Archiv der Kategorie: Jazz in Darmstadt

Dozentinnen und Dozenten 2018

Morris Kliphuis …

… ist in diesem Jahr Jürgen Wuchners ganz spezielle Entdeckung. Der künstlerische Leiter der Darmstädter Jazz Conceptions sah den niederländischen Blechbläser mit seiner elektro-akustischen Band Kapok, einer Band zwischen Indie- und Impro-Sound, beim internationalen Jazzfestival in Kairo und war von deren Selbstbewusstsein und origineller Kreativität begeistert. Dazu ein Bandleader, der ein im Jazz nun wirklich nicht allzu verbreitetes Instrument spielt – das Frenchhorn.

Der 1986 geborene Kliphuis ist improvisierender Hornist (auch Kornettist), vielgefragter Komponist und Arrangeur. Sein energetisches und melodiöses Spiel wird inzwischen nicht nur in seiner Heimat, den Niederlanden, hochgeschätzt. Er lebt und arbeitet seit kurzem von Berlin aus.

Da sein Instrument außerhalb des klassischen Kontextes keine allzu große Tradition hat, entwickelte er in seinen eigenen Stücken und Projekten einen höchst individuellen Stil, der den warmen, fast melancholischen Sound des Horns als eigenständige, insbesondere auch solistisch agierende Klangfarbe zulässt. Von Anfang an erkundete Kliphuis, der im Alter von acht Jahren mit dem Frenchhorn-Spielen begann und zunächst eine klassische Ausbildung durchlief, die Möglichkeiten der Improvisation und erweiterte für sich selbst die nur scheinbar natürlichen Grenzen seines Instruments.

Nach einem Jahr Studium in Klassischer Komposition wechselte er in den Jazzstudiengang des Amsterdamer Konservatoriums. Es folgte ein Semester am Purchase College in New York, wo er von dem großartigen Jazzhornisten James Clark unterrichtet wurde. Im Anschluss an das Studium sammelte er zunächst Preise und Auszeichnungen in Holland und anderswo, tourte durch ganz Europa.

Als Komponist arbeitet Morris Kliphuis in ganz unterschiedlichen Settings, schrieb Stücke für Solo Fagott bis hin zu großen Orchesterwerken, für das Ragazze String Quartet, schrieb für Musiktheater Stücke, die sowohl Improvisationen wie ausnotierte Passagen enthalten, produziert Musikvideos mit den in Holland überaus erfolgreichen Popkünstlern Lucky Fonz III und Nora Fischer. Natürlich schreibt er Stücke für die Formationen, mit denen er auch regelmäßig auftritt, etwa das Jazzensemble Windkracht 7, die Neoklassik/Pop-Formation stargaze und das New Rotterdam Jazz Orchestra. Außerdem spielte er Konzerte mit so namhaften Kollegen wie Matthew Herbert, Nils Frahm, Julia Holter und Bill Frisell.

Porträt des niederländischen Jazznu-Magazins von Morris Kliphuis


Lucía Martínez

… ist eine Tochter Europas. Sie gehört zu den vielen jungen Musikerinnen und Musikern, die in den vergangenen Jahren in der deutschen Hauptstadt ihr künstlerisches Zuhause gefunden haben. Als vielseitige Multi-Instrumentalistin und Komponistin ist sie Teil einer neuen Generation von Jazzmusikern, deren Einflüsse unüberhörbar aus dem Süden des Kontinents kommen. Martinez’ Stil ist von der Volksmusik ihrer Heimat Galizien, dem Flamenco und der Musik des Mittelmeeres beeinflusst, der nun in der Metropole Berlin auf die Avantgarde-Musik aus allen Himmelsrichtungen trifft.

Die bisherige musikalische Vita der Schlagzeugerin, Vibraphonistin und Perkussionistin ist bunt, vielfältig und beeindruckend. Geboren in Vigo, im stürmischen Nordosten Spaniens, begann sie bereits mit 9 Jahren mit dem Unterricht in traditioneller Perkussion und der galicischen Drehleier. Über die Folklore kam sie zunächst zur klassischen Musik, machte ein Abschluss-Diplom in klassischer Orchester-Perkussion und absolvierte die Solistenprüfung an der Guildhall School of Music and Drama in London. Nach einer Zeit bei der Real Filarmonía de Galicia begann sie sich mehr dem Jazz zuzuwenden, wechselte ins nahe Portugal, wo sie 2006 ihr Bachelorstudium in Jazz-Schlagzeug an der Escola Superior de Música e Artes do Espectáculo in Porto abschloss. Im gleichen Jahr studierte Lucía Martínez Vibraphon und Jazz-Schlagzeug mit dem Erasmus-Programm am Polytechnischen Institut von Helsinki Stadia. Von dort ging es direkt weiter an die Universität der Künste nach Berlin, wo Martínez 2009 am Jazz-Institut ihren „Master of Music“ mit Auszeichnung abschloss.

Seitdem lebt sie an der Spree, komponiert sehr viel Filmmusik, schreibt für Bigbands und tritt regelmäßig mit namhaften Kollegen wie Alexander von Schlippenbach, Sebastian Schunke, Kalle Kalima oder Carlos Bica auf. Mit dem auch in Darmstadt bestens bekannten Pianisten Agustí Fernandez bildet sie seit einigen Jahren ein kongeniales Duo und veröffentlichte zuletzt die gemeinsame CD “Desalambrado”. Sie hat die Bühne mit vielen Musikern aus den Bereichen Jazz, Folk, traditionelle Musik, klassische Musik geteilt, u.a. mit Maria João, Perico Sambeat, Jason Lindner, Allan Ferber, dem Orquestra de Jazz de Matosinhos – Portugal, Laszlo Süle, Uxía Senlle, Mercedes Peon, Rodrigo Romaní und Xabier Díaz. In ihrer alten Heimat Vigo ist die 35jährige zudem künstlerische Leiterin des Festivals IMAXINASONS.

„Martínez Kompositionen sind anmutige Klanglandschaften. Sie profitieren von der Freiheit des Jazz, und in ihnen klingen Echos galicischer Folklore, Flamenco oder Tango nach. (…) spielerisch und fantasiebegabt erweitert sie mit Hilfe von allerlei Gegenständen und Soundideen das übliche Vokabular des Jazz-Schlagzeugs. Dabei ergeben sich Geschichten und Szenerien, die filmreife Namen tragen wie “Taglilien”, “Frühstück mit Mango” oder “Still, das Licht von Campo Oeste kündigt den Sturm an”.
Katrin Wilke (Deutsche Welle)

Über ihre Vorstellungen zum diesjährigen Kurs schreibt sie folgendes:

“Wir werden viel experimentieren, mit Stücken, mit Texturen, mit Geräuschen und am wichtigsten, mit viel Fantasie und viel Energie. Mir ist es wichtig, dass wir die Musik nicht nur lesen, sondern auch zusammen komponieren, spontan reagieren, miteinander sprechen und vor allem, zusammen Musik machen. Spielerisch üben. Bilder als Inspiration. Zeichnen als Signal… Ob Jazz oder freie Improvisation, werden wir dann sehen!”

Atelierbesuch bei dem Bildhauer und Maler Paco Leiro (Dokumentarfilm von Mario Burbano, Musik von Lucía Martínez)


Uli Partheil

… leitet in diesem Jahr einen eigenen Workshop nur für Jugendliche zwischen 12 und 22 Jahren (weitere Informationen zum Jugendensemble).

Partheil ist einer der aktivsten Protagonisten der Darmstädter Szene, beeinflusst von der Musik Duke Ellingtons, Thelonious Monks, kubanischen Rhythmen und dem Blues. Er ist nicht nur ein versierter Pianist in sämtlichen Stilistiken des Jazz, sondern auch als Komponist tätig. In seinen Kompositionen geht er äußerst kreativ mit den verschiedenen Einflüssen um, die ihn als Musiker prägen.

Uli Partheil studierte an der Mannheimer Musikhochschule unter anderem bei Professor Jörg Reiter Jazzpiano, Komposition und Arrangement. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet er mit Jürgen Wuchner, Matthias Schubert, Janusz Stefanski, Ack van Rooyen, Rudi Mahall, Daniel Guggenheim, Wolfgang Puschnigg, Thomas Siffling, dem Wiener Kronenbräu Orchester, dem Palatina Swing Orchestra und vielen anderen zusammen.

Mit seinem Working Trio “Playtime” ist er in den letzten Jahren mit verschiedenen Literatur- & Jazz-Projekten erfolgreich. Partheil unterrichtet an der Jazz & Pop School Darmstadt. Für seine musikalischen Verdienste und sein Wirken für die Förderung des jazzmusikalischen Nachwuchses erhielt er 2008 den Darmstädter Musikpreis.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Es werden Stücke aus den unterschiedlichsten Stilistiken des Jazz und vom Jazz beeinflusster Musik erarbeitet. Die Improvisation und das spontane Reagieren werden dabei immer eine wichtige Rolle spielen. Wichtig auch: Es muss nicht jede/r Teilnehmer/in improvisieren! Die Arrangements sind zum Teil vorbereitet und werden dann auf die Gruppe “zugeschneidert”. Für jeden wird eine passende Rolle gefunden. Wer lieber nur nach Noten spielt, kann das auch tun.

Und: Wir werden richtig arbeiten! 2,5 Stunden jeden Tag volle Konzentration auf die Musik und dabei alles geben! Das Wichtigste bleibt aber immer: Der Spaß am Musikmachen! Sich mit offenen Ohren dem Abenteuer aus Rhythmus, Groove, Spannung und Auflösung voll hinzugeben!

Interviewportät von Uli Partheil von Rainer Lind


Johannes Schmitz

… ist genau das, was Amerikaner gerne als “versatile” bezeichnen, ein vielschichtiger Künstler, dem brachialen Sound ebenso zugeneigt wie den zarten Klängen seiner Gitarre. Die Arbeit mit Effekten, Loops und Verzerrern erweitern dieses Spektrum noch um ein Vielfaches. Nicht nur im Saarland ist Schmitz, Jahrgang 1987, in sehr unterschiedlichen Ensembles aktiv – von solo bis Bigband und von Punkrock bis Mainstream Jazz. Seine Tonträger veröffentlichte er bei so verschiedenen Plattenfirmen wie dem renommierten Kölner Label JazzHausMusik oder dem inzwischen eingestellten Saarländischen Free Jazz-Label gligg records.

Insbesondere mit der Formation Krassport erhielt Johannes Schmitz große internationale Anerkennung. Ihre CD “under-stand-art” wurde für den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik nominiert. Das Trio um den Pianisten Manuel Krass und Schmitz an der Gitarre gewann verschiedene Preise (Grand Prix und Publikumspreis auf dem Tremplin Jazz Festival Avignon, 3. Platz beim Biberacher Jazzpreis, Förderpreis des Internationalen Jazzfestivals St. Ingbert). 2013 wurde Johannes Schmitz zudem beim HFM-Jazzpreis der Hochschule für Musik Saarbrücken als bester Solist ausgezeichnet.

Neben der Band Uhl (u.a. mit Martial Frenzel, Lukas Reidenbach und gelegentlich Wollie Kaiser) wirkt Johannes u.a. in den Ensembles Botanic Mob (mit Jörg Fischer, Daniel Schmitz) und zahlreichen Projekten des Posaunisten Christof Thewes mit.

“Among the countless piano trios in this world, there are only few bands, who really let on about enjoying experiments with this seemingly antediluvian formation. The musicians of ‘Krassport’ obviously enjoy experimenting a lot, and that’s of course due to their musical course of action also.” (New York Cadence Magazine)

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Mein Schwerpunkt beim diesjährigen Workshop liegt bei Kompositionen des Jazzmusikers Ornette Coleman (1930-2015). Die originellen und Ohrwurmtauglichen Stücke Colemans wurden von seinen Ensembles stets mit einem hohen Maß an improvisatorischer Freiheit interpretiert. In meinem Workshop soll neben der Einstudierung der Themenmelodien und dem Zuschnitt der Stücke auf unsere Ensemblezusammensetzung auch eine spielerische Auseinandersetzung mit Improvisation im Verhältnis zwischen rhythmischen, zeitlichen, melodischen bzw. harmonischen  Vorgaben und totaler Freiheit erfolgen.” 

Promo-Video of Johannes Schmitz & Uhl on Youtube


Matthias Schubert

… ist ein Intensitätswunder und eigentlich genauso Tänzer wie Musiker. Die Körperlichkeit seiner Spiels ist fesselnd und befreiend zugleich. Der Saxophonist reist mit seinem raumgreifenden Spiel durch eine Welt bizarrer Stilzitate und surrealistischer Erinnerungen, angereichert mit souveräner Technik und hingebungsvoller Sinnlichkeit des Tons.

“Jedem Ton, den er spielt, gibt er so viel eigenen Schwung mit, dass er sich wuchtig und zielgerichtet wie eine Kugel auf der Kegelbahn bewegt”, schrieb ein Kritiker. Denn Schubert spielt fast niemals die rasend schnellen Tonfolgen, mit denen sein Instrument seit der Bebop-Ära identifiziert wird, aber das, was er spielt, ist voller Eindeutigkeit, Nachdruck und Konsequenz. Selten beendet er eine Phrase so, wie er sie angefangen hat, aber alle Töne treffen, und seiner Phrasierung kann sich keiner entziehen.

1960 in Kassel geboren, studierte Schubert zunächst bei Herb Geller und Walter Norris in Hamburg und zuvor kurz bei Andy Scherrer an der Jazzschool in Bern. Er spielte in Klaus Königs Bigband Pinguin Liquid, mit Gunter Hampel, Albert Mangelsdorff und Barry Altschul. Erst 1992 gründete er das erfolgreiche Matthias Schubert Quartett zunächst mit Pianist Simon Nabatov, Schlagzeuger Tom Rainey und Bassist Lindsey Homer, später dann mit Rainey, Carl Ludwig Hübsch, Tuba und Claudio Puntin an der Klarinette.

Dass Schubert sich lange Zeit in der Free-Sparte tummelte, lässt sich nicht überhören. Die Verbindung fest umrissener Formteile mit Free-Einschüben gelingt ihm dabei erstaunlich gut. Komplexe Strukturen und das Solieren “aus dem Bauch heraus” wirken bei Schubert nicht widersprüchlich.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Ich beschäftige mich musikalisch mit dem Spannungsfeld zwischen freier Improvisation, gestischer Darstellung, Komposition und natürlich auch Jazzmusik.

Bei den Jazz Conceptions würde ich anhand von Stücken oder Vorgaben Improvisationskonzepte zum freien Improvisieren, Konzepte zum Improvisieren über harmonische und metrische Vorgaben und Konzepte über Spielweisen im Bereich von musikalisch/theatralisch Darstellung, mit den Teilnehmern erarbeiten.”

Auftritt Matthias Schubert mit Hamid Drake beim 19. Kanjiža Jazz Festival 2013


Henning Sieverts

… ist gleichermaßen unscheinbar wie omnipräsent in der deutschen Jazzszene. Musikalisch von allen Kolleginnen und Kollegen über die Maßen geschätzt, ja verehrt aufgrund seines einfühlsamen Spiels, aber selbst den eingefleischtesten Jazzfans als Name viel zu wenig vertraut (es sei denn als Radiohörer in Bayern, wo Sieverts auch Redakteur von Jazzsendungen im Bayrischen Rundfunk ist). Sieverts leitet bei den 27. Darmstädter Jazz Conceptions das Großensemble.

Der Kontrabassist und Cellist, geboren in Berlin, besuchte dort zwar das Konservatorium, wo er klassisches Klavier und Cello lernte, als Kontrabassist, zumal als Jazzmusiker, gehört er zu der eher seltenen Spezies der Autodidakten auf der deutschen Jazzszene. Sieverts lernte nämlich etwas “Anständiges” und studierte in München Journalistik.

Der für seine Kompositionen und sein Spiel vielfach Ausgezeichnete (Musikförderpreis der Landeshauptstadt München, Förderpreis des Landes Bayern, Solistenpreis Neuer Deutscher Jazzpreis Mannheim, ECHO Jazz “Bassist national”) ist inzwischen auf über 120 Produktionen zu hören. Sieverts  veröffentlichte außerdem seit 1995 16 CDs unter eigenem Namen, bereiste mit seiner Musik Länder, deren Namen nur den wenigsten Mitteleuropäern geläufig sein dürften, und unterrichtet nebenher seit 2011 Kontrabass an der Musikhochschule München. Nicht nur für seine Musik gilt also: Sieverts ist ein Großmeister in der Kunst, Komplexes in jedem Moment leicht und berührend rüberzubringen.

In Darmstadt hat er zuletzt 2015 Spuren als Kurator der Round Midnight-Reihe in der Ev. Stadtkirche hinterlassen, wo er auch selbst mit Musikern wie Verneri Pohjola, Francois Thuillier, Peter O’Mara, Johannes Bauer, Ronny Graupe und Florian Weber auftrat. Allein dieses Line-up macht deutlich, was die Zeitschrift Jazzthetik über ihn schrieb: “Eines haben Sieverts’ Projekte, so unterschiedlich sie auch sein mögen, gemeinsam: Auf dem Papier erscheinen sie stets intellektuell und leicht verkopft, auf der heimischen Stereoanlage und den Konzertbühnen erweisen sie sich als Herausforderungen, die großen Spaß machen.” (Jazzthetik)

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Wir werden spielerisch und sicher mit viel Spaß ganz unterschiedliche Formate der Improvisation ausprobieren – einige Stichworte dazu: Kollektiv-Individuum, Hell-Dunkel, Laut-Leise, Scharf-Unscharf, Stille-Post, Koffer-Packen, Orgelpfeifen-Hierarchien, Minimal Music, modale Flächen, Pentatonik, Symmetrie, undundund. Lasst Euch überraschen! Einzige Vorbedingung: Neugier auf Euch selbst und die Anderen!”

Henning Sieverts’ Bach’s Blüten. Aufführung mit dem EOS Kammerorchester im Stadtgarten Köln


Jürgen Wuchner

Juergen_Wuchner_Wilfried_Heckmann01… ist der eigentliche Initiator der Jazz Conceptions. Wuchner spielte u.a. mit Hans Koller, Heinz Sauer und dem Vienna Art Orchestra und tritt im Rhein-Main-Gebiet vor allem mit seinen eigenen Bands in Erscheinung, mit denen er sich immer wieder neuen Projekten widmet. Er besitzt einen erdigen, ungemein warmen und persönlichen Basston, viele seiner Kompositionen kann zumindest die Darmstädter Jazzgemeinde mitpfeifen.

In Darmstadt ist er außerdem als langjähriger Leiter eines regelmäßigen kleineren Jazz-Workshops bekannt. Für seine Arbeit als Musiker und Pädagoge wurde Wuchner 1996 mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet. Wuchner unterrichtete bis 2013 an der Darmstädter Akademie für Tonkunst und leitet zusammen mit Uli Partheil die Jazz & Pop School. 2012 erhielt Wuchner den Darmstädter Musikpreis.

Interviewporträt von Jürgen Wuchner von Rainer Lind

Jazz @ 100

Konferenz, 28. bis 30. September 2017
K
onzerte, Ausstellung (September / Oktober 2017)

Im hundertsten Geburtsjahr des Jazz – die Aufnahmen der Original Dixieland Jass Band aus dem Jahr 1917 werden gern als erste Jazzaufnahmen genannt – wirft das Darmstädter Jazzforum einen Blick auf die Tücken einer Jazzgeschichtsschreibung, in der Legenden oft den Blick auf das verstellen, worauf es in dieser Musik noch viel mehr ankommt: auf die Multiperspektivität einer Musik, die nicht nur von den großen Meistern, auf jeden Fall aber von vielen Individualisten geprägt wird.

Das 15. Darmstädter Jazzforum will die Jazzgeschichte dabei nicht neu schreiben. In der internationalen  Konferenz, in Konzerten und einer Ausstellung hoffen wir allerdings auf eine lebendige Diskussion darüber, wie unser Verständnis von dieser Musik, ihrer Geschichte und ihrer Ästhetik geprägt wurde. Wir verstehen den Jazz als eine Musik mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte, und wir wissen, dass diese weit komplexer ist, als die Geschichtsbücher uns das meistens wahrmachen wollen. Unser Ziel ist es, ein wenig von dieser Komplexität zu entwirren, wohl wissend, dass wir damit höchstens an der Oberfläche kratzen werden.

Konferenzprogramm/Kurze Zusammenfassung
“Jazz @ 100. (K)eine Heldengeschichte”

Am Donnerstag werden wir uns mit der Wahrnehmung von Jazzgeschichte, ihren Heroen und den Orten, an denen sie stattfinden, nähern. Der Fotograf und Journalist Arne Reimer besuchte für seine beiden Bücher „American Jazz Heroes“ Musiker zuhause, erhielt dabei einen Einblick in ihr privates Lebensumfeld, und reflektiert über den Unterschied zwischen Lebenswirklichkeit, medialer Selbst- und Fremdwahrnehmung. Nicolas Gebhardt nimmt Jelly Roll Mortons 1938 aufgenommene Erinnerungen zum Anlass, darüber zu reflektieren, wie wichtig das Wissen um Lebens- und Arbeitsbedingungen von Musiker/innen ist, um ihre historiographische Einordnung zu verstehen, nämlich die Beziehung zwischen Narrativ, Erinnerung und kultureller Einbildungskraft. Katherine  M. Leo beendet den ersten Konferenztag mit einem Blick auf die Original Dixieland Jazz Band, deren Aufnahme des „Livery Stable Blues“ und des „Dixieland Jass Band One-Step“ vom 26. Februar 1917 oft als erste Aufnahme der Jazzgeschichte bezeichnet wird, nähert sich dabei mithilfe von Gerichtsakten und mit einem kritischen Blick auf die Rezeption der Platte den unterschiedlichen Narrativen, die sie auslöste.

Am Freitag beschäftigen sich sechs Referate mit vergangenen, sich wandelnden, sehr persönlichen Perspektiven auf den Jazz und seine Geschichte. Klaus Frieler berichtet vom Versuch Jazzgeschichte einmal nicht als Mischung biographischer, soziologischer und kultureller Kontextualisierungen sowie musikalischer Charakterisierungen zu erzählen, sondern anhand der computer-gestützten Analyse von Solo-Improvisationen. Andrew Hurley untersucht die verschiedenen Ausgaben von Joachim Ernst Berendts „Jazzbuch“  auf die veränderten Perspektiven des Autors und erklärt an diesem Beispiel unterschiedliche Formen der Narrativbildung. Tony Whyton fragt nach der Bedeutung lokaler und oft sehr persönlicher Erinnerungen von Musikern oder Veranstaltern für den Diskurs etwa über Jazz als transnationale Praxis. Mario Dunkel sieht in Darcy James Argue’s Secret Society den spannenden Versuch, sich eine alternative Jazzgeschichte vorzustellen und dabei auch auf nicht realisierte Möglichkeiten der Musik aufmerksam zu machen. Der Pianist und Komponist Orrin Evans spricht über den Jazz als eine aktuelle, relevante Kunst, und über die (afro-)amerikanische Identität der Musik auch im immer komplexer werdenden globalen Kontext.  Krin Gabbard sieht sich den Hollywoodfilm „Syncopation“ aus dem Jahr 1942 an, fragt, wie Ansätze der „new jazz studies“ dabei helfen können, die der Kunst (und dem Film) zugrundeliegenden Vorstellungen von Hautfarbe, sozialer und wirtschaftlicher Machtverhältnisse zu analysieren.

Am Samstag geht es vor allem um das Entstehen von Narrativen, den Einfluss von Musikern und anderen Akteuren der Musikindustrie an ihrer eigenen Geschichtseinordnung sowie der (Nach-) Wirkung solcher Narrative bei den Rezipienten. Wolfram Knauer betrachtet die Orte, an denen Jazz gespielt wird und untersucht die Auswirkungen mehr oder weniger ikonischer Spielorte auf Musik, Musiker, die Jazzszene sowie die Wahrnehmung von Jazzgeschichte. Oleg Pronitschew diskutiert die zunehmende Institutionalisierung der deutschen Jazzszene in den letzten 40 Jahren anhand ausgewählter Beispiele und fragt nach deren Auswirkung auf das öffentliche Bild des Jazz. Rüdiger Ritter untersucht die Begeisterung für die „Giganten des Jazz“ in Osteuropa und diskutiert, warum Mythen im Jazz zugleich produktive Elemente und ein künstlerisches Gefängnis sein können. Mit einem Blick auf den Einfluss der Gullah- und Geechie-Kultur in der Küstenregion von South Carolina beschreibt Karen Chandler, dass die Darstellung einer Jazzentwicklung entlang klarer geografischer Zentren die komplexe Entstehungsgeschichte des Jazz als einer musikalischen genauso wie sozialen Praxis verfälscht. Scott DeVeaux hinterfragt die Anfänge des Bebop, der die Grundlage für den modernen Jazz legte, und fragt, inwieweit die Entscheidungen, die Musiker in den 1940er Jahren machten, bis heute die Ästhetik des zeitgenössischen Jazz beeinflussen. Schließlich beendet Nicolas Pillai das 15. Darmstädter Jazzforum mit einem Referat über das „dissonante Bild“, das sich in der medialen Repräsentation von Miles Davis findet und fragt, auf welche Art und Weise der späte Miles Einfluss weit über seine Musik hinaus hatte.

 


Konferenzprogramm/Referenten und Zeitplan
Jazz @ 100. (K)eine Heldengeschichte”

Donnerstag, 27. September 2017

14:00 Uhr
Eröffnung

14:30 Uhr
Arne Reimer, Deutschland
My Encounters with “American Jazz Heroes”

Arne Reimer hat für sein zwei Buchprojekte “American Jazz Heroes” ältere US-amerikanische Jazzmusiker zuhause besucht, und zwar sowohl Künstler mit auch finanziell erfolgreichen Karrieren als auch solche, die heute eher in prekären Verhältnissen leben. Beim Darmstädter Jazzforum fragt er danach, wie letztere mit der mangelnden Anerkennung umgehen, mit der Tatsache, dass die kreative und erfolgreiche Phase ihrer Karriere lange zurückliegt. Zugleich thematisiert er seinen eigenen Ansatz als Fotograf und Journalist, dessen Fokus auf diese Musiker sie ja auf eine Weise selbst zurück in den Mittelpunkt rückt und damit ein neues Narrativ von Jazzgeschichte schafft.

Arne Reimer studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) und in den USA mit einem Fulbright Stipendium am Massachusetts College of Art in Boston, MA. Als künstlerischer Mitarbeiter im Fachbereich Fotografie hat er sechs Jahre an der HGB Leipzig unterrichtet. Seine beiden Bücher “American Jazz Heroes”, veröffentlicht 2013 und 2016, erhielten zahlreiche Preise, darunter zuletzt 2017 einen Echo Jazz Sonderpreis. Reimer arbeitet außerdem als Kurator und freiberuflicher Fotograf für Zeitschriften (z.B. Jazz Thing) und Plattenfirmen (z.B. ECM Records).

15:30 Uhr
Nicholas Gebhardt, England
Reality Remade: Historical Narrative and the Cultural Imagination in Alan Lomax’s Mister Jelly Roll

Nicolas Gebhardt geht von einer der ersten autobiographischen Dokumentationen zum Jazz aus, Jelly Roll Mortons oraler Jazzgeschichte, die er 1938 für die Library of Congress aufnahm und fragt dabei nach den verschiedenen Perspektiven, die sich in der Veröffentlichung dieses Materials widerspiegeln: Mortons eigene Sicht auf seine Rolle in der Frühzeit dieser Musik, die er in Wort und Musik manifestiert, Alan Lomaxs Auswahl und Interpretation dessen, was er in sein später veröffentlichtes Buch “Mister Jelly Roll” übernahm, und unsere Haltung als Jazzforscher, wenn wir Musiker, ihre Musik, ihre  Lebens- und Arbeitsbedingungen kontextualisieren, um Jazzgeschichte über ihre bisherige Darstellung hinaus differenzierter beschreiben zu können.

Nicholas Gebhardt ist Professor für Jazz and Popular Music Studies an der Birmingham City University. Seine Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf Jazz and populäre Musik in der amerikanischen Kultur, und zu seinen Publikationen zählen beispielsweise Going For Jazz: Musical Practices and American Ideology (Chicago), The Cultural Politics of Jazz Collectives (Routledge) sowie Vaudeville Melodies: Popular Musicians and Mass Entertainment in American Culture, 1870-1929 (Chicago). Er ist Mitherausgeber der beim Verlag Routledge Press erscheinenden Buchreihe Transnational Studies In Jazz sowie des in Kürze erscheinenden The Routledge Companion to Jazz Studies.

16:30 Uhr
Katherine M. Leo, USA
The ODJB at 100: Revisiting Essential Narratives and Victor 18255

Katherine  M. Leo untersucht die Selbst- und Außendarstellung der Original Dixieland Jazz Band, deren “Livery Stable Blues” und “Dixieland Jass Band One-Step” vom 26. Februar 1917 oft als erste Aufnahmen der Jazzgeschichte bezeichnet werden. Sie findet, dass die Rezeption der Band in der Jazzgeschichtsschreibung meist auf die Aufnahme von 1917 reduziert wird und plädiert für eine weiter gefasste Betrachtung, nicht nur der Musik, sondern auch der Narrative, die der ODJB über die letzten 100 Jahre angeheftet wurden und nutzt dafür neben anderen Quellen auch Gerichtsakten zu zwei Copyright-Prozessen, die just die beiden Seite der ersten Jazzplatte betreffen.

Katherine M. Leo ist seit Herbst diesen Jahres an der Millikin University als Assistant Professor in den Fächern Musikwissenschaft und Musikethnologie. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich amerikanische Rechts- und Musikgeschichte, mit besonderem Fokus auf die populäre Musik des frühen 20sten Jahrhunderts. Leo hat sowohl einen philosophischen wie einen juristischen Abschluss von der Ohio State University, wobei sich ihre Dissertation mit der Geschichte musikalischer Gutachten in Urheberrechtsstreitigkeiten vor amerikanischen Gerichten auseinandersetzte, während ihre Masterarbeit Fragen zur Urheberschaft in Bezug auf die ODJB zum Thema hatte. Leo ist auf wissenschaftlichen Tagungen präsent, zuletzt beispielsweise für die American Musicological Society und die Society for American Music, eine weitere Veröffentlichung im Journal of Music History Pedagogy ist in Arbeit.

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Freitag, 29. September 2017

9:30 Uhr
Klaus Frieler, Deutschland
A Feature History of Jazz Solo Improvisation

Klaus Frieler berichtet vom Versuch Jazzgeschichte einmal nicht als Mischung biographischer, soziologischer und kultureller Kontextualisierungen sowie musikalischer Charakterisierungen zu erzählen, sondern anhand der computer-gestützten Analyse von Solo-Improvisationen. Er nutzt dafür das Jazzomat Programm der Weimar Jazz Database, mithilfe dessen sich Soli nach unterschiedlichen Charakteristika, etwa melodischen Formeln,  der harmonischen Dichte, der rhythmischen Komplexität und anderen Parametern untersuchen lassen. Frieler fragt dabei, inwieweit solche scheinbar objektiven Funde helfen können, den kreativen Prozess zu beschreiben und diskutiert mögliche zukünftige Erweiterungen des Projekts.

Klaus Frieler hat an der Universität sowohl ein Diplom in theoretischer Physik (1997) wie auch eine Promotion in systematischer Musikwissenschaft gemacht. Er arbeitete mehrere Jahre als freiberuflicher Software-Entwickler und unterrichtete ab 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Musikwissenschaft in Hamburg sowie für kurze Zeit am Centre for Digital Music der Queen Mary University of London. Seit Herbst 2012 arbeitet er am Jazzomat Research Project der Hochschule für Musik “Franz Liszt” in Weimar und ist seit 2017 am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik tätig. Frieler forscht und lebt an der Schnittstelle von Musikpsychologie und Musikinformatik. Große und kleine Datensätze sind sein täglich Brot, in der Hoffnung, darin verborgenen Mustern auf die Spur zu kommen, die Aufschlüsse darüber geben können, was Musik ist, warum Musik ist und wie Musik ist. Seit 2006 ist er außerdem als freischaffender Musikgutachter tätig. Siehe http://www.mu-on.org für weitere Informationen.

10:30 Uhr

Andrew Hurley, Australia
In and Out: Processes of Inclusion and Exclusion in Joachim-Ernst Berendt’s Jazzbuch/Jazzbook, 1953-2011

Für deutsche Jazzfans lieferten die Bücher von Joachim Ernst Berendt lange den wichtigsten Orientierungspunkt. Andrew Hurley untersucht die verschiedenen Ausgaben seines “Jazzbuchs” von 1953 bis in die Gegenwart auf die veränderten Perspektiven des bzw. der Autoren, auf die daraus ablesbaren sich wandelnden Konzepte einer Jazzgeschichtsschreibung, sowie auf die darin berücksichtigten Narrative und jene, die ausgespart wurden. Dabei entdeckt er am konkreten Beispiel, wie Narrativbildung funktioniert, wie der Diskurs durch bewusste Gegenmodelle forciert wird und wie sich in diesem Streit der Narrative die Wahrnehmung von scheinbarer Wirklichkeit wandelt.

Andrew W. Hurley ist Associate Professor an der Faculty of Arts and Social Sciences der Technischen Universität in Sydney, Australien, wo er im International Studies-Programm arbeitet. Er ist Autor zweier Monographien: The Return of Jazz: Joachim-Ernst Berendt and West German Cultural Change (Berghahn, 2011) and Into The Groove:  Popular Music and Contemporary German Fiction (Boydell & Brewer, 2015)

11:30 Uhr
Tony Whyton, England
Wilkie’s story: hidden musicians, cosmopolitan connections, and dominant jazz histories

Tony Whyton entdeckt in einer Kiste Erinnerungsstücke seines angeheirateten Großonkels, die dessen Verbindungen zur Jazzszene Großbritanniens seit den Mitt-1920er Jahren dokumentieren. Anhand dieses Beispiels fragt Whyton nach der Bedeutung lokaler, oft versteckter und sehr persönlicher Erinnerungen an und Sichtweisen auf den Jazz für einen größeren, solche Details oft außer Acht lassenden Diskurs über Jazz und seine Geschichte und insbesondere für die Erforschung etwa von Jazz als einer transnationalen Praxis.

Tony Whyton ist Professor of Jazz Studies am Birmingham City College. Seine Publikationen Jazz Icons: Heroes, Myths and the Jazz Tradition (Cambridge University Press, 2010) und Beyond A Love Supreme: John Coltrane and the Legacy of an Album (Oxford University Press, 2013) versuchen interdisziplinäre Fragestellungen und Lösungswege zu beschreiten. Als Herausgeber war Whyton für die Jazzausgabe der Ashgate Library, Essays on Popular Music (2011), verantwortlich, als Mitherausgeber betreut er das Jazz Research Journal (Equinox). 2014 begründete er zusammen mit seinem BCU-Kollegen Nicholas Gebhardt eine neue Reihe des Verlags Routledge Press, Transnational Studies in Jazz, ist außerdem Herausgeber von The Cultural Politics of Jazz Collectives: This Is Our Music (Routledge, 2015), einer Sammlung von Aufsätzen, die sich auf Musikerkollektive fokussiert und fragt, inwieweit diese als Modell für ein Umdenken der Jazz-Praxis im Nachkriegsjazz dienen können. Von 2010-2013 war Whyton Projektleiter des durch HERA geförderten Projekts Rhythm Changes: Jazz Cultures and European Identities (http://www.rhythmchanges.net), in dem dreizehn Forscher/innen an sieben Universitäten in fünf Ländern zusammenarbeiteten.

14:30 Uhr

Mario Dunkel, Germany
Darcy James Argue’s Uchronic Jazz

Mario Dunkel stellt das aktuelle Projekt des Komponisten und Bandleaders Darcy James Argue als den Versuch dar, eine alternative Jazzgeschichte zu recherchieren, etwa, indem er sich überlegt, wie Bigbandmusik wohl klingen möge, wenn sie populär geblieben wäre und Stilelemente vieler ihr folgender populärer Genres von Rock über Grunge bis HipHop aufgenommen hätte. Die Frage “Was wäre wenn?” hilft dabei, so Dunkel, die eigene Perspektive zu erweitern, und zwar sowohl in Bezug auf tatsächliche Jazzgeschichte wie auch auf vielleicht nicht realisierte Möglichkeiten.

Mario Dunkel ist Juniorprofessor für Musikpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Seine Forschungsinteressen umfassen transkulturelle Musikvermittlung, Jazzgeschichte und die Praxis der Musikdiplomatie.

15:30 Uhr
Orrin Evans, USA
A Talk with Orrin Evans

Orrin Evans ist Pianist, Komponist und, obwohl in Philadelphia lebend, ein in der New Yorker Szene der Gegenwart tief verankerter Musiker. Mit ihm werden wir uns über die eigene Sicht auf den Jazz als eine relevante Kunst unterhalten, über die nach wie vor künstlerische Identität schaffenden Momente von Improvisation in der Tradition des Jazz, sowie über den Wandel dieser Musik von einer (afro-)amerikanischen Musik hin zu einer Kunstform, die komplexe und zum Teil weit voneinander entfernte Spielformen ausgebildet hat, welche es schon mal schwer machen, das alles unter einem Begriff zu subsumieren.

Seit 1995 hat der Pianist und Komponist Orrin Evans mehr als 25 Alben als Bandleader aufgenommen und auf unzähligen weiteren mitgewirkt. Er ist tief in der reichen Jazzszene von Philadelphia verwurzelt, wo er bis heute lebt, obwohl er wöchentlich in new York (und anderswo) spielt. Evans tritt mit seinem trio, seiner Band Tarbaby oder mit der Captain Black Big Band auf. Ab Frühjahr 2018 wird er Ethan Iverson m Trio The Bad Plus ersetzen. Orrin Evans wird am Samstagabend beim 15. Darmstädter Jazzforum ein Solokonzert geben.

16:30 Uhr
Krin Gabbard, USA
Syncopated Women

Krin Gabbard greift in seinem Beitrag das Thema unseres letzten Jazzforums auf und fragt, ausgehend von William Dieterles Film “Syncopation” von 1942, welche Rolle bestimmte Darstellungsweisen von Jazz und Jazzgeschichte innerhalb herrschender Gesellschaftsvorstellungen haben mögen. Wie kein anderer Film aus den 1940er Jahren benennt “Syncopation” die Sklaverei als wesentliche historische Komponente für die Entwicklung des Jazz. Zugleich wird im Film deutlich auf die Unterschiede zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg schwarzer und weißer Bands hingewiesen. Und schließlich ist im Film eine ungewöhnlich ambivalente Haltung zur Rolle von Frauen an der Entwicklung der Musik festzustellen. Anhand dieses konkreten Beispiels plädiert Gabbard dafür, dass die “new jazz studies” eine facettenreichere Vorstellung von Jazzgeschichte ermöglichen und erklären helfen können, wie die hier angesprochenen Traditionen im Verständnis der Zeit zu verorten sind.

Krin Gabbard ist Professor of Jazz Studies sowie Direktor von J-Disc, einem diskographischen Forschungsprojekt an der Columbia University. Zu seinen Büchern gehören Jammin’ at the Margins: Jazz and the American Cinema (University of Chicago Press, 1996), Black Magic: White Hollywood and African American Culture (Rutgers University Press, 2004) und Better Git It in Your Soul: An Interpretive Biography of Charles Mingus (University of California Press, 2016). Er ist außerdem der Herausgeber von Jazz Among the Discourses (Duke University Press, 1995).

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Samstag, 30. September 2017

9:30 Uhr

Wolfram Knauer, Deutschland
Four Sides of a House. How jazz spaces irritate, fascinate, stimulate creativity or become icons

Wolfram Knauer nähert sich der Idee eines idealen Raums für Jazz aus unterschiedlichen Sichtweisen. Säle mit großartiger Akustik, Clubs mit einer eigenen (oft jazzhistorischen) Aura, die Möglichkeit des “Alles-Hören-Könnens” oder die intime Situation, in der Musiker und Publikum einander besonders nah sind: An unterschiedlichen Beispielen kontrastiert er verschiedene Vorstellungen dessen, was ein idealer Jazzort sein könnte oder sollte, thematisiert die Einbindung solcher Orte in lokale oder weiter vernetzte Szenen und diskutiert, wie der Wandel der Präsentations- und Rezeptionsformate als Chance genauso wie als Bedrohung existierender Szenen gesehen werden kann, weil er zum einen tatsächlich großen Einfluss darauf hat, wie das Publikum die Musik wahrnimmt, und weil zum zweiten neue Orte auch die Präsentationserwartung von Jazz verändern.

Wolfram Knauer leitet seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt. Er ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung (bislang 14 Bände, Wolke 1990-2016) und hat diverse Bücher veröffentlicht, zuletzt Monographien über Louis Armstrong (Reclam 2010) und Charlie Parker (Reclam 2014). Eine weitere Monographie über Duke Ellington erscheint 2017 (Reclam). Er hat an verschiedenen deutschen Hochschulen unterrichtet und lehrte im Frühjahr 2008 als erster nicht-amerikanischer Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an der Columbia University in New York.

10:30 Uhr
Oleg Pronitschew, Germany
A New Place for Jazz. Insights Into the Historic Institutionalization of German Jazz Music.

Oleg Pronitschew betrachtet die zunehmende Institutionalisierung der deutschen Jazzszene in den letzten 40 Jahren und fragt nach deren Auswirkung auf das öffentliche Bild des Jazz. Dabei beschreibt er den Wandel des Selbstverständnisses von Jazz als Kunstmusik und die damit einhergehenden veränderten ästhetischen, gesellschaftlichen wie kommerziellen Erwartungen an die Musik.

Oleg Pronitschew studierte europäische Ethnologie, Politische Wissenschaft und Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Zurzeit beendet er seine Promotion über die gesellschaftliche Imagination von Popularmusiker/innen im Bereich Jazz und Rock. Pronitschew ist Promotionsstipendiat des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks e. V. in Berlin.

11:30 Uhr
Rüdiger Ritter, Germany
Myths in jazz – artistic prison or productive element? Examples from East and East Central Europe

Die Geschichte des Jazz in Polen und anderen osteuropäischen Ländern wird oft als eine Abfolge von “Giganten des Jazz” erzählt, die sich mit ihren US-amerikanischen Vorbildern vergleichen ließen. In diesem Sinne war das höchste Lob für einen polnischen Musiker, als der “polnische Charlie Parker” bezeichnet zu werden. Rüdiger Ritter fragt, wie solch ein Verständnis von Jazzmusikern als nationale Helden die Position des Jazz als konstitutives Element polnischer Nationalkultur beeinflusste. Er diskutiert auch eine andere Art der Verwendung von Jazz-“Mythen” in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, wo Musiker den Jazz als eine Möglichkeit ansahen, ihre eigenen ästhetischen Ideen zu realisieren, ohne sich dabei auf spezifische Vorbilder zu beziehen. Das polnische Beispiel zeigt, dass das Festhalten am Mythos der “Giganten” nicht unbedingt ein ästhetisches Gefängnis sein muss, sondern durchaus zu kreativen Wegen des Musikmachens führen kann – und die Beispiele aus der Sowjetunion und aus der Tschechoslowakei zeigen, wie die Distanzierung von mythischen Jazz-Narrativen ein Maximum ästhetischer Möglichkeiten öffnet, wenn diese auch mit der Gefahr einhergehen, dass der Jazzgehalt der resultierenden Musik in Frage gestellt wird. Mythen im Jazz scheinen also sowohl produktive Elemente wie auch ein künstlerisches Gefängnis sein zu können.

Rüdiger Ritter ist Osteuropahistoriker und hat extensiv über die Jazzszene in den ehemaligen Ostblockstaaten publiziert. Er lehrt an der Universität Bremen, ist zugleich stellvertretender Leiter des Museums der 50er Jahre Bremerhaven. Ritter war Koordinator des Forschungsprojekts “Jazz im ‘Ostblock’ – Widerständigkeit durch Kulturtransfer”, und hat seine Habilitationsschrift über Willis Conover und die Auswirkungen seiner Jazzsendungen auf der Voice of America verfasst.

14:30 Uhr
Karen Chandler, USA
Bin Yah (Been Here). Africanisms and Jazz Influences in Gullah Culture

Musik, wie andere kulturelle Äußerungen auch, lebt in und von regionaler Verankerung in den Communities, in denen sie entsteht. Karen Chandler beschreibt die Afrikanismen, die sich in der Kultur der Gullahs und Geechees in der Küstenregion von South Carolina erhalten haben und die die Musik in Charleston maßgeblich beeinflussten. Die übliche Darstellung einer Jazzentwicklung entlang klarer geografischer Zentren (New Orleans, Chicago, New York, Kansas City, Los Angeles etc.) vergisst leicht die Komplexität einer Musik, die eben nicht einfach mal vor einhundert Jahren in New Orleans “erfunden” wurde, sondern die an vielen Orten, unter den unterschiedlichsten Bedingungen und von Menschen verschiedenster Herkunft ausgehandelt wurde.

Karen Chandler ist Direktorin des Studiengangs Arts Management am College of Charleston. Sie ist Mitgründerin der Charleston Jazz Initiative (CJI), eines mehrjährigen Forschungsprojekts zur Jazzgeschichte in Charleston und South Carolina. Zwischen 2001 und 2004 war sie außerdem Direktorin des Avery Research Center for African American History and Culture am College of Charleston.

15:30 Uhr
Scott DeVeaux, USA
An Alternative History of Bebop

Der Bebop hat eine Schlüsselstellung innerhalb der Jazzgeschichte inne. In den 1940er Jahren trafen Musiker Entscheidungen, die den Jazz klar von der populären Kultur trennten und ihn als ein neues und eigenständiges Genre definierten, eine Definition, die bis heute unser Verständnis vom Jazz prägt. Doch diese ästhetischen Zuweisungen, die noch aus der Bebop-Ära stammen, argumentiert Scott DeVeaux, lassen sich durchaus überdenken. Warum muss man Jazz als so klar von Tanz- oder populärer Musik getrennt betrachten? Warum muss das Jazzpublikum Instrumentalsolisten immer isoliert von anderen Genres statt in gemeinschaftlichen Projekten mit anderen Künstlern der Popkultur hören? DeVeaux untermauert seine Argumente mit musikalischen Beispielen aus der Gegenwart.

Scott DeVeaux ist ein bekannter Jazzforscher, dessen Buch The Birth of Bebop: A Social and Musical History (1997) den American Book Award, einen ASCAP–Deems Taylor Award, den Otto Kinkeldey Award der American Musicological Society, und den ARSC Award for Excellence in Historical Sound Research erhalten hat. Seit 1983 unterrichtet DeVeaux Jazzgeschichte an der University of Virginia.

16:30 Uhr
Nicolas Pillai, England
A Star Named Miles: tracking jazz musicians across media

Die Wahrnehmung der Jazzheroen wird durch viele Aspekte beeinflusst, von denen ihre Musik wirklich nur eine ist. Nicolas Pillai untersucht in seinem Beitrag verschiedene mediale Repräsentationen des Trompeters Miles Davis in seinen späteren Jahren, fragt nach dem “dissonanten Bild”, das diese geben, nach den Netzwerken der Musikindustrie, die seine Multi-Media-Persönlichkeit prägten, und letztlich auch danach, wie stark der Trompeter sein eigenes öffentliches Image etwa durch Attitüden, Sprache und Kleidung selbst mit beeinflusste.

Nicolas Pillai ist der Autor von Jazz as Visual Culture: Film, Television and the Dissonant Image (I. B. Tauris, 2017) und der Koautor von New Jazz Conceptions: History, Theory, Practice (Routledge, 2017). Mit Tim Wall und Roger Fagge gibt er eine in Kürze erscheinende Sammlung über Miles Davis heraus. Er hat Artikel über Jazz und Film in der Zeitschrift The Soundtrack sowie in dem Darmstädter Beiträgen zur Jazzforschung, 14, veröffentlicht. Zurzeit arbeitet er an Kapiteln für The Routledge Companion to New Jazz Studies, The Routledge Companion to Popular Music History and Heritage und The Oxford History of Jazz in Europe.

Jazz Conceptions (Kleingedrucktes)

Teilnahmemöglichkeit:

Der Ensembleworkshop richtet sich an Amateure und Fortgeschrittene gleichermaßen. Es können Musikerinnen und Musiker aller Instrumente teilnehmen, auch Vokalist/innen und Streicher/innen sind willkommen. Da pro Dozent/in ein Ensemble gebildet wird, ist bei bestimmten Instrumenten (Piano, Bass, Schlagzeug) die Zahl der Plätze auf jeweils fünf insgesamt beschränkt. Bitte gegebenenfalls vor der Online-Anmeldung kurz telefonisch anfragen (Tel. 06151 / 963700).

Vor der Anmeldung zum Jugendensemble sollten Sie bitte unbedingt Kontakt mit Uli Partheil aufnehmen (uli.partheil@web.de oder Tel. 06151 / 665138).

Kosten:

Ein kompletter Kurs: 220 Euro; ermäßigt (für Nichtverdienende): 170 Euro; die Teilnahme am Jugendensemble kostet 80 Euro.

Die Kursgebühr sollte möglichst rasch nach der schriftlichen Anmeldung auf das Konto der Bessunger Knabenschule überwiesen werden. Erst nach Eingang der Kursgebühr ist die Anmeldung gültig.

Bessunger Knabenschule, IBAN: DE46 5085 0150 0008 0006 54 (Stadt- und Kreissparkasse Darmstadt, BIC: HELADEF1DAS); Verwendungszweck: “Name, Vormname” und “Jazz Conceptions 2018”

Anmeldung:

Bitte bearbeiten Sie den Online-Anmeldebogen vollständig und senden Sie das Formular am Ende ab. Sie werden dazu auf die Seite des Anbieters Jotform weitergeleitet. Das Formular kann hier geöffnet werden [-> Online-Ameldung]. Nach der Anmeldung erhalten Sie eine automatische Bestätigung der erfolgreichen Anmeldung per E-mail mit ihren Angaben.

Bei Fragen melden Sie sich per Mail (jazz@jazzinstitut.de) oder telefonisch (übers Jazzinstitut, 06151 963700, oder  über die Bessunger Knabenschule, 06151 61650 ).

Wir bitten um Verständnis, dass es passieren kann, dass einige Instrumentengruppen frühzeitig ausgebucht sind. Wir werden uns dann umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen und Sie, falls gewünscht auf eine Warteliste setzen. Wir versuchen hier zeitnah zu informieren, falls bestimmte Instrumente bereits überbucht sind (siehe “Teilnahmemöglichkeit”).

Die Anmeldung ist grundsätzlich erst dann vollständig gültig, wenn der Teilnehmerbeitrag überwiesen wurde (siehe “Kosten” und “Das Kleingedruckte”).

Unterbringung:

Wir helfen gerne, die auswärtigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer privat in der Nähe der Bessunger Knabenschule unterzubringen. Ihren Wunsch auf private Unterkunft können Sie auf dem Anmeldebogen vermerken. Sollten Sie sich selbst nach einer Unterkunft umschauen wollen, so gibt es in der Nähe des Veranstaltungsortes etwa das Hotel Garni Regina, in dem ein Einzelzimmer momentan ab 60 Euro kostet. Auch die Jugendherberge am Woog eignet sich als Unterkunftsmöglichkeit.

Wochenplan:

JazzConceptions_2018_Ablaufplan

Essen und Trinken:

Während des Kurses bietet eine eigens eingerichtete Cafeteria in der Bessunger Knabenschule preiswert Speisen und Getränke an. Hier gibt es Frühstück und täglich ein warmes Mittagessen. Die Mahlzeiten und die Getränke müssen von den Teilnehmer/innen extra bezahlt werden.

Das Kleinstgedruckte:

Sollte der Kurs von Veranstalterseite abgesagt werden, erhalten die Teilnehmer/innen die volle Kursgebühr zurück. Bei Absagen von Teilnehmerseite später als 2 Wochen vor Kursbeginn wird eine Rücktrittsgebühr von 20% einbehalten. Für Beschädigungen oder Diebstahl von mitgebrachten Instrumenten übernimmt der Veranstalter keine Haftung.

Was passiert noch bis zum Kursbeginn?

Etwa vier Wochen vor Beginn des Workshops gibt es ein Rundschreiben für alle angemeldeten Teilnehmer/innen. Darin finden sich dann weitere Detailinformationen (Wegbeschreibung und aktualisierter Wochenplan). Gerne helfen wir auch bei der Bildung von Fahrgemeinschaften, um nach Darmstadt zu kommen.

Ansprechpartner:

Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, Bernd Breitwieser, Ludwigshöhstraße 42, 64285 Darmstadt, Tel. (06151) 61650, Fax (06151) 661909, e-mail: knabenschule@t-online.de, Internet: www.knabenschule.de

Jazzinstitut Darmstadt, Arndt Weidler, Bessunger Straße 88d, 64285 Darmstadt, Tel. (06151) 963700, Fax (06151) 963744, e-mail: weidler@jazzinstitut.de, Internet: www.jazzinstitut.de

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Sonderworkshop mit Gerd Dudek

Gerd Dudek

… ist einen weiten Weg gegangen. Persönlich und musikalisch. Geboren 1938 im schlesischen Groß Döbbern, nach dem Krieg als Flüchtling zunächst in Berlin aufgewachsen, wo er seine Karriere nach dem Musikstudium Anfang der 1960er Jahre in der SFB-Bigband, die damals sein älterer Bruder Ossi leitete, begann. Über ein dreijähriges Engagement in der damals sehr populären Helmut Brandt-Combo fand er seinen Weg schließlich nach Köln und wechselte dort in die Bigband von Kurt Edelhagen.

Mit seinem Einstieg 1965 in das seinerzeit revolutionäre Manfred Schoof Quintett, öffnete sich Dudek, der als Tenorsaxofonist seine Haupteinflüsse stets in den Altisten Charlie Parker, Ornette Coleman und dem Bassklarinettisten Albert Ayler sah, mehr den Kooperationen mit den wichtigsten Vertretern des deutschen Free-Jazz. So spielte er mit Peter Brötzmann und Albert Mangelsdorff, trat seit 1967 regelmäßig mit Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra auf (zuletzt 2016 beim Hessischen Jazzpodium in Darmstadt) und forcierte auch seine internationale Karriere.

Neben vielen internationalen Auftritten mit Musikern wie Mel Lewis/Thad Jones-Bigband, George Russell, Don Cherry, Alphonse Mouzon, Alan Skidmore und Mal Waldron spielt Dudek seit den 1970er Jahre vor allem mit dem, von dem Bassisten Ali Haurand ins Leben gerufenen European Jazz Quintett und dessen diversen Ablegern in variierenden Besetzungen.

Dudek ist Jazzmusiker vom alten Schlag. Musikalische Scheuklappen waren und blieben ihm fremd. Immer wieder auch ist er auf Aufnahmen aus der Hochzeit des Krautrock (etwa mit Jackie Liebezeit oder Conny Plank) zu hören, bediente die Freejazz-Begeisterten ebenso wie die Anhänger des traditionsbewussten Mainstreams mit seinem an die großen amerikanischen Vorbilder erinnernden sonoren Tenorsound.

Dudek wird im Rahmen des Workshops einige Stücke gemeinsam mit einer Band des Dozententeams spielen. Im wesentlichen aber wird er sich mit Dr. Wolfram Knauer vom Jazzinstiut Darmstadt über seine wahrhaft reichhaltige musikalische Erfahrung unterhalten und dabei den Teilnehmer/innen mit Sicherheit den ein oder anderen wertvollen Tipp für ihre weitere musikalische Entwicklung mit auf den Weg geben können.

Samstag, 8. Juli 2017, 15 Uhr bis 16:30 Uhr, Bessunger Knabenschule

Dieser Teil der 26. Darmstädter Jazz Conceptions ist auch offen für Nicht-Teilnehmer/innen des Workshops. Für sie kostet der Eintritt 6 Euro; ein Kombiticket (Sonderworkshop am Nachmittag sowie das Abschlusskonzert am Abend) ist an der Tageskasse für 12 Euro erhältlich. Das Abendkonzert allein kostet 10 Euro Eintritt.

Das Jazz Conceptions-Jugendensemble

unter der Leitung von Uli Partheil

Der Darmstädter Pianist und Musikpädagoge, der seit vielen Jahren neben Jürgen Wuchner fester Bestandteil des Dozententeams während der Darmstädter Jazz Conceptions ist,  sucht auch in diesem Jahr wieder junge Musiker/innen zwischen mindestens 12 und höchstens 22 Jahren, die bereit sind, jeden Tag zwei bis drei Stunden volle Konzentration auf die Musik zu richten und dabei alles zu geben. Im Prinzip ist dieses Ensemble für alle Instrumente offen. Die Teilnehmerzahl ist allerdings begrenzt.

Während des Sommerworkshops wird es nun also zum zweiten Mal ein reines Jugendensemble geben, das vom 25. bis 30. Juni 2018 unter Partheils Anleitung eine eigenes, kurzes Konzertprogramm erarbeitet, das im Rahmen des Abschlusswochenendes auf großer Bühne in der Bessunger Knabenschule öffentlich präsentiert wird. Geprobt wird immer vormittags im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut im Bessunger Kavaliershaus.

Partheil, der seit nun fast zwei Jahren auch das 1. Darmstädter Jugend-Weltmusikorchester leitet, möchte Stücke aus den unterschiedlichsten Stilistiken des Jazz und vom Jazz beeinflusster Musik mitbringen, die gemeinsam eingeübt werden. Die Improvisation und das spontane Reagieren spielen natürlich immer eine wichtige Rolle. Dennoch, kündigt Partheil an, müsse nicht jede/r Teilnehmer/in improvisieren. Die Arrangements sind zum Teil vorbereitet und werden auf die Gruppe “zugeschneidert”. Für Jede und Jeden soll dabei gemeinsam eine passende Rolle im Bandkontext gefunden werden. Wer lieber nur nach Noten spielt, kann das auch tun. Dadurch öffnet sich der Kurs auch für junge Instrumentalist/innen ohne große Banderfahrung.

Das Wichtigste bleibt immer: Der Spaß am Musikmachen! Sich mit offenen Ohren dem Abenteuer aus Rhythmus, Groove, Spannung, und Auflösung voll hinzugeben.

Anmeldung: Der Kurs kostet 80,- Euro für die ganze Woche. Wir bitten, sich bei Interesse aus Gründen der besseren Koordinierung unbedingt zunächst schriftlich oder telefonisch bei Uli Partheil zu melden. Nicht jedes Instrument kann mehrfach belegt werden. Auch bei inhaltlichen Fragen steht Uli Partheil zur Verfügung.

uli.partheil@web.de oder Tel. 06151 / 665138

Erst nach Absprache mit Uli Partheil, bitten wir die Teilnehmer/innen sich über das Onlineformular (-> hier gehts zur Anmeldung) anzumelden. Bei Teilnehmer/innen unter 18 Jahren benötigen wir zusätzlich zur Online-Anmeldung eine schriftliche Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten (Bitte am ersten Kurstag mitbringen).

Dozentinnen und Dozenten 2017

Martial Frenzel

… ist das frische Gesicht bei den diesjährigen Jazz Conceptions. Der aus Saarbrücken stammende Schlagzeuger war zuletzt bereits zweimal mit seinem Berliner Trio BUBU zu Gast in Darmstadt. Dort sorgten die drei Musiker mit einem fulminaten Auftritt im Gewölbekeller des Jazzinstituts und beim Hessischen Jazzforum 2016 für Aufsehen.

Der Sohn einer Französin und eines Deutschen studierte an der Hochschule für Musik Saar und ist ein enger Bruder im Geiste des in Darmstadt wohlbekannten Posaunisten Christof Thewes, mit dem ihn unzählige musikalische Projekte verbinden. Mit Thewes teilt Frenzel auch seinen überaus humorvollen Umgang mit vermeintlich schwer zugänglichem musikalischen Material. In seinem Soloprogramm Microman etwa trommelt er sich “wild, wüst und gefräßig” durch Klanglandschaften ganz seinen Vorbildern Tony Oxley, Ed Blackwell oder Buddy Rich (!) verpflichtet. Als rock-affiner Schlagzeuger präsentiert sich Frenzel dagegen in der Band UHL mit dem Gitarristen Johannes Schmitz und dem Bassisten Lukas Reidenbach.

Als Anti-Dogmatiker passt Martial Frenzel hervorragend in Jürgen Wuchners Konzept  einer offenen musikalischen Kommunikation zwischen Dozenten und Teilnehmern – gewiss keine schlechte Voraussetzung für einen spannenden und erfolgreichen Darmstädter Workshop.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Es geht in meinem Kurs um das Erarbeiten von Standards und von eigenen Stücken. Die Schwerpunkte sind Formspiel, Comping, Bandsound, Umsetzung von Themen, Arrangements aus der Probesituation heraus zu kreieren,Odd Meters, und Improvisation.

Die Teilnehmer werden dazu angehalten, eigene Kompositionen oder Wunschstücke vorzuschlagen, die wir dann gemeinsam einstudieren und aufführen.”

Die fliegende Kuh – Martial Frenzel from Philipp Majer on Vimeo.

Nicole Johänntgen

… ist eigentlich die zweite Saarländerin in der Dozentenriege, lebt aber inzwischen seit vielen Jahren in Zürich und erobert von dort aus die Jazzbühnen dieser Welt.

Lange Jahre stand die Alt- und Sopransaxofonistin, die an der Musikhochschule Mannheim studierte und dort auch anschließend ein Aufbaustudium Komposition und Arrangement absolvierte, für den groovigem Funkjazz  ihrer Band Nicole Jo. Mit ihrem neuen Projekt “Henry” hat Johänntgen sich den Traum einer nicht nur musikalischen Reise in den Jazzksomos New Orleans verwirklicht. Sie klingt nun erdiger, bluesiger, vielleicht auch abgeklärter als früher.

Eigentlich kein Wunder, denn die inzwischen 36jährige wurde in den letzten Jahren nicht nur mit unzähligen internationalen Preisen überschüttet, wie dem renomierten Concours International des Solistes de Jazz in Monaco oder dem New York-Stipendium der Stadt Zürich, sie suchte musikalisch auch immer den Kontakt mit unzähligen Kolleginnen weltweit. Diese Kollaborationen machten aus ihr nicht nur eine vielbeschäftigte Instrumentalistin, Komponistin, Lehrerin – mittlerweile  fördert sie sogar als Initiatorin des SOFIA-Programm aktiv den Ausstausch junger Jazzmusikerinnen in ganz Europa.

Über ihre Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt sie folgendes:

„Im Kurs geht es um das Thema Improvisation und Timing. Mit verschiedenen Übungen arbeiten wir an kurzen und einprägsamen Songs aus dem american standard repertoire. Ziel ist es verschiedene Solomethoden zu erlernen und das eigene Rhythmusgefühl zu trainieren.”

Beitrag aus der Sendung “KUNSCHT” für den SWR von Annette Fuhr

Detlef Landeck

… hieß der Hessische Jazzpreisträger 2008. Der Posaunist aus Kassel ist Rückgrat und Antreiber der Jazzszene in der nordhessischen ‘Diaspora’ und gleichzeitig auch ein international vernetzter Musiker. Landeck wird in diesem Jahr bei den Darmstädter Jazz Conceptions das Großensemble leiten, das traditionell am Samstag, dem Abschlussabend, in der Bessunger Knabenschule auftritt.

Detlef Landeck wird als vielbeschäftigter Pädagoge nicht nur im Musikschulbereich hoch geschätzt, sondern gilt als ausgezeichneter Bigband-Arrangeur und -Motivator. So leitet er derzeit die Bigbands der Universitäten Kassel und Göttingen. Seine eigene muskalische Ausbildung zum Musikpädagogen absolvierte er an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Darüber hinaus ist Landeck an verschiedenen Theaterproduktionen am Deutschen Theater Göttingen, am Stadttheater Marburg oder am Landestheater Kassel eingebunden.

Landeck gehört zu den Gründern der Kasseler Jazzmusikerinitiative e.V., die heute mit über 200 Mitgliedern zu den aktivsten Jazzveranstaltern in Nordhessen mit fast 100 Konzerten im Jahr zählt.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

„…”

Uli Partheil

… leitet in diesem Jahr einen eigenen Workshop nur für Jugendliche zwischen 12 und 22 Jahren (weitere Informationen zum Jugendensemble).

Partheil ist einer der aktivsten Protagonisten der Darmstädter Szene, beeinflusst von der Musik Duke Ellingtons, Thelonious Monks, kubanischen Rhythmen und dem Blues. Er ist nicht nur ein versierter Pianist in sämtlichen Stilistiken des Jazz, sondern auch als Komponist tätig. In seinen Komposiotionen geht er äußerst kreativ mit den verschiedenen Einflüssen um, die ihn als Musiker prägen.

Uli Partheil studierte an der Mannheimer Musikhochschule unter anderem bei Professor Jörg Reiter Jazzpiano, Komposition und Arrangement. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet er mit Jürgen Wuchner, Matthias Schubert, Janusz Stefanski, Ack van Rooyen, Rudi Mahall, Daniel Guggenheim, Wolfgang Puschnigg, Thomas Siffling, dem Wiener Kronenbräu Orchester, dem Palatina Swing Orchestra und vielen anderen zusammen.

Mit seinem Working Trio “Playtime” ist er in den letzten Jahren mit verschiedenen Literatur- & Jazz-Projekten erfolgreich. Partheil unterrichtet an der Jazz & Pop School Darmstadt. Für seine musikalischen Verdienste und sein Wirken für die Förderung des jazzmusikalischen Nachwuchses erhielt er 2008 den Darmstädter Musikpreis.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Es werden Stücke aus den unterschiedlichsten Stilistiken des Jazz und vom Jazz beeinflusster Musik erarbeitet. Die Improvisation und das spontane Reagieren werden dabei immer eine wichtige Rolle spielen.Wichtig auch: es muss nicht jede/r Teilnehmer/in improvisieren! Die Arrangements sind zum Teil vorbereitet und werden dann auf die Gruppe “zugeschneidert”. Für jeden wird eine passende Rolle gefunden. Wer lieber nur nach Noten spielt, kann das auch tun.

Und: wir werden richtig arbeiten! 2,5 Stunden jeden Tag volle Konzentration auf die Musik und dabei alles geben! Das Wichtigste bleibt aber immer: Der Spaß am Musikmachen! Sich mit offenen Ohren dem Abenteuer aus Rhythmus, Groove, Spannung, und Auflösung voll hinzugeben!

Interviewportät von Uli Partheil von Rainer Lind

John-Dennis Renken

… wurde 2017 vom neuen künstlerischen Leiter des Moers Festivals, Tom Isfort, zum Improviser in Residence der Stadt Moers ernannt und steht damit in einer mittlerweile sehr illustren Reihe, der von Vorgänger Reiner Michalke ins Leben gerufenen Institution.  Dass der vielbeschäftigte Trompeter dennoch Lust und Zeit hat, eine Woche als Dozent ein Ensemble bei den diesjährigen Jazz Conceptions zu leiten, spricht wohl in gleichem Maße für Darmstadt wie für den 1981 in Bremen geborenen Trompeter.

Renken lebt seit seinem Studium an der Folkwang-Universität in Essen. Von dort führten ihn seine zahlreichen Konzerte durch die halbe Welt – etwa in so verschiedenen musikalischen Besetzungen wie seiner Working Band „Zodiak Trio“ (mit Bernd Oezsevim und Andreas Wahl), Jan Klares Ruhrpott-Großformation „The Dorf“, Eric Schaefers “The Shredz“, aber auch in gemeinsamen Projekten von Angelika Niescier, John Thomsen, Marsen Jules, André Nendza, Michael Wollny oder dem „Stefan Schultze Large Ensemble“.

Für sein musikalisches Schaffen erhielt er unter anderem 2011 den „Jazzpreis Ruhr“ und belegte im selben Jahr mit Zodiak den zweiten Platz beim „Neuen Deutschen Jazzpreis“ in Mannheim. Im Mai 2014 wurde ihm die Ehre zuteil, als Gastsolist der WDR-Bigband mit dieser seine eigenen Kompositionen aufzuführen.

Renken tritt auch immer wieder bei CD-, Theater-, Hörspiel-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen in Erscheinung, so für die ARD und das ZDF, für Radio Bremen und den WDR, als auch am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Theater Oberhausen, am Essener Grillo-Theater und bei den Bad Hersfelder Festspielen. Derzeit steht er mit seiner Trompete als sogenannte „Livemusik-Installation“ im „Parsifal“, nach der gleichnamigen Oper von Richard Wagner und dem Theaterstück „Parzival“ von Tankred Dorst, am Schauspiel Essen auf der Bühne.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“In meiner Band werden wir Stücke aus unterschiedlichen Stilen erarbeiten. Ein bis zwei Stücke von mir, wobei das erste Stück eine konkrete Ballade sein wird und das zweite ein sehr frei angelegtes Stück, bei welchem die Bandmitglieder auf Dirigat bestimmte Teile spielen und/oder improvisieren. Des Weiteren werden wir noch ein bis zwei Standardwerke spielen. Je nach Fortkommen können wir auch noch ein eigenes Stück komponieren.

Es geht um Improvisation! Miteinander, gegeneinander oder allein. Aktion und Reaktion, wohin bewegt sich die Musik.”

Promo-Video of Eric Schaefer & The Shredz from ACT Music “Abstract Dub” on Youtube

John Schröder

… will sich einfach nicht so richtig festlegen lassen, welches denn nun sein Hauptinstrument ist – und beherrscht wohl deswegen alle auf einem Niveau, das nur wenige zu erreichen vermögen.

Als Jahrhunderttalent auf der Gitarre startete der gebürtige Frankfurter im Jugendalter seine erste Jazzkarriere, um wenige Jahre und einen Umzug nach Berlin später mit der Band “Der Rote Bereich” (mit Frank Möbus und Rudi Mahall) als klanggewaltiger Schlagzeuger die deutsche Jazzlandschaft aufzumischen. Als er diesen charakteristischen Berliner Bands (u.a. auch Rosa Rauschen, Erdmann 3000) den Rücken kehrte, tauchte Schröder mit seinem eigenen John Schröder Trio als ebenso virtuoser und phantasievoller Pianist wieder auf.

Zu seiner Karriere gehörten Auftritte mit internationalen Stars wie James Moody, Joe Lovano, Enrico Rava oder Randy Brecker (zu seinen ersten Schülern in Berlin gehörte Kalle Kalima), während seiner Schlagzeugerkarriere revolutionierte er mit anderen Ende der 1990er Jahre massiv die Wahrnehmung von “Deutschem Jazz” im Ausland. Am Piano klingt er so nahe bei sich und bei den großen amerikanischen Jazzheroen wie wenige andere.  John Schröder ist ein musikalischer Tausendsassa und Alleskönner, der auch im Workshop davon sicherlich Vieles teilen wird.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Musikalisch möchte ich den Bereich von formal strukturierten Kompositionsgrundlagen bis hin zu freier Improvisation und die ‘Grauzone’ zwischen beiden ausloten. Dabei wäre es schön, wenn die Teilnehmer eigene Stücke beisteuern würden, an denen wir dann arbeiten können.

Ich selbst werde auch einige meiner thematischen Ideen dazu einbringen; Grundsätzlich soll das Ganze aber undogmatisch gestaltet werden, so daß auch  genreübergreifendes Material gerne eingebracht werden darf.”

Auftritt mit Kresten Osgood 2016 in Kopenhagen Mandagsklubben @5e bei Youtube

Jürgen Wuchner

Juergen_Wuchner_Wilfried_Heckmann01… ist der eigentliche Initiator der Jazz Conceptions. Wuchner spielte u.a. mit Hans Koller, Heinz Sauer und dem Vienna Art Orchestra und tritt im Rhein-Main-Gebiet vor allem mit seinen eigenen Bands in Erscheinung, mit denen er sich immer wieder neuen Projekten widmet. Er besitzt einen erdigen, ungemein warmen und persönlichen Basston, viele seiner Kompositionen kann zumindest die Darmstädter Jazzgemeinde mitpfeifen.

In Darmstadt ist er außerdem als langjähriger Leiter eines regelmäßigen kleineren Jazz-Workshops bekannt. Für seine Arbeit als Musiker und Pädagoge wurde Wuchner 1996 mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet. Wuchner unterrichtete bis 2013 an der Darmstädter Akademie für Tonkunst und leitet zusammen mit Uli Partheil die Jazz & Pop School. 2012 erhielt Wuchner den Darmstädter Musikpreis.

Über seine Vorstellungen zum diesjährigen Workshop schreibt er folgendes:

“Für dieses Jahr werde ich einige Kompositionen mitbringen, die wir in Modulen überall im Verlauf des Sets einsetzen können. Es sind nicht Themen mit nachfolgender Improvisation, sondern z.T. auch Miniaturen, die einfach zwischen Improvisationsteilen eingebaut werden, um für die nächste Improvisation eine andere  Atmosphäre zu erzeugen. Manche Kompositionen können auch als Plattform für Soli  dienen.”

Interviewporträt von Jürgen Wuchner von Rainer Lind

Jazz Conceptions

Sommerworkshop seit 1992

Die Darmstädter Jazz Conceptions, 1992 zum ersten Mal durchgeführt, gehören heute zu den wichtigsten Jazzworkshops in Deutschland. Erfolgreich sind sie wegen ihres Konzepts genauso wie wegen der einmaligen Atmosphäre: Die Teilnehmer erhalten keine verschulten Instrumentalstunden, sondern werden von Anbeginn an in gemischte Ensembles zusammengefasst, die je nach Dozentin oder Dozent unterschiedliche Stücke erarbeiten, sich mit Improvisation befassen, musikalische Abläufe planen, über die Philosophie von Jazz und improvisierter Musik diskutieren. Das alles geschieht in der Bessunger Knabenschule, einem soziokulturellen Zentrum, das in dieser Woche quasi ganz dem Jazz gehört. In allen Räumen wird musiziert, auf dem Hof trifft man sich zum extra für den Anlass organisierten gemeinsamen Frühstück, zum vor Ort zubereiteten ausgiebigen Mittagessen, zum Reden über Erlebtes oder zum Planen und Absprechen weiterer musikalischer Aktionen.

Seit Beginn ist der Kontrabassist Jürgen Wuchner künstlerischer Leiter des Workshops. Wuchner erhielt für sein musikalisches und pädagogisches Wirken im 2012 Jahr den Darmstädter Musikpreis und bereits im Jahr 1996 den Hessischen Jazzpreis.

Was sind die Jazz Conceptions?

Die Darmstädter Jazz Conceptions bieten die einmalige Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit professionellen Musikern im wahrsten Sinne des Wortes etwas aus der Werkstatt des Jazz zu erfahren. Da werden in Gruppen-Workshops Stücke erarbeitet, da wird über die richtige Art des Übens gesprochen, da werden harmonische Feinheiten erklärt, solistische oder kollektive Improvisationen geprobt und besprochen. Jeweils am späten Nachmittag fasst ein “Orchesterworkshop” sämtliche Teilnehmer der Jazz Conceptions in einem vielköpfigen Großensemble zusammen. Zwischen den Gruppensitzungen besteht die Möglichkeit des individuellen Übens mit anderen Teilnehmern oder des lockeren Gesprächs in der nur für den Workshop geöffneten Cafeteria. Begleitend werden theoretische und jazzhistorische Programmpunkte angeboten. An jedem Abend der Woche gibt es bei Sessions in verschiedenen Darmstädter Clubs die Möglichkeit, die Ergebnisse der täglichen Arbeit vor Publikum zu zeigen oder einfach nur zu jammen.

Dozentinnen und Dozenten 2018

Die Darmstädter Jazz Conceptions sind nicht nur bei den Teilnehmern beliebt, von denen viele Jahr für Jahr wiederkommen, sondern auch bei den Dozenten, die hier gerne unterrichten, weil sie die kreative Atmosphäre schätzen, die an sechs Tagen das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule mit jazzmusikalischem Leben füllt. Auch für die 27. Auflage 2018 haben wir uns bemüht herausragende Dozentinnen und Dozenten zu gewinnen, die jeder für sich ihr eigenes Konzept, ihre eigene musikalische Sprache entwickelt haben, ob als Solist oder in der Gruppe, ob individuell oder im Kollektiv.

Jürgen Wuchner (Künstlerischer Leiter) | Kontrabass
Morris Kliphuis | Frenchhorn
Lucía Martínez | Schlagzeug
Uli Partheil (Jugendensemble) | Klavier
Johannes Schmitz | Gitarre
Matthias Schubert | Saxofon
Henning Sieverts (Großensemble) | Kontrabass & Cello

Das Jugendensemble 2018

Seit 2017 gibt es während der Darmstädter Jazz Conceptions außerdem ein reines Jugendensemble für Teilnehmer/innen bis 22 Jahren. Die Leitung dieses zusätzlichen Ensembles übernimmt wieder der Darmstädter Pianist und Musikpädagoge Uli Partheil. Neben unzähligen Schulprojekten leitet Partheil seit vergangenen Jahr auch das 1. Darmstädter Jugend-Weltmusikorchester.

Information zur Teilnahme sowie Anmeldeformular für die Darmstädter Jazz Conceptions 2018

Die Darmstädter Jazz Conceptions sind eine Gemeinschaftsveranstaltung des Kulturzentrums Bessunger Knabenschule und des städtischen Jazzinstituts Darmstadt.

Mit freundlicher Unterstützung der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Alle Dozenten der Jazz Conceptions von 1992 bis 2018

Felix Astor, Peter Back, Johannes Bauer, Harry Beckett, Han Bennink, Karl Berger, Élodie Brochier, Rüdiger Carl, Graham Collier, Marty Cook, Thomas Cremer, Christopher Dell, Erwin Ditzner, Axel Dörner, Silke Eberhard, Reimer von Essen, Jörg Fischer, Martial Frenzel, Christina Fuchs, Valentin Garvie, Peter Giger, Rachel Gould, Sebastian Gramss, Carola Grey, Michael Griener, Gerhard Gschlößl, Gunter Hampel, Gabriele Hasler, Allen Jacobson, Ute Jeutter, Nicole Johänntgen, Sven-Ake Johansson, Llewellyn Jones, Ekkehard Jost, Wollie Kaiser, Kalle Kalima, Günter Klatt, Morris Kliphuis, Hans Koller, Peter Kowald, Steve Lacy, Tony Lakatos, Detlef Landeck, Ingrid Laubrock, Christoph Lauer, Hazel Leach, Martin LeJeune, Kathrin Lemke, Rudi Mahall, Emil Mangelsdorff, Lucía Martínez, Stefan Meinberg, Krzysztof Misiak, Frank Möbus, Mani Neumaier, Angelika Niescier, Tom Nicholas, Uwe Oberg, Uli Partheil, Michel Pilz, Elvira Plenar, Wolfgang Puschnig, Gerd Putschögl, Adam Pieronczyk, John-Dennis Renken, Wolfgang Reisinger, Michael Sagmeister, Heinz Sauer, Ack van Rooyen, Joe Sachse, Jon Sass, Uli Scherer, Ulli Schiffelholz, Daniel Schmitz, Johannes Schmitz, John Schröder, Matthias Schubert, Henning Sieverts, Thomas Siffling, Günter ‘Baby’ Sommer, Janusz Stefanski, Oliver Steidle, Norbert Stein, John Tchicai, Christof Thewes, Gebhard Ullmann, Philipp van Endert, Felix Wahnschaffe, Peter Weiss, Jürgen Wuchner … (to be continued)

15. Darmstädter Jazzforum

Jazz @ 100 | (K)eine Heldengeschichte

Vorträge, Diskussionen, Dokumentationen & Musik zum 15. Darmstädter Jazzforum vom 28. bis 30. September 2017

Wissenschaftler, Journalisten, Musiker und Zuhörer diskutieren vor dem Hintergrund des 100sten Jubiläums der vermeintlich ersten Jazzaufnahme 1917 über verschobene Perspektiven der Jazzgeschichtsschreibung und warum es trotzdem so schwierig zu sein scheint, ohne name-dropping à la „New Orleans“, „Chicago“, „Louis Armstrong“, „Miles“, „Bird“ und „Ella“ über diese in der ganzen Welt verbreiteten und geliebten Musik zu schreiben und zu sprechen. Beim 15. Darmstädter Jazzforum sollen diese Themen aus unterschiedlichster Warte behandelt weden.

Dabei wollen wir die Jazzgeschichte nicht neu schreiben. In der internationalen  Konferenz, in Konzerten und einer Ausstellung hoffen wir allerdings auf eine lebendige Diskussion darüber, wie unser Verständnis von dieser Musik, ihrer Geschichte und ihrer Ästhetik geprägt wurde. Wir verstehen den Jazz als eine Musik mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte, und wir wissen, dass diese weit komplexer ist, als die Geschichtsbücher uns das meistens wahrmachen wollen. Unser Ziel ist es, ein wenig von dieser Komplexität zu entwirren, wohl wissend, dass wir damit höchstens an der Oberfläche kratzen werden.

Daneben gewährt eine  Ausstellung mit Fotos von Arne Reimer einen Blick “hinter die Kulissen” des “öffentlichen” Jazzlebens von Musiker/innen und drei abendliche Konzerte von Musikern, die auch bei der Konferenz zu Wort kommen, runden die Veranstaltung ab. Die Konferenz selbst ist öffentlich und bei freiem Eintritt. Konfernzsprache ist Englisch. Um unverbindliche Anmeldung wird gebeten.

Details zur Konferenz “Jazz @ 100 | (K)eine Heldengeschichte”
Details zum Konzert mit dem Kirk Lightsey Quintet feat. Paul Zauner
Details zum Konzert mit dem Julia Hülsmann Oktett
Details zum Konzert mit Orrin Evans
Details zur Ausstellung “My Encounters with ‘American Jazz Heroes'”

Donnerstag, 28. bis Samstag, 30. September, Konferenz und Ausstellung im Literaturhaus, Konzerte in der Centralstation und in der Bessunger Knabenschule

Wir bedanken uns bei unseren Partnern und Förderern

Überregionale Medienpartner sind der Hessische Rundfunk mit seinem Kulturprogramm hr2-Kultur, der erneut das „Darmstädter Jazzforum“ präsentiert und unter anderem Mitschnitte und Sendungen zum Darmstädter Jazzforum plant sowie die Zeitschrift Jazzthetik.

Wie auch schon in den vergangenen Jahren unterstützt das Hessische Ministe­rium für Wissenschaft und Kunst und der Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH das 15. Darmstädter Jazzforum. Weitere Förderung kommt von der Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen und der Sparkasse Darmstadt. Dadurch werden z.B. zeitgemäße Produktions-, Werbe- und Dokumentationskonzepte umgesetzt, die mit dem üblichen Budget des Jazzinsti­tuts Darmstadt nicht realisiert werden können – bei einer national und international beachteten Veranstaltung wie dem Darmstädter Jazzforum aber unverzichtbar sind.

14. Darmstädter Jazzforum

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Konferenz, Ausstellung, Workshop, Konzerte
Gender und Identität im Jazz

Die Referent/innen und die Themen ihrer Vorträge sind hier zu finden.

Einführung

Der Jazz war lange Zeit eine Männermusik. Nicht nur waren die meisten der stilbildenden Musiker männlichen Geschlechts, auch seine Ästhetik und sein soziales Umfeld waren männlich dominiert und männlich besetzt. Frauen spielten in der öffentlichen Wahrnehmung des Jazz, aber auch im Selbstverständnis dieser Musik bei den ausübenden Künstlern eine genauso geringe Rolle wie andere, dem männerbündnerischen Ursprung dieser Musik nicht passende Identitätsbilder. Starke, individuelle, ihre eigene Stimme suchende und findende Frauen oder gar Musiker oder Musikerinnen, die nicht dem anderen, sondern dem eigenen Geschlecht zugeneigt waren, wurden lange Zeit entweder ausgegrenzt, als Ausnahme abgetan oder als Feigenblatt für eine postulierte Offenheit dieser Musik genutzt.

Das 14. Darmstädter Jazzforum, das zugleich ein Vierteljahrhundert Jazzinstitut feiert, will sich dem Thema “Gender”, von verschiedenen Seiten nähern. Uns ist bewusst, dass es genauso wenig “weiblichen Jazz” gibt wie “männlichen”, dass Musik an und für sich weder Geschlecht noch sexuelle Orientierung besitzt. Und doch spielt die Identität, die wir in unser jeweiligen Umwelt entwickelt haben und leben, eine wichtige Rolle sowohl dabei, wie wir kreativ tätig sind, als auch, wie wir über Kunst oder Musik nachdenken, welche Assoziationen wir mit verschiedenen Genres, wenn nicht gar spezifischen Klängen haben. “I don’t care whom you’re screwing”, stellte der Pianist Orrin Evans im September letzten Jahres beim ersten “Queer Jazz Festival” in Philadelphia fest, “as long as you’re screwing somebody” – Musik handle nun mal vom Zwischenmenschlichen; sie sei also nichts für Eremiten.

Wie aber bestimmt unsere Identität unser Verhältnis zur Musik bzw. zum Jazz? Oder noch konkreter: Ist Jazz wirklich eine Männermusik? Und wenn, woher kommen dann seine scheinbaren maskulinen Attribute? Spielt die Betonung von “masculinity” in der afro-amerikanischen Gesellschaft eine Rolle bei der Ausprägung maskuliner Haltungen im Jazz? Wie lässt sich eine solche Haltung näher festmachen – und wie übersetzt sie sich in andere Kultursphären? Warum beispielsweise wirkt sich die Auflösung maskuliner Werteschemata in der globalen Popkultur seit den 1970er Jahren nicht stärker auf die Wahrnehmung des Jazz aus? Oder tut sie genau dies und es fällt uns im Wandel der Werte einfach nicht genügend auf? Welche musikalischen Qualitäten sind denn tatsächlich identitätsbestimmt (um es vorsichtig auszudrücken und etwa nicht von “geschlechterspezifisch” zu sprechen)? Dass es unterschiedliche geschlechterspezifische Herangehensweisen an Projekte genauso wie an Problemlösungen gibt, ist ja hinreichend bekannt, wie aber drücken solche sich in Musik aus? Spielen Männer konfrontativer, Frauen eher auf Konsens bedacht? Sind Begriffe wie “einfühlsam” oder “kraftvoll” automatisch auch geschlechterbestimmte Vokabeln? Wie sieht die Selbst- und die Fremdsicht auf dieses Thema aus? Wie diskutiert man das Phänomen, dass ein Musiker wie Gary Burton erkläre, er mache selbstverständlich keinen “gay jazz”, und dennoch erzählt, nach seinem Coming Out hätten ihm viele Kollegen gesagt, er spiele jetzt viel “freier?

Wie also nimmt man die Rollen, die man in der realen Welt spielt, mit in eine Kunst, die zum einen davon handelt, “sich selbst” zu spielen, zum anderen auf offene Kommunikation klarer Individuen angelegt ist? Denn ausgerechnet im Jazz, dieser über-individualisierten Musik, zu argumentieren, dass es doch völlig egal sei, woher man käme, wirkt seltsam. “Where you come from is where you go to”, lautet zumindest zum Teil die Devise: Wer du bist, bestimmt, was und wie du spielen wirst.

Für unser 14. Darmstädter Jazzforum wollen wir diesen komplexen Themenkreis von sehr unterschiedlichen Warten betrachten. Wir haben dafür drei Themenblöcke vorgesehen. (1) Zum einen wollen wir uns allgemein mit der Thematik Maskulinität / Gender / Intersektionalität / Identität befassen. (2) Wir laden Referenten und Referentinnen ein, sich in analytischen Case Studies an die musikalische Aktivität einzelner Musiker oder Musikerinnen anzunähern, ohne von vornherein nur auf den Genderaspekt ihrer Kunst zu blicken. (3) In einem dritten Block wollen wir schließlich Schlaglichter auf gelebte Wirklichkeit in Geschichte wie Gegenwart werfen, uns dafür fokussierte Blicke in die Jazzgeschichte erlauben, aber auch aktuelle Zeitzeugen zu Worte kommen lassen.

Dass der Blick auf den Jazz verfälscht wird, wenn man seine Protagonisten auf einzelne Teile ihrer vielfältigen Identität reduziert, ist klar. Diese jedoch in Jazzgeschichte und -gegenwart völlig außer Acht zu lassen, ist ein genauso großes Versäumnis. Beim 14. Darmstädter Jazzforum wollen wir einen Diskurs fortführen, der auch in unserer bereits erheblich veränderten Welt wichtig bleibt.

Das Darmstädter Jazzforum bei Facebook    GENDER_IDENTITY


„GENDER_IDENTITY“ ist eine Veranstaltung des Jazzinstituts Darmstadt, eines Kulturinstituts der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

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Das 14. Darmstädter Jazzforum wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Jubiläumsstiftung der Sparkasse Darmstadt.

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hr2 Kultur, JAZZTHETIK und MELODIVA sind Medienpartner des 14. Darmstädter Jazzforums

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Kooperationspartner des 14. Darmstädter Jazzforums sind „Frauen machen Musik e.V.“, das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, WAGGONG Frankfurt e.V., die Centralstation Darmstadt und die Frankfurter Romanfabrik

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Gender und Identität im Jazz

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Programmübersicht

(Alle Referate des 14. Darmstädter Jazzforums – bis auf die drei am Vormittag des 3. Oktober – werden auf Englisch gehalten.)

FREITAG, 18. September 2015
Eröffnungsveranstaltung im Jazzinstitut, 20:30 Uhr

JazzTalk 109 mit “Playground”

mit Stephanie Wagner (fl), Esther Bächlin (p,voc), Gina Schwarz (b), Lars Binder (dr)

Playground 1Bei der Hessischen Frauenmusikwoche 2014 lernten sich die 3 Musikerinnen Stephanie Wagner (fl-Darmstadt), Esther Bächlin (p/voc-Luzern) und Gina Schwarz (b-Wien) als Dozentinnen kennen. Nach dem Dozentenkonzert waren sie von ihrem gemeinsamen Interplay so begeistert, dass sie beschlossen, eine neue Formation zu gründen, welche sie nun wahlweise mit kongenialen MitmusikerInnen erweitern.

Die Eigenkompositionen der 3 Musikerinnen ergänzen sich hierbei aufs Beste: eine impressionistische, farbenreiche Harmonik mit Tendenz zu dunkleren Schattierungen, verschlungene filigrane Melodien, luftige ungerade Rhythmen sowie sperrige Grooves – der reichhaltige musikalische Spielplatz wird von der Band lustvoll ausgelotet, die Spielideen in großen Spannungsbögen weiter gesponnen. Jenseits von Klischees entsteht ein intelligentes kollektives Interplay, das mit sprudelnden Soli wechselt und die Zuhörenden in den Sog des kreativen Augenblicks hineinzieht: Musik zwischen Freiraum und Verdichtung, Puls und Atem!

Stephanie Wagner ist eine der wenigen Jazzflötist/innen Deutschlands, nahm gerade mit ihrem Quintett “Stephanie Wagners Quinsch” die zweite CD auf; außerdem erschien gerade ihre Schule für Jazz-Flöte (Schott-Verlag). Esther Bächlin widmet sich mit diesem Projekt wieder ganz dem Contemporary Jazz, nachdem sie ein paar Jahre vornehmlich ihre eigenen spartenübergreifende Improvisations-Projekte, u.a. mit Lauren Newton vorantrieb. Die Wiener Bassistin Gina Schwarz hat kürzlich ihr vielbeachtetes Album “Jazzista” auf Unit Records herausgebracht und Anfang des Jahres eine Tournee mit dem amerikanischen Schlagzeuger Jim Black gespielt. Der Schlagzeuger Lars Binder ist in Deutschland bekannt u.a. durch das Cécile Verny- Quartett und dem Quintett L14,16. Er ergänzt und bereichert das Trio durch sein dynamisch differenziertes, kreatives und variantenreiches Spiel, das gleichermassen Tradition und Moderne verinnerlicht.


Spontaneous. Female. Genuine

Ausstellung in der Galerie des Jazzinstituts
September bis Dezember 2015

In der spartenübergreifenden Ausstellung Spontaneous_Female_Genuine stehen vier Jazzmusikerinnen aus verschiedenen Ländern, Zeiten und stilistischen Richtungen im Fokus: Die amerikanische “First Lady of Jazz” Ella Fitzgerald, die deutsche Hammondorgel-Virtuosin Barbara Dennerlein, die deutsch-polnische Energy-Saxophonistin Angelika Niescier und die Schweizer Freejazz-Pianistin Irène Schweizer. Die Ausstellung zeigt vier Lebens- und Künstlerinnengeschichten fernab aller Klischees von “Frauenjazz” – eine spannende Entdeckungsreise auf Fotos, Filmen, Covers und Postern in die unterschiedlichen Welten der Jazzmusik.

Ausstellung in der Galerie des Jazzinstituts vom 18. September bis 4. Dezember 2015
Ausstellungseröffnung am Samstag, den 19. September 2015
Geöffnet: MO, DI, DO 10 bis 17 Uhr, FR 10 bis 14 Uhr
Eintritt frei


FREITAG, 2. BIS SONNTAG, 4. Oktober 2015
Workshop in der Kulturwerkstatt Germaniastraße, Frankfurt/Main, ganztags

mit Esther Bächlin, Gina Schwarz, Stephanie Wagner

weitere Informationen unter www.waggong.de

waggong    LogoMelo_orange   Logo_JazzDa_4c


DONNERSTAG, 1. Oktober 2015
Literaturhaus, Kasinostraße 3
Eintritt frei

Konferenztag 1: Gender and Identity

13:30 Uhr

Eröffnung

14:00 Uhr

Wolfram Knauer (Darmstadt, Germany):
Clash of Identities

In seinem einführenden Referat fragt Wolfram Knauer nach musikalischen Klischees, mithilfe derer sich die “Identität” eines Musikers ausdrücken lässt, und überlegt, ob diese sich in der Musik selbst benennen lassen oder ob sie nicht vielleicht eher Teil eines allgemeinen kulturellen Vokabulars seien, das von Musikern, Kritikern und Publikum gleichermaßen verstanden wird und doch analytisch nur schwer fassbar ist. Knauer identifiziert musikalische Zeichen, die dem Hörer Identität suggerieren, und er diskutiert das explizite und das implizite Vokabular, das Jazzmusiker zur Verfügung steht, um Identität musikalisch auszudrücken.

Wolfram Knauer leitet seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt, lehrte daneben an mehreren deutschen Hochschulen und Universitäten. Er hat diverse Bücher veröffentlicht, zuletzt Biographien über Louis Armstrong und Charlie Parker (beide im Reclam-Verlag), ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, sitzt im Herausgebergremium der internationalen Fachzeitschrift Jazz Perspectives und ist Autor etlicher wissenschaftlicher Beiträge in Büchern und Fachzeitschriften. Im Frühjahr 2008 lehrte er als erster nicht-amerikanischer Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an der Columbia University in New York.

15:00 Uhr

Mario Dunkel (Dortmund, Germany):
Sexual Desire, Eroticism, and the Construction of the Jazz Tradition

Mario Dunkel stellt fest, dass sich in frühen Schriften zum Jazz vor allem eine männlich-sexistische Sichtweise auf die durchaus vorhandenen erotischen Elemente in dieser Musik fand. Jazzautoren der 1940er und 1950er Jahre leugneten dann im Versuch, den Jazz zu legitimieren, seine erotische Anziehungskraft gleich ganz. Diese Entwicklung habe zu einem weitgehend ent-sexualisierten Verständnis von Jazztradition geführt. Dunkel untersucht, inwiefern die Ent-Erotisierung des Jazz mit Genderkonzepten in Verbindung stand und diskutiert, ob eine Neubetrachtung der Erotik des Jazz dabei helfen könnte, die Position dieser Musik innerhalb der breiten Musikgeschichte des 20sten Jahrhunderts noch klarer zu beschreiben.

Mario Dunkel unterrichtet Musikwissenschaft an der TU Dortmund. Er hat sich 2014 in American Studies mit einer Arbeit über “The Stories of Jazz: Performing America through Its Musical History” promoviert. Seine Artikel und Besprechungen sind in wissenschaftlichen Fachmagazinen wie American Music, Jazz Research News, Musiktheorie, Popular Music and Society und anderen erschienen. Zurzeit beschäftigt er sich mit der Praxis und den Auswirkungen der transnationalen Musikdiplomatie sowie mit der Konzeptualisierung und Aufführung von Musikgeschichte in Europa und den USA.

16:00 Uhr

Katherine Williams (Plymouth, UK):
‘Alright For A Girl’ and Other Jazz Myths

Katherine Williams befasst sich mit den britischen Saxophonistinnen Kathy Stobart und Trish Clowes, und beleuchtet, wie die aus unterschiedlichen Generationen stammenden Instrumentalistinnen jeweils ihren Weg innerhalb der traditionell männlich geprägten Welt dieser Musik gingen. Williams benutzt Beispiele aus Jazzliteratur und eigenen Interviews, um Herausforderungen und Belohnungsmuster in einer durch Vorurteile gegenüber Frauen im Jazz geprägten Szene zu beschreiben und dabei zu einer etwas anderen Darstellung der Rolle der Frau in der Jazzgeschichte zu gelangen.

Katherine Williams unterrichtet an der Musikfakultät der Plymouth University. Ihre wissenschaftlichen Abschlüsse stammen vom King’s College London (BMus(Hons)) und der University of Nottingham (MA, PhD). Ihre Forschungsinteressen gelten dem Jazz, Genderfragen, der populären Musik, der Erforschung digitaler Kulturen, sowie dem Thema Musik und Geographie. Ihre Artikel erschienen beispielsweise in Jazz Perspectives (2013), dem Jazz Research Journal (2013) und dem Journal of Music History Pedagogy. Sie ist Autorin einer Monographie über Rufus Wainwright, die im Frühjahr 2016 bei Equinox erscheinen wird, außerdem Autorin und Mitherausgeberin des Cambridge Companion to the Singer-Songwriter (ebenfalls für 2016 geplant). Katherine spielt Saxophon und tritt im Jazzkontext genauso wie mit klassischer und Neuer Musik auf.

17:00 Uhr

Monika Bloss (Berlin, Germany):
Trouble with Genre and Gender: Female Jazz Musicians and their (Print) Media Representation – Four Examples from Past to Present

Monika Bloss (Berlin) fragt, wie stark das Bild der Frau im Jazz durch die Medien beeinflusst sei. Anhand von Musikerinnen – Hazel Scott, Diana Krall, Maria Baptist und Esperanza Spalding – diskutiert sie, wie deren öffentliche Wahrnehmung durch oft subtile Formen der Diskriminierung in Wort und Bild geprägt sei. Und sie fragt, ob und welchen Sinn es machen könne, als Musikerin in die eigene mediale Darstellung in der Tages- und der Fachpresse einzugreifen.

Monika Bloss befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Popmusik und Gender. Sie unterrichtete unter anderem an der Humboldt Universität Berlin sowie an den Universitäten in Potsdam, Bremen, Dresden und Oldenburg. 2010 war hatte sie die Aigner-Rollet Gastprofessur an der Kunstuniversität Graz inne. Bloss kuratierte 2013 die Ausstellung “SHEPOP – Frauen und Mädchen auf den Bühnen populärer Musik” im rock’n’popmuseum Gronau und organisierte eine die Ausstellung begleitende Konferenz zum Thema Gender und populäre Musik.


FREITAG, 2. Oktober 2015
Literaturhaus, Kasinostraße 3
Eintritt frei

9:00 Uhr

Michael Kahr (Graz, Austria):
Chromaticism and Identity in Clare Fischer’s Music

Michael Kahr hat sich in seiner Arbeit intensiv mit der Musik des Pianisten und Komponisten Clare Fischer auseinandergesetzt, dessen individueller Personalstil sich durch eine besondere Art der Stimmführung und Chromatik auszeichnet. Kahr fragt nach den Wechselwirkungen zwischen harmonischen Strukturen, persönlichen Erlebnissen und dem generellen sozio-kulturellen Umfeld und danach, wie die Erkenntnis solcher Wechselwirkungen helfen kann, Fischers musikalische Identität näher zu beschreiben.

Michael Kahr (Dr. Mag.Art., MMus, PhD Sydney) ist Lehrbeauftragter am Institute für Jazz an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz. Zurzeit arbeitet er am durch die FWF geförderten Projekt Jazz & the City: Identity of a Capital of Jazz, unterrichtet daneben Jazzklavier. Seine Dissertation untersuchte Aspekte von Harmonik und Kontext in der Musik Clare Fischers. Nach einem Forschungsaufenthalt als Fulbright Scholar in Los Angeles organisierte Kahr 2010 das erste internationale Clare Fischer Symposium in Graz. 2011 erhielt er das Morroe Berger / Benny Carter-Stipendium der Rutgers University. Neben seiner Forschung ist Kahr als Jazzpianist, -komponist und –arrangeur aktiv.

10:00 Uhr

Yoko Suzuki (Pittsburgh, PA, USA):
Gendering Musical Sound in Jazz Saxophone Performance

Yoko Suzuki stellt in ihren Recherchen über das Saxophonspiel im Jazz fest, dass Sound, Intonation und die Art der Darbietung in Gesprächen mit vier männlichen und dreißig weiblichen Saxophonist/innen “gegendert” beschrieben werden. Sie fragt, was wohl mit einer maskulinen Art zu spielen gemeint sein könne und was als feminin empfunden wird. Im gesellschaftlichen Kontext, stellt sie fest, würden Gendernormen laufend korrigiert und rekonstruiert, im Jazz aber wirkten sie wie festgeschrieben. Suzuki diskutiert die Auswirkungen von Gendernormen im Jazz und spekuliert darüber, was wohl die zahlreichen Saxophonistinnen jüngster Zeit dazu beitragen könnten, diese Normen zu ändern.

Yoko Suzuki promovierte sich 2011 in den Fächern Musikethnologie und Women’s Studies an der University of Pittsburgh. Zurzeit unterrichtet sie an derselben Universität Jazzgeschichte und leitet das Jazzensemble. Sie tritt als Saxophonistin in Pittsburgh und New York City auf.

11:00 Uhr

Ilona Haberkamp (Fröndenberg, Gemany):
(Jutta) Hipp Style or Adaption?

Ilona Haberkamp blickt auf die zwei Karrieren der Pianistin Jutta Hipp, die im Deutschland der frühen 1950er Jahren als avancierteste Vertreterin ihres Instruments galt – egal ob männlich oder weiblich –, und die ihren Klavierstil im Konkurrenzklima von New York veränderte, wohin sie 1955 übersiedelte. Hipp hatte bereits in ihrer Jugend durch Adaption und Imitation musikalischer Idole zu ihrem Personalstil gefunden, und Haberkamp zeigt im Vergleich von Aufnahmen aus verschiedenen Perioden in Hipps Schaffen, wie sich ihr Klavierstil parallel zu ihren Lebensumständen veränderte.

Ilona Haberkamp studierte Saxophon in Dortmund und Köln und Musikwissenschaft in Münster (M.A.). Sie unterrichtet an der Musikschule Dortmund und der Jazzakademie, leitet verschiedene Jazzensembles und die Big Band, hat eigene musikalische Projekte. Mit ihrem Ilona Haberkamp Quartett war sie 2013 mit ihrem aktuellen Projekt “Cool is Hipp is Cool” auf den Berliner Jazztagen zu hören. Bisherige Forschungsthemen: Jazz in the Soviet-Union, Paul Desmond style, the Art of Jutta Hipp.

12-14 Uhr
Mittagspause

14:00 Uhr

Martin Niederauer (Wien, Austria):
Male Hegemony in Jazz

Martin Niederauer stellt fest, dass das Jazz-Genre von Männern dominiert werde, die Geschlechterverhältnisse im Jazz sich allerdings nicht allein durch die Stereotypisierung von Frauen oder ein Übergewicht an Männern erklären ließe. Man habe es vielmehr mit einem im Jazz spezifischen Bild von Männlichkeit zu tun, das unter den Hörern genauso wie unter den Musikern vorherrsche und bei dem die männlich-männlichen Beziehungen an Relevanz gewinnen. Daher sei nicht so sehr das Ungleichgewicht von Männern und Frauen für den Status Quo der Geschlechterverhältnisse im Jazz verantwortlich als vielmehr die Art der sozialen Beziehungen und Praktiken im Jazz.

Martin Niederauer, Dr. phil., studierte Soziologie in Trier und Frankfurt am Main. Er promovierte in Frankfurt am Main zum Thema “Die Widerständigkeiten des Jazz – Sozialgeschichte und Improvisation unter den Imperativen der Kulturindustrie”. Seit 2013 forscht er am Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien über Wissensformen und künstlerische Praktiken in Kompositionsprozessen in der Kunstmusik. Seine weiteren Arbeitsschwerpunkte sind Kritische Theorie, Ästhetik, Jazz und empirische Sozialforschung.

15:00 Uhr

Joy Ellis (London, UK):
Women and the Jazz Jam

Joy Ellis blickt auf die Jam Session als ein Phänomen des Jazzlebens, das wegen seines Wettbewerbscharakters oft als vornehmlich männliche Praxis beschrieben wird. Sie untersucht die Vorurteile, denen Frauen begegnen, wenn sie bei Sessions einsteigen wollen, und sie leitet aus Gesprächen, die sie mit Musikern beiderlei Geschlechts führte, die Frage ab, welchen Einfluss gesellschaftliche Veränderungen unserer Zeit auf die Akzeptanz von Frauen bei Jam Sessions habe.

Joy Ellis ist eine Jazzpianistin, -sängerin und -komponistin und lebt in London. Seit Beginn ihrer musikalischen Karriere im Jahr 2003 ist sie in Großbritannien, Europa, den USA und Südost-Asien aufgetreten. Sie studierte an der Guildhall School of Music and Drama und hat seither mit vielen Künstlern der UK-Musikszene auf der Bühne gestanden, darunter Omar Lye-Fook MBE, Nikki Iles und Anita Wardell. In diesem Jahr wird sie ihr Debütalbum mit dem Titel Life on Land herausbringen. 2012 hat sie beim BASBWE-Festival den Kompositionspreis für ein Stück für Bläserensemble gewonnen. Der renommierte britische Komponist Philip Sparke beschrieb eines ihrer Stücke mit den Worten: “die Arbeit einer Komponistin mit einer ganz eigenen Stimme und der Fähigkeit diese auch auszudrücken.”

16:00 Uhr

Christopher Dennison (New York, NY, USA):
One-Armed Ball Players: The Language of Homosexuality in Jazz

Christopher Dennison (New York City, USA) findet, dass das Klischee von schwulen Männern als feminin sich durch die Jazzgeschichte ziehe und sogar von einzelnen prominenten schwulen Jazzmusikern aufgenommen worden sei. In seinem Referat untersucht Dennison insbesondere die Sprache, mit der Homosexualität im Jazz behandelt wird und beleuchtet dabei all jene problematischen Klischees, die auch in der Jazzwelt allgegenwärtig sind.

Christopher Dennison hat einen Master in Jazz History and Research an der Rutgers University-Newark gemacht. Sein Forschungsinteresse gilt insbesondere dem Zusammenhang zwischen Sprache und Jazz. In seinen Studien hat er sich etwa mit dem Jazzelement in James Joyces Ulysses befasst, aber auch mit dem Einfluss von Oral History auf die Jazzgeschichte, dargestellt an der Entstehung des Bebop und Ira Gitlers Buch Swing to Bop. Dennison arbeitet zurzeit im Team der NPR-Radioshow Jazz Night in America.

17:00 Uhr

Jenna Bailey (Lethbridge, Canada / Sussex, UK):
‘Play Like A Man and Look Like a Woman”: Exploring the Role of Gender in Ivy Benson’s All Girl Band

Jenna Bailey befasst sich mit der britischen Bandleaderin Ivy Benson, die von 1940 bis in die 1980er Jahre hinein eine Frauenkapelle leitete, aus der etliche bedeutende Instrumentalistinnen hervorgehen sollten, unter ihnen beispielsweise Barbara Thompson, Deidre Cartwright oder Annie Whitehead. Bailey hat eine große Zahl ehemaliger Benson-Musikerinnen befragt und dabei erfahren, wie Vorurteile ihre Karriere beeinflussten. Benson selbst, die doch eigentlich eine Anwältin für Musikerinnen war, habe negativen Klischees über Frauen in der Musik am Leben gehalten, wenn sie etwa darauf bestand, dass ihre Musikerinnen zwar “wie Männer spielen”, aber “wie Frauen aussehen”.

Jenna Bailey ist Historikerin und Schriftstellerin. Sie hat an der University of Sussex in Zeitgeschichte promoviert und gehört zurzeit zum Vorstand des Centre for Oral History and Tradition (COHT) an der University of Lethbridge, Kanada. Sie ist außerdem Visiting Research Fellow am Centre for Life History and Life Writing Research (CLHLWR) an der University of Sussex, England. Jenna hat mit dem Buch Can Any Mother Help Me? (Faber) einen Bestseller verfasst und arbeitet zurzeit an ihrem nächsten Buch über Ivy Bensons All Girl Band.

20:30 Uhr
Konzert und Session im Jazzinstitut

Jürgen Wuchner Quartett

Thomas Bachmann (ts) – Uli Partheil (p) – Jürgen Wuchner (b) – Ulli Schiffelholz (d)

 [Das für Freitagabend angekündigte Konzert zum Darmstädter Jazzforum in der Centralstation mit Lynne Arriale, Cécile Verny und Grace Kelly muss leider ausfallen, da die Tournee vom Veranstalter abgesagt wurde.]

Stattdessen spielt am Freitagabend das Jürgen Wuchner Quartett im Gewölbekeller des Jazzinstituts. Nach einem Konzertset ist ab dem zweiten Set eine Jam Session geplant, bei der auch einzelne der Referent/innen des Jazzforums einsteigen werden. Bringt also Instrument/e mit!

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.

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SAMSTAG, 3. Oktober 2015
Literaturhaus, Kasinostraße 3
Eintritt frei

9:00 Uhr

Ilka Siedenburg (Münster / Bremen, Gemany):
Bigbandklassen: Ein Weg zur musikalischen Identität jenseits von Geschlechterstereotypen?

Ilka Siedenburg erkennt in der zunehmenden Verbreitung von Bläser- und Bigbandklassen im schulischen Kontext die Möglichkeit für Mädchen und Jungen, erste Erfahrungen im Jazz zu sammeln. Die Tatsache, dass hier eine Musik, die weitgehend maskulin konnotiert ist, in einem eher weiblich konnotierten Rahmen vermittelt werde, bleibe nicht ohne Auswirkungen auf die Geschlechterkonstruktionen innerhalb der Bigbandklasse. Siedenburg berichtet über eine Pilotstudie über “Doing” und “Undoing Gender” in Bigbandklassen, bei der die Selbstwahrnehmung der Kinder und Jugendlichen anhand der Präferenzen und Perspektiven untersucht wird, die sie bezüglich ihrer Musikpraxis entwickeln. [Dieses Referat wird auf Deutsch gehalten.]

Ilka Siedenburg ist Professorin für Musikpädagogik an der Universität Münster. Ihr Studium absolvierte sie in Oldenburg (Lehramt Musik & Deutsch) und Frankfurt am Main (Instrumentalpädagogik Jazz & Popularmusik). 2007 promovierte sie an der Universität Oldenburg. Nach verschiedenen Tätigkeiten als Instrumentalpädagogin, Musikerin und Musiklehrerin war sie von 2010 bis 2014 als Professorin für Didaktik Populärer Musik an der Hochschule Osnabrück in der instrumentalpädagogischen Ausbildung tätig.

10:00 Uhr

Mane Stelzer (Frankfurt am Main, Gemany):
“Für uns war es fremde Musik” – wie junge Instrumentalistinnen zum Jazz finden (oder auch nicht)

Mane Stelzer untersucht die Entscheidungsfindung junger Musikerinnen für ihr Instrument sowie die Hürden, die sie nehmen müssen, wenn sie erste jazz- oder popmusikalische Erfahrungen sammeln. Ausgehend von Interviews, die sie mit jungen Musikerinnen führte, untersucht Stelzer die unterschiedlichen musikalischen Biografien der jungen Instrumentalistinnen und wie es den einen gelang, ihre musikalische Leidenschaft zum Beruf zu machen und den anderen nicht. Einen besonderen Focus legt sie auf die Frage, inwieweit die musikalischen Biografien der jungen Frauen sie befähigen, an einer Hochschule für Jazz-/Popularmusik angenommen zu werden. [Dieses Referat wird auf Deutsch gehalten.]

Mane Stelzer, Ethnologin M.A., ist freie Mitarbeiterin beim Frauen Musik Büro in Frankfurt, das Musikerinnen präsentiert, fördert und vernetzt; dort arbeitet sie vor allem als Redakteurin des Online-Musikjournals MELODIVA und interviewt regelmäßig Musikerinnen zu ihrer Lebens- und Arbeitssituation, Vereinbarkeit von Familie & Beruf, Studium usw. (www.melodiva.de). 2014 hat sie das Online-Nachwuchsportal MELODITA von und für junge Musikerinnen in Kooperation mit der Fachhochschule Frankfurt, Soziale Arbeit/Schwerpunkt Kultur & Medien gestartet (www.melodita.de). Außerdem gibt sie Songwriting-Workshops für Mädchen (Bsp: Adipositas-Präventionsprojekt “Gib Deiner Stimme ein Gewicht” 2006/ Mädchenkulturprojekt Mafalda “Girlz Run The World” 2012) und tritt als Singer-/Songwriterin mit ihren deutsch- und englischsprachigen Songs auf (www.mane-musik.de).

11:00 Uhr

Nicole Johänntgen (Zürich, Switzerland):
Get the flow and go! Music & Business

Nicole Johänntgen berichtet über SOFIA (Support Of Female Improvising Artists) und HELVETIA ROCKT, zwei Initiativen, an denen sie beteiligt ist und die Musikerinnen in einem vor allem von Männern dominierten Arbeitsfeld Unterstützung geben sollen. Johänntgen erklärt den Bedarf solcher Initiativen und die Perspektive für eine regionale, nationale und internationale Vernetzung und Selbstvermarktung. Sie diskutiert außerdem, wie sie und ihre Mitstreiterinnen durch solche Projekte dazu beitragen wollen, gesellschaftliche Stereotype zu verändern und den Mangel an Vorbildern für Musikerinnen zu beheben. [Dieses Referat wird auf Deutsch gehalten.]

Nicole Johänntgen ist eine in Zürich lebende deutsche Saxophonistin / Komponistin. 2013 gründete sie SOFIA – Support Of Female Improvising Artists, ein Pionierprojekt, das improvisierenden Musikerinnen aus Deutschland, der Schweiz und aus Frankreich im komplexen Musikgeschäft der Gegenwart helfen soll.

12-14 Uhr:
Mittagspause

14:00 Uhr

Sherrie Tucker (Lawrence, USA):
A Conundrum is Woman-in-Jazz: Continual Improvisations on the Categorical Exclusions of Being Included

Sherrie Tucker sieht in der Langlebigkeit des Themas “Frauen im Jazz” (als analytische, taktische oder programmatische Kategorie, in Marketing, Rezeption, öffentlichem Diskurs, usw.) zugleich ein Set veränderbarer gender- und geschlechtsspezifischer Parameter, das auf die gesamte Jazzgeschichte anwendbar sei. Sie betrachtet vergleichbare Ansätze (über Gender im Jazz, LGBTQ im Jazz, Sexualität im Jazz usw.) und gibt Beispiele für kreative Wege, wie sich improvisierende Künstler und Wissenschaftler mit dem scheinbar immer noch rätselhaften Thema “Frauen im Jazz” auseinandersetzen können. Außerdem fragt sie, ob es nicht vielleicht bessere Parameter gäbe, mit denen sich gender- oder geschlechtsspezifische Unterschiede in der Jazzpraxis und -forschung beschreiben ließen als die zur Zeit gebräuchlichen wie Inklusion/Exklusion, In/Out, Ausblendung/Überzeichnung, Unsichtbarkeit/Anerkennung.

Sherrie Tucker (Professor, American Studies, University of Kansas) ist die Autorin von Dance Floor Democracy: the Social Geography of Memory at the Hollywood Canteen (Duke, 2014), Swing Shift: “All-Girl” Bands of the 1940s (Duke, 2000) sowie Mitherausgeberin (with Nichole T. Rustin) von Big Ears:  Listening for Gender in Jazz Studies (Duke, 2008). Sie gehört zwei wichtigen Forschungsinitiativen an: International Institute of Critical Improvisation Studies und Improvisation, Community, and Social Practice (für letztere ist sie für die Themen Improvisation, Gender und Körperlichkeit zuständig), die vom Social Sciences and Humanities Research Council in Kanada gefördert werden. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Melba Liston Research Collective, gehört dem AUMI (Adaptive Use Musical Instrument) Forschungsteam des Deep Listening Institute an und ist Mitgründerin von AUMI-KU InterArts, einer der sechst Mitgliederinstitute des AUMI Research Consortium. Sie war 2004-2005 Louis Armstrong Visiting Professor am Center for Jazz Studies der Columbia University und gehörte dort auch der Columbia Jazz Study Group an. Zusammen mit Randal M. Jelks gibt sie die Zeitschrift American Studies heraus. Außerdem ist sie eine von drei Herausgeberinnen (zusammen mit Deborah Wong und Jeremy Wallach) der Music/Culture-Buchreihe der Wesleyan University Press.

15:00 Uhr

John Murph (Washington, USA):
Exploring the Queer Overtones of Sun Ra’s Outer Space Ways

John Murph stellt Beispiele vor, in denen der charismatische Pianist, Komponist und Bandleader Sun Ra homoerotische und andere queere Untertöne in sein umfangreiches, schon früh multimediales und ungemein eigenwilliges Schaffen einbrachte, bei dem er Musik, Theater, Film, Dichtung, Tanz und Street Fashion bunt mischte. In einer vergleichenden Analyse stellt Murph Symbole der Schwulenkultur wie Dragqueen-Parties, Disco, überladenen Pomp oder die Neuerfindung und Mythologisierung der eigenen Person Beispielen aus Sun Ras Lyrik und Philosophie gegenüber, seiner Kunst traditionelle Geschlechterrollen infrage zu stellen, und dem Konzept des Andersseins, das insbesondere in seiner Darstellung auf der Bühne oder auch im Film sichtbar wird.

John Murph arbeitet in Washington, DC als Musikjournalist, dessen Artikel etwa in der JazzTimes, im Down Beat, in der Washington Post, in JazzWise, NPR, The Root und AARP erschienen sind. Er hat immer mal wieder über die Künste und die schwule Subkultur geschrieben, beispielsweise in seinem Artikel “Rhapsody in Rainbow: Jazz and the Queer Aesthetic” (JazzTimes, 2010). 2014 moderierte er mehrere Gesprächsrunden beim ersten OutBeat Jazz Festival in Philadelphia.

16:00 Uhr

Christian Broecking (Berlin, Germany):
Authentic lesbian as I am…” Aspects of Gender, Marginalisation and Political Protests in the Life and Work of Irène Schweizer

Christian Broecking beleuchtet die Karriere der Schweizer Pianistin Irène Schweizer, die seit den späten 1960er, frühen 1970er Jahren zu den Inspirationsquellen der europäischen freien Musikszene gehört. Anhand konkreter Beispiele aus seinem aktuellen Biographie-Projekt erklärt Broecking Schweizers Engagement für die feministische Bewegung und die Auswirkungen dieses Engagements auf ihre Kunst, diskutiert außerdem Genderaspekte, die in Interviews mit Kolleg/innen, Familienmitgliedern und Freunden angesprochen wurden.

Christian Broecking, Soziologe und Musikwissenschaftler, kuratierte 2012 und 2013 die internationale Konferenz Transatlantic Dialogue on the Societal Relevance of Music am Heidelberg Center for American Studies. Er hat mehrere Bücher über afro-amerikanische Kultur verfasst (Der Marsalis-Komplex), schreibt für Tageszeitungen und Musikfachzeitschriften und produziert Rundfunkfeatures. Broecking war der Gründungs-Programmdirektor von Jazz Radio Berlin (1994-1998) und Programmleiter beim Sender Klassik Radio in Frankfurt (2000-2003). Broecking sitzt in der Jury zum “Preis der deutschen Schallplattenkritik”. Er hat an den Universitäten Frankfurt, Heidelberg, Basel, Luzern, Osnabrück, Berlin sowie dem Winterthurer Institut für aktuelle Musik (WIAM) unterrichtet. Zurzeit ist er außerdem Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Luzern. 2004 gründete er den Berliner Broecking Verlag. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört das Buch Gregory Porter: Jazz, Gospel & Soul (2015).

17:00 Uhr

Nicolas Pillai (Birmingham, UK):
Watching Men Play: the Erotics of the Hollywood Jazz Film

Nicolas Pillai findet, dass das Hollywoodkino zumeist dem “männlichen Blick” folge, einem klar heterosexuellen Standpunkt, der den weiblichen Körper verdingliche. Jazzfilme aus Hollywood (z.B. “Young Man With a Horn”, “The Benny Goodman Story”, “Bird”, “Whiplash”) gingen in der Regel einen anderen Weg, erklärt er, indem sie den Mann zum Objekt der Betrachtung und machten. Pillai entdeckt in den Szenen männlicher musikalischer Interaktion ein Netzwerk an Blicken, die den musikalischen Akt in einen dramaturgischen Bezugsrahmen setzen. Nur aus diesem erotischen Kontext heraus, argumentiert Pillai, lässt sich das musikalische Vergnügen in diesen Filmen verstehen, als Zeichen nämlich, die von Nicht-Jazz-Hörern entschlüsselt werden sollen.

Dr Nicolas Pillai ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jazz Research Centre der Birmingham City University. Sein erstes Buch Jazz as Visual Culture: film, television and the dissonant image wird 2015 im Verlag I. B. Tauris veröffentlicht. Nicolas hält häufige Vorträge im National Jazz Archive (London). 2014 organisierte er die Konferenz New Jazz Conceptions: History, Theory, Practice (University of Warwick), kuratierte außerdem die Filmreihe Jazzprojector im The Vortex Jazz Club (London). Zurzeit unterrichtet Nicolas am Birmingham Conservatoire of Music.

20:00 Uhr
Konzert, Bessunger Knabenschule

Tenors of Kalma

mit Jimi Tenor (sax), Kalle Kalima (g), Joonas Riippa (dr)

TenorsOfKalma rae photo by Maarit KytöharjuDie Tenors of Kalma verbinden Jazz mit elektronischer Popmusik auf eine ganz neue Art und Weise. Hier trifft Sun Ra auf Kraftwerk. 

Jimi Tenor und Kalle Kalima machen bereits seit zehn Jahren gemeinsam Musik; jetzt haben sie ihr neues Trio zusammen mit dem Schlagzeuger Joonas Riippa aus der Taufe gehoben. Jimi Tenor war mit der traditionellen Rolle eines Popkünstlers nie zufrieden. Er mag Hits geschrieben haben wie “Take Me Baby”, aber seine Musik entzog sich immer allen aktuellen Trends. Dabei fühlt er sich vor dem wild gewordenen Publikum wohl, wenn er seine selbst-entworfenen Glitterkostüme und ein wallendes Cape trägt und sein ebenfalls selbst gemachtes Lärminstrument bedient. Kalle Kalima kommt aus Finnland, lebt in Berlin und mischt in seiner Musik alle möglichen Elemente aus Jazz und Rock. Er spielte unter anderem mit Jazzanova, Jason Moran, Jim Black, Greg Cohen, Anthony Braxton, Tony Allen, Leo Wadada Smith, Michael Wertmüller und Marc Ducret. Und natürlich kennt man Kalima durch seine eigenen Bands Klima Kalima und K-18. Joonas Riippa gehört zu den wichtigsten Schlagzeugern Finnlands und arbeitete mir Kollegen wie Mikko Innanen, Verneri Pohjola, Teemu Viinikainen, Seppo Kantonen und Joonatan Rautio.

Karten über www.knabenschule.de

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MONTAG, 5. Oktober 2015

20:30 Uhr
Abschlusskonzert in der Romanfabrik Frankfurt/Main

“Playground”

mit Stephanie Wagner (fl), Esther Bächlin (p,voc), Gina Schwarz (b), Lars Binder (dr)

Karten über www.romanfabrik.de


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„GENDER_IDENTITY“ ist eine Veranstaltung des Jazzinstituts Darmstadt, eines Kulturinstituts der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

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Das 14. Darmstädter Jazzforum wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Jubiläumsstiftung der Sparkasse Darmstadt.

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hr2 Kultur, JAZZTHETIK und MELODIVA sind Medienpartner des 14. Darmstädter Jazzforums

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Kooperationspartner des 14. Darmstädter Jazzforums sind „Frauen machen Musik e.V.“, das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, WAGGONG Frankfurt e.V., die Centralstation Darmstadt und die Frankfurter Romanfabrik

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