel von der Persönlichkeit des Schlagzeugers.

Wolfram Knauer (Juni 2020)

R.I.P. Jürgen Wuchner

Jürgen Wuchner (Foto: Wilfried Heckmann)
Jürgen Wuchner (Foto: Wilfried Heckmann)

Wir trauern um einen bedeutenden deutschen Musiker, den Mittelpunkt der Darmstädter Jazzszene, den Gründer und künstlerischen Leiter unseres jährlichen Jazz Conceptions-Workshops seit 29 Jahren, einen engen Freund, Kollegen und kritischen Begleiter unserer täglichen Arbeit. Jürgen Wuchner, dessen Name fast wie ein Synonym für den Jazz in oder aus Darmstadt zu stehen scheint, starb plötzlich und unerwartet am Freitag, den 1. Mai 2020, im Alter von 72 Jahren.

Wuchner, der an der hiesigen Akademie für Tonkunst Kontrabass studierte, war seit den 1960er Jahren ein wichtiger Teil der Rhein-Main-Jazzszene. Er arbeitete mit Hans Koller, Heinz Sauer, Herbert Joos, Günter Klatt, dem Vienna Art Ensemble und zahlreichen anderen Künstlern, initiierte daneben etliche eigene Projekte, von dem auf tiefe Töne fokussierten Bassic Trio und unterschiedlichen Quartettbesetzungen bis hin zur größeren Band United Colors of Bessungen, in der Freunde und Kollegen aus der ganzen Region zusammenkamen.

In Wuchners Bassspiel waren von Charles Mingus inspirierte bluesige Untertöne zu hören, aber auch die Auseinandersetzung mit experimentellen Techniken, wie er sie etwa bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik erleben konnte. Seine Kompositionen waren enorm eingängig; viele der Inspirationen, von klassischer Musik über Ellington, Mingus und die Jahre, die er in Dakar, Senegal, verbrachte, erfuhren dabei immer eine spezifisch Wuchnerische Behandlung. Jürgen war ein überaus inspirierender Lehrer, der es verstand, jede/n zu ermutigen zum Instrument zu greifen und zu spielen. Er war überzeugt davon, dass gerade Jazzmusikerinnen und -musiker dazu in der Lage sind, die so unterschiedlichen Stimmen von Teilnehmer/innen in Workshopensembles als musikalisches Material zu begreifen und daraus spannende Musik zu schaffen. Die Abschlusskonzerte bei unseren jährlichen Jazz Conceptions gaben ihm immer wieder recht: Diese Momente, wenn Musiker/innen unterschiedlichster technischer Meisterschaft sich selbst übertrafen, erstaunten nicht nur das Publikum, sondern selbst die Dozent/innen der Workshopwoche.

Für Jürgen standen Jazz und improvisierte Musik immer auch für Respekt und ein zwischenmenschliches Verständnis, das weit über die Musik hinausging. Seine eigene Musik, sein Unterricht und seine generelle Haltung zu Kunst und Gesellschaft lebten dieses Verständnis vor. Jürgen Wuchner war eine Integrationsfigur, nicht nur für die Darmstädter Jazzszene, sondern weit darüber hinaus. Er genoss Ansehen und Respekt überall in der Stadt, bei seinen Fans genauso wie bei Menschen, die mit seiner Musik vielleicht weit weniger anfangen konnten. Er war authentisch mit jedem Wort, mit jeder Note, mit jedem Ton.

Wir sind unendlich traurig.

JazzTalk-Mitschnitte

JazzTalk 087 - Paul Kuhn (Foto: Wilfried Heckmann)Sukzessive planen wir an dieser Stelle Mitschnitte unserer JazzTalk-Reihe zu veröffentlichen, denn in fast 20 Jahren sind unterhaltsame, lebendige und manchmal sogar ausgesprochen tiefschürfende Dialoge über Kunst, Musik und Musikerleben zwischen Wolfram Knauer und seinen Gästen entstanden. Außerdem findet sich hier exklusiv die Langversion eines Radiointerviews mit dem Journalisten und Fotografen Arne Reimer (“American Jazz Legends”) mit hr2-Kultur Jazzredakteur Guenter Hottmann.

ABGESAGT: Dozenten und Dozentinnen 2020

Daniel Guggenheim

… als Leiter eines Ensembles während unseres Sommerworkshops einzuladen, stand ganz oben auf der Wunschliste unseres künstlerischen Leiters Jürgen Wuchner. Wuchner kennt und schätzt den in Frankfurt lebenden Schweizer seit vielen Jahren. Schließlich war der Tenorsaxophonist neben Janusz Stefanski eines der ersten Mitglieder von Wuchners legendärem Großensemble United Colours of Bessungen.

Foto: Henning Goll©

Guggenheim ist ein Soundsucher, der seinen bestechenden Ton nur scheinbar bereits gefunden hat. Dabei führte ihn diese Suche zunächst um die ganze Welt. Aus der Schweiz über Paris, Rio de Janeiro und New York bis schließlich in die Weltstadt Frankfurt. Als größter Glücksfall entpuppte sich dabei für ihn, der zunächst wesentlich inspiriert war von den großen Jazztenoristen Sonny Rollins und John Coltrane, die Begegnung mit dem Musikanarchisten Hermeto Pascoal 1983. Durch ihn lernte Guggenheim seine eigene Musik zu leben und Grenzen immer wieder neu auszuloten.

In sehr unterschiedlichen Formationen, seinem aktuellen Quartett um den großartigen Pianisten Sebastian Sternal, seinem Fusionensemble The Grandsheiks oder auch seinem New York Quartet mit dem Pianisten Peter Madsen, Bassist Sean Smith und dem fabulösen Schlagzeuger Devin Gray begibt sich Guggenheim gegenwärtig auf seine Suche nach dem unverwechselbaren Klang, wenngleich seine eigenen Kompositionen sich hörbar an der Tradition des Mainstream orientieren und Vorbilder wie Benny Golson oder John Coltrane nicht verleugnen können.

Denn … wie schrieb doch gleich Wolfgang Sandner in der FAZ über Guggenheim? “Wollte man ein Beispiel für prototypisches Tenorsaxophonspiel suchen – großer Ton in allen Lagen, überlegene Phrasierung zwischen rasenden Passagen, hymnischen Ausbrüchen und lyrischer Klangsinnlichkeit, langer Atem und Gespür für die Architektonik der Soli – man fände es in seinem Spiel.”

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Kurs schreibt Daniel Guggenheim folgendes:

“Ich werde Kompositionen von mir mitbringen…. Also: Erarbeiten eigener Kompositionen, mit besonderem Augenmerk auf das Zusammenspiel. Dazu werden auch gezielt Übungen gemacht. Weitere Schwerpunkte sind Formgefühl und Rhythmik.”


Thomas Heberer

… ist “unser neues Trompetengenie”. Behauptete jedenfalls Alexander von Schlippenbach, als er ihn 1990 für eine ecm-Aufnahme in sein Berlin Contemporary Jazz Orchestra holte. Im gleichen Jahr, noch mit Mitte 20, wurde Heberer mit dem prestigeträchtigen SWF-(heute SWR-)Jazzpreis ausgezeichnet.

Foto: Thomas Heberer©

Ohne Frage gehört Heberer was Ansatz,  Intonation und Phrasierung betrifft zu den herausragenden Trompetern seiner Generation in Deutschland – und wir sprechen hier von der Generation Till Brönner, Joo Kraus oder Axel Dörner. Dass Heberer nicht die gleiche Prominenz und Aufmerksamkeit genießt wie manche Kollegen hierzulande, mag daran liegen, dass er seit 2008 in New York lebt und vorwiegend dort arbeitet.

Dabei gab es eine Zeit in der Heberer durchaus so etwas wie Fernsehprominenz besaß. War er doch fast 12 Jahre fester Bestandteil der Band von Helmut Zerlett und damit an der Seite von Harald Schmidt fast nächtlich in dessen Latenight-Show zu sehen und zu hören. Da war Köln noch sein zuhause, wo der in Schleswig geborene Musiker Mitte der 1980er Jahre bei Manfred Schoof an der Musikhochschule studierte. Seitdem folgten über 100 Einspielungen von Tonträgern unter eigenem Namen oder als Mitglied so legendärer Formationen wie Misha Mengelbergs Instant Composers Pool, Kompositionsarbeiten u.a. für Wim Wenders preisgekrötes Werk “Pina” über die Choreografin Pina Bausch und Auftritte mit zahlreichen New Yorker-Formationen, darunter Yoni Kretzmer’s Five, der Nu Band mit Saxophonlegende Mark Whitecage und Lou Grassi am Schlagzeug oder dem Nonet der Pianistin Angelica Sanchez.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Kurs schreibt er folgendes:

“Vom Kochen eines leckeren (musikalischen) Eintopfs: Dinner at Eight. In unserer Combo wird es eklektisch zugehen. Schwerpunkt 1 wird Musik-machen mit Hilfe von Handzeichen und verbalen und graphischen Spielanweisungen im Verbund mit dem Erarbeiten einiger eigener Stücke sein. Schwerpunkt 2 ist Improvisationskonzepten aus dem Umfeld des holländischen Instant Composers Pool (Misha Mengelberg etc.) sowie Kompositionen von südafrikanischen Musikern wie z. B. Johnny Dyani oder Abdullah Ibrahim vorbehalten. Erfahrungen im Umgang mit Changes-Spiel wären hilfreich, sind aber nicht zwingend.”

Anke Lucks

… ist die Frau für die ganz ausgefallenen Rollen. Aber immer in der Rolle als ausgezeichnete Posaunistin. Insomnia Brass Band: Einzige Blechbläserin in einer Band unausgeschlafener Blechbläser. Shmaltz: Improbeuftragte in Berliner Kultband. gleichwiederda: Revolutionärer Geist in typisch Prenzlauer Jazzgenossenschaft. Die Ursuppe: Gelenkstück zwischen Kurt Schwitters’ Dada und Silke Eberhards Potsa Lotsa …

Foto: Dovile Sermokas©

Geboren in Mettmann, im Zwischenraum der so gegensätzlichen (Jazz)Metropolen Düsseldorf und Wuppertal, studierte Lucks zunächst Rhythmikerziehung auf Diplom an der Musikhochschule in Hannover, davon ein Jahr an der „Longy School of Music“ am Bard College in Boston. Anschließend zog es sie nach Berlin, wo sie bis 2004 Jazzposaune und Instrumentalpädagogik bei Jiggs Whigham und Sören Fischer an der Musikhochschule Hanns-Eisler studierte.

Nach dem Studium tourte Anke Lucks mit dem Artistik- und Musikprogramm „Balagan“ um die Welt  – und europaweit mit der Formation „Rotfront“, spielte aber auch erfolgreich Theater- und Filmmusik mit der Folk- und Comedyband „Shmaltz“.  Zu ihren persönlichen musikalischen Highlights gehören aber die Auftritte mit Albert Mangelsdorff, Anthony Braxton oder dem New Yorker Schlagzeuger und Pianisten Tyshawn Sorey.

Uwe Oberg

… in Darmstadt vorzustellen, hieße Tulpen nach Amsteram, Eulen nach Athen oder Mäuse in die Klein’schen Höfe nach Darmstadt  tragen. Der Wiesbadener Pianist und Hessische Jazzpreisträger 2007 ist mit seinen verschiedensten Besetzungen häufiger und stets gern gesehener Gast insbesondere im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut.

Foto: Julia Kneuse©

Ob mit Heinz Sauer, seinem Dreigestirn Lacy Pool (mit Mahall und Griener) oder in Kombination mit der Saxophonistin Silke Eberhard und dem Schlagzeuger Gerry Hemingway wie zuletzt, Oberg erlaubt es seinem Publikum jedes Mal aufs Neue völlig neue Facetten seines Klavierspiels zu entdecken.

Seine Vorbilder mögen über die Jahre unverkennbar Steve Lacy oder Paul Bley, vielleicht auch Thelonious Monk, geblieben sein, sein eigenes Spiel aber erhebt sich über jeden Verdacht epigonenhaft und anbiedernd dem Stil seiner Idole zu folgen. Denn Oberg ist der Prototyp des Musikers, der mit offenen Ohren durch die Musikwelt wandelt und dabei sets wahrnimmt, wie seine (aktuellen) Kolleginnen und Kollegen klingen. Eben jemand, der die musikalische Beweglichkeit liebt. Nicht zuletzt deswegen ist Oberg seit einigen Jahren auch recht erfolgreich als Kurator des Wiesbadener Just Music Festivals neugieriger Gastgeber von improvisierenden Talenten und Stars der Szene aus der ganzen Welt. Immer schön offen bleiben!

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Kurs schreibt er folgendes:

“Es geht ums Improvisieren. Was ist das, wie geht das, warum machen wir das? Wir spielen zusammen, wie klingt die Band, wie bekommen wir einen guten Sound? Was ist eigentlich ein guter Sound? Ich habe Stücke und Übungen dabei, mit denen wir die beste Musik des Moments spielen können. Wir improvisieren uns also in den Workshop hinein und alle können sich und ihre Ideen einbringen.”

Axel Pape

… studierte Jazz- und Popularmusik an der Hochschule für Musik in Stuttgart und an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er war Stipendiat der Villa Musica und der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz.

Foto: Axel Pape©

In der Rhein-Main-Region ist in verschiedene Projekte im Bereich Jazz und zeitgenössischer Musik  eingebunden, spielt u.a. im Quartett der bald 95jährigen Frankfurter Saxophonlegende Emil Mangelsdorff. Aber auch in anderen Spitzenbands der deutschen Szene gibt Pape den Rhythmus vor, so im Trio des Kölner Pianisten Sebastian Sternal oder der Band des Baden-Württembergischen Jazzpreisträgers Sandi Kuhn aus Stuttgart.

Axel Pape ist ein gefragter und vielbeschäftigter Drummer und tourt ständig in Clubs wie auch auf Festivals im In- und Ausland. Gleichzeitig ist er auf vielen Produktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu hören. In seiner verbleibenden Zeit unterrichtet er mit einem Lehrauftrag für Schlagzeug, Rhythmik und Ensemble im Jazzstudiengang der Universität Mainz sowie am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt/Main.

Uli Partheil

… leitet in diesem Jahr zum vierten Mal einen eigenen Workshop nur für junge Erwachsene zwischen 14 und 22 Jahren (weitere Informationen zum Jugendensemble). Partheil ist einer der aktivsten Protagonisten der Darmstädter Szene, beeinflusst von der Musik Duke Ellingtons, Thelonious Monks, kubanischen Rhythmen und dem Blues. Er ist nicht nur ein versierter Pianist in sämtlichen Stilistiken des Jazz, sondern auch als Komponist tätig. In seinen Kompositionen geht er äußerst kreativ mit den verschiedenen Einflüssen um, die ihn als Musiker prägen.

Foto: Wilfried Heckmann©

Uli Partheil studierte an der Mannheimer Musikhochschule unter anderem bei Professor Jörg Reiter Jazzpiano, Komposition und Arrangement. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet er mit Jürgen Wuchner, Matthias Schubert, Janusz Stefanski, Ack van Rooyen, Rudi Mahall, Daniel Guggenheim, Wolfgang Puschnigg, Thomas Siffling, dem Wiener Kronenbräu Orchester, dem Palatina Swing Orchestra und vielen anderen zusammen.

Mit seinem Working Trio “Playtime” ist er in den letzten Jahren mit verschiedenen Literatur- & Jazz-Projekten erfolgreich. Partheil unterrichtet an der Jazz & Pop School Darmstadt. Für seine musikalischen Verdienste und sein Wirken für die Förderung des jazzmusikalischen Nachwuchses erhielt er 2008 den Darmstädter Musikpreis.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Es werden Stücke aus den unterschiedlichsten Stilistiken des Jazz und vom Jazz beeinflusster Musik erarbeitet. Die Improvisation und das spontane Reagieren werden dabei immer eine wichtige Rolle spielen. Wichtig auch: Es muss nicht jede/r Teilnehmer/in improvisieren! Die Arrangements sind zum Teil vorbereitet und werden dann auf die Gruppe “zugeschneidert”. Für jeden wird eine passende Rolle gefunden. Wer lieber nur nach Noten spielt, kann das auch tun.

Und: Wir werden richtig arbeiten! 2,5 Stunden jeden Tag volle Konzentration auf die Musik und dabei alles geben! Das Wichtigste bleibt aber immer: Der Spaß am Musikmachen! Sich mit offenen Ohren dem Abenteuer aus Rhythmus, Groove, Spannung und Auflösung voll hinzugeben!

Jürgen Wuchner

Juergen_Wuchner_Wilfried_Heckmann01… ist der eigentliche Initiator der Jazz Conceptions. Wuchner spielte u.a. mit Hans Koller, Heinz Sauer und dem Vienna Art Orchestra und tritt im Rhein-Main-Gebiet vor allem mit seinen eigenen Bands in Erscheinung, mit denen er sich immer wieder neuen Projekten widmet. Er besitzt einen erdigen, ungemein warmen und persönlichen Basston, viele seiner Kompositionen kann zumindest die Darmstädter Jazzgemeinde mitpfeifen.

Foto: Wilfried Heckmann©

In Darmstadt ist er außerdem als langjähriger Leiter eines regelmäßigen kleineren Jazz-Workshops bekannt. Für seine Arbeit als Musiker und Pädagoge wurde Wuchner 1996 mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet. Wuchner unterrichtete bis 2013 an der Darmstädter Akademie für Tonkunst und leitet zusammen mit Uli Partheil die Jazz & Pop School. 2012 erhielt Wuchner den Darmstädter Musikpreis.

Interviewporträt von Jürgen Wuchner von Rainer Lind

ABGESAGT: Das Jazz Conceptions-Jugendensemble

unter der Leitung von Uli Partheil

Der Darmstädter Pianist und Musikpädagoge, der seit vielen Jahren neben Jürgen Wuchner fester Bestandteil des Dozententeams während der Darmstädter Jazz Conceptions ist,  sucht auch in diesem Jahr wieder junge Musiker/innen zwischen ca. 14 und 22 Jahren, die bereit sind, jeden Tag zwei bis drei Stunden volle Konzentration auf die Musik zu richten und dabei alles zu geben. Im Prinzip ist dieses Ensemble für alle Instrumente offen. Die Teilnehmerzahl ist allerdings begrenzt.

Während des Sommerworkshops wird es nun also zum zweiten Mal ein reines Jugendensemble geben, das vom 6. bis 11. Juli 2020 unter Partheils Anleitung eine eigenes, kurzes Konzertprogramm erarbeitet, das im Rahmen des Abschlusswochenendes auf großer Bühne in der Bessunger Knabenschule öffentlich präsentiert wird. Geprobt wird immer vormittags im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut im Bessunger Kavaliershaus.

Partheil, der seit über drei Jahren auch das 1. Darmstädter Jugend-Weltmusikorchester leitet, möchte Stücke aus den unterschiedlichsten Stilistiken des Jazz und vom Jazz beeinflusster Musik mitbringen, die gemeinsam eingeübt werden. Die Improvisation und das spontane Reagieren spielen natürlich immer eine wichtige Rolle. Dennoch, kündigt Partheil an, müsse nicht jede/r Teilnehmer/in improvisieren. Die Arrangements sind zum Teil vorbereitet und werden auf die Gruppe “zugeschneidert”. Für Jede und Jeden soll dabei gemeinsam eine passende Rolle im Bandkontext gefunden werden. Wer lieber nur nach Noten spielt, kann das auch tun. Dadurch öffnet sich der Kurs auch für junge Instrumentalist/innen ohne große Banderfahrung.

Das Wichtigste bleibt immer: Der Spaß am Musikmachen! Sich mit offenen Ohren dem Abenteuer aus Rhythmus, Groove, Spannung, und Auflösung voll hinzugeben.

Anmeldung: Der Kurs kostet 80,- Euro für die ganze Woche. Wir bitten, sich bei Interesse aus Gründen der besseren Koordinierung unbedingt zunächst schriftlich oder telefonisch bei Uli Partheil zu melden. Nicht jedes Instrument kann mehrfach belegt werden. Auch bei inhaltlichen Fragen steht Uli Partheil zur Verfügung.

uli.partheil@web.de oder Tel. 06151 / 665138

Erst nach Absprache mit Uli Partheil, bitten wir die Teilnehmer/innen sich über das Onlineformular (-> hier gehts zur Anmeldung) anzumelden. Bei Teilnehmer/innen unter 18 Jahren benötigen wir zusätzlich zur Online-Anmeldung eine schriftliche Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten (Bitte am ersten Kurstag mitbringen).

Ausstellungen im Jazzinstitut (beendet)

Beendete Ausstellungen

Ausstellungen von 2005 bis 2020:

2005 Fotoausstellung Don’t Explain Wilfried Heckmann Hildesheim
2005 Fotoausstellung Von Antolini bis York Reinhard Wissgott Darmstadt
2005 Kunstausstellung Bunte Musik Tony Munzlinger Strela di Compiano
2006 Kunstausstellung Jazz Colours Jürgen Born Hildesheim
2006 Kunstausstellung Musiker Holger Henning

Hardy Zech

Darmstadt

Darmstadt

2007 Fotoausstellung Berliner Jazzfotos der 60er Jahre Christoph Pewesin Berlin
2007 Kunstausstellung Dennerlein presents Dennerlein Hans Dennerlein München
2007 Kunstausstellung Aquarelle Lothar Scharf Darmstadt
2007 Sonderausstellung Jazz im New York der 20er Jahre Robert Nippoldt Münster NRW
2007 Themenausstellung First Flash, Joachim Ernst Berendt Jazzinstitut Darmstadt
2008 Fotoausstellung Coverfotos für EMC Thomas Wunsch Wiesbaden
2008 Fotoausstellung Polski Jazz. Ein Fenster zur Freiheit Marek A. Karewicz Warschau
2008 Fotoausstellung Pieces of Jazz. Musik zum Betrachten Heinz Schmitt Andernach
2008 Kunstausstellung „Gej-ätz-zt“ – Lieder einer Ausstellung Hans-Werner Hermann Darmstadt
2008 Themenausstellung Cartoons aus dem „NewYorker“ Jazzinstitut Darmstadt
2009 Fotoausstellung A New Vision of Jazz. Fotocollagen Wilfried Heckmann Groß-Bieberau
2009 Fotoausstellung Blende in A-Dur Reinhard Bartmann Darmstadt
2009 Kunstausstellung Jazz in Braunblau Regina Basaran Darmstadt
2010 Fotoausstellung Der Musikerfotograf Jörg Becker Jörg Becker Köln
2010 Fotoausstellung Musikerportaits Leander Lenz Darmstadt
2010 Fotoausstellung Coverfotos für EMC Thomas Wunsch Wiesbaden
2010 Themenausstellung Eine interdisziplinäre Reaktionskette Traudi Schulte

Sybille Ariane Keller

Ulrike Rothamel

Doris Riedelsheimer

Darmstadt

Darmstadt

Darmstadt

Darmstadt

2010 Kunstausstellung Jazzimpressionen – Malerei Mira und Axel Fleischer Reinheim
2011 Kunstausstellung Paintings and Music Tony Oxley Viersen
2012 Fotoausstellung Jazzfotografien Karlheinz Fürst Dreieich
2012 Fotoausstellung Stationen Uwe Theo Kropinski Berlin
2012 Kunstausstellung Painted Jazz Dietrich Rünger Düsseldorf
2013 Kunstausstellung Faces of Jazz Herbert Joos Stuttgart
2013 Kunstausstellung Bouncing with Bud Tom Heurich Frankfurt
2014 Fotoausstellung Polnischer Kontrapunkt Andrzej Mochoń Kielce (Polen)
2014 Fotoausstellung About 40 Years of Jazz People Patrick Hinely Lexington, USA
2014 Fotoausstellung Jazz – A Love Supreme Wilfried Martin Sindelfingen
2015 Plakatausstellung Completely Different Plakate Jazzinstitut Darmstadt
2015 Themenausstellung Gender Identity Jazzinstitut Darmstadt
2015 Themenausstellung Spontaneous Genuine Female Jazzinstitut Darmstadt
2016 Themenausstellung Jazz in the Movies Jazzinstitut Darmstadt
2016 Themenausstellung The Jazz I’ve Seen Hans-Werner Hermann

Thilo Hofer

Thorsten Herz

Darmstadt

Darmstadt

Wiesbaden

2016/17 Fotoausstellung Hinter den Kulissen Ulla C. Binder Berlin
2017 Themenausstellung OpenGallery, ILU-Kalenderblätter Jazzinstitut Darmstadt
2017 Themenausstellung Deutscher Jazz / German Jazz Jazzinstitut Darmstadt
2017 Themenausstellung Opengallery, DownBeat-Magazin Jazzinstitut Darmstadt
2017 Wanderausstellung Als der Jazz nach Darmstadt kam Jazzinstitut Darmstadt
2018 Kunstausstellung “Conceptions” local art 1 Walter A. Schmidt Neunkirchen
2018 Kunstausstellung “Zech/Hennung und der JazZ: Skulturen / Zeichungen”. local art 2 Hardy Zech, Skulpturen

Holger Henning, Zeichnungen

Darmstadt

Darmstadt

2018 Fotoausstellung “REFLEX”. local art 3 Leander Lenz Darmstadt
2018 Themenausstellung Bass erstaunt (Eberhard Weber) Jazzinstitut Darmstadt
2019 Fotoausstellung “Let’s Talk About Jazz” Wilfried Heckmann Darmstadt
2019 Kunstausstellung “Transformationen” (Darmstädter Sezession) Reinhart Buettner

Barbara Heller

Nikolaus Heyduck

Helmut Werres

Seeheim/Paris

Darmstadt

Darmstadt

Frankfurt/Main

2019 Themenausstellung “Alles wird gut gegangen sein. Die Ausstellung” Brigade Futur III Berlin
2020 Kunstausstellung Sketch Jazz Nicole Schneider Darmstadt

Ausstellung beendet

Ausstellung vom 3. Oktober bis 1. November 2019
im Rahmen des 16. Darmstädter Jazzforums
Alles wird gut gegangen sein werden. Die Ausstellung

“Die verheerenden Auswirkungen des Raubtierkapitalismus auf die Welt werden immer deutlicher und es ist klar, dass es so nicht mehr weiter gehen kann.”

In der BRIGADE FUTUR III haben sich Benjamin Weidekamp, Elia Rediger, Jerome Bugnon und Michael Haves zusammengetan, um sich zu den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu verhalten. Dabei reflektieren sie nichts Geringeres als den Zustand der Welt, die Auswüchse des Kapitalismus und vor allem auch die Möglichkeiten jedes einzelnen, dem entgegenzuwirken.

Auf Einladung des Jazzinstituts Darmstadt stellen sie sich der Aufgabe, ihre Ideen im Rahmen  einer Ausstellung umzusetzen, die eigens für das diesjährige Jazzforum entwickelt gewesen sein wird. Auf der Basis ihres Kampfalphabets verfolgen sie dabei ihren konzeptionellen Kunstansatz mit Sendungsbewusstsein.


Weitere Informationen zum Programm des Jazzforums “Positionen! Jazz und Politik”

Ausstellung vom 3. Oktober bis 1. November 2019
im Vortragssaal des Literaturhauses Darmstadt, Kasinostraße 3 (geöffnet während der Veranstaltungen des Literaturhauses (www.literaturhaus-darmstadt.de) und
im Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Straße 88d (ab 7.10.2019 geöffnet Mo-Do 10 -17 Uhr, Frei 10 bis 14 Uhr)


Ausstellung beendet

Transformationen
Installationen, Klänge und Bilder von
Reinhart Buettner, Barbara Heller, Nikolaus Heyduck und Helmut Werres
Ausstellung von Di 11.Juni bis Freitag, 23. August 2019
in der Galerie des Jazzinstituts

Eine interdisziplinäre Ausstellung, die im Grenzbereich zwischen Musik, Geräusch und bildender Kunst anzusiedeln ist, zeigt das Jazzinstitut von Juni bis August im Rahmen des hundertjährigen Jubiläums der Darmstädter Sezession.

Vier Künstler vermitteln in einer gemeinsamen Schau die Vielfalt der Positionen, die zeitgenössische Kunst und auch die Darmstädter Sezession als Vereinigung auszeichnet.

Vom Bild zum Klang zum Bild: Eine per Fotokopie bearbeitete Postkarte mit Alpenmotiv als Improvisationsvorlage für einen Alphornbläser, Noten, in zeichnerisch freier Anordnung gleichzeitig Bild und Spielvorgabe, eine Installation, bei der Objekt und Klang zusammentreffen, Zeichnungen, die als gestische Interpretation während des Hörens von Musik entstanden sind, Struktur-und Ordnungsvorgaben, Notationserfindungen und Handlungsanweisungen als kompositorische Hilfsmittel – dies sind Aspekte der Ausstellung. Im Mittelpunkt: die Synästhesien des “Elektronischen Kammertheaters” von Reinhart Büttner und Nikolaus Heyduck.

Installation von Nikolaus Heyduck

Zeichnung von Helmut Werres

Grafik von Reinhart Buettner

Zeichnung von Helmut Werres


Rahmenprogramm:

Mittwoch 19. Juni 2019
im Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Straße 88d
19:15 Uhr : Öffnung der Galerie
20:00 Uhr : Darmstädter Musikgespräch mit  den Gästen Nikolaus Heyduck und Reinhart Buettner unter der Regie der Leiter der drei städtischen Darmstädter Musikinstitute – Cord Meijering (Akademie für Tonkunst), Thomas Schäfer (Internationales Musikinstitut) und Wolfram Knauer (Jazzinstitut)
Eintritt frei


Mittwoch, 26.6.2019
im Gewölbekeller des Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Straße 88d,
19:15 Uhr, Eintritt frei

Shift
Vortrag von Reinhart Buettner über Medien übergreifende Transformationen

Im Rahmen der 100 Jahre Feierlichkeiten  der Darmstädter Sezession wird der Künstler und Theoretiker Reinhart Buettner  eine Vorlesung im Jazzinstitut  halten, die den Titel trägt „SHIFT, Bericht über künstlerische Methoden“. Er verlegt damit seine Reihe Privat-Vorlesungen zur Kunst-und Gestaltungstheorie, „Artistenpredigten“ genannt, aus Anlass der Ausstellung „Transformationen“ in das Gewölbe des Jazzinstituts und wird dort über Veränderungen, Übersetzungen und Transmediale Prozeduren vortragen. Er spannt dabei den Bogen von Josquin des Prez bis Raymond Queneau und stellt das Shifting und Switching unserer Zeit, als Abkömmlinge der alten und genuinen künstlerischen Methoden der Alteration, Variation und des Wechsels vor.


Freitag, 23. August 2019
im Gewölbekeller des Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Straße 88d
20:30 Uhr
Konzert  Rainer Lind und Norbert Grossmann
Norbert Grossmann (Synthesizer, Klavier) und Rainer Lind (E-Gitarre, Zuspiel)

Frei Improvisierte Musik abseits musikalischer Genres weiterentwickelt. Was die Zuschauer und Zuschauerinnen an diesem Konzertabend im Jazzinstitut erwartet, das wird sich erst auf der Bühne selbst entscheiden.
Eintritt: 12€/10€
Eine Veranstaltung des Fördervereins Jazz e.V.

Ab Samstag, den 8. Juni bis 15. September 2019
Im Rahmen des Netzwerks im Stadtraum Darmstadt der Darmstädter Sezession, welches das Festival als einheitlichen Raum erfahrbar machen soll, wird auf dem Jagdhofplatz vor dem Jazzinstitut eine Außenmöbilierung errichtet werden.

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Ausstellung beendet

Ab 11. März 2019 im Gewölbekeller des Jazzinstituts:
Let’s Talk About Jazz …
Fotografien von Wilfried Heckmann


Wolfram Knauer im Gespräch mit Paul Kuhn im Dezember 2011
Foto: Wilfried Heckmann

Mit der Frankfurter Pianistin Elvira Plenar startete im Juni 1998 das erste Konzert der Reihe “JazzTalk” im Jazzinstitut Darmstadt. Bis jetzt wurden daraus unglaubliche 127 Konzerte, bei denen die Musikerinnen und Musiker nicht nur ihr musikalisches Können präsentieren, sondern zwischendrin auch über ihre Musik, ihre Karriere, die Möglichkeiten wie die Probleme eines Lebens in der Jazzszene berichten.

Fast von Anfang an mit dabei war der Darmstädter Fotograf Wilfried Heckmann. Ihm verdanken wir eine beinah lückenlose fotografische Dokumentation dieser Veranstaltungsreihe.

Für diese beeindruckende künstlerische Arbeit möchten wir uns an dieser Stelle bedanken und zeigen von Wilfried Heckmann ausgewählte “JazzTalk” Szenen aus verschiedenen Jahren.

Wilfried Heckmann

Seit Anfang der 1980er Jahre hat sich Wilfried Heckmann dem Sujet der Jazzfotografie verschrieben. Künstlerische Grundlage bildete ein Studium der Malerei und des Zeichnens an der Freien Wiesbadener Kunstschule. Ab 1983 wechselte er ins Fach Fotografie. Kreativität ergänzt so die technische Versiertheit. Seit dieser Zeit veröffentlicht Wilfried Heckmann in verschiedenen Jazzmagazinen, Tages­zeitungen, CD-Booklets und Büchern und prä­sentiert seine Arbeiten regelmäßig in Ausstellungen im In- und Ausland.


Ausstellung beendet

local art 3:
REFLEX | Leander Lenz – Fotografien


Band-Porträts mal ganz anders – dies verspricht die neueste Ausstellung des Grafikers,  Fotokünstlers und Musikers Leander Lenz.

Mit aktiver technischer Verfremdung beim Fotografieren schafft der junge Darmstädter kunstvolle Fotografie mit malerischen Aspekten: „Durch das Platzieren verschiedener Glasobjekte vor der Linse erhalte ich immer wieder unerwartete Lichteffekte und Reflektionen“. Dieser Aufnahmezyklus überwiegend lokaler Bands kreiert eine ganz besondere Atmosphäre, die den Betrachter in eine andere Welt entführt. Ein gelungenes Kontrastprogramm zu allen „Out-Of-The-Box“-Fotografie-Ideologien.

Die Fotos bewegen sich in ihren Motiven zwischen klaren Porträts und künstlerischen Experimenten, außerdem wurden sie zwar digital aufgenommen, wirken durch die ungewöhnliche Schärfe und Farbigkeit aber oft wie die Erzeugnisse analoger Technik. Ebenso lässt sich auch die Musik der vier Bandprojekte nicht in eine Schublade einordnen.

Die Band “Triorität” bewegt sich kunstvoll zwischen instrumentalem Jazz, Triphop und Funk und vermischt hier moderne Sounds und wohlbekannte Klänge, ebenso wie “Vibe Versa”, die hier noch einiges an Neosoul und Gesang hinzugeben. Die Musik von “Lucid Void” lässt sich am ehesten als Stonerrock beschreiben, aber auch hier dringen immer wieder Klänge durch, die an Chick Corea oder Santana erinnern. “Electric Horseman” nennen ihre Musik Psychedelic Folk Rock und auch hier sind Einflüsse der 60er Jahre bis heute spürbar.

Leander Lenz

Triorität (Foto: Leander Lenz)

Vibe Versa (Foto: Leander Lenz)

 

Ausstellung in der Galerie des Jazzinstituts und im Foyer der Bessunger Knabenschule vom 11. Januar bis 8. März 2019
Öffnungszeiten der Galerie: Mo, Di, Do 10 bis 17 Uhr, Frei 10 bis 14 Uhr
Ausstellungseröffnung im Rahmen des dazz Jazz Winterfestivals in Darmstadt:

Freitag, den 11.1. 2019 um 19:30 Uhr in der Galerie des Jazzinstituts

Anschließend: Eröffnungskonzert des dritten dazz – Jazz Winter Darmstadt mit dem Eva Klesse Quartett 20.30 h Gewölbekeller unterm Jazzinstitut

 

 


Ausstellung beendet

local art 2:
Zech/Henning und der JazZ | Skulpturen/Zeichnungen

Ausstellung vom 5. August bis 30. Oktober 2018 in der Galerie des Jazzinstituts

In dieser Doppelausstellung begegnen sich zwei unterschiedliche Genres und Künstler in der Galerie des Jazzinstituts: Skuril-heiter wirkende Figuren treffen auf detailreiche kolorierte Zeichnungen mit einem erstaunlichen Synergieeffekt.

Der Darmstädter Architekt und Künstler Holger Henning präsentiert eine große Zahl seiner filigranen Arbeiten, die aus einer Mehrsicht-Perspektive Menschen, Gruppen und Situationen zu einer neuen Einheit verknüpfen. Seine Thematiken sind inspiriert durch Musik, Tanz und Rhythmik und dem Eindruck von Filmszenen. Die großzügige Verwendung von bunten Kreiden und Stiften verwischt die Grenzen zwischen Zeichnung und Malerei, die in seinen großflächigen Aquarell- und Lackbildern vollständig zugunsten der Flächengestaltung aufgegeben wird.

Auch der Steinmetz und Bildhauer Hardy Zech zeigt zwei ganz unterschiedliche figurative Techniken in seinen Objekten. Das Ausgangsmaterial seiner Skulpturen sind gebrauchte Eisenteile. Es entstehen konstruktiv gedachte Skulpturen. Zech entdeckt die Bewegung als Element, das bei seinen Metallfiguren zu komplexeren Werken führt, indem diese mit Licht und Zeit interagieren. Das Eisen- Material weicht bei Zech öfter auch massiveren Werkstoffen wie Stein oder Gips.

In einer Doppelausstellung wird das Werk beider Künstler mit ausgewählten Zeichnungen und Skulpturen dialogisch einander gegenübergestellt. Auf diese Weise werden ihre vergleichbaren Fragestellungen in der Bildhauerei und Malerei ebenso deutlich wie die unterschiedlichen Herangehensweisen, Techniken und Temperamente.

Holger Henning + Hardy Zech

(Holger Henning)

(Hardy Zech)

 

Die Ausstellung ist erstmalig am 5. August 2018  anläßlich
des “Jagdhof Open Air” und  “Tag der Offenen Tür” im Jazzinstitut ab 17 Uhr zu sehen.

Öffnungszeiten: Mo, Di, Do 10 bis 17 Uhr, Frei 10 bis 14 Uhr

28.September 2018 um 20:30 Uhr: Konzert mit Holger Henning (g), Stephan Loew (b) und Thomas Hoffmann (dr) im Rahmen der Bessunger Jamsession
Eintritt frei


Ausstellung beendet

local art 1:
Conceptions – Zeichnungen von Walter A. Schmidt

Ausstellung vom 13. April bis 30. Juni 2018 in der Galerie des Jazzinstituts

Mit dem Odenwälder Künstler Walter A. Schmidt eröffnen wir die Reihe local art in der Galerie des Jazzinstituts, die im Laufe des Jahres vier Kunstschaffenden aus der Region eine Plattform geben wird.

Schnelle, kolorierte Tuschepinselzeichnungen, manchmal kombiniert mit Kohle, Kreide oder Bleistift sind die Materialien, aus denen Walter A. Schmidt seine dynamischen Gruppen- und Musikerporträts erschafft, die speziell für die neue Ausstellung  in der Galerie des Jazzinstituts ausgewählt wurden.Sie sind für ihn die logische Fortsetzung der musikalischen Erlebnisse, die er als Teilnehmer bei den Darmstädter Jazz Conceptions sammeln konnte und erst in Skizzenbüchern, dann in seinem Atelier zu Papier brachte.

Dem ehemaligen Hochschulprofessor für Gestaltung dient die Natur als Grundlage für seine erfinderischen neuen Bildkompositionen. Dabei können in dem prozesshaften Arbeiten sowohl realitätsnahe Bilder entstehen wie auch Werke der fast völligen Abstraktion.

Die dynamischen, raschen Tusche-Pinsel-Zeichnungen kombiniert mit Aquarelltechnik setzen hohes künstlerisches Können voraus, da Korrekturen kaum noch möglich sind.
Inhaltlich ist es die intensive Auseinandersetzung mit Farbe und Licht, mit Figuren und Formen, die aus lebendigen Farbflächen herauszuwachsen scheinen.

Spontane Skizzen mit Bleistift auf Papier, Linien- und Flächenkompositionen mit Feder und Pinsel – die während der Ausstellung im Treppenhaus gezeigt werden – nehmen den Betrachter zu den Grundlagen dieses spontan künstlerischen Prozesses mit. Die Ruppigkeit des Strichs, die Unwägbarkeit der Linien auf der einen Seite, und demgegenüber die ruhigen meditativen Tuschepinselzeichnungen in Anlehnung an chinesische Vorbilder verraten viel über das professionelle Spannungsverhältnis dieser Kunst.

 ” Ich will die Dinge sehen, nur darauf kann ich mich verlassen, deshalb zeichne ich. Die Dinge zeigen sich mir bloß, wenn ich sie zeichne.”
Walter A. Schmidt nach Carlo Scarpa

Impressionen der Vernissage und der Ausstellung im Jazzinstitut


Die Ausstellung wurde am 13. April 2018 mit einer Live Performance von Walter A. Schmidt eröffnet.
Galerie des Jazzinstituts vom 13. April bis 30. Juni 2018
Öffnungszeiten: Mo, Di, Do 10 bis 17 Uhr, Frei 10 bis 14 Uhr

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